(de) FAU-IAA - Direct Action #223 - Klassenkämpferische versus korporatistische Gewerkschaft -- Eine Bestandsaufnahme aus anarchosyndikalistischer Perspektive

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Tue Jun 17 07:59:46 CEST 2014


Wie in jedem Jahr seit den Ereignissen rund um den Chicagoer Haymarket 1886 werden auch 
dieses Jahr wieder Lohnabhängige auf dem ganzen Globus am 1. Mai auf die Straße gehen. 
Auslöser für dieses historische Ereignis war unter anderem die Minimalforderung nach einer 
Reduzierung der täglichen Arbeitszeit auf acht Stunden sowie die Aufhebung der sich 
verschärfenden Klassengegensätze. Die Eskalation nahm ihren Lauf, als Unbekannte, 
möglicherweise Vigilanten,1 drei Tage später, am 4. Mai, einen Sprengsatz in den 
Polizeireihen zündeten, welcher diese dann veranlasste, in die Masse der ArbeiterInnen zu 
feuern, was eine unbekannte Zahl an Opfern forderte. Die Ereignisse gingen schließlich als 
Haymarket-Tragödie in die Geschichtsbücher ein. Von diesem Zeitpunkt an war die 
anarchistische ArbeiterInnenbewegung, die jenen Generalstreik initiierte, Zielscheibe der 
Repression. Unter den anarchistischen AktivistInnen befand sich auch Adolph Fischer aus 
Bremen, der als Schriftsetzer in die Vereinigten Staaten emigrierte und sich dem 
militantesten Flügel des Anarchosyndikalismus anschloss, den ,,Unversöhnlichen". Sein 
Fazit aus den Ereignissen wird deutlich durch folgende Feststellung: ,,Die Arbeiter werden 
von frühester Kindheit an auf ihr späteres Schicksal vorbereitet, genauso wie Tanzbären 
von ihren Meistern dressiert werden. In Schulen und Kirchen lernen sie, es sei Gottes 
Wille, daß es Reiche und Arme gäbe".2 Er verweigerte das Betteln auf ein Gnadengesuch und 
wurde mit seinen Genossen am 11. November 1887 hingerichtet.

Obwohl sich diese historischen Daten in das kollektive Gedächtnis der ArbeiterInnen 
gebrannt haben, ist es kaum noch bekannt, dass die blutigen Ereignisse rund um den 
Haymarket der Auftakt eben jenes ,,May Day" oder ,,1. Mai" waren. Vielmehr wird die 
Tatsache verleugnet, dass dieser Tag aus dem Impuls der anarchistischen 
ArbeiterInnenbewegung stammt, welche klar und offensiv gegen das kapitalistische 
Unterdrückungssystem aufbegehrte und die Befreiung des Menschen von Klassengegensätzen 
kompromisslos vorantrieb.3

WIE STEHT ES HEUTE UM KLASSENKÄMPFERISCHE POSITIONEN INNERHALB DER GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG?
Die Spielregeln des Kapitals haben sich spürbar erneuert.4 Der französische Soziologe 
Robert Castel definierte bereits vor einiger Zeit, dass wir ZeugInnen einer anhaltenden 
,,Transformation des Kapitalismus" sind, den es vielmehr zu begreifen als zu benennen 
gilt.5 Das sogenannte ,,deutsche Modell" soll darüber hinaus die Blaupause für ein 
zeitgemäßes, ,,modernes" Wirtschaften innerhalb der Europäischen Union darstellen. Man 
behauptet, ,,uns" gehe es ja gut und die Forderungen nach einer klassenlosen Gesellschaft 
seien überholt und Relikte aus der DDR.6 Es ist die fortwährende Entwertung der Personen, 
die außer ihrer Arbeitskraft nichts besitzen, was sie zu Markte tragen können. Wir 
Lohnabhängige werden nach wie vor als bloßes ,,Humankapital" im betriebswirtschaftlichen 
Kontext aufgeführt, denn unsere individuellen Schicksale und Lebensbedingungen sind 
irrelevant für die Ziele eines kapitalistisch geführten Unternehmens. Die Folgen, 
Deregulierung des Arbeitsmarktes und Sozialabbau, werden sogar tagtäglich in den 
Mainstreammedien ausgestrahlt. Trotzdem schlägt der sozialrevolutionären Bewegung ein 
eiskalter Wind entgegen. Mit extremismustheoretischen Diffamierungen wird gegen 
klassenkämpferische Positionen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung gehetzt, sobald die 
Forderung nach Besetzung, Boykott oder Sabotage aufkommt. Um es unmissverständlich 
auszudrücken: Damals wie heute werden lohnabhängige Menschen ihrer Würde und Autonomie 
beraubt. Tagtäglich und überall. Zu allem Übel wird die Idee von einer menschenwürdigen 
und solidarischen Gesellschaft zunehmend auf breiter gesellschaftlicher Ebene ignoriert 
und als utopische Spinnerei abgetan.

