(de) FAU-IAA - Direct Action #223 - Madige Werkverträge

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Sat Jun 21 10:16:10 CEST 2014


"Fine Food" beschäftigt osteuropäische ArbeiterInnen zu skandalösen Bedingungen ---- Die 
Firma "Fine Food GmbH & Co. KG", ein Unternehmen der Sprehe-Gruppe, lässt in der 
münsterländischen Kleinstadt Emsdetten Puten zerlegen. Dazu werden zahlreiche 
Arbeitskräfte aus Osteuropa über mehrere Subunternehmen bzw. Personalvermittlungsfirmen 
angeheuert und angestellt, oder es werden Werkverträge mit ihnen abgeschlossen. Das ist 
wohl in der Branche ebenso wenig außergewöhnlich wie grenzenlose Überstunden, Löhne am 
untersten Ende der Skala und die beengte Unterbringung in heruntergekommenen Wohnblöcken 
am Stadtrand, für die oft Mieten kassiert werden, als wären es Luxusapartments. Seit 
Jahren medial so regelmäßig wie meist oberflächlich skandalisiert, vollzieht sich so der 
kapitalistische Normalbetrieb.

In Emsdetten ging im Herbst 2013 ein Subunternehmen in die Insolvenz. Wegen

Sozialversicherungsbetrugs mit Werkverträgen wurde ein Unternehmer inhaftiert. Wenn man 
sich keinen strafrechtlich allzu gravierenden Tatbestand nachweisen lässt, kann sich eine 
solche Insolvenz durchaus lohnen: Je nach Größenordnung ist eine in den Wind geschossene, 
fast masselose, finanziell leergesaugte GmbH nichts gegen die Löhne zahlreicher 
Beschäftigter, die man nicht bezahlt. Solche Insolvenzen sind keine Einzelfälle, wie das 
Beispiel "Grenzland" aus dem ebenso münsterländischen Rhede zeigt, über das die DA in den 
Ausgaben 205 und 213 berichtete.

AUSSTEHENDER LOHN, FEHLENDE KRANKENVERSICHERUNG

Mindestens 70 Beschäftigte erhielten in Emsdetten für bis zu zwei Monate keinen Lohn. 
Spenden und das Engagement lokaler AktivistInnen gewährleisteten in dieser Zeit ihre 
Versorgung. Schnell wurden weitere Missstände bekannt: Berichte über schikanöse 
VorarbeiterInnen und gefährliche Arbeitsbedingungen, fehlende Krankenversicherungen und 
nicht behandelte Verletzungen, Schimmel in den Unterkünften. Eine neue Firma namens NGV 
sollte einen Teil der ArbeiterInnen mit Arbeitsverträgen nach deutschen Rechtsstandards 
übernehmen. Doch schnell berichteten die Betroffenen, dass immer noch dieselben 
VorarbeiterInnen sie willkürlich kontrollierten, beleidigten und mit juristisch höchst 
fragwürdigen Vertragsstrafen drohten. Auch die Wohnsituation verbesserte sich nicht: 
Kaputte Fensterscheiben und Türen, chronisch überfüllte Unterkünfte. In einer Wohnung fiel 
die Heizung aus und hätte komplett ausgetauscht werden müssen. Mehrfach berichteten 
Betroffene nach Arztbesuchen, dass sie offenbar nicht bei der Krankenkasse gemeldet waren, 
an die laut ihrer Lohnabrechnung Beiträge abgeführt wurden.

Bildunterschrift: Solidarität mit den betroffenen ArbeiterInnen: Am 15.3. demonstrierten 
etwa 200 Menschen in Emsdetten. (Quelle: Offenes Antirassistisches Treffen Emsdetten)
Auch die NGV schließe weiterhin Werkverträge ab, meldete die in diesem Fall sehr engagiert 
berichtende Oldenburgische Volkszeitung. Angeblich sogar in Absprache mit dem Zoll, was 
dieser allerdings bestreitet. Am 15. März organisierte das Offene Antirassistische Treffen 
Emsdetten mit Zustimmung der Betroffenen eine Demonstration. Immerhin 200 Menschen kamen. 
Mehr wurden es wohl nicht, weil ein Vorarbeiter denjenigen, die teilnehmen wollten, mit 
Jobverlust drohte.

Ernsthafte Bemühungen um ein besseres Arbeitsklima kann man also bei Sprehe und Fine Food 
nicht erkennen. Was hilft in solchen Fällen? Der Druck der Öffentlichkeit vielleicht 
gerade dann, wenn die Firma stark von ihrem "guten Image" lebt. Gewerkschaftliche 
Organisation in einem Klima der Einschüchterung und mit mangelnden Sprachkenntnissen vor 
Ort ist ein schwieriger Schritt. Umso wichtiger ist also die Solidarität der 
Stammbelegschaft und der KollegInnen in anderen Betrieben. Gerade weil die 
Unternehmensgruppe Sprehe sich laut der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten damit 
brüstet, dass die Beschäftigten eines neuen Subunternehmens nun sogar besser bezahlt 
würden als die eigenen Leute. Gemeint sind acht Euro brutto, hierüber hätten die 
Beschäftigten der NGV aber laut Arbeitsvertrag zu schweigen, wenn eine solche Bestimmung 
nicht rechtswidrig wäre.

Würde ein gesetzlich definierter Mindestlohn an solchen Ausbeutungsverhältnissen etwas 
ändern? Das Beispiel Fine Food legt nahe, dass Unternehmen auch in Zukunft Wege finden 
werden, ihn zu unterlaufen und die finanzielle Abhängigkeit von Beschäftigten auszunutzen. 
Sei es durch unbezahlte Überstunden, windige Verträge oder andere Winkelzüge. Daher sind 
im kapitalistischen Normalbetrieb umso mehr wachsame und kämpferische Gewerkschaften gefragt!

Thorsten Mitha


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