(de) FdA/IFA Gai Dào #42 - Wanderarbeiter und italienische Anarchisten im Osmanischen Reich (1870-1912) - Cemal Selbuz

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Mon Jun 16 19:18:18 CEST 2014


Anm. der Redaktion: Migration wir in Europa fast ausschließlich als Migration aus dem 
"armen Süden in den reichen Norden" gedacht. Dabei spielt es fast keine Rolle ob eine 
innereuropäische oder eine über Europa hinausragende Migration gedacht wird. Tatsache ist 
aber, das es auch immer eine Migration aus Europa heraus gegeben hat. Oft war dies eine 
"Armutsmigration" und nicht selten eine politische Flucht-Migration. Cemal Selbuz 
beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit der Migration italienischer Anarchist*innen in das 
Osmanische Reich. Wir veröffentlichen diesen Aufsatz in drei Teilen. In späteren Ausgaben 
folgen die Teile 2 ("Workers and anarchists of the world" & Alexandria, Hochburg des 
Anarchismus) und 3 (Italienische Anarchisten in Konstantinopel).

Der Wirtschafskrise der Jahre 1845-1848 und die folgenden politischen
Aufstände und Kriege veranlasste viele, West-und Mitteleuropa zu
verlassen. In einer zweiten Welle der Arbeitsmigration zwischen 1870
und 1890 strömten Arbeiter aus dem Balkan, Italien und Spanien nach
Ägypten, Nordafrika und Anatolien. Obwohl die über hundertjährige
Arbeitermigration nicht nur in eine Richtung ablief, wird im 19. und
frühen 20. Jahrhundert die Geschichte der Migration meistens von Sü-
den nach Norden beschrieben. Wohingegen eine bedeutende Anzahl
von Arbeitern, politischen Exilanten und Anarchisten aus West- und
Mitteleuropa nach dem östlichen Mittelmeerraum, vor allem in die gro-
ßen osmanischen Städte wie Saloniki, Izmir und Konstantinopel bzw.
Istanbul, wanderten (1907 gab es im osmanischen Reich 35.000 Wan-
derarbeiter aus Italien und Deutschland). 1 Große Teile dieser Arbeiter
wurden in den großen Infrastrukturprojekten wie Häfen, Bergbau und
dem Bau von Eisenbahnlinien eingesetzt. Die, meistens aus dem In-
dustriearbeitermilieu stammenden, Arbeiter standen an der Spitze bei
der Mobilisierung ihrer Kollegen für kollektives Handeln, Streiks, aber
auch beim Verfassen von Aufsätzen und Berichten für Zeitungen - und
die manifeste Förderung der sozialistischen, anarchistischen und anar-
chosyndikalistischen Ideen.

Streiks und Arbeiterorganisationen in Konstantinopel

Die ersten umfassenden Protestbewegungen von Arbeitern im osma-
nischen Reich, die vom Staat massiv unterdrückt wurden, waren die
Maschinenstürmer. Im Jahre 1839 rebellierten ArbeiterInnen der Dobri-
jokeolov-Werke in Slevne gegen die neuen Maschinen, die in die Fabrik
gebracht wurden, denn sie dachten, dass sie ihren Job verlieren würden.
1851 versuchte eine Textilarbeiterin bei Samakov, einen mechanischen
Textilkamm zu brechen und hörte erst damit auf, nachdem ihr verspro-
chen wurde, dass der Kamm nie wieder verwendet würde. Im Jahr 1861
wurde eine Fabrik in Bursa verbrannt, weil sie angeblich auf einem
Friedhof aufgebaut worden war. Im April 1873, als eine Reihe von Sub-
unternehmern auf dem Bau der Eisenbahn Izmit-Haydarpasa Beschäf-
tigte entließ, zerstörten diese mehrere Bahnwaggons. 2