Die momentan vorherrschende Produktionsweise hat nicht die Befriedigung der wichtigsten 
Bedürfnisse aller zum Ziel, sondern das Streben nach kurzfristigen Profiten. Die 
korporatistische Haltung7 der systemstabilisierenden Gewerkschaften führt zu einer 
zunehmenden Isolation zwischen den Lohnabhängigen. Allzu gerne wird gewerkschaftliche 
Klientelpolitik betrieben, die sich in Form von Lohndiskriminierung und Konkurrenz beim 
Mitgliederwerben ausdrückt.8 Dies äußert sich häufig in der Marginalisierung von 
LeiharbeiterInnen und anderweitig prekär beschäftigten ArbeiterInnen, die nicht das 
Privileg eines Normalarbeitsverhältnisses für sich beanspruchen können. Die Situation 
prekär beschäftigter Lohnabhängiger wird nicht selten von privilegierten Lohnsklaven mit 
Normalarbeitsverhältnis und gewerkschaftlicher Organisation genutzt, um chauvinistische 
Positionen diesen gegenüber zu vertreten. Der arrogante Irrglaube, jede/r sei an der 
eigenen Situation zum Großteil selber schuld, reiht sich ein in weitere diskriminierende 
Denkschablonen, welche die Minderwertigkeit nicht ,,normal" Beschäftigter implizieren.

DIE ALLIANZ DER BOSSE ODER: DAS ,,BETRIEBSBEZOGENE MEHRHEITSPRINZIP"
Es herrscht eine gespenstische Einigkeit zwischen den Funktionären der großen 
Gewerkschaften und VertreterInnen der Politik, wenn es um die Untergrabung von 
grundlegenden Rechten der ArbeitnehmerInnen geht, wie dem Streikrecht. In diesem 
Zusammenhang seien vor allem die kommenden Verhandlungen bezüglich der Tarifeinheit 
genannt. Im laufenden Jahr sollen hier die Weichen gestellt werden, mit gravierenden 
Folgen für die für die gewerkschaftliche Handlungsfähigkeit der ArbeitnehmerInnen in 
Deutschland. Die Propagandamaschine der Repression funktioniert dabei tadellos. Kleine 
Gewerkschaften wie Vereinigung Cockpit und Marburger Bund werden hierbei gerne 
exemplarisch als Sprachrohr ,,egoistischer Großverdiener" angeführt, um für die 
Sinnhaftigkeit der geplanten Initiative zur Tarifeinheit zu werben. Den Vorwurf, dass 
bestimmte berufsbezogene Sparten eine gewisse Privilegiertheit besitzen (was die Höhe 
ihres Einkommens betrifft und mit dem Druckpotential ihrer Profession korreliert), mag 
zwar stimmen. Doch es ist nicht der edelmütige Ruf nach der Überwindung von 
berufsbezogenen Lücken und Lohnhierarchien unter den Lohnabhängigen. Es ist der zweite 
Versuch nach 2010, das Quasi-Monopol der großen, zentralistischen und 
systemstabilisierenden Gewerkschaften gesetzlich zu zementieren, jegliche Opposition und 
Konkurrenz zum DGB in Tarifverhandlungen auszuschalten und die Tarifautonomie kleiner 
Gewerkschaften zu unterbinden.9 Im kollektiven Arbeitsrecht wird bei Wettbewerbsformen mit 
tariflichem Hintergrund zwischen ,,Tarifkonkurrenz"10 und ,,Tarifpluralität"11 
unterschieden. Heiner Dribbusch geht davon aus, dass tarifpolitische Konkurrenz immer dann 
besteht, ,,wenn eine Gewerkschaft versucht in Abgrenzung zu einer anderen Gewerkschaft 
eigenständige Tarifverträge möglichst exklusiv in selbst beanspruchten Geltungsbereichen 
durchzusetzen".12

