(de) FAU-IAA - Direct Action #223 - Widerstand in der Kontrollgesellschaft -- Mehr als ein Denkanstoß

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Sun Jun 15 13:26:00 CEST 2014


Kybernetik? Da war doch was. Hat das noch Bedeutung? Ja. Denn abgesehen davon, was in der 
Populärkultur übriggeblieben ist - Cyberspace und in metallene Pin-Ups umgedeutete Cyborgs 
- , hat die Folgeideologie uns in eine Kontrollgesellschaft katapultiert, die an digitale 
Revolutionen und Kommerz-DIY glaubt. ---- Hans-Christian Dany hat darüber schreibend 
nachgedacht und beleuchtet, wie jede Protestform erfolgreich in das System integriert wird 
und sich alle irgendwie beteiligt fühlen, ohne es zu sein. ---- Dabei beginnt er mit 
seinem Urgroßvater, einem der Erfinder der reformierten Jugendgefängnisse. Sein 
Wirkungsort war die Jugendstrafvollzuganstalt auf der Insel vor Hamburg, auf der auch Lenz 
"Deutschstunde" beginnt. Dort probte man ein Konzept der offenen Kontrolle. Damit war man 
1920 seiner Zeit weit voraus.

Die Kybernetik, "die Wissenschaft, die sich mit dem System der Steuerung in Lebewesen und 
Maschinen beschäftigt", wurde später aus der Taufe gehoben: In den 1940er Jahren, als 
Norbert Wiener für die US-Armee versuchte, das Verhalten feindlicher Waffensysteme 
vorherzubestimmen. Andere Bereiche folgten. Hier ist ein Verständnis von 
Kommunikationsmodellen nützlich. Denn für die Kybernetik und Danys Argumentation spielt 
das ,Rauschen' zwischen ,SenderIn' und ,EmpfängerIn' immer wieder eine Rolle. Dieses 
Rauschen möchte man am liebsten ausschalten, zum Beispiel durch zeitige "Anpassung an 
gegebene Zeichenvorräte" im Spiel. "Verbinden sich die spielenden Kinder unter Verzicht 
auf das Erfinden von Abweichungen mit den abgesteckten Zeichenvorräten, werden sie durch 
Erreichen eines Ziels belohnt: Muster setzen sich zu vollständigen Bildern zusammen." 
Sonst folgt der "Stillstand der spielenden Bewegung".

Allerdings verfolgten die wissenschaftlich interdisziplinär arbeitenden KybernetikerInnen 
nicht das Ziel sozialer Kontrolle. Ihr Gegenstand verselbständigte sich eher.

Begriffe wie ,Feedback' gelangten über die Psychologie in Therapiegruppen, WG-Küchen und 
in das Social-Engineering der Management-Theorie. Eine Auswirkung auf Zwischenmenschliches 
umreißt Dany so: "Der Psychohygiene einer vom kybernetischen Jargon der Gruppendynamik 
erfassten Alltagssprache gelingt es, die rauschbehaftete Liebe durch die besser fassbare 
Beziehung zu ersetzen." Und schließt sogleich an: "Das Feedback wiederum wird zu einem 
zentralen Werkzeug, mit dem zwischen Kindergarten, Schule, Arbeit und Verbrauch das Leben 
umfassend reguliert wird."

Doch in Bezug auf die Wirtschaftswissenschaften lasse sich das Dargestellte auch 
antikapitalistisch umdeuten. Anfang der 1970er wurde dies unter Allende in Chile versucht, 
weil man sich "dezentralisierende wie entbürokratisierende Effekte und eine verbesserte 
Mitbestimmung der ArbeiterInnen" erhoffte.

Im Kapitalismus wurden Steuerungskonzepte zunehmend unpopulär. Die Kybernetik "wird immer 
öfter als gewaltsame Programmierung von Mensch und Natur wahrgenommen". Doch erfährt sie 
ein Nachleben "in der [...] Lehre des Radikalen Konstruktivismus."

An die Stelle der Herrschaft tritt die Heterarchie - und wird zur zentralen Methode. "Die 
unsichtbare Hand hört aber nicht auf, OrganisatorIn zu sein, genau so wenig, wie sich 
[das] Unternehmen in ein unabhängiges und offenes System verwandelt [...]." Angestellte 
"sollen ihre Selbstführung [...] für die Interessen des Unternehmens mobilisier[en]". An 
der Verteilung der Produktionsmittel ändert sich nichts. Indes wird die 
Kontrollgesellschaft von der Illusion der Selbstverantwortung und der Teilhabe stabilisiert.

INZWISCHEN IST DIE KONTROLLGESELLSCHAFT IN EINER PHASE DER ERMÜDUNG ANGEKOMMEN.
Neoliberale Bottom-up-Projekte sollen Abhilfe schaffen. "Eine allgegenwärtige 
Unzufriedenheit wird mit kybernetischen Management-Techniken auf Spezialfragen gelenkt und 
anschließend in Projekten so lange moderiert, eingekreist und evaluiert, bis jede Hoffnung 
oder Wut der BürgerInnen vom leeren Licht der Transparenz überstrahlt wird. [...] Ein 
Bahnhof wird ein bisschen anders gebaut oder ein Haus gelb gestrichen. Die TeilhaberInnen 
erleben sich in kleinen Schritten als gescheitert und bezichtigen sich der Schuld am 
Malheur des im Prozess Heruntergekochten. Was als artikuliertes Unbehagen begann, verläuft 
sich in kreisförmiger Frustration." Das Putschmittel, das die müden PatientInnen wieder 
munter machen soll, heißt Konflikt, "damit die Systeme nicht zum Stillstand kommen." 
Störungen werden zugelassen. Denn der Kapitalismus "droht an seiner Absicherung durch die 
Abweisung, Vernichtung und die einbindende Umdeutung von allem, was seinen 
Systemprinzipien zuwiderläuft, zu ersticken."

Dany schließt praktische Überlegungen an: "Das Nachinnovative, von seiner eigenen 
Kontrolle besessene System [schnürt sich] selbst die Luft ab. Vielleicht kann ihm dabei 
geholfen werden?"

Verschiedene widerständige Ansätze werden von Dany diskutiert und mit eigenen Einsichten 
verknüpft. Wirklich durchschlagend könne sich nur eine Totalverweigerung auswirken, indem 
man zum Idioten im eigentlichen Sinne werde und sich aus dem öffentlichen Raum ausklinke. 
So werden Menschen nicht zu nützlichen "GebrauchsidiotInnen, sondern [zu] welche[n], die 
wirklich nicht zu gebrauchen sind" und genießen - aus dem Raster gefallen - ihre Freiheit 
in "idiotische[r] Asozialität".

Danys Werk ist kein Buch, das sich einfach nebenbei lesen lässt, aber das lohnendste Buch 
der letzten Jahre, wenn man es an den persönlichen Einsichten misst, die zu einem ganz 
neuen Verständnis und neuen Fragen führen.

Mareike Katchourovskaja

Hans-Christian Dany, Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft. Hamburg, 
Edition Nautilus, 2013, S. 128, 12 Euro
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FAU-IAA - Direct Action #223 - Von Dienstbotinnen, Bufdis und Herdprämien -- Die 
Ökonomisierung der Care-Arbeit und die politischen Folgen


"Der Begriff Care-Ökonomie bezieht sich auf alle bezahlt und unbezahlt geleisteten 
Tätigkeiten, bei denen Menschen für andere sorgen oder für die alltägliche Versorgung 
anderer Menschen zuständig sind. Diese Tätigkeiten beziehen sich auf die Umwandlung von 
standardisierten und industrialisierten Gütern und Dienstleistungen für einen den 
unterschiedlichsten Bedürfnissen angepassten täglichen Verbrauch innerhalb und außerhalb 
des Haushalts, auf das Aufziehen von Kindern, auf die Pflege von Menschen und andere 
Formen von Beziehungsarbeit. All diese Arbeiten und die Art und Weise, wie sie getan 
werden, machen einen wesentlichen Teil des Lebensstandards einer Gesellschaft aus", so die 
Schweizer Feministin Mascha Madörin.1 ---- Care-Arbeit wird in der Zukunft weiter 
zunehmen, denn nicht nur der demografische Wandel und die "zunehmende Erwerbsbeteiligung" 
der Frauen führen dazu, dass auf die früher für diese Arbeiten zuständigen Hausfrauen 
nicht mehr einfach unentgeltlich zurückgegriffen werden kann. Zudem werden auch die 
Problemlagen und damit die Zahl derjenigen, die der Hilfe bedürfen, angesichts der 
aktuellen globalen Krisen und dem damit verbundenen Abbau des Sozialstaats zunehmen. Neue 
DienstbotInnenmodelle, Freiwilligenarbeit und das Betreuungsgeld verdeutlichen die 
Problematik des neoliberalen Umbaus.