Der erste Streik wurde im Jahr 1863 im Kohlenbergbau in Eregli organi-
siert. Im Jahr 1872 traten Werfarbeiter, die fast alle aus England geholt
worden waren, in einem eintägigen Streik (Die religiöse Zusammen-
setzung der Belegschafen variierte von einer Gruppe der Spezialisten
zur anderen, in den meisten Fällen waren Menschen mit verschiedenen
Religionen in einem einzigen Beruf vertreten). Kurz nach dem Werf-
arbeiterstreik streikten die Telegramm-Arbeiter. Im April kam es unter
den Eisenbahnern der Linie Haydarpasa-Izmit zum Streik. In der Tat
spielten die Wanderarbeiter im osmanischen Reich bei Streiks und bei
der Gründung von Arbeiterorganisationen eine führende Rolle. 3 Ilham
Khuri-Makdisi schreibt über die Vielzahl der Faktoren, die hinter der
Militanz der Wanderarbeiter standen:

"Erstens ihre Verbindung zu internationalistischen Bewegungen und
Netzwerken wie der zweiten sozialistischen Internationale und anarchis-
tischen Netzwerken. Zweitens die Verbindung zwischen Migration und
Arbeitslosigkeit. Drittens ihr privilegierter Zugang zu Informationen;
und viertens die besondere Beziehung zwischen Immigranten und immi-
grierten Intellektuellen." 4

Die organisatorische Erfahrung ausländischer Arbeiter hat dabei eine
so große Rolle gespielt, dass sie 1908 die Orientbahn und die Anatolische
Bahn lahmlegten. Die Arbeiter aus Italien und Deutschland versuchten
zum ersten Mal in der Tabakfabrik Cibali Reji, deren Belegschaf als
kämpferische Avantgarde der ArbeiterInnenklasse in Istanbul bekannt
war, einen Streik zu organisieren. Die Zigarettenindustrie im ganzen
Osmanischen Reich rund um das Mittelmeer war eine Kultur der Ar-
beiterkämpfe. Tatsächlich waren die Tabakarbeiter überall in großen
osmanischen Städten wie in Kairo, Saloniki und Istanbul die Avantgar-
de der Klassenkämpfe und aktive Kämpfer in verschiedenen anarchisti-
schen und sozialistischen Bewegungen. Auch in den Textilfabriken und
beim Bau der Bahnlinien hatten vor allem italienische Wanderarbeiter
eine führende Rolle bei der "Germanisierung" von Streiks.

Im osmanischen Reich waren neben italienischen, deutschen und engli-
schen auch französische, österreichische, serbische und persische Arbei-
ter beschäfigt, die sich ebenfalls an den Streiks beteiligten. Zu dieser
Zeit wurden für die Industrie, die sich rasch entwickelte, viele Arbei-
ter und Experten ins Land geholt, meistens aus England, Deutschland,
Frankreich und Italien. Vor allem die Wanderarbeiter der Haydarpasa-
Izmit Bahnlinie traten mit den einheimischen Arbeiter zusammen in
den Streik. Bei diesen Streiks hatten die Kämpfe der Wanderarbeiter
große Auswirkung auf die lokalen Arbeiter. Im Jahr 1873 streikten hun-
derte Wanderarbeiter und Einheimische auf der Kas?mpasa-Werf zu-
sammen eine Wochen lang. Erst im Jahr 1875 erreichte die Anzahl der
Streikenden die Tausend. 5

1876 war ein Jahr der Arbeiterkämpfe im Herzen des osmanischen
Reiches. Allein in Istanbul streikten die unterschiedlich ethnischen
Arbeiter in den Textil- und Munitionsfabriken, bei der Straßenbahn
und Eisenbahnen. Während der Streiks haben Arbeiter auch Massen-
demonstrationen und Kundgebungen durchgeführt. Die Textilarbeiter
in Izmir haben im osmanischen Reich das erste Organisationskomitee
gebildet (o.g.) Auch im Jahr 1877 haben sich Tausende von Arbeitern an
der Streikwelle beteiligt. Die ab 1878 zunehmende Repression des Staa-
tes hat dann den Kampf der Arbeiter massiv eingeschränkt, weshalb
diese in den folgenden Jahren nur selten in den Streik traten.

Nach etlichen harten Jahren und dem Angriff des Sultans auf die Ar-
beiterklasse, ist im Jahr 1902 ein rasanter Anstieg der Kampfust der
Arbeiter zu verzeichnen. Die Arbeiterbewegung wurde zunehmend ra-
dikaler. Die durch einen Staatsstreich 1908 eingeführte konstitutionelle
Monarchie auf populärer Basis (die zweite osmanischen Verfassungspe-
riode) und ein weiterer Industrialisierungsschub führten zu einer neu-
en Streikwelle. Von Juli bis Dezember 1908 zählte man 143 Streiks mit
100.000 Beteiligten. 6

Bei dieser Streikwelle spielten Eisenbahn-Arbeiter, Werfarbeiter und
Tabakarbeiter eine zentrale Rolle. Die Hälfe der Streiks des Jahres 1908
fand in den beiden großen osmanischen Städten Istanbul und Saloniki
statt.

"Zwischen 1870-1908 zählte man rund 50 Streiks; ab 1902, mit den neuen
sozialen Kämpfen der Arbeiter, ist die Streikwelle um ein Vielfaches ge-
stiegen. Kurz nach der Jungtürkischen Revolution (1908) beteiligten sich
- vor allem in Istanbul, Thessaloniki und Izmir - etwa 100.000 Arbeiter." 7

1908 hat eine doppelte Bedeutung für die Historiker der Arbeiterbewe-
gung. Erstens: die einsetzende Pressefreiheit bietet Informationen über
Arbeiter-Prozessionen, -Petitionen und -Perspektiven, die vorher ein-
fach nicht in den offiziellen Dokumenten zu finden waren. Die Zeitun-
gen konnten auch Ankündigungen der Organisationstreffen der Arbei-
ter publizieren sowie über Demonstrationen und Proteste berichten. Die
zweite Bedeutung des Juli 1908: Osmanische (und ausländische) Arbeiter
hatten die revolutionäre Losung beim Wort genommen, dass "Freiheit"
das Recht enthält, sich zu organisieren und zu streiken. Daher sind in die-
sen Monaten zahlreiche Gewerkschafen und Syndikate gegründet wur-
den. Je mehr die Arbeiter für ihre Rechte radikale Kämpfe führten, desto
brutaler wurde der Staat: Bei einem Streik auf der Ayd?n-Bahn wurde bei
Auseinandersetzungen mit dem Militär ein Arbeiter getötet, und meh-
rere wurden verletzt. Während der Streiks in den Kohlebergwerken in
Eregli hatten Arbeiter mehrere Lokomotiven zerstört; später wurden sie
durch vom Staat unterstützte Streikbrecher zusammengeschlagen.

In der Arbeiterbewegung und ihren Organisationen haben nicht nur
die Wanderarbeiter, sondern auch ethnische Volksgruppen wie Arme-
nier, Griechen und Bulgaren eine große Rolle gespielt. Vor 1908 war die
Gewerkschafsbewegung sehr schwach, fast nicht existent. Die ersten
Organisationen, die von den Wanderarbeitern in Istanbul und einigen
nicht-muslimischen, bürgerlichen, osmanischen Intellektuellen gegrün-
det wurden, waren Hilfsgesellschafen wie der italienische Arbeiter-
Verein (1866, La Societa Italiana Operaia), die Freunde der Arbeit (1866,
Amis du Travail); die Vereinigung Omenia, ein Wohlfahrtsverein für
alle sozial bedürfigen Menschen, wurde 1866 von den griechischen
Arbeitern gegründet, schließlich 1871 die Arbeiterwohltätigkeitsgesell-
schaf (Amele Perver). 8

Angesichts der sich immer weiter verschlechternden Arbeitsbedin-
gungen zum Ende des 19. Jahrhunderts hin, haben die italienischen
Wanderarbeiter im Jahre 1882 den ersten Wanderarbeiter-Verein in
Konstantinopel gegründet. Der Verein vertrat ihre Forderungen nach
sozialen Verbesserungen. Nach dem Vorbild des italienischen Arbeiter-
vereins wurden von den Wanderarbeitern in verschiedenen Betrieben
Arbeitervereine gegründet, etwa auf etlichen Bahnhöfen der Rumeli
Eisenbahngesellschaf. Der Arbeiterverein des Yedikule-Bahnhofs,
Kardeslik (Bruderschaf), hatte beispielsweise 103 Mitglieder. 9 Bis 1900
wurden sowohl von Wanderarbeitern, als auch von Einheimischen ver-
schiedene Arbeitervereine gegründet.

Im Jahre 1895 fand die Gründung der ersten gewerkschaflichen Ar-
beiterorganisation, Osmanl? Amele Cemiyeti (Osmanischer Arbeiterver-
ein), statt. Diese Organisation wurde nach einem Jahr verboten, und
einige ihrer Mitbegründer wurde verhafet oder fohen ins Ausland.
Sechs Jahre später, 1901, entstand in Kavala als gewerkschafliche Orga-
nisation Tütün Amelesi Saadet Cemiyeti, um die schlechten Lebens- und
Arbeitsbedingungen der wachsenden Zahl der Industriearbeiter zu ver-
bessern. An den 1905 von der Vereinigung ausgerufenen Streiks haben
sich 10.000 Tabakarbeiter beteiligt und eine große Wirkung erzielt. 10
Die erste gewerkschafliche Vereinigung der Bahnarbeiter wurde 1907
auf der Yanbolu - Sar?mbey Linie der Orientbahn gegründet. Kurz da-
nach (1908) haben die Bergarbeiter gewerkschaflich kämpfende Vereine
gegründet. Die Arbeiterbewegung entwickelte sich im Laufe der Verfas-
sungsperiode 1908 deutlicher, die Arbeiter streikten öfer und radikaler,
und fast in jeder Branche wurden gewerkschafliche und kämpfende
Organisationen ins Leben gerufen.

Nach den großen Streikwellen und der organisatorischen Tätigkeit
der Wanderarbeiter, wurden diese Zielscheiben der osmanischen Si-
cherheitskräfe. Sie wurden erst als Streikbrecher gegen Einheimische
ausgespielt, und schließlich wurden politisch aktive Wanderarbeiter für
jede Organisation und jeden Streik verantwortlich gemacht. Sultan Ab-
dulhamid II. wollte 1891 jeglichen Kontakt der, für den Bau der Bahn-
linie zwischen Thessaloniki und Monstra aus Italien geholten, Arbeiter
zu dem Verein, der 1882 von italienischen Wanderbreitern gegründet
worden war, verhindern. Auch Polizeichef Sami Pascha hat, aufgrund
des anatolischen Eisenbahner-Streiks (1909), die Wanderarbeiter mehr-
mals vor ernsthafen Konsequenzen gewarnt und darauf hingewiesen,
dass sie in diesem Land Gastarbeiter sind; wenn sie ihre politische Ak-
tivitäten weiterhin führen würden, würden sie ihr Gastrecht verlieren.

"Die erste Ausweisung von Wanderarbeitern fand im Steinkohlebergbau
in Zonguldak statt. Aufgrund der anarchistischen Ideen, die sie verfoch-
ten hatten, wurden drei spanische Bauarbeiter im September 1907 aus
dem Land gewiesen." 11

die Weigerung von bäuerlich geprägten Männern, für niedrige Löhne ,Frauenar-
beit' in den Seidenspinnfabriken zu leisten, sorgte für die Emigration von einigen
100.000 hauptsächlich christlichen Männern zwischen 1884 und dem 1. Weltkrieg.
vielleicht nochmal 100.000 Bauern aus dem großsyrischen Raum emigrierten in
die beiden Amerikas seit den 1880er Jahren bis zur Einführung des US Immig-
Nicht nur für aktive Arbeiter, für alle Wanderarbeiter wurden ab 1911
die Arbeitsbedingungen durch neue Gesetze extrem erschwert und
massenweise vor allem italienische Arbeiter entlassen. Aufgrund der
"Tripolis Frage" 12 sollten die Arbeiter des feindlichen Staates nicht in
strategisch wichtigen Betrieben angestellt werden. Daraufhin wurden
alle italienische Arbeiter in den Krankenhäuser, den osmanischen Hä-
fen und bei den Damaskus-, Hamma- und Bagdad-Bahnlinien entlas-
sen. Ein Jahr später - diesmal aufgrund des Balkan-Krieges 13 - wurden
österreichische, serbische, bulgarische und griechische Arbeiter entlas-
sen und dazu gezwungen, das Land zu verlassen.

Es besteht kein Zweifel, dass die Ausbreitung der modernen kapita-
listischen Strukturen, der Taktiken und des Wortschatzes der euro-
päischen Arbeiterbewegungen zur Entstehung der osmanischen Ar-
beiterbewegung, zum Selbstverständnis der Arbeiter, ihrer Ziele und
Organisationsstrategien beigetragen und sie mitgestaltet hat. Aber
auch die Erfahrung der Handwerker ist ein wesentlicher Bestandteil der
Geschichte der Klassenpolitik. Sie spielten eine führende Rolle in der
frühen osmanischen Arbeitsgeschichte. Deshalb liegen die Wurzeln der
osmanischen Arbeiterbewegung nicht nur in Europa. Ebenso wie die
Gesellschaf ist auch die Geschichte der modernen Arbeiterbewegungen
im Nahen Osten komplexer und vielschichtiger, als bisher angenommen
wurde.

Autor: Cemal Selbuz (Dank an Peter Teichert Köster für das Lektorat dieses Beitrags)

Endnoten

[1] Gleichzeitig gab es auch eine Emigrationsbewegung aus dem Nahen und Mitt-
leren Osten: "Die sinkende Profitabilität der Libanesischen Seide nach 1907 und
die Weigerung von bäuerlich geprägten Männern, für niedrige Löhne ,Frauenar-
beit' in den Seidenspinnfabriken zu leisten, sorgte für die Emigration von einigen
100.000 hauptsächlich christlichen Männern zwischen 1884 und dem 1. Weltkrieg.
vielleicht nochmal 100.000 Bauern aus dem großsyrischen Raum emigrierten in
die beiden Amerikas seit den 1880er Jahren bis zur Einführung des US Immig-
ration Act [Einwanderungsgesetz] von 1921. Parallele Prozesse ließen iranische
Arbeiter nach Russland einwandern; ihre Zahl erreichte mit 275.000 im Jahr 1913
ihren Höhepunkt. Etwa 10.000 algerische Berber suchten legal zwischen 1906 und
1914 Arbeit in Frankreich; sehr viele mehr wanderten illegal ein. ... Während des
1. Weltkriegs wurden beinahe 120.000 Algerier angeworben, um in der französi-
schen Industrie zu arbeiten." (Beinin 2001, S. 73)
[2] Karak?sla 1998
[3] K?rp?k 2004
[4] Khuri-Makdisi 2010, S. 149
[5] STMA 1988
[6] Y?ld?r?m 2012
[7] Khuri-Makdisi 2010, S. 135
[8] Karak?sla 1998
[9] Y?ld?r?m 2013
[10] ebenda
[11] K?rp?k 2004
[12] gemeint ist der Italienisch-Türkische Krieg 1911/12, den Italien zur Ablen-
kung von inneren sozialen Problemen und Spannungen angezettelt hatte. Italien
forderte 1911 die Abtretung der osmanischen Provinzen Tripolitanien, Dodekanes
und Cyrenaika (das heutige Libyen) und hatte, nachdem die türkische Regierung
dies verweigerte, dem Osmanischen Reich am 29. September den Krieg erklärt.
Das Osmanische Reich wurde geschlagen und musste im Vertrag von Ouchy die
Annektion der libyschen Provinzen durch Italien akzeptieren. Die Bevölkerung
der neuen italienischen Kolonie führte einen zähen Guerillakrieg gegen die Be-
satzer, den diese mit Massakern unter der Zivilbevölkerung beantworteten, ohne
eine Entscheidung erzwingen zu können. Erst der italienische Faschismus unter
Benito Mussolini konnte in einem zehnjährigen Krieg, unter Einsatz von Giftgas
und der Deportation von 100.000 Menschen in Konzentrationslager in der Wüste
(von denen etwa die Hälfte umkam), die Kolonie 1932 ,befrieden'.
[13] Die militärische Schwäche des Osmanischen Reiches, die durch den Krieg mit
Italien (s.o.) offenbar geworden war, veranlasste eine Koalition der Balkan-Staaten
Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland, die Türkei anzugreifen und
sie aus dem Balkan zu vertreiben (1. Balkankrieg, Oktober 1912 - Mai 1913); die
Verteilung der Beute führte zum Krieg zwischen Bulgarien einerseits und Serbien
und Griechenland andererseits; letzteren schlossen sich noch Rumänien und das
Osmanische Reich an. Bulgarien verlor durch den Krieg fast sämtliche Eroberun-
gen des ersten Balkankrieges, während das Osmanische Reich die Gebiete zu-
rückerobern konnte, die bis heute die europäische Türkei bilden (2. Balkankrieg,
Juni - August 1913).


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