Die DGB-Gewerkschaften scheuen dabei nicht einmal den Pakt mit der Bundesvereinigung der 
Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Deshalb ist die Aussicht auf gewerkschaftlich 
getragene Selbstbestimmung der Lohnabhängigen so fern wie lange nicht mehr. Die Initiative 
des Mehrheitsprinzip zur Tariffindung (,,betriebsbezogenes Mehrheitsprinzip") stellt einen 
eklatanten Angriff auf den Tarifpluralismus und auf das, im Artikel 9 des Grundgesetzes 
verankerten ,,Prinzips der Koalitionsfreiheit", dar. So schreibt Detelf Hensche, 
langjähriger Vorsitzender der IG Medien, dass ,,die Kurzsichtigkeit, die die 
DGB-Gewerkschaften [bewogen hat, das Regierungsvorhaben zu unterstützen], verblüfft. 
Selbst wenn sie hoffen, eine Handvoll konkurrierender Berufsverbände mit staatlicher Hilfe 
aus dem Tarifgeschäft verdrängen zu können, ist keineswegs sicher, ob der Schuss nicht 
nach hinten losgeht. Da der Gesetzgeber die Tarifeinheit nach dem betrieblichen 
Mehrheitsprinzip regeln soll, ist die Entscheidung in die Hände der Arbeitgeber gelegt. 
Denn allein diese bestimmen, welche Arbeitseinheiten zu einem Betrieb zusammengefasst bzw. 
ausgegliedert werden."13 Auch von Seiten der ILO14 wird seit mehreren Jahren die 
Verletzung von international gültigen, gewerkschaftlichen Standards bezüglich einer 
wiederholt geplanten Tarifeinheit angeprangert. Auf parlamentarischer Ebene wird die 
geplante Tarifeinheit von einer mehrheitsfähigen Koalition von getragen. Der versprochene 
flächendeckende Mindestlohn wird im Gegensatz dazu, mit aller Wahrscheinlichkeit nach, ein 
leeres Versprechen bleiben.

Korporatistische Gewerkschaften und ihre BefürworterInnen lassen sich mit der Tarifeinheit 
somit weiter auf ihre Rolle als systemstabilisierende Eckpfeiler dar, in dem sie die Masse 
der Lohnabhängigen unter Kontrolle halten und aufmüpfiges Verhalten durch unzufriedene 
Lohnabhängige unterbinden. Was ist nun eine Gewerkschaft wert, die darauf bedacht ist, den 
Burgfrieden mit den AusbeuterInnen einzuhalten und fortfährt die Lohnabhängigen zu 
spalten? Es wäre töricht zu glauben, dass signifikante Verbesserungen für alle 
Lohnabhängigen auf der Basis von korporatistischem Gewerkschaftsgebahren erkämpft werden 
können. Der Mainstream des Gewerkschaftsapparats ist nahezu nahtlos im kapitalistischen 
System integriert und arbeitet somit aktiv an der Zersetzung grundlegender 
ArbeitnehmerInnenrechte. Es ist schlicht der Verrat an der ArbeiterInnenklasse, Dass die 
Tarifbindung sukzessive schwindet und im Westen nur noch bei 60% und im Osten bei rund 50% 
liegt15 zeugt von einer systematischen Untergrabung von ArbeitnehmerInnenrechten. Die 
wenigen Krümel (z.B. Tariferhöhungen, die gerade die Inflationsrate kompensieren können), 
die man uns zugesteht, haben darüber hinaus ein grundlegendes Manko: Als Zugeständnisse 
können diese von unseren ,,GönnerInnen" auch schnell wieder entzogen werden, nach dem sich 
die Lage wieder beruhigt hat. Der Frust über die wirtschaftsfreundliche Politik lässt sich 
auch anhand des anhaltenden Schwunds an Mitgliedern über die letzten Jahre bemessen.16 Es 
muss in diesem Zusammenhang aber klar betont werden, dass die autoritäre Politik der 
Funktionäre von IG Metall, DGB und Verdi keineswegs auf uneingeschränkte Zustimmung 
innerhalb deren Basis trifft.17 So regt sich bereits spürbarer Widerstand im Rahmen der 
geplanten Tarifeinheit auch unter unseren GenossInnen an der Basis der großen 
Gewerkschaften. An dieser Stelle sei ausdrücklich auf die Konferenz zur Abwehr des 
Gesetzesvorhabens ,,Tarifeinheit" hingewiesen die am 15. Juni in Frankfurt am Main 
stattfinden wird.18

