(de) FdA-IFA Gai Dao #39 - Zur Kritik der Grundlagen der Lehre P. A. Kropotkins -Teil 2- Von: Jehuda Solomonowitsch Grossman-Roschtschin / Übersetzung aus dem Russischen: Ndejra

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Sat Mar 8 09:23:07 CET 2014


Anmerkung der Redaktion: In der vorangegangen Ausgabe der Gaidao (Nr. 38) erschien der 
erste Teil des Artikels zusammen mit einem einführenden Artikel zu Roschtschins Kritik an 
Kropotkins Lehre. ---- Wie wichtig auch immer dieses Werk Kropotkins sein mag, so wirft es 
im Sinne der Begründung einer Weltanschauung dennoch eine ganze Reihe Fragen auf. ---- Vor 
allem: Der Darwinismus verneint die Tatsache der gegenseitigen Hilfe (Symbiose) nicht. Der 
Darwinismus weiß ganz gut, dass nicht nur ein Einzelwesen gegen ein anderes kämpft, 
sondern auch eine Art gegen eine andere. Im Rahmen einer Art gibt es natürlich auch die 
gegenseitige Hilfe. Denn vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen sind der 
Faktor Kampf und der Faktor gegenseitige Hilfe gleich und gleich amoralisch! Aber es ist 
klar, dass für Kropotkin die gegenseitige Hilfe kein einfacher Faktor ist, sondern eine 
Norm, eine Formel des Fortschritts.

Vielmehr noch ist dieser Faktor der gegenseitigen Hilfe selbst die
Begründung des Ideals. Der Marxismus fußt auf dem objektiven
Stand der Dinge, Kropotkin will seine Ideale auf biologischen
Tatsachen gründen. In der gegenseitigen Hilfe erblickt er eine
"Garantie" für das Erreichen des Ideals! Aber - hier kommen
wir zur Hauptfrage - wo ist die Garantie, dass die gegenseitige
Hilfe gegen den Überlebenskampf gewinnt? Rein faktisch kann
man das nicht beweisen: Wie zahlreich die Beispiele für den be-
wundernswerten Heroismus auch sind, dieselbe Menschheits-
geschichte ist voll mit Grausamkeit, erbitterter Feindseligkeit,
dumpfer und manchmal sinnloser Bösartigkeit. Natürlich, die
gegenseitige Hilfe ist eine wichtige Tatsache und ein Faktor im
Leben, nicht umsonst aber sagte jemand: "Das Problem ist nicht,
dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, sondern dass der
Mensch dem Menschen ein Holzklotz ist". Mit der natürlichen
Notwendigkeit kann man nicht beweisen, dass der "Wolf" und
der "Holzklotz" die "gegenseitige Hilfe breit praktizieren" wer-
den! Kropotkin benennt einfach zwei parallele Erscheinungen,
beweist und begründet aber nichts. Trotzdem ist es klar, dass
Kropotkin nicht nur in einem Konstatieren des zweideutigen
Charakters menschlicher Evolution - Kampf und gegenseitige
Hilfe - interessiert sein sollte, sondern in einer Begründung der
universellen gegenseitigen Hilfe. Und durch die Tatsache der ge-
genseitigen Hilfe lässt sich das nicht begründen! Hier kommen
jene Verschwommenheit und Zweideutigkeit ins Spiel, von de-
nen wir schon mehrmals sprachen.

Merken wir uns: Weil die Rede von der gegenseitigen Hilfe unter
Pflanzen ist, haben wir es hier mit einer Metapher, mit einer
Art Animismus zu tun. Kropotkin, ein Anhänger der mecha-
nischen Weltanschauung, versichert uns, dass Erscheinungen
des psychischen Lebens genauso der mechanischen Analyse zu-
gänglich seien, wie ein Glockenton. Dann aber soll Kropotkin
dem zustimmen, dass die gegenseitige Hilfe bezüglich der Natur
eine Metapher ist. Oder aber: Kropotkin ist in der Tat ein Psy-
chist, der unter dem Vorwand der naturwissenschaftlichen Me-
thode die Natur "beseelt". So ist es auch. Die gegenseitige Hilfe
ist für Kropotkin keine einfache Tatsache, sondern eine Formel
des Fortschritts. Und diese Formel wird heimlich der Natur un-
tergejubelt, als würde sie aus der Natur resultieren und mit der
naturwissenschaftlichen Methode entdeckt werden. Eine na-
turwissenschaftliche Tatsache wird im Grunde als moralische
Norm gedeutet, und diese moralische Norm lebt getarnt als ein
naturwissenschaftliches Gesetz.

Am deutlichsten tritt die Zweideutigkeit Kropotkins in sei-
ner Ethik zutage. Ich werde auf seine Schrift "Philosophische
Grundlagen des Anarchismus" eingehen, weil das (neulich) er-
schienene Buch "Ethik" dem nichts Neues hinzufügt. Den ethi-
schen Naturalismus Kropotkins kann man ohne eine Analyse
dieser Schrift nicht überwinden.

Kropotkin verwirft die utilitaristische Moral Benthams (1). Die-
ser zeigt auf, dass es aus der Sicht eines Individuums keinen
Grund gibt, das eigene Leben für was auch immer zu riskieren.
Diese Kritik verpflichtet P. A. Kropotkin, die Ethik auf eine Ba-
sis zu stellen, die das Opfer für den Nächsten rechtfertigt. Kro-
potkin widerlegt auch die Ethik von Kant sehr leicht. "Muss
ich denn - fragt er - mich für einen Imperativ opfern?" Muss
man noch erwähnen, dass Kropotkin auch die christliche und
biblische Moral verwirft? Kropotkin erklärt, dass der Anarchis-
mus nur einen Rat gibt und für das Individuum einen Weg zum
Glück durch moralische Taten wissenschaftlich erschließt.

Dieses Idyll wir bald zerstört, denn Kropotkin stellt Menschen,
die der wissenschaftlichen Ethik nicht folgen, als verkrüppelte,
kranke, entstellte Menschen dar. Im Grunde, sehen wir hier be-
reits bedrohliche Anschuldigungen und Strafandrohungen für
alle, die "nicht gehorchen". Aber was ist eigentlich dieses mora-
lische Verhalten? Als moralisch gilt eine Tat, die dem Wohlerge-
hen der Gattung dient.

Diese Bestimmung stürzt uns in ein tiefes Staunen. Wir stellen
dieselbe Frage, die Kropotkin den Utilitarist*innen stellt: War-
um soll ich denn dem Wohlergehen der Gattung dienen? Warum
folgt man nicht den Gedanken eines Basarows (2)? Was schert
mich das Glück eines Bauern, wenn ich vergänglich bin? Wei-
terhin: Um was für ein Wohlergehen geht es hier? Oder ist nur
die Unerschöpflichkeit, Unendlichkeit, das Weiterbestehen des
biologischen Lebens der Gattung gemeint? Dann wäre es nicht
verständlich, warum aus dieser biologischen Tatsache des Gat-
tungslebens eine moralische Kategorie wird. Warum ist eine Tat,
die dem biologischem Weiterbestehen der Gattung dient, gut?
Posdnyschew, die Hauptfigur der "Kreuzersonate" von Tolstoj,
glaubt, dass gerade das Aufhören der menschlichen Gattung
vom moralischen Bewusstsein diktiert wird: Das Gattungsleben
ist ein Faktum und mein Unwille, ihm zu dienen, auch ein Fak-
tum und nicht mehr! Offensichtlich ist, dass es Kropotkin nicht
einfach um das Wohlergehen der Gattung geht, sondern um das
moralische Wohlergehen, um ein würdiges Dasein; in diesem
Fall sollte man offenlegen, worin genau dieses moralische Wohl
besteht. Aber so etwas gibt es und kann es bei Kropotkin nicht
geben: Die moralische Kategorie wird zu einem naturwissen-
schaftlichen Faktum und eine naturwissenschaftliche Tatsache
wird als eine moralische Kategorie gedeutet. Obwohl Kropotkin
erklärt, dass wir sowohl im Leben der Tiere als auch im Leben
der Wilden faktisch nur Selbstaufopferung im Namen der Gat-
tung beobachten. Wenn es aber eine Tatsache ist, woher kommt
dann das "Böse" in die Welt? Wenn die Selbstaufopferung eine
Tatsache ist, woher kommen denn wütender Egoismus, Kanni-
balismus, Sklaverei und Böswilligkeit? Wäre diese Selbstauf-
opferung ein Faktum, müsste man sie nicht bewerben. D.h. es
wirken im Leben auch andere Kräfte, die ebenso viel gelten und
moralisch neutral sind. Formell gesehen bewies Kropotkin kei-
nesfalls die Notwendigkeit der Selbstaufopferung im Namen der
Gattung - denn wie auch immer überzeugend das Verhalten von
Affen und Wilden sei, kann ich diese biologische Tatsache kei-
neswegs als Grundlage meines Verhaltens nehmen.

Kropotkin versucht aus der schwierigen Lage heraus zu kom-
men, indem er dem sich für die Allgemeinheit aufopfernden
Individuum großes Glück, volles Leben und eine harmonische
Entfaltung aller Facetten seiner Persönlichkeit verspricht. Kro-
potkin weißt darauf hin, dass der biologische Überfluss das In-
dividuum zu großen und erhabenen Taten bringt. Lassen wir
aber das Individuum selbst entscheiden, worin das Große und
Erhabene besteht. (Diese Lehre vom Überfluss übernahm Kro-
potkin von Jean-Marie Guyau).

Kropotkin betont, dass nur eine genetische Methode uns einen
Schlüssel zur Lösung von komplexen Problemen geben kann. Er
erforscht die Genese der Moral und baut darauf seine Weltan-
schauung auf - wir haben gesehen, dass man auf diesem Weg
nicht weiter als zu einer Faktenbeschreibung kommt! Aber auch
hier zeigt eine aufmerksamere Analyse, dass hier eine für Kro-
potkin verhängnisvolle Schwankung zwischen Naturalismus
und Ethizismus zu Vorschein kommt. In der Tat, man kann nicht
nur die ethisch-formelle Scholastik Kants zurückweisen, son-
dern man muss es auch. Der Marxismus z.B. tritt an die Ethik
klassenpragmatisch heran. Kropotkin will uns angeblich rein
wissenschaftlich die Entstehung der Moral demonstrieren. In
Wahrheit aber möchte er aus der Tatsache einer langen und un-
unterbrochenen Existenz des Altruismus ein System des Sollens
konstruieren. Wie ist es möglich? Gar nicht. Wenn aber Kropot-
kin vorgeblich sein Ziel erreicht, so schafft er das nur deshalb,
weil der Kosmos ethisiert ist, weil die Welt bereits angeblich
eine kosmische anarcho-föderalistische Republik sei. Jede Tat-
sache der Naturordnung ist gleichzeitig - streng geheim! - eine
Hymne der gegenseitigen Hilfe. Aus diesem Grund wird vom
Kropotkinismus angeblich rein wissenschaftlich die Entste-
hung, in Wahrheit aber nur die moralische Heimat eines jeden
biokosmischen Faktors aufgezeigt. Hier wird nicht einfach die
Genese konstatiert, sondern der ethische Adel der "Eltern" kon-
statiert. Die naturwissenschaftliche Methode ist in der Tat eine
verdeckte Auswahl und Rechtfertigung der Fortschrittsformel.
Kropotkin selbst meint naiv, dass eine konsequente Anwendung
der naturwissenschaftlichen Methode uns unbedingt zur Idee
der menschlichen Gleichheit und Brüderlichkeit führen wird. Er
wirft (Herbert) Spencer (3) vor, eine falsche Anwendung dieser
Methode führe diesen zur Rechtfertigung des Privateigentums.
Eigentlich ist es die Ethisierung der Natur, eine willkürliche
Verwandlung der Biologie in die Ethik, die Kropotkin gestat-
tet, angeblich naturwissenschaftlich ein "Fortschrittsgesetz" zu
entdecken.

Verwunderlich, dass wir bei Kropotkin kaum den Versuch fin-
den, eine Analyse der spezifischen Natur der sozialen Erschei-
nungen und einer Tendenz zur Klassendifferenzierung zu lie-
fern. Das wirkt sich verhängnisvoll auf seine Fragestellung über
den Zusammenhang von Massenkreativität, des Naturrechts
und des Staates aus.

