(de) FAW-IAA - Direct Action #222 - Reise zu den NeidgenossInnen -- Berichte aus dem nicht so fernen Lande der Neider und Nicht-GenossInnen

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Thu Mar 27 16:29:08 CET 2014


Wenn im "Grossen Kanton" (Übername für Deutschland) in den Medien von der Schweiz die Rede 
ist, geht es meistens um eines von drei Themen: unsaubere Finanzgeschäfte, 
Rechtspopulismus, direkte Demokratie. Berichtet wird etwa über die Abstimmungsergebnisse 
der Minarettinitiative oder derjenigen gegen "Masseneinwanderung", über die 
Schwarzgeldkonti diverser Berühmtheiten oder Steuer-CDs. So entsteht ein anscheinend 
klares Bild von einer reichen Schweiz, die gerne von anderen profitiert und Angst davor 
hat, dass "die Anderen" daran teilhaben möchten. Dieses Bild stimmt zum Teil auch, denn es 
ist das Bild eines jeden (west)europäischen Nationalstaates aus der Sicht der ärmeren 
Weltregionen - auch wenn es vielleicht ein bisschen zugespitzt ist. Doch wie so oft ist 
diese vereinfachte Darstellung im Guten wie im Schlechten nicht wirklich richtig.

Das politische System zum Beispiel wird von nicht in der Schweiz wohnenden Menschen oft 
missverstanden als eine Art konsensorientierte Basisdemokratie, doch bis 1971 durften 
Frauen auf gesamtstaatlichen Ebene nicht abstimmen, bei kantonalen Abstimmungen in 
Appenzell Innerrhoden sogar erst seit 1990. Die Abstimmungsergebnisse werden zu einem 
guten Teil beeinflusst vom Werbebudget der BefürworterInnen und GegnerInnen einer Vorlage. 
Mehrere Vorlagen, von denen die Mehrheit profitierte, wurden abgeschmettert. Alleine weil 
der Wirtschaftsverband Economiesuisse tausendfach argumentierte, dass Arbeitsplätze in 
Gefahr seien. Deswegen gibt es nicht sechs Wochen bezahlte Ferien und deswegen wird es 
wahrscheinlich auch keinen Mindestlohn geben.

Das Bild von der ruhigen Schweiz in der es kaum je Arbeitskämpfe gibt, ist einerseits sehr 
richtig - viele glauben Streiks seien illegal (obwohl Streiks eher legal durchführbar 
wären als in Deutschland) - andererseits galt die Schweiz früher als sehr streikfreudig. 
Und auch in den letzten Jahren gab es immer wieder - und auch lange - Streiks.

ANARCHOSYNDIKALISTISCHE GRUPPIERUNGEN
Auf Organisationen bezogen, sieht die Lage durchwachsen aus. Von rund 10 FAU-Gruppen Ende 
der 1990er Jahre bleibt noch eine. Und nicht nur der FAU geht es so. Das Thema Arbeit hat 
einen schweren Stand in der außerparlamentarischen Linken, vor allem weil die 
AktivistInnen im Durchschnitt unter 25 sind und es kaum landesweite Strukturen gibt. Was 
nicht heisst, dass keine Vernetzung stattfindet. Gerade weil nicht in jeder Stadt eine 
Gruppe mit denselben Grundsätzen vorhanden ist, wird etwas mehr Wert auf Zusammenarbeit 
gelegt.

Ende der 1990er war mit der Antiglobalisierungsbewegung auch ein erweitertes Themenfeld 
stark, doch leider ist es nicht gelungen den Zusammenhang von Arbeit und Globalisierung in 
syndikalistische Strukturen umzuwandeln. Zumindest nicht im großen Stil. Im Kleinen sind 
die existierenden Netzwerke aber durchaus ein Produkt damaliger Verbindungen.

Andererseits wird der Fokus gerne auf übergroße Themen gelegt, wie den Sturz des 
Kapitalismus. Dabei fehlt oft der Wille zum konstruktiven Bezug auf die 
Gegenwartsgesellschaft. Viele wollen den Umsturz, weil sie in einer anderen Gesellschaft 
leben wollen - bereits jetzt im Alltag nach neuen Strukturen zu suchen, gilt dagegen als 
Reformismus. Dies, der hohe Leistungsdruck und geringe Chancen auf alternativen Wegen zu 
einem spannenden Betätigungsfeld zu kommen, macht das Thema Arbeit wenig attraktiv.

AUF DEM WEG ZUR PRAXIS
Die Idee der anarchosyndikalistischen Gewerkschaften, die Utopie in der Nähe des praktisch 
erlebten Alltags zu suchen und so beide gleichzeitig umzukrempeln, ist natürlich nicht 
einfach. Viele haben Mühe ihren Arbeitsalltag mit ihrer politischen Aktivität in 
Verbindung zu bringen.

Kollektive Organisationsformen verbreiten sich aber nicht einfach. Den Menschen in der 
Gesellschaft muss schon bewusst sein, ob sie die Arbeitsteilung erdulden um von allem 
immer mehr und schneller zu produzieren, oder um durch vertiefte Kenntnisse in einem 
Teilgebiet kompliziertere Dinge und anspruchsvollere Aufgaben zu bewältigen. Erst letztere 
Einstellung macht die Selbstverwaltung zu einem bewussten Prozess auf dem eine 
Gesellschaft aufbauen kann.

S. Deo und Celestino Della Morte

Anmerkung: Der Titel bezieht sich auf eine Gesellschaftssatire aus der Zeit nach einem 
Zusammenbruch voller kleiner selbstbezogener Gemeinschaften auf dem Gebiet der ehemaligen 
Schweiz. Autor ist der Soziologe François Höpflinger, auf dessen Homepage sich dieses Buch 
finden lässt.


More information about the A-infos-de mailing list