Urheber: Findus

URHEBER: FINDUS
DIE SPALTUNG DER LOHNABHÄNGIGEN

Das Phänomen prekärer Formen von Arbeit ist symptomatisch für eine Gesellschaft, in der 
die Klasse der Lohnabhängigen systematisch ihrer Freiheit beraubt wird. Eine Form der 
Kontrolle, die über unsere Existenzsicherung vollzogen wird. Das Phänomen ist nicht neu. 
Marcuse stellte in einer Diskussion mit Habermas schon 1978 fest, dass die ,,Allianz 
zwischen Kapital und Arbeit funktioniert, weil mit der anhaltenden Arbeitslosigkeit 
Anpassung immer wichtiger für Arbeiter wird, wenn sie leben und überleben wollen".19 
Flexibilität bedeutet für uns Lohnabhängige zunehmende Unsicherheit. Und das in allen 
Lebensbereichen. Das ,,deutsche Modell" eines deregulierten Arbeitsmarkts verspricht 
soziale Gerechtigkeit durch Sicherung bestehender Arbeitsplätze und durch Schaffung von 
neuen, prekären Beschäftigungsformen. In anderen Worten: Man will uns weiß machen, dass 
die Schaffung von sozialer Ungleichheit in Form von Prekarität, Deregulierung und 
Sozialabbau für soziale Gerechtigkeit sorgen soll...

Im Zeichen dieser postfordistischen20 Arbeitsgesellschaft haben die staatlich anerkannten 
Gewerkschaften, außer Klientelpolitik durch die Verteidigung der Privilegien ihrer 
Mitglieder, nichts mehr zu bieten. Dieser Klassismus wird nicht nur mit bemerkenswerter 
Dreistigkeit legitimiert, viel schlimmer: Er ist fest in der Weltanschauung staatstreuer 
GewerkschafterInnen verankert. Aber auch unter Lohnabhängigen im Allgemeinen nimmt die 
eine positive Haltung gegenüber dem ,,deutschen Modell" spürbar zu. Die Verinnerlichung 
nationaler Standortkonkurrenz und Sozialchauvinismus von Lohnabhängigen gegenüber anderen 
Lohnabhängigen sind durchaus als symptomatisch für den Verlust des ,,Klassenbewusstseins" 
zu verstehen. Die Solidarität zwischen den Lohnabhängigen schwindet mit zunehmender 
Deregulierung bzw. Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und sorgt für eine Form der 
Disziplinierung zwischen den Lohnabhängigen. Es entstehen Lohnhierarchien und 
-diskriminierung, die durch die Distinktionsstrategie der systemstabilisierenden 
Gewerkschaften getragen wird. In anderen Worten: Es werden Unsicherheiten des Marktes auf 
die Lohnabhängigen abgewälzt und lassen durch die lohn- und berufsbezogenen Lücken 
Konkurrenz anstatt Solidarität zwischen den Lohnabhängigen entstehen. Rechte 
Phrasendrescher sind innerhalb vieler Gewerkschaften obendrein keine Seltenheit.

IST EINE SOZIALREVOLUTIONÄRE GEWERKSCHAFT NOCH REALISIERBAR?

