(de) FAU-IAA - Direct Action #223 - Migration in die Entfremdung
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Mon Jun 16 19:18:40 CEST 2014
Der finnische Graphic-Novel Autor Ville Tietäväinen im Gespräch über sein Buch
"Unsichtbare Hände" ---- Autor und Zeichner Ville Tietäväinen ---- Lieber Ville, Dein Buch
beschreibt eine Migrationsgeschichte aus Marokko nach Spanien, und zwar mittels eines
starken Fokus auf die emotionale und psychische Innenwelt der Hauptfigur. Wie bist Du bei
der Arbeit vorgegangen? ---- Zuerst habe ich mich eine Weile abstrakt in Finnland mit dem
Thema beschäftigt, also Artikel in finnischen Zeitungen gesucht und mich mit
gewerkschaftlich oder anderweitig aktiven Menschen getroffen. Der maßgebliche Türöffner
für die konkretere Recherche und Arbeit an "Unsichtbare Hände" war schließlich Marko
Juntunen, ein finnischer Sozialwissenschaftler und Publizist. Er hatte sich speziell mit
den verschiedenen Aspekten der Migration aus Nordafrika beschäftigt, also auch mit der
familiären und kulturellen Ausgangslage in den Heimatorten der Menschen. Juntunen machte
mir klar, dass ich selbst dorthin reisen musste. Ich wollte die Figuren meiner Geschichte
ja nicht als bloße Objekte europäischer Migrations- und Wirtschaftspolitik beschreiben,
sondern Verhältnisse wie Einsamkeit, Hoffnung, Angst, Verzweiflung, Wut tatsächlich aus
einer nachvollziehbaren Perspektive darstellen. Juntunen hat mich auch als Übersetzter und
Kontaktmann nach Marokko begleitet. Das war der Auftakt für die nähere Arbeit an dem Buch.
Was ist Dir in Marokko begegnet?
In den Dörfern, die wir besuchten, zeigte sich, dass wirklich jede Familie eine
Migrationsgeschichte in die EU hatte - entweder waren einige selbst dort schon gewesen und
waren ausgewiesen worden oder Familienangehörige waren gerade dort - und es gab auch die
Geschichten von Todesfällen beim Versuch, in die EU zu gelangen. Das Ausmaß des Themas
Arbeitsmigration in die EU für die marokkanische Gesellschaft ist mir dort erst richtig
klar geworden. Noch wichtiger für die Entstehung des Buches aber war, dass uns die
Familien an ihrem von Traditionen stark beeinflussten Leben und an ihrer Spiritualität,
die ich von bloßer Religiosität unterscheiden würde, teilhaben ließen. Auf dieser Basis
habe ich versucht, mir die unendlich vielen und tiefen Konflikte zu erschließen, die die
Menschen in ihrem Innersten austragen müssen, wenn sie aus dem Rhythmus des engen
kollektiven Lebens in ihrer Heimat austreten und unter schwersten Bedingungen versuchen,
sich ganz allein in Europa zu behaupten. Das erforderte eine lange ständige
Auseinandersetzung, immerhin bin ich selbst so gut wie gar nicht religiös und überhaupt
nicht spirituell sozialisiert worden.
Wasserleiche
Du hast dann den Weg, den Rashid, der Protagonist des Buches, nimmt, selbst abgeschritten.
2005 und 2006 bin ich nach Almeria in Spanien gereist und habe dort innerhalb der
Maghreb-Community recherchiert. Dort wird ein Großteil des Gemüses und des Obstes, das in
den Supermärkten der EU zu Schleuderpreisen verkauft wird, produziert. Dabei habe ich
nicht nur die Arbeitsbedingungen in den Gewächshäusern dokumentiert, also das unglaublich
harte Schuften in der unerträglichen Hitze, die miserable Bezahlung der Papierlosen, denen
ihr Lohn häufig genug ganz vorenthalten wird.
Gurkenernte
Ich habe auch erleben müssen, wie die Behörden die Situation der Menschen noch weiter
verschlechterten, indem sie ihre Unterkünfte räumten und ihnen jede Möglichkeit auf
Kollektivität und Organisierung nahmen - wodurch sie zum einen den BetreiberInnen der
Gewächshäuser noch schutzloser ausgeliefert waren, zum anderen sich aber ihre psychische
Verfassung dramatisch verschlechterte. Sie lebten als Obdachlose oder in kaputten
Gewächshäusern, irgendwo auf den Feldern weit weg von den Ortschaften. Bei meinem ersten
Besuch waren die Menschen, die wir trafen, noch einigermaßen offen, uns ihre Geschichten
zu erzählen - doch mit zunehmender Repression seitens des spanischen Staates merkten wir,
wie nicht nur das Misstrauen uns gegenüber zunahm, sondern die betroffenen Menschen
allgemein immer weniger überhaupt kontaktfähig waren. Obwohl ich durch meine Recherche
natürlich auf vieles vorbereitet war, war das die niederschmetterndste Erfahrung: Wie
diese Menschen, die für ihre Familien und für ein besseres Leben das Wagnis Europa
eingegangen waren, durch das Verhalten der Unternehmen und des Staates von ihrer
Menschlichkeit entfremdet wurden.
Razzia
Das Buch endet in Barcelona ...
Genau, die Stadt erschien mir für das Finale prädestiniert, und tatsächlich ist sie für
viele Menschen, die es in den Gewächshäusern nicht mehr aushalten oder von dort vertrieben
werden, die letzte Chance, oder wie im Fall von Rashid die letzte Station. In Barcelona
lässt sich die Präsenz der Papierlosen, der Illegalisierten nicht kaschieren, die Stadt
ist maßgeblich von dieser Situation geprägt. An vielen Orten findet ein notdürftiges
Squatting statt, nicht von jungen linken Aktivistinnen und Aktivisten, sondern von
Papierlosen, die sich zufällig zusammenfinden. Ihre Lage verdammt sie dazu, jede
Möglichkeit zum Geldverdienen wahrzunehmen, sei sie noch so prekär und noch so gefährlich.
Sie bilden eine urbane Unterschicht im Schwebezustand, zwischen Aufbruch, Vertreibung,
Verteidigung und Aufgabe. Sowohl in der Person Rashids wie auch seinem Ende, das auf
höchst zynische Weise auch als ein "Gutes" gesehen werden kann, habe ich diese
verschiedenen Verhältnisse und die vielen Biographien, denen ich in den insgesamt sieben
Jahren der Arbeit an "Unsichtbare Hände" begegnet bin, zu verdichten versucht.
Lieber Ville, vielen Dank für dieses Interview
Marcus Munzlinger
Siehe auch die Kurzrezension zum Graphic Novel "Unsichtbare Hände".
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