(de) FAU-IAA, Direct Action #223 - Proletarisches Theater im Jahr 2014
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Sat Jun 28 15:59:48 CEST 2014
Das Theaterstück "Stadt der 1.000 Feuer" nimmt alte Traditionen auf und ist doch
hochmodern ---- Gibt es eigentlich noch eine "proletarische Kultur"? Ehrlich gesagt: Eher
nicht, denn erstens ist die heutige ArbeiterInnenschaft zu uneinheitlich, um eine
gemeinsame Kultur herauszubilden, und zweitens war proletarische Kultur auch immer eine
Reaktion auf den Ausschluss aus der bürgerlichen Kultur. Letzteres mag zwar für Theater,
Oper usw. - die sogenannte "Hochkultur" - immer noch gelten, aber mit der Massenkultur -
Radio, Fernsehen, Internet, Kino, Download - muss man letztlich doch zugeben, dass eine
Kultur für alle erreichbar geworden ist. Ohne Bedarf auch keine milieuspezifische Kultur.
---- Stadt der 1000 Feuer - Alte Feuerwache Mannheim. (Foto: Ulrich Stühlen)
Wenn also heute so etwas wie ,,proletarische Kultur" ins Theater kommt, kann es sich
eigentlich nur um eine historische Erinnerung handeln. Und zum Teil trifft dies auch zu
auf Oliver Augsts und John Birkes "Stadt der 1.000 Feuer". Der Titel bezieht sich auf den
Spitznamen der Stadt Gelsenkirchen aufgrund der Fackeln der Koksöfen, der ja nun auch
nicht mehr so aktuell ist. Die eigentliche historische Dimension des Stücks ist allerdings
die Zitation von Bruno Schönlanks Sprechchor "Der gespaltene Mensch" aus dem Jahr 1927.
KULTUR GEGEN RATIONALISIERUNG
Bruno Schönlank, Sohn eines Sozialdemokraten, war im Ersten Weltkrieg antimilitaristisch
aktiv, trat nach dem Krieg in die USPD ein und kämpfte an der Seite des Spartakusbundes in
Berlin im Januar 1919. 1921 verließ er die KPD, schloss sich erneut der SPD an und
arbeitete als Redakteur verschiedener sozialdemokratischer Zeitungen und Zeitschriften.
Hauptsächlich machte er sich jedoch einen Namen mit seinen Sprechchören. Die
ArbeiterInnentheaterbewegung der Weimarer Zeit arbeitete häufig mit Massenchören, um nicht
das Individuum, sondern die ArbeiterInnenklasse als Kollektiv auftreten zu lassen.
Aufgeführt wurden solche Sprechchöre meist von LaiendarstellerInnen. Oft sollen mehr Leute
auf als vor der Bühne gestanden haben.
Gerade "Der gespaltene Mensch" gilt als Prototyp eines solchen Sprechchors. Es steht in
derselben Tradition wie Ernst Tollers "Wandlung" oder ,,Masse Mensch". Tollers der Art
nach ähnliche Stücke thematisieren allerdings zeitgenössisch den Krieg und die Revolution,
das 1927 entstandene "Der gespaltene Mensch" spielt lautmalerisch mit den
Arbeitsverhältnissen, der Situation am rationalisierten Arbeitsplatz.
KULTUR GEGEN PREKARISIERUNG
Genau hier setzt ,,Stadt der 1.000 Feuer" ein bzw. noch einen drauf: Vor dem Hintergrund
der Schönlankschen Lautmalerei präsentieren vier SchauspielerInnen verschiedene
Arbeitsfelder im Wandel der Zeit. Der Reigen beginnt mit der Arbeit Karl Marx' am
"Kapital": Im Vordergrund steht hier jedoch nicht der Inhalt des Kapitals, sondern der
Arbeitsprozess eines von Krankheiten zerfressenen armen Mannes beim Verfassen des
theoretischen Werks.
Das ist allerdings eher der Auftakt zu einer Beschreibung des Wandels der
Arbeitsverhältnisse. Zu Wort kommt jener Gastarbeiter, der, weil er etwas zu langsam war,
kein Mofa bekommen hat, ein Rentner, der seiner Maschine hinterhertrauert, das Elend der
Praktika und zu guter Letzt die dystopische Fiktion einer "Opfer-Agentur". Man muss
bekanntermaßen mit solchen Dystopien immer aufpassen, dass nicht irgendjemand auf die Idee
kommt, eine solche in die Tat umzusetzen. Denn sich für Geld verprügeln oder foltern zu
lassen, ist bei dem momentanen Trend zur Entwürdigung in Kultur und Arbeit eigentlich nur
ein konsequenter nächster Schritt.
Die Praktikums-Episode bietet dabei sogar Handlungshinweise für Aktionen: Bernadette La
Hengst bzw. Charlotte Simon erläutern im Zwiegespräch mit Sven-Åke Johansson als
Arbeitgeber, dass es keine unbezahlte Arbeit gibt und die Bezahlung einer Praktikantin
dann eben durch die Eltern erfolgt, die dann aber auch im Sponsoring genannt werden müssen.
"PROLETARISCHE KULTUR" HEUTE
Wenn man heute noch von so etwas wie einer spezifisch proletarischen Kultur sprechen
möchte, dann geht das nur über den Inhalt, sie ist dann jene Kultur, die ,,Proletarität"
oder eben auch ,,Prekarität" zum Inhalt hat. Der Song ,,Bück dich hoch" von Deichkind etwa
ist ein Beispiel dafür. In diesem Sinne darf auch ,,Stadt der 1.000 Feuer" als
proletarische Kultur gelten. Schönlanks "Der gespaltene Mensch" ist übrigens nach 1927 nur
noch einmal aufgelegt worden, 1935 in einer Exilliteratur-Anthologie. Man darf ihn wieder
entdecken.
Torsten Bewernitz
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