In erster Linie ist das Problem der Bedeutungslosigkeit revolutionärer Positionen 
innerhalb der Gewerkschaftsbewegung hausgemacht. Das, was sich unter vagen Begriff als 
,,links" in der gewerkschaftlich aktiven Bewegung zusammenfügt, hat sich in den letzten 
Jahrzehnten von der Lebensrealität der Lohnabhängigen mehr und mehr verabschiedet. 
JungkarrieristInnen nutzen die Möglichkeit, in gut bezahlte Gewerkschaftspositionen zu 
gelangen. Ein Umstand der fast alle ,,linken" Strukturen erfasst hat. Die Mitgliedschaft 
in einer Gewerkschaft wird gerne als ,,klassenkämpferisches" Feigenblatt genutzt, um vor 
allem in der SPD oder der Linken die eigene PolitikerInnenkarriere zu pushen. Darüber 
hinaus beschränkte sich die letzten Jahre der Diskurs in der ,,radikalen Linken" auf 
Selbstreflexion. Scheinbar wurde parallel dazu kollektiv verdrängt, dass die Emanzipation 
der Lohnabhängigen einen zentralen, linksradikalen Themenschwerpunkt darstellt und nicht 
mit den Herrschenden ausdiskutiert, sondern nur in direkter Aktion mit Hilfe von 
(General-)Streik, Boykott, Besetzungen und Sabotage erkämpft werden kann. 
Gewerkschaftliche Organisation muss wieder in unserem Sinne politisch werden. Das Problem, 
das Gewerkschaften an sich nicht revolutionär sind, ist allerdings nicht neu: Errico 
Malatesta bemerkte schon 1922, noch zu Zeiten, als die anarchistische ArbeitInnenbewegung 
mehr Einfluss als heutzutage hatte, dass Gewerkschaften an sich reformistisch und nicht 
revolutionär seien.21 Seiner Ansicht nach liegt das zum einen an dem Umstand, dass 
Gewerkschaften durch Aufnahme von Verhandlungen mit Institutionen (Staat, Nation und 
Kapital...), welche eigentlich abgelehnt werden, ständig um die Suche nach Kompromissen 
bemüht sind. Zum anderen ist es ohne den Einfluss von revolutionären Personen, die ihre 
Ansichten in die Gewerkschaften hineintragen, schlecht um den Klassenkampf bestellt. 
Allein die Größe der Mitgliederzahl von Gewerkschaften, so seine Meinung, ist keinesfalls 
ein entscheidender Faktor für ihren Wirkungsgrad. Vor allem nicht, solange diese in erster 
Linie als unpolitisch agierende Wirtschaftszusammenhänge zu bezeichnen sind. Deshalb war 
eine seiner Forderungen in Bezug auf Gewerkschaften, dass AnarchistInnen aktiv 
sozialrevolutionäre Positionen in diese hineintragen sollten, um die Gewerkschaften als 
Massenbewegung revolutionär zu machen und um die Emanzipation der Lohnabhängigen, 
gleichgültig ihrer Herkunft, voranzutreiben. Er stellt allerdings auch fest, dass 
diejenigen ,,die der Arbeiterbewegung ehrlich dienten, immer den Traum einer besseren 
Gesellschaft vor Augen, die Wohlstand und Gerechtigkeit für alle kennt, [...] wie 
Sisyphos, dazu verdammt" sind ,,immer wieder von vorne zu beginnen".22 Die Frage, ob die 
sozialrevolutionäre Gewerkschaft noch zu retten ist, stellt sich somit gar nicht. Das 
Bewusstwerden um die Situation und das folglich kontinuierliche Revoltieren für bessere 
Lebensbedingungen ist entscheidend.

DIE ANARCHOSYNDIKALISTISCHE GEWERKSCHAFT

Nicht die ArbeiterInnenbewegung ist momentan der entscheidende Faktor, der die 
Produktionsbedingungen definiert. Es ist momentan die bürgerliche Klasse, die die 
Bedingungen der Produktionsweise bestimmt und fortwährend revolutioniert. Deshalb reicht 
es nicht aus, alleine was zu Fressen zu haben und auf die Wohltaten der Herrschenden 
angewiesen zu sein. Darum fordert, im Gegensatz zu staatskonformen Pseudogewerkschaften, 
eine echte, sozialrevolutionäre (anarchosyndikalistische) Gewerkschaft nicht die 
Verteilung von staatlichen Zugeständnissen, sondern die Aufhebung der Klassengegensätze. 
Als sozialrevolutionäre Bewegung will sie, außer der bloßen Befriedigung der materiellen 
Bedürfnisse, deshalb Antworten und Lösungen bezüglich des Zusammenlebens ermöglichen.