Wir können uns nach den durchgemachten Umbruchsjahren
nur schwer vorstellen, was für einen überraschenden Eindruck
- und nicht nur unter den Revolutionär*innen - die Nachricht
machte, dass Kropotkin den Krieg "akzeptiert" hätte. Wild und
selbstvergessen jubelten Ideolog*innen der Imperialist*innen
und ihre Knechte! Der berühmte Brief von Kropotkin an, glaube
ich, einen schwedischen Wissenschaftler (4) mit den Gründen,
warum Sozialist*innen und Anarchist*innen sich unter die Fah-
nen der Entente gegen Deutschland stellen sollten - dieser Brief
wurde gleichzeitig zum Banner, aber auch zur Tarnung für die
Imperialist*innen.

Für viele bedeutete die Losung Kropotkins - "fertigt Kanonen
an und bringt sie an die Front" - eine Ideenkrise. Viele glaub-
ten, dass damit der stärkste und verheerendste Schlag gegen den
Glauben an die Bedeutung und Festigkeit von überhaupt jed-
weder Ideologie versetzt wurde. Und in der Tat: Was für eine
Bedeutung hat das Schilf der Ideen, wenn der Sturm der Fakten
es beliebig beugt?

Ich erinnere mich an eine unbedeutende, aber, wie ich glaube,
vorausweisende Begebenheit. Ich stand in Genf auf einem Platz
und wartete auf die Straßenbahn. Ein junger Student tritt an
mich heran und sagt aufgeregt und sogar irgendwie verbittert:
"Na, Genosse Roschtschin, werden sie auch weiter an die Be-
deutung von Ideen glauben, nachdem der unter den Fahnen der
Antistaatlichkeit und des Antimilitarismus ergraute Kropotkin
die Trommel rührt und unter die Standarten Joffres ruft?!" (5)

Man könnte meinen, ich sollte persönlich davon eigentlich nicht
überrascht sein, denn ich war nie Anhänger Kropotkins und
kämpfe schon immer an zwei Fronten: gegen die Sozialdemo-
kratie und den vorleninschen Marxismus, da letzterer den Klas-
senkampf den Normen der Demokratie unterzuordnen trachtet,
und gegen den Kropotkinismus, da er von einem klassenüber-
greifenden Humanismus durchdrungen ist und den Klassen-
kampf derselben Demokratie unter dem Deckmantel des Föde-
ralismus unterordnen will.

Im Gespräch mit Kropotkin zur Zeit des bulgarisch-türkischen
Krieges wurde ich von einer grauenvollen Behauptung über-
rascht, nämlich dass der Sieg der Slaw*innen und das Ver-
schwinden der Türkei als Staat als Sieg der Antistaatlichkeit
begrüßenswert seinen: Denn da würde ja ein Staat von der Erde
verschwinden...

Ich erinnere mich, da waren selbst die glühendsten Anhänger*
innen Kropotkins baff. Kein Wunder, es stellte sich ja heraus,
dass Ferdinand der I. und die ganze russisch-österreichische Cli-
que nicht mehr und nicht weniger verkörpern als die Ideale der
Antistaatlichkeit!

Und nun, obwohl ich genügend vorbereitet war, schien mir die
Nachricht davon, dass Kropotkin den Krieg akzeptiert, unmög-
lich. Ich dachte, die falsche Theorie würde einem gesunden in-
ternationalistischen Instinkt Platz machen. Der erste Aufsatz
gegen Kropotkin, "Eine beunruhigte Frage", wurde mit der in-
nerlichen Unsicherheit geschrieben, ob Kropotkins Aufgabe des
Antimilitarismus eine reale Tatsache sei und nicht ein zufälli-
ger, vorübergehender Irrtum.

Aber ein Irrtum war sie natürlich nicht.

Der proletarische Internationalismus wie auch der verräterische
anarcho-sozialistische Chauvinismus erschöpfen sich nicht nur
in der Akzeptanz oder Nicht-Akzeptanz des Krieges.

Es ist eine komplexe Melange, ein komplexes System der Zu-
sammenhänge. Der eine oder die andere Versöhnler*in hätte
den Krieg ablehnen können, aber das ist noch kein Internatio-
nalismus! Der Internationalismus verpflichtet, eine Konsequenz
aus der Formel Lenins zu ziehen, dass der imperialistische Krieg
zu einem Bürgerkrieg werden müsse. Daraus resultiert auch die
Forderung nach der Akzeptanz der Oktoberrevolution mit all
ihren Höhen und Tiefen.

P. A. Kropotkin machte den ganzen Zyklus des Anarcho-Chau-
vinismus durch, befürwortete den Krieg, wies die Losung des
Bürgerkrieges zurück, verriet die Oktoberrevolution und akzep-
tierte unter prinzipiell irrelevanten Bedingungen den Frieden
von Versailles.

Freilich ist das wieder typisch kleinbürgerlich, aber bei Kro-
potkin formte sich diese Kleinbürgerlichkeit ideologisch als der
Kampf für den Föderalismus und die Massenkreativität latei-
nischer Länder gegen den grauenhaft brutalen und alles ver-
schlingenden Zentralismus der Deutschen. Bezeichnend, dass
Kropotkin auf der berühmten demokratischen Versammlung
von Kerensky (6) nach einer föderalistischen Republik verlangt
hat.

Was ist das für ein Föderalismus, der von Kropotkin angebetet
wird? Vor allem werden hier der Föderalismus und der Zent-
ralismus nicht konkret unter den gegebenen Bedingungen be-
trachtet, sondern abstrakt, wobei der Zentralismus immer böse
und der Föderalismus immer gut ist!.
..
Gehen wir zur Analyse einiger theoretischer Annahmen Kro-
potkins über, die mit der Problematik des Föderalismus und des
Staats zu tun haben. Wir wissen bereits, dass Kropotkin den
Staat durch eine territoriale Konzentration bestimmt. Dort, wo
wir kein einheitliches Zentrum vorfinden, dort haben wir es mit
der Regierung, aber nicht mit dem Staat zu tun.

Nehmen wir kurz an, dass diese Unterscheidung als Klassifi-
kation irgendeinen theoretischen Wert besitzt, obwohl wir das
sehr bezweifeln. Aber es ist klar, dass den Staatsgegner Kropot-
kin keine formelle Klassifikation interessiert, sondern der reale
Einfluss staatlichen Zwangs auf das Bewusstsein, auf die Psy-
che der Menschen! Umso verwunderlicher ist es, dass Kropot-
kin nichts darüber sagt, wie der Staat seinen Einfluss verfestigt
und das Bewusstsein pervertiert. Kropotkin sagt nichts darüber,
weshalb in Sachen der gesetzlichen und herrschaftlichen Gift-
spritze eine Regierung besser oder weniger schädlich sein soll
als der Staat, aber das ist ja der Kern der Frage! Bemerkenswert
ist, dass ein anderer Staatsgegner, Tolstoj - als Künstler wie
als Denker - sehr angestrengt und aufmerksam die Mechanis-
men der Herrschaft, die Kraft ihrer Hypnose studierte und zum
Schluss kam, dass Herrschaft eine irrationale Kraft sei, die auf
Nachahmung basiert.

In der Tat: Stimmt es denn, dass ein*e Bürger*in der erzföde-
ralistischen Schweiz ein weniger fanatischer Staatsfreund sei
als ein* Bürger*in im zentralisierten Deutschland? Nicht im
Geringsten. Und wirklich, wenn wir den Föderalismus pragma-
tisch betrachten, sehen wir klarer als je zuvor, dass der Föde-
ralismus eine nicht weniger effektive Herrschaftsweise als der
Zentralismus und ein Indiz für den Triumph der Staatlichkeit in
den Köpfen und Seelen der Bürger*innen sein kann.

Übrigens liefert Kropotkin keine genaue Formulierung des Fö-
deralismusbegriffes. Vermutlich versteht er darunter eine ge-
wisse territoriale Selbständigkeit und eine überwiegende Unab-
hängigkeit lokalen Lebens vom Zentrum. Aber man muss erst
nachweisen, dass dieser Föderalismus mit der Antistaatlichkeit
übereinstimmt.

Lassen wir uns das an einem Beispiel erklären. Neben dem kö-
niglichen Gericht existiert das Geschworenengericht, das nicht
nur auf der Gesetzesgrundlage urteilt, sondern auch auf dem
Grund des Gewissens. Reaktionäre aller Zeiten empörten sich
gegen diese Institution. Sie sagten: das ist doch pure Anarchie,
ein Spott auf das Gesetz! Was soll das sein, ein Gewissensurteil?
Wie kann man bloß strenge, objektive Rechtsnormen irgendwel-
chen subjektiven Erlebnissen von - öfter vielleicht "unanständi-
gen" Menschen - unterordnen? Aber die Bourgeoisie kennt ihre
Menschen hervorragend und weiß, dass sie das menschliche
"Gewissen" bereits zu Genüge bearbeitet hat. In diesem oder je-
nem Fall kann das Geschworenengericht willkürlich vorgehen,
das Gewissen aber dient im Allgemeinen dem Privateigentum
und der Staatlichkeit! Mit kleinen Zugeständnissen erkauft sich
die Bourgeoisie das Bewusstsein der Massen, sodass ihre Ord-
nung nicht nur auf den gefestigten, gesichtslosen, gnadenlosen
Rechtsnormen fußt, sondern auch vom Gewissen des Volkes
sanktioniert wird. Und aus dem Geschworenengericht wird
ein großartiges Instrument zur Erziehung des bürgerlichen
Bewusstseins! Genauso steht es um den Föderalismus: Lokale
Freiheiten hindern keineswegs, sondern befördern noch die He-
rausbildung des Staatsfetischismus. Die Existenz dieser Freihei-
ten beweist, dass die Klasse sich im Allgemeinen ziemlich sicher
ist, dass ein freieres Leben die Fundamente der Unfreiheit und
der Ordnung befestigt. Weder im klassenpragmatischen Sinne,
noch im Prinzip des Föderalismus selber finden wir einen As-
pekt, der uns erlauben würde ein Gleichheitszeichen zwischen
der Antistaatlichkeit und dem Föderalismus zu setzten. Zent-
ralismen und Dezentralismen sind, im Grunde genommen, nur
unterschiedliche Formen wesentlich derselben Staatlichkeit.

Man wird erwidern: Kropotkin lieferte aber eine ganz andere
Erklärung für die Entstehung des Staates. Denn seiner Lehre
nach ist der Staat der Henker aller Massenkreativität! Der Staat
schnappt die Massenkreativität während ihrer Flaute, über-
nimmt zwar die Fortschrittsinitiative, bringt aber diesen Fort-
schritt in die Form der Gesetze, die sich in Fesseln für die Mas-
senkreativität verwandeln.

Das ist unbestreitbar. Das ist der interessanteste Gedanke von
Kropotkin. Aber - wie schade! - auch hier macht die fehlende
Analyse von konkreten gesellschaftlichen Erscheinungen aus
dieser Idee ein abstraktes, totes Schema. Dieses Schema beweist
noch einmal ganz klar Kropotkins Schwanken zwischen dem
Naturalismus und dem abstrakten Moralismus.

Tatsächlich: Die gegenseitige Hilfe ist ein Faktor und eine Tatsa-
che des kosmischen Lebens. Wiederholen wir die bereits früher
gestellte Frage noch einmal: Ist denn die Menschheit von der
Natur "abgefallen"? Existieren Hass und Feindlichkeit deswe-
gen? Vom Standpunkt des Gesetzes der gegenseitigen Hilfe als
einer universellen Tatsache und Norm der Natur wird ein tiefes
Unverständnis von Mitja Karamasow wahr: "Warum weint ein
Kind? Warum hungern die Menschen? Warum umarmen sie
sich nicht, küssen sich nicht, singen keine fröhlichen Lieder?"
Hier stoßen wir auf ein interessantes Moment im Werk Kro-
potkins. Dem Kropotkinismus liegt die Idee zugrunde, dass der
Mensch und die Menschheit angeblich von der Natur "abfielen"
und dem Bösen verfallen wären... Obschon der Fortschritt nach
Kropotkin ein Übergang vom "Schlechteren hin zum Besseren"
ist, klingt im Kropotkinismus unterschwellig an, dass die Ge-
schichte der Menschheit, weil sie vom Gesetz der gegenseitigen
Hilfe "abgefallen" sei, ein Übergang vom Besseren - von der na-
türlichen gegenseitigen Hilfe - hin zum Schlechteren - zum his-
torischen Kampf - sei. Die Menschheit sollte Alarm schlagen!

"Gerne könnt ihr mich erschlagen,
doch wir haben uns verirrt.
Tückisch lenkt ein Geist den Wagen,
der uns hier im Kreise führt".
(Alexander Puschkin: "Die Dämonen",
aus dem Russischen von M. Lieser)

Dann ist alle nachfolgende Geschichte eine Geschichte des "Bü-
ßens" oder der Wiedervereinigung der Menschheit mit dem Ele-
ment der gegenseitigen Hilfe, das in der Natur vorherrscht...

Wenn man zur konkreten Analyse übergeht, entsteht eine Art
fantastisches Bild: Die Massenkreativität wird "von außen", vom
Staat, angegriffen. Zudem wird nicht ausgeführt, warum die-
se Massenkreativität plötzlich erstarrt und ihren universellen
Charakter verliert. Also, wie und woher kommen die Kräfte, die
den geschwächten Recken in ein Netz des Rechts verwickeln? In
Wahrheit haben wir es hier mit einem abstrakten Schema an-
statt mit einer realen Analyse von Faktoren und Kräfteverhält-
nissen zu tun. Versuchen Sie, wirklich die Geschichte des Mittel-
alters und den Übergang zum 16. Jahrhundert unter dem Aspekt
der Schwächung der Massenkreativität und dem Überfall des
Staates "von außen" zu studieren! Es wird sich herausstellen,
dass es keine einheitliche Massenkreativität gibt, dass die Masse
selbst ihre Höhe- und Tief-
punkte hervorbringt. Und
leider kamen die Tiefpunkte
natürlich nicht "von außen"
sondern sind auch Produkte
der "Massenkreativität". Am
Besten aber verlässt man
diese unwissenschaftlichen
Analogien und geht über
zum Erforschen von Geset-
zen der sozialen Dynamik,
des Systems der ökonomi-
schen Kräfte auf gegebenem
Niveau. Und dann wird das
Problem des Minimalismus,
des Widerstrebens der Masse
gegen ihre eigene Befreiung,
eine kolossale Bedeutung
annehmen; dann werden wir
über die Zusammenhänge
zwischen den objektiven und
den subjektiven Vorausset-
zungen der Revolution spre-
chen. Dann aber verliert die-
ses Problem seinen fantastischen Charakter und bekommt einen
konkreten Klassenumriss.

Das Lavieren mit solch schwammigen Begriffen wie "Massen-
kreativität" und "Föderalismus" bringt uns nicht zum Wesen
der Sache. Auffällig ist, dass Kropotkin nicht den geringsten
Versuch unternimmt, die soziale Struktur der Gesellschaft zu
erforschen. Der soziale Kosmos zerfällt in die Natur und die
Fortschrittsformel. Das ist für alle Utopisten charakteristisch.

Kropotkin ist bereit, das Naturrecht zu idealisieren, indem er
völlig unlogisch die Vorstellung von der künftigen "freien Ver-
einbarung" und des Naturrechts durcheinander bringt. Freilich,
sowohl das Naturrecht als auch die freie Vereinbarung opponie-
ren dem positiven Recht - dem Gesetz und dem Staat! Aber ih-
rem Wesen nach sind das Naturrecht und die freie Vereinbarung
zutiefst gegensätzlich. Vom Inhalt der Normen des Naturrechts
ganz zu schweigen. Das Naturrecht sanktioniert das Dunkle,
die Willkür, die Gewalt. Dieses Naturrecht sanktioniert das Fol-
tern einer untreuen Ehefrau, das Tyrannisieren von Kindern.
Übernehmen wir aber aus dem Naturrecht nur seine Weise, kol-
lektive Erfahrungen außerhalb des Rahmens des schriftlichen
Rechts festzuhalten. Aber jedem wird klar: Dieses Naturrecht
ist die Keimzelle desselben unterdrückerischen Rechts - nur un-
ter primitiveren, elementareren Lebensbedingungen. In der Tat
zeichnet sich das Naturrecht durch eine noch geringere Fließ-
barkeit und Veränderbarkeit aus als das geschriebene Recht. Die
zukünftige freie Vereinbarung meint aber nicht eine Vereinba-
rung zwischen den Individuen, sondern ein Moment der Gesell-
schaftsentwicklung, wo der Mensch sich vollständig die Natur
unterwirft, die Technik ihre volle Kraft einwickelt, Fehden und
das Konkurrenzprinzip durch eine brüderliche Solidarität er-
setzt werden, und als Wichtigstes: Wo die sozialen Erfahrungen
den Zwang unnötig machen und die ein oder andere Verände-
rung aus dem Bedürfnis des Übergangs zu einer höheren Kul-
turform resultieren wird.

Was haben das gewöhnliche Naturrecht und die freie Verein-
barung wesentlich gemeinsam? Nichts. Kropotkin aber ist ein
formelles Entgegensetzen gegen das geschriebene Recht wich-
tig. Genau diese Vorliebe für formelle Entgegensetzungen führt
zur Idealisierung von vorkapitalistischen Verhältnissen, dabei
wird die Zukunft analog zur vorkapitalistischen Vergangenheit
gedeutet und die vorkapitalistische Epoche im Licht der zukünf-
tigen Gesellschaft idealisiert. In Wirklichkeit offenbart sich hier
noch ein mal Kropotkins Dualismus: Die Natur verliert hier ihre
Kraft und Macht und wird von irgendeiner Ethik durchdrungen,
die Ethik verliert die Kraft der Norm und wird zum einfachen
Faktum der natürlichen Ordnung degradiert. Es entsteht etwas
Mittelmäßiges, Fades, Unbestimmtes. Genau so wird die Vergan-
genheit zur Zukunft erhoben und die Zukunft wird auf das Ni-
veau der vorkapitalistischen Vergangenheit erniedrigt.

In Gestalt Kropotkins stieg der letzte große Vertreter des hal-
butopischen, halbwissenschaftlichen Anarchismus ins Grab
hinunter. Die moralische Verbundenheit mit dem Arbeitervolk
ermöglichte es Kropotkin, in "Die Reden eines Rebellen" die
Mängel der bürgerlichen Gesellschaft offen zu legen, in "Erobe-
rung des Brotes" ein wenig naives, aber in vielen Aspekten noch
nicht veraltetes Bild der künftigen Gesellschaft zu entwerfen. In
"Die französische Revolution" erhebt sich Kropotkin zum Pathos
eines wahrhaften Revolutionärs.

Aber es existieren eiserne Gesetze der gesellschaftlichen Ent-
wicklung. Nur wenn er diese Gesetze erkennt, sich vollständig
mit einer bestimmten Klasse verbindet, kann ein*e Denker*in
allen Zerwürfnissen der Geschichte bis zum Schluss standhal-
ten. Kropotkin war mit der Masse emotional und moralisch
verbunden. Die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung er-
kannte er nicht.

Sein scheinbar makelloses System ist in Wirklichkeit von Wi-
dersprüchen durchdrungen. Seine Fortschrittsformel konnte
nicht die fehlende Mechanik des geschichtlichen Prozesses er-
setzen; seine sentimental-moralische Einstellung der Kreativität
der Massen gegenüber verdeckte die Möglichkeit ihrer objekti-
ven Erforschung.

Der Krieg und die Oktoberrevolution legten nicht theoretisch,
sondern praktisch Krankheiten und Macken des halb-utopi-
schen, halb-wissenschaftlichen Anarchismus offen. Kropotkin
selber geriet in den Strudel imperialistischer Leidenschaften.
Unsere Aufgabe ist es "nicht zu weinen, nicht zu lachen, son-
dern zu verstehen". Die Oktoberrevolution gab uns ein Beispiel,
wie man einen ungezügelten Willen mit einem kalten Verstand
kombiniert. Diese Erfahrung wird als Grundlage für die Erfah-
rungen des Weltproletariats dienen, welches ohne zu schwan-
ken das Beste, wonach Pjotr Alexejewitsch Kropotkin strebte,
verwirklichen wird.

Erschienen in der Aufsatzsammlung zum Andenken
P. A. Kropotkins, Verlag "Golos Truda", 1922
Quelle: http://liberadio.noblogs.org/?p=1286

--------------------------------------------------------------
1) Bentham, Jeremy (1748-1832) - englischer Jurist und Sozialreformer, einer der 
bekanntesten Vertreter*innen des Utilitarismus
2) Basarow, Jewgenij - die Hauptfigur des Romans "Väter und Söhne" von Ivan Turgenew, Nihilist
3) Spencer, Herbert (1820-1903) - englischer Philosoph und Soziologe, gilt als Begründer 
des sog. Sozialdarwinismus
4) Gemeint ist der "Brief für Stephan", 1914
5) Joffre, Joseph war französischer General, der Befehlshaber der französischen Armee im 
1. Weltkrieg
6) Kerensky, Alexander (1881-1970) - russischer Politiker, Mitglied der 
Sozialrevolutionären Partei, Chef der provisorischen Regierung Russlands (1917)


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