DIE RÜCKKEHR DER DIENSTBOTINNEN

Care-Arbeit im Haushalt wird weit überwiegend unbezahlt durch Frauen geleistet. Wo für 
solche Arbeiten bezahlt wird, handelt es sich oft um DienstbotInnenmodelle, durch die 
weiße deutsche Frauen auf Kosten von Frauen, die illegalisiert leben oder/und aus den 
armen Ländern der Welt kommen, begünstigt werden. Das ist eine schlechte Lösung des 
Problems. Care-Arbeit bleibt privat, wird aber kommerzialisiert und verwandelt sich zu 
einer äußerst schlecht bezahlten Ware, die man auf dem Dienstleistungsmarkt "einkaufen" 
kann. Das führt nicht nur zur Beibehaltung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, 
sondern auch zu neuen Unterschichtungen (auch) unter Frauen. Die Frage, ob unter 
emanzipatorischen Gesichtspunkten eine Rückkehr der DienstbotInnengesellschaft 
wünschenswert ist, wird nicht gestellt, im Gegenteil: sie wird als Innovation gefeiert. 
Von einer Vergesellschaftung der Hausarbeit, wie sie von SozialistInnen wie August Bebel 
und Lily Braun um die Jahrhundertwende gefordert wurde, ist keine Rede mehr. Wenn die 
Rollenaufteilung zwischen Haupternährer und Hausfrau bzw. Zuverdienerin in kleinfamilialen 
Lebensformen nicht bzw. nur auf Kosten anderer Frauen aufzuweichen sind, dann wird es 
notwendig, Kritik an der kleinfamilialen Lebensform ebenso zu üben wie Kritik an der 
betrieblichen Arbeitsorganisation.

Für Menschen, die weniger gut verdienen, ist das Modell ohnehin nicht möglich. Die 
Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt vollzog sich in den letzten Jahrzehnten vor 
allem über die Ausweitung von Teilzeitarbeitsverhältnissen und ungeschützten (prekären) 
Arbeitsverhältnissen. Frauen erledigen die unbezahlte Care-Arbeit auf Kosten der 
eigenständigen Existenzsicherung. Armut und Altersarmut sind die Folgen.

"BUFDIS": FREIWILLIG PREKÄR

Laut dem dritten Freiwilligensurvey von 2009 engagieren sich 36 Prozent aller 
EinwohnerInnen der Bundesrepublik, also mehr als jedeR Dritte, "freiwillig". Das wird für 
die Zukunft nicht ausreichen. Im Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitswesen und besonders 
in der Altenhilfe und -pflege besteht eklatanter Personalmangel, vor allem weil Markt und 
Staat diese Arbeiten nicht regulär bezahlen wollen. Der Bedarf an AltenpflegerInnen ist 
angesichts der demografischen Entwicklung groß, pflegende Töchter sind überlastet. Weitere 
"Ehrenamtliche" sind nur schwer zu gewinnen. Versicherungspflichtige Stellen für 
ausgebildete Pflegekräfte werden abgebaut oder durch "Mini-Jobs" mit Niedriglöhnen 
ersetzt. Staat und Wohlfahrtsverbände suchen nach Lösungen, um Kosten zu sparen. 
Arbeitsdienste im Sinne von sozialen Pflichtjahren werden immer wieder diskutiert, wären 
aber ohne Verfassungsänderung schwer durchzusetzen, denn der Artikel 12 des Grundgesetzes 
gebietet: "Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, (...) Zwangsarbeit 
ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig." Es gibt keinen 
Grund, daran etwas zu ändern.