Das Projekt des freien Sozialismus, libertären Kommunismus oder auch Anarchosyndikalismus, 
ist selbstverständlich nicht der leichte Weg. Allerdings ist der Mythos von einem 
sozialistischen Paradies durch einen Staat spätestens seit dem Scheitern des real 
existierenden Sozialismus nachgewiesen: Die eine Herrscherkaste wurde einfach nur durch 
eine andere ersetzt. In diesem Zusammenhang ist es notwendig den Unterschied zwischen 
Macht und Herrschaft zu betonen. Herrschaft entsteht unter anderem, wenn akkumulierte 
Macht sich institutionell verselbstständigt. Im Gegensatz dazu strebt das Konzept des 
Anarchosyndikalismus, über seine föderalistisch-dezentrale Organisationsform, ein Minimum 
an Akkumulation von Macht an. Dabei sind die Mittel von direkter Demokratie, und das 
Rotationsprinzip bei der Vergabe von Mandaten und grundsätzliche Gleichberechtigung aller, 
von zentraler Bedeutung. Wir AnarchosyndikalistInnen lehnen es grundsätzlich ab, staatlich 
gelenkte Funktionäre oder ähnliche VertreterInnen des Kapitals über unser 
Lebensbedingungen und Schicksale entscheiden zu lassen. Wir wollen keine Einigung mit 
AusbeuterInnen. Wir wollen unsere ökonomische und gesellschaftliche Selbstbestimmung 
durchsetzen und die soziale Revolution vorantreiben!

Traditionell versuchen anarchosyndikalistische, antiautoritäre Bewegungen, die letztlich 
die Bewegungen der ArbeiterInnen waren und sind, in ihrem kreativen Potential den Ausbruch 
aus dem System zu wagen. Selbstverwaltung ist dabei eine dieser Traditionen, auf die sich 
seit geraumer Zeit viele Gruppen wieder besinnen um mögliche Auswege aus dem Kapitalismus 
zu suchen. In vielen Teilen der Welt schließen sich bereits jetzt Lohnabhängige 
erfolgreich zusammen, um die Kontrolle über die von ihnen produzierten Waren 
wiederzuerlangen und für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu kämpfen.23 Die 
Traditionen der AnarchistInnen, wie Selbstverwaltung, direkte Demokratie, freie Bildung 
und konkrete Solidarität, sind letztlich Traditionen der gesamten ArbeiterInnenbewegung. 
Nur wir, die Klasse der Lohnabhängigen, können und müssen nun die Entscheidung treffen: 
Entweder wir verharren weiterhin in der Bewusstlosigkeit und verlieren, oder wir nehmen 
unser Schicksal in die eigene Hand. Das heißt in erster Linie, solidarisch im Sinne einer 
tatsächlichen Verbesserung der Lebensbedingungen für alle Menschen einzutreten und nicht 
auf primitive Konstrukte wie Nationalismus und Kapitalismus zu bauen. Die 
Gewerkschaftsbewegung sollte sich deshalb insgesamt auf ihre Wurzeln besinnen und sich 
klar von jeglicher Form des Chauvinismus distanzieren. Die Befreiung des Menschen durch 
den Menschen, das kann letztlich nur der Zusammenhalt in der Klasse der Lohnabhängigen 
leisten. Und obwohl es keine mehrheitsfähige Tradition in der BRD hat, den 
sozialrevolutionären Weg zu gehen, lasst uns trotz allem nicht aufhören ein besseres Leben 
einzufordern. Lasst uns den 1. Mai als unseren Tag ins kollektive Gedächtnis rufen. Lasst 
uns feiern und unsere Forderungen auf die Straße tragen. Denn noch ist nichts verloren....

Benjamin Most


[1] Vigilanten waren/sind militante Provokateure und StreikbrecherInnen

[2] Karasek, Horst (Hrsg.): Haymarket - 1886: Die deutschen Anarchisten von Chicago - 
Reden und Lebensläufe, Berlin 1975

[3] vgl. Schumann, Diane: Anarchie: Zur Vorverurteilung eines Begriffs und seiner Anhänger 
am Beispiel der Haymarket-Affäre 1886 in Chicago, Berlin 2003

[4] vgl. Boltanski, Luc et al.: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz, 2006.

library.mpib-berlin.mpg.de/toc/ze_2003_948.pdf

[5] vgl. Castel, Robert: Die Krise der Arbeit: Neue Unsicherheiten und die Zukunft des 
Individuums. Hamburg 2011

[6] Ein gern verwendeter Vorwurf, wenn linke Positionen vertreten werden...

[7] Korporatismus beinhaltet die autoritäre Zwangseinbindung von gesellschaftlichen oder 
wirtschaftlichen Gruppen in politische Entscheidungen. Der (faschistische) autoritäre 
Korporatismus ist Bestandteil einer Gleichschaltung, die der Gesellschaft die 
Vielfältigkeit (Pluralismus). entziehen will. Die Tarifeinheit beispielsweise, ist 
eindeutig als staatlich getragener Zwang gegenüber anderen (Basis-)GewerkschafterInnen zu 
verstehen und somit klar dem autoritären Korporatismus zuzuordnen. Auch gerne als 
,,deutsches Modell" als spezifische Form der Wirtschafts-und Gewerkschaftsstruktur bezeichnet.

[8/9] vgl. Dribbusch, Heiner: Tarifkonkurrenz als gewerkschaftspolitische Herausforderung: 
ein Beitrag zur Debatte um die Tarifeinheit. WSI, 2010.

www.econstor.eu/obitstream/10419/50481/1/636617378.pdf

[10] Gilt wenn mehrere Tarifverträge auf ein Arbeitsverhältnis anwendbar sind und bei 
Regelung von gleichem Sachgebiet (vgl. Däubler, Wolfgang: Das Arbeitsrecht 1, Hamburg 2006)

[11] Wenn mehrere Tarifverträge im betrieblich überschneidenden Geltungsbereich gelten (ebd.)

[12] Dribbusch, 2010, S.7

[13] In: Blätter für deutsche und internationale Politik, 1/2014

[14] International Labour Organization, UN-Organisation

[15] vgl. Felix Langhammer: ,,Tarifbindung in deutschen Unternehmen deutlich gesunken". 
In: neues deutschland: 
www.neues-deutschland.de/artikel/915294.tarifbindung-in-deutschen-unternehmen-deutlich-gesunken.html

[16] vgl. Bernhard Ebbinghaus und Claudia Göbel: ,,Mitgliederrückgang und 
Organisationsstrategien deutscher Gewerkschaften". In: Handbuch Gewerkschaften in 
Deutschland, Wiesbaden, 2014, S.207-239

[17] vgl. Dribbusch, 2010

[18] Informationen zu der Veranstaltung über: www.fau.org/artikel/art_120105-183341

[19] Gespräche mit Herbert Marcuse, Frankfurt 1996, S.60

[20] Als ,,Fordismus" wird die typische Organisationsform von Arbeit und Kapital ab dem 
Ende des Ersten Weltkriegs verstanden. Der Begriff beschreibt ausgehend von marxistischen 
Positionen (u.a. Gramsci) die Entstehung des sogenannten Wohlfahrtsstaats anstelle des 
krisenhaften Zusammenbruchs des Kapitalismus. Kennzeichen sind zum einen Formen der 
Massenproduktion wie Fließbandarbeit (Bezug auf Henry Ford) sowie der 
,,Sozialpartnerschaft" zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten. Dessen Ende markiert der 
Eintritt in die ,,Post-fordistische" Phase ab den 1970er Jahren mit dem Einbruch des 
Bruttoinlandsprodukts und dem beginnenden Umbruch der Industriegesellschaft in eine 
Dienstleistungsgesellschaft.

[21] Errico Malatesta et al.: Anarchismus und Syndikalismus, Berlin 1978, S.42

[22] vgl. ebd., S.43

[23] vgl. DA 222; José Luis Carretero Miramar: Auf die Zukunft setzen! Perspektiven für 
eine selbstverwaltete Wirtschaft


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