(de) FAU-IAA - Werkvertragsstreik bei der Meyer-Werft Papenburg -- Ein historischer Wendepunkt

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Sun Mar 16 14:05:34 CET 2014


Die Tage vor dem Internationalen Frauentag 2014 erlebten, von der Öffentlichkeit nahezu 
unbemerkt, einen spontanen Streik von Werkverträglern auf der Meyer-Werft in Papenburg. 
Lediglich die lokal als "Ems-Zeitung" erscheinende Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) 
berichtete ausführlicher über das Streikgeschehen und der NDR brachte einen kurzen 
Lokalbericht in der Sendung "Hallo Niedersachsen". ---- Dabei ist dieser Streik 
tatsächlich ein historisches Ereignis und kann auch einen Wendepunkt wie 1973 darstellen: 
Die 150 bis 200 streikenden Werkverträgler haben binnen zwei Tagen und einem achtstündigen 
Verhandlungsmarathon gegenüber dem Arbeitszeithändler "Dirks Group" aus Emden 
durchgesetzt, dass sie - auf Wunsch - deutsche Arbeitsverträge erhalten und dass sie nicht 
mehr über ein Arbeitszeitkonto ihre Überstunden ausgleichen, sondern diese monatlich 
ausgezahlt bekommen. Deutsche Arbeitsverträge bedeuten auch z.B. Krankenversicherung und 
Krankengeld. Bislang erhielten die erkrankten Arbeiter offenbar keine Lohnfortzahlung und 
mussten bei Arztbesuchen in Vorleistung gehen.

Unter dem Titel "Ein historischer Wendepunkt" wurde in der Direkten Aktion 217 (Mai/Juni 
2013) zum 40. Jubiläum an die Welle von ,,wilden Streiks" in Deutschland im Jahr 1973 
erinnert. In der damaligen Streikwelle stachen vor allem der Kölner Ford-Streik wegen 
seiner Größe und der Neusser Pierburg-Streik heraus, letzterer vor allem, weil er als fast 
reiner Frauen- und Migrantinnenstreik erfolgreich war und die damalige "Leichtlohngruppe 
II" wegstreikte.

41 Jahre später sind die Arbeitsbedingungen für MigrantInnen durchaus nicht überall besser 
geworden. Zwar gibt es keine Leichtlohngruppen mehr, dafür aber Leiharbeit und 
Werkverträge. Anfang Juli 2013 geriet die Papenburger Meyer-Werft diesbezüglich in die 
Schlagzeilen: Zusammengepferchte rumänische und bulgarische Werkvertrags-Arbeiter erlebten 
einen Brand, bei dem zwei Arbeiter zu Tode kamen. Gewerkschaft, niedersächsische Regierung 
und Meyer-Werft reagierten mit einer "Sozialcharta", die die Wohnbedingungen der 
Werkverträgler durchaus verbesserte. Außerdem wurde in diesem Rahmen festgestellt, dass 
die osteuropäischen Arbeiter (Arbeiterinnen wohl eher selten) in Deutschland verbotene 
Doppel- und Dreifachschichten fuhren.

Der Haken: Diese Mehrarbeit war durchaus im Interesse der Werkverträgler, denn die 
rumänischen und bulgarischen Arbeiter motiviert hauptsächlich das Interesse, ihre Familien 
in Osteuropa zu finanzieren. Am 6. Und 7. März 2014 fiel ihnen jedoch eine andere 
Möglichkeit ein, dies zu tun.

Die Tage vor dem Internationalen Frauentag 2014 erlebten, von der Öffentlichkeit nahezu 
unbemerkt, einen spontanen Streik von Werkverträglern auf der Meyer-Werft in Papenburg. 
Lediglich die lokal als "Ems-Zeitung" erscheinende Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) 
berichtete ausführlicher über das Streikgeschehen und der NDR brachte einen kurzen 
Lokalbericht in der Sendung "Hallo Niedersachsen".

Dabei ist dieser Streik tatsächlich ein historisches Ereignis und kann auch einen 
Wendepunkt wie 1973 darstellen: Die 150 bis 200 streikenden Werkverträgler haben binnen 
zwei Tagen und einem achtstündigen Verhandlungsmarathon gegenüber dem Arbeitszeithändler 
,,Dirks Group" aus Emden durchgesetzt, dass sie - auf Wunsch - deutsche Arbeitsverträge 
erhalten und dass sie nicht mehr über ein Arbeitszeitkonto ihre Überstunden ausgleichen, 
sondern diese monatlich ausgezahlt bekommen. Deutsche Arbeitsverträge bedeuten auch z.B. 
Krankenversicherung und Krankengeld. Bislang erhielten die erkrankten Arbeiter offenbar 
keine Lohnfortzahlung und mussten bei Arztbesuchen in Vorleistung gehen.

Papenburg 2014 ist damit ein Erfolg wie Pierburg 1973. Der NOZ-Journalist Stefan Prinz 
kommentiert zu Recht unter dem Titel ,,Ein Sturm zieht auf":

"Jahrelang galten osteuropäische Werkvertragsarbeiter in der Industrie als ebenso still 
wie anspruchslos. Selbst unter härtesten Arbeitsbedingungen regte sich bisher nie 
öffentlich hörbarer Protest. Wenn Einzelne doch mal aufbegehrten, drohte ihnen der 
Subunternehmer oft wirkungsvoll mit der sofortigen Abschiebung ins Heimatland. Das Bild 
vom schwachen Werkvertragsarbeiter ist seit gestern überholt: Mit dem Streik der Rumänen 
und Bulgaren auf der Meyer Werft hat sich etwas Wesentliches verändern. Die Osteuropäer 
haben erkannt, dass sie im fremden Land Macht haben, wenn sie sich zusammenschließen. Es 
ist ihnen mit einer friedlichen, zweitägigen Arbeitsniederlegung gelungen, Forderungen 
durchzusetzen. Es wird spannend, ob das nur der Anfang war. Oder ob möglicherweise Streiks 
mit weiteren Forderungen zur Gleichstellung folgen. Dann hätten viele deutsche Betriebe 
ein Problem."

Noch haben wir hier einen einzelnen Streik, der für sich schon eine bewundernswerte 
Neuerung ist. Mit etwas Glück aber wird Papenburg auch zum Fanal und könnte eine 
Streikwelle auslösen, die sich mit 1973 messen kann. Das passiert aber nicht von alleine. 
Entscheidend ist jetzt, die Erfahrung eines siegreichen Arbeiterkampfs von den Prekärsten 
zu weiterzutragen. Hoffen wir, dass das Beispiel Schule macht.


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