Mit dem "Gesetz zur Einführung eines Bundesfreiwilligendienstes" (BFD) hat die 
Bundesfamilienministerin ab April 2011 - gleichzeitig mit dem Aussetzen des Zivildienstes 
- ein völlig neues Arbeitsverhältnis geschaffen. In der Gesetzesbegründung wird es 
"öffentlicher Dienst des Bundes eigener Art" genannt; ein Gutachten des DGB spricht von 
"nicht gewerbsmäßiger Arbeitnehmerüberlassung". Mit den "Freiwilligen" wird eine 
Vereinbarung abgeschlossen, die mit einer Verpflichtung für einen vollen Arbeitstag (40 
Stunden, mehr als 20 Stunden für über 27jährige) über mindeste

Mehr Zeit durch Arbeitszeitverkürzung (Quelle:http://birtona.wordpress.com/)
ns 12 Monate hinweg verbunden ist und mit einem Taschengeld (maximal 336 Euro monatlich) 
entlohnt wird.2 Die "neue Freiwilligenarbeit" wird vor allem in die Kinder- und 
Jugendarbeit und die Altenbetreuung und -pflege vermittelt. Das spart tariflich bezahlte 
Arbeitsplätze und wertet die ohnehin schon geringschätzig behandelten Care-Berufe weiter 
ab. Ende April 2013 waren 36.792 Bundesfreiwillige im Einsatz. Mit einer Erwerbsarbeit ist 
der "Freiwilligendienst" nicht vereinbar.3 Seit dem 1. Januar 2012 lohnt er sich auch für 
EmpfängerInnen von Arbeitslosengeld II: sie dürfen 175 Euro zusätzlich zu ihren 
Arbeitslosengeldbezügen behalten. Das ist für Langzeiterwerbslose und arme RentnerInnen 
viel Geld. Auch entfällt während des BFD die Verpflichtung jede zumutbare Arbeit aufzunehmen.

NEUE RANDBELEGSCHAFTEN

WohlfahrtsexpertInnen verwiesen schon lange vor der Reduzierung und Abschaffung der 
Zivildienstleistenden immer wieder darauf, dass es um die Zukunft der Pflege älterer 
Menschen in Deutschland nicht gut bestellt ist. Im Sozial- und Gesundheitsbereich und vor 
allem in der Altenpflege müssten mehr qualifizierte sozialversicherungspflichtige 
"reguläre Arbeitsplätze" geschaffen werden. "Auf gute Pflege haben alle ein Recht, sie 
darf nicht arm machen", sagt das Bündnis für Pflege, in dem sich verschiedene Verbände, 
darunter auch die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di zusammengeschlossen haben. Sie 
fordern maßgeschneiderte Leistungen für Pflegebedürftige, Unterstützung und Anerkennung 
für Angehörige, bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen und gerechte Finanzierung.4

Mit der Förderung des BFD fährt der Zug in die entgegengesetzte Richtung - und die eben 
ausgehandelten, ohnehin schon niedrigen Mindestlöhne von 8,50 Euro für die Pflegebranche 
können leicht umgangen werden. Zwar gebietet das Gesetz eine arbeitsmarktneutrale 
Ausgestaltung - das heißt, die Freiwilligen sollen lediglich "unterstützende, zusätzliche 
Tätigkeiten verrichten" und keinesfalls hauptamtliche Kräfte ersetzen. Eine Abgrenzung ist 
jedoch kaum möglich. Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer kritisiert, dass "zu befürchten 
ist, dass (...) bestehende Arbeitsplätze verdrängt und neue Arbeitsplätze verhindert 
werden". Selbst die Beschränkung auf "unterstützende Tätigkeiten" ist nicht 
unproblematisch. Denn wenn damit zwischenmenschliche emotionale Zuwendung gemeint ist, so 
sind das Tätigkeiten, die früher integraler Bestandteil der Berufe im Gesundheits-, 
Sozial- und Pflegebereich waren. Nun besteht die Gefahr, dass die soziale Grundversorgung 
wesentlich durch eine zu Niedrigstlöhnen beschäftigte Randbelegschaft aus Freiwilligen 
unterstützt wird, die nicht mehr unbezahlbar, sondern ganz wenig Wert ist.

BETREUUNGSGELD STATT KINDERTAGESSTÄTTEN?

Bis 2013 sollten in der BRD für 35 Prozent der Kinder unter drei Jahren entsprechende 
Betreuungsangebote zur Verfügung stehen. Damit sollte allen Kindern, die über ein Jahr alt 
sind, ein pädagogisches Angebot zugute kommen, das ihnen kaum ein Elternhaus zur Verfügung 
stellen kann. Der tatsächliche Ausbau der öffentlichen Infrastruktur bleibt jedoch hinter 
diesem gesetzlich fixierten Anspruch zurück und ist weiterhin Gegenstand einer emotional 
geführten Diskussion zwischen verschiedenen kirchlichen und familienpolitischen 
Zusammenschlüssen. Dagegen kämpfte Kristina Schröder während ihrer Amtszeit als 
Familienministerin um das Betreuungsgeld, das der Bundestag mit den Stimmen der CDU/CSU 
und FDP am 9. November 2012 beschlossen hat. Der Widerstand gegen die "Herdprämie" seitens 
ArbeitgeberInnen, Gewerkschaften, Familien- und Frauenverbänden und durch die 
Oppositionsparteien half nichts. Seit August 2013 bekommen Eltern 100 Euro und von August 
2014 an 150 Euro im Monat für bis zu 24 Monate ausgezahlt, wenn sie für ihre Kinder 
zwischen dem 13. und 36. Lebensmonat kein staatlich gefördertes Angebot in Anspruch 
nehmen. Für Hartz-IV- und SozialgeldempfängerInnen wird die Prämie mit den 
Sozialleistungen verrechnet, sie gehen also leer aus. Zahlreiche Studien belegen, dass das 
Betreuungsgeld bildungs-, integrations- und gleichstellungspolitisch in die Sackgasse 
führt. Durch den Ausstieg aus der Erwerbstätigkeit von vor allem Frauen nach der Geburt 
eines Kindes verfestigen sich traditionelle Rollenmuster zwischen Mutter- und 
Hausfrauenrolle und Vater- und Erwerbsarbeitsrolle in der Kleinfamilie, zudem hat er 
erhebliche Auswirkungen auf die Rentenhöhe.

RADIKALE UMGESTALTUNG DURCH ARBEITSZEITVERKÜRZUNG

Für das Kapital ist die in prekären Arbeitsverhältnissen oder unbezahlt geleistete 
Care-Arbeit einschließlich der monetarisierten "Freiwilligenarbeit" äußerst nützlich, weil 
sie Kosten spart, vor allem Personalkosten. Alle prokapitalistischen Parteien und leider 
auch führende GewerkschafterInnen stehlen sich vor der Aufgabe davon, die Forderung nach 
radikaler Verkürzung der Wochenerwerbsarbeitszeit der in Vollzeit Beschäftigten zu 
stellen. Das wird aber notwendig, damit Erwerbsarbeit und bezahlt wie unbezahlt geleistete 
Care-Arbeit gleichmäßiger auf alle verteilt werden kann.

Wir brauchen gesetzlich festgelegte Mindestlöhne über 8,50 Euro und - solange es 
Erwerbslosigkeit und Ausgegrenzte gibt - eine Mindestabsicherung, die keinen 
diskriminierenden Charakter hat und Mindestrenten für die Älteren. Arbeitsorte - auch in 
der Care-Ökonomie - müssen als Ort der Kommunikation und Kooperation, der 
gesellschaftlichen Partizipation und der Solidarisierung verstanden werden. Als Orte, wo 
politisch-kritische Potentiale gefördert werden und wo sie sich auch entfalten können und 
wo solidarisches Handeln möglich wird. Schließlich geht es um die Aufhebung der 
entfremdeten Arbeit in allen Arbeitsbereichen und um die Teilhabe am ganzen Leben.

Gisela Notz

[1] ? Madörin, Mascha, 2001: Care-Ökonomie - ein blinder Fleck in der Wirtschaftstheorie. 
In: Widerspruch, H. 40, Zürich, 41-45; hier: S. 41.

[2] ? vgl. die Broschüre: "Zeit das Richtige zu tun" auf www.bmfsfj.de

[3] ? vgl. zum Bundesfreiwilligendienst auch Gisela Notz: "Freiwilligendienste" für alle. 
Von der ehrenamtlichen Tätigkeit zur Prekarisierung der "freiwilligen" Arbeit, Neu-Ulm 2012.

[4] ? www.buendnis-fuer-gute-pflege.de/die-kampagne/hintergrund

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