(de) FdA/IFA Gai Dào #42 - Zuhause bei Anarchist_innen in Transsilvanien - Fiete Schwartz

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Tue Jun 10 19:42:36 CEST 2014


Das anarchistische Projekt bzw. Haus A-Casa befindet sich in ClujNapoca, einer Stadt im 
Westen Transsylvaniens, Rumänien. Hinter einem unscheinbaren, hellgrauen Stahltor verbirgt 
sich ein Ort des Austausches, des Ausprobierens und der politischen Aktion. Bei meinem 
ersten Eintritt wimmelt es im Hof von Menschen, über einem kleinen Raketenofen kocht in 
einem Riesentopf Marmelade aus containerten Orangen ein. A-Casa, mit einem A im Kreis 
geschrieben, bedeutet ebenso Zuhause wie es als Anarchismus- bzw. anarchistisches Haus 
gelesen werden kann. Drinnen ist eine Wand großzügig mit Tafellack angemalt. Darauf die 
Prinzipien, die in jedem solcher Räume ja etwa die Gleichen sind: Dies ist ein 
antikapitalistischer Ort, Diskriminierungen haben hier nichts zu suchen, fühl dich frei, 
mitzumachen und ,... feel a casa!". Eine Tabelle verkündet die anstehenden Workshops und 
Termine der Woche. Es gibt Tai-Chi-, Rumänisch- und Bierbrau-Workshops, manchmal 
Filmabende, eine aus den Räumen der Uni verlegte, für alle zugängliche feminist class, 
zwischendurch wird Sauerteigbrot gebacken. Außer einer Küche gibt es im Haus noch den 
Anfang einer kleinen Bibliothek, im Hof entsteht ein Gemüsegarten.

Ständig wird etwas organisiert oder diskutiert: Ob eine critical mass mit Dutzenden
Fahrradfahrer_innen statt findet, die sich gemeinsam die Innenstadt
nehmen oder ein PAC veranstaltet werden soll. PAC findet etwa einmal
im Monat statt, steht für Piata Autonoma Cluj und ist eine Mischung
aus Umsonstmarkt, Vokü 1 und evtl. Workshops, wobei alles, Essen,
Kleidung usw. nichts kostet. Auf einem Camp im nicht weit entfernten
Serbien wollen die Aktivist_innen für alle Kochen, eine komplett aus-
gestattete mobile Vokü ist in Planung. Außerdem gibt es in der Nach-
barschaf ein Haus, dass von Roma bewohnt wird, die von der Stadt
vertrieben werden sollen und von der Polizei in der Nacht belästigt und
beschimpf werden. Menschen aus A-Casa versuchen die Bewohner_in-
nen zu unterstützen. Und dann fallen da noch Küchenarbeit, Aufräu-
men, Putzen an und die beiden adoptierten Hunde müssen ausgeführt
werden. Es gibt also ständig etwas zu tun und Viele verbringen of den
ganzen Tag dort. Zwischendurch haben sich einige Zeit genommen, ein
paar Fragen zu beantworten: Zu A-Casa, zu Cluj, ihrem Aktivismus
und ihren Plänen...

Ein Interview mit Paