(de) FdA-IFA Gai Dao #39 - Science-Fiction und Anarchie - Teil 2:- Science-Fiction und mögliche Utopien Von: Umanita' Nova (26.5.1991) / Übersetzung: jt (afb)

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Thu Mar 6 07:10:12 CET 2014


Weltweit - von Kanada über Italien bis Australien - gibt es Dutzende von Zeitschriften, 
Zirkeln, Verlage und anarchistische Gruppen mit dem Namen "Anarres". Den älteren 
Genoss*innen wird er womöglich rätselhaft erscheinen. Das Buch, dem der Name entstammt, 
"Planet der Habenichtse" von Ursula K. LeGuin, das von den beiden Planeten dem 
kapitalistischen Urras und dem anarchistischen Anarres handelt, ist mit Sicherheit der 
verbreitetste genuin libertäre Beststeller der 1980er Jahre gewesen. ---- Es ist beileibe 
kein Zufall, dass es sich bei "Planet der Habenichtse" um ein Science-Fiction-Werk 
handelt. Obwohl mit der Populär-Phantastik verwandt mit ihren Welten des Typus "Krieg der 
Sterne" (die falscher als ein 30-Euro-Schein sind), handelt Science-Fiction vor allem von 
der narrativen Konstruktion möglicher und häufig auch wahrscheinlicher Welten.

Darin werden libertäre Utopien erschaffen wie die von LeGuin
oder auch "Die Große Explosion" von Eric Frank Russell (1) ,
häufiger jedoch technokratische Alpträume, die von der nahen
Zukunft der autoritären Gesellschaft handeln, wenn unsere
Freiheit zum bloßen Schein verkommen ist und der Kapitalis-
mus auch die intimsten Bereich in Beschlag genommen hat.
Philip K. Dick etwa beschreibt wie soziale Kontrolle auf Ba-
sis von Drogen hergestellt wird, während Theodore Sturgeon
darauf zu antworten scheint, dass Dissident*innen zu einem
ewigen Vagabundieren gezwungen werden.

Der Science Fiction geht es allerdings nicht nur um eine Be-
schreibung alternativer sozialer Modelle oder ein Anprangern
von Dystopien - es geht ihr insbesondere um eine Erkundung
der entlegendsten Winkel des literarischen Universums, mit-
tels der Paradoxien der Wissenschaft (Zeitreisen usw.) oder
durch die Öffnung des Erlebens anderer Welten, anderer in-
telligenter Kreaturen, anderer Maschinen. Aus diesem Grund
ist die Science Fiction zu einem geliebten und häufig frequen-
tierten Erzählgenre der Antiautoritären seit den 1960er Jahren
geworden: Die Vorstellung "anderer Welten" hält im Herzen
die Hoffnung auf Befreiung aufrecht und zusätzlich schärft sie
die Waffen der Kritik gegenüber der Wirklichkeit, in der wir
leben müssen.

Cyberpunk (Cyber + Punk)

Mit diesem Begriff (zu Anfang gemeinsam mit dem beinahe
synonym zu gebrauchenden Wort "neuromantisch") belegt die
US-amerikanische Kritikerszene seit einiger Zeit das Werk von
jungen Autor*innen der Westküste, deren bekannteste Vertre-
ter William Gibson, Bruce Sterling, Kim Stanley Robinson und
Greg Bear sind. Ihre Romane handelt fast alle irgendwie vom
kybernetischen Universum von Computern, Datenbanken und
virtuellen Realitäten. Die Protagonist*innen sind Hacker, mo-
derne Daten-Jockeys, die - um den Waffen eines wachsamen
Sheriffs zu entgehen - den Kennwortschutz überwinden müs-
sen, der dem Schutz der "zentralisierten" Computergeheim-
nisse dient, und ganz allgemein die
Unverletzlichkeit des Systems umge-
hen wollen. Bei den Texten handelt
es sich um keine leichte Kost: Kurze
Passagen "klassischen" Erzählens
wechseln sich ab mit Werbespots,
Programmiercode und Fragmenten
von Rock-Musikstücken (2) . Die Lek-
tionen des automatischen Schrei-
bens der Surrealist*innen (3) und
der "Cut-up"-Technik (4) eines W. F.
Burroughs werden durch die Geräu-
sche einer Sprache in den Zeiten der
Elektronik angereichert.

