(de) FAU-IAA Direct Action #221 - Krisenausweg Betongold -- Warum Mieten steigen wenn der Kapitalismus in die Krise kommt

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Mon Mar 3 15:00:45 CET 2014


Phänomene wie steigende Mieten, Gentrifizierung und damit einhergehende Verdrängung, neue 
Prestigeobjekte in Großstädten und Wohnungsnot sind Gegenstand aktueller 
gesellschaftlicher Auseinandersetzungen (siehe DA 220). Diese lassen sich ebenso auf 
generelle Funktionsweisen der kapitalistischen Mehrwertschaffung zurückführen wie auf die 
gegenwärtige Krise. ---- Es existiert eine Vielzahl an Interpretationen zur Entstehung von 
Krisen im Kapitalismus und der Frage, welche Rolle die Stadt hierbei spielt. David Harvey 
beschreibt in Rebel Cities1, dass Krisen ein immer wiederkehrendes Phänomen darstellen, 
die kapitalistischem Wirtschaften inhärent und jeweils nur temporär lösbar sind. ---- Wir 
alle kennen den kapitalistischen Normalzustand und dessen allgegenwärtiges Streben nach 
Profit - eine ständiges Schneller, Höher, Mehr. Güterproduktion soll in möglichst kurzer 
Zeit Gewinne abwerfen, um diese dann wieder möglichst schnell und gewinnbringend erneut 
anlegen zu können. Krisen bahnen sich in diesem System an, wenn es an potentiellen 
Anlegemöglichkeiten mangelt, anhand derer im Produktionsprozess akkumuliertes Kapital 
erneut mit Gewinnaussicht reinvestiert werden kann.

Kreative Zerstörung - Platz schaffen für neue Investitionen

Ist nun mit keinem schnellen Umschlag von Produktion zu Gewinn und erneuter 
gewinnbringender Produktion zu rechnen, bricht die Suche nach Lösungsstrategien der Krise 
an - nach Auswegen für das Kapital, um dieses nicht ,,brachliegen" zu lassen, sondern 
weiter vermehren zu können. So erscheint die Investition in Immobilien als ein 
vermeintlicher Ausweg. Auch dieser Tage wird das ,,Betongold" wieder als eine der wenigen 
verlässlichen Anlagemöglichkeiten angepriesen und Kapital, das zuvor in die Produktion von 
Gütern gesteckt worden wäre, wird nun in die gebaute Umwelt investiert. Harvey und andere 
nennen dies den sekundären Kapitalkreislauf, den Versuch, trotz stagnierender 
Gewinnaussichten in vielen Sektoren dennoch mit Aussicht auf Profit Geld anzulegen - in 
Häuser, Wohnungen, Grundstücke und z.B. städtische Prestigeobjekte. Das Bewusstsein dafür, 
dass Krisen immer wiederkehrende Phänomene sind und dass diese Ausweichmanöver schnell zu 
Immobilienblasen mutieren, scheint mit ebensolcher Regelmäßigkeit in einer Amnesie 
unterzugehen, die erstaunlich weite Kreise zieht.

PARTIELLE LÖSUNG MIT HOHEN KOSTEN

Was bedeutet dies nun für unser aller Alltäglichkeiten? Letztlich ist ein genereller 
Prozess schnell zu benennen: Prekarisierung. Was nämlich für die partielle und 
vorübergehende Lösung der Krisentendenzen innerhalb des Kapitalismus gut sein mag, hat 
massive gesellschaftliche Folgen. Diese drücken sich etwa in sinkenden Reallöhnen, 
zunehmender Konkurrenz am Arbeitsplatz und Verschlechterung von Arbeitsbedingungen aus und 
haben auch darüber hinaus Auswirkungen auf die städtischen Lebensbedingungen. So hat das 
Einfließen von Investmentkapital in den Boden- und Häusermarkt die Gentrifizierung - die 
soziale Verdrängung ökonomisch schlechter Gestellter durch finanzkräftigere Schichten - 
zwar nicht alleine ausgelöst, aber doch massiv befördert. Spekulativer Leerstand und 
Investitionen in Luxusprojekte, aber auch die in vielen deutschen Städten aufgelegten 
Mietspiegel, mit denen steigende Mieten legitimiert werden, tun das ihre, um Mieten in die 
Höhe zu treiben. BewohnerInnen werden aus den Stadtteilen vertrieben, verlieren ihre 
sozialen Netze und nicht selten auch die Anbindung an ihren Arbeitsplatz. Dies führt zu 
höheren Mobilitätskosten oder steigert die Kosten für Kinderbetreuung, da diese länger in 
Anspruch genommen werden muss. Dass sich diese Verdrängungstendenzen verschärfen, belegen 
die steigenden Zahlen von Zwangsräumungen in fast allen Großstädten der BRD. In vielen 
Ländern des europäischen Südens hängt das Zusammenspiel aus Verlust von Arbeit, 
ausstehenden Kreditraten und Zwangsräumungen noch offensichtlicher mit der aktuellen Krise 
des Kapitalismus in Europa zusammen.

DEN ZUSAMMENHÄNGEN RECHNUNG TRAGEN

Die in Ansätzen skizzierte Analyse Harveys und die sozialen Auswirkungen der Krisen des 
Kapitalismus legen dabei in aller Deutlichkeit nahe, dass Städte und die aktuellen 
Tendenzen ihrer ökonomischen Verwertung nicht ein beliebiges Zufallsprodukt der 
kapitalistischen Vergesellschaftung darstellen.

Vielmehr ist Stadtentwicklung und gebaute Umwelt an zentraler Stelle in kapitalistische 
Prozesse eingebunden und hält diese am Laufen. Konflikte um Aneignung der Stadt sind also 
nicht Nebenkämpfe, sondern Konflikte um die ganze Gesellschaft.

So muss ganz deutlich festgestellt werden, dass Phänomene wie steigende Mieten und das 
Nebeneinander von benachteiligten Stadtteilen und Luxusprojekten neben sinkenden Löhnen 
und verschärfter Repression gegen Erwerbslose nicht nur eine weitere Belastung der Massen 
in der Krise darstellt. Vielmehr sind es diese Phänomene, die die Krise für die 
Kapitalseite abschwächen sollen.

Deswegen gilt es ganz besonders im Zuge von Krisenprotesten, gewerkschaftliche Ansätze 
nicht losgelöst von MieterInnen- und Stadtteilbewegungen zu verfolgen, sondern dem 
Bewusstsein der Zusammenhänge Rechnung zu tragen und gemeinsame Kämpfe und Perspektiven zu 
erarbeiten.

Erich Warm und Matthias Nicolaus

[1] ? Tipp zum Weiterlesen: David Harvey (2012): Rebel Cities - From the Right to the City 
to the Urban Revolution. London/New York: Verso


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