Die Lektüre des Narrativs erfolgt
also inmitt en eines sprichwörtli-
chen Meteoritenschauers. Dennoch
sind die Romane von Gibson & Co.
lesbar, ist doch die Flut an Infor-
mationen ein Bestandteil unseres
Alltaglebens. Nichts wirklich Neues
also. Andere hatt en diese Sphären
bereits erkundet, darunter John Shirley mit seinem Roman
"Transmaniacon" und Richard Bachmann alias Stephen King
mit "Menschenjagd" (Original: Th e Running Man). Tatsache ist
jedoch, dass der Cyberpunk - wie man so schön sagt - "zum
richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort" ist und in der Lage ist,
den Zeitgeist einzufangen. In seinen Geschichten geht es um
ein grundlegendes Problem: das der Information. Jede Nach-
richt, jedes Stück Information, das gestohlen oder kopiert
werden könnte, alles, was zu wissen wäre, wozu jedoch der
Zugang verwehrt ist. Doch die elektronische Gesellschaft und
die Massenmedien sind nur bis zu einem gewissen Punkt er-
forderlich. Der letzte, gemeinsam geschriebene Roman von
Gibson und Sterling, "Die Diff erenzmaschine" (Original: Th e
Diff erence Engine), ist im England zu Zeiten der ersten indus-
triellen Revolution angesiedelt, in einer Alternativwelt, in der
Lord Byron herrscht und ein dampfb etriebener Computer er-
funden wurde.

Der Golfk rieg(5) hat gezeigt, welche Bedeutung die Desinfor-
mation über die Massenmedien mitt lerweile angenommen
hat (voller Falschmeldungen und tendenziöser Berichte), was
das Verständnis des tatsächlichen Geschehens unheimlich er-
schwert. Dennoch: Wenn wir die Nachrichten um Fernsehen
betrachten, suchen wir aktiv nach
dem "Spin", um - versteckt zwi-
schen Spektakel und Propaganda" -
Informationshappen zu stehlen.

Die Cyberpunk-Romane verbildli-
chen unser Umherirren in einem
mentalen Universum, das heutzuta-
ge reine Fälschung ist. Sie befl ügeln
den Traum, einfach zur Computer-
tastatur greifen zu können, um mit
dieser als Schwert bewaff net sich
mit all jenen duellieren zu kön-
nen, die (in der Wirklichkeit) uns
jeglichen Sinn von Geschehnissen
berauben und dessen, was um uns
herum passiert.

"Cyberpunk" ist ein wunderschö-
nes Wort, das danach klingt, die
Rebellion des Punks in die Kernzen-
tren der Information zu tragen. Es
ist daher kein Wunder, dass dank
der sympathischen Leute von DECODER (die neben einer her-
ausragenden Zeitschrift auch seit vielen Jahren daran arbeiten,
die Tausend Gesichter des Undergrounds und der Gegenkul-
tur aufzuzeigen) das Wort "Cyberpunk" heutzutage in Italien
gleichbedeutend ist mit der nicht-konventionellen Nutzung
von Informationstechnik, der Sabotage, dem Datenraub, den
alternativen Netzen - Praktiken, die zum gemeinsamen Ter-
rain für all diejenigen werden können, die sich in Opposition
zum Status Qu o befi nden.

Einmal mehr hat es die Science Fiction verstanden, die richtige
Sprache für unsere Wünsche und unsere libertären Vorstel-
lungswelten bereitzustellen.

Weitere Infos

Quelle:

Venezolanische Zeitschrift Correo A # 18,
S. 14-15; März 1992

Im Internet gefunden unter: htt p://correoa.blogspot.de/2010/10/
ciencia-fi ccion-y-utopias-posibles.html (auf Spanisch)
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1) Anm. d. Ü.: In der Wikipedia heißt es zu E. F. Russell: "Russell war ein Mann, welcher 
die Überheblichkeit und die übertriebene Selbstdarstellung der verschiedensten
menschlichen Organisationsformen verabscheute. Sein Witz zielte besonders auf 
verschiedenste Arten von staatlicher Autorität, ständig wiederkehrende Zentralpunkte
seiner Geschichten sind Militär und Bürokratie. Seine Texte nehmen diese Aspekte der 
Gesellschaft mit feinem Spott und Ironie unter die Lupe und zeigen positive und
negative menschliche Beweggründe ohne den Leser zu belehren."

2) Anm. d. Ü.: Ein ganz plastisches und sehr lesenswertes Beispiel dafür ist das Werk 
"Schafe blicken auf" (Original: Th e Sheep Look Up) von John Brunner.

3) Anm. d. Ü.: Die sogenannte "Écriture automatique", die unter anderem vom Surrealisten
André Breton in den 1920ern entwickelt wurde, sollte "die unbewussten,
traumhaft en und spontanen Elemente menschlicher Eingebung als Grundlage für eine neue Art 
der Kreativität" (Wikipedia) nutzen. André Breton bezeichnete sie als
"Denkdiktat ohne jede Kontrolle der Vernunft " (ebenda).

4) Anm. d. Ü.: Mit der sogenannten Schnitt technik aus den 1960ern sollten Zufall und 
Montage in die Literatur eingebunden werden.

5) Anm. d. Ü.: Gemeint ist der zweite Golfk rieg 1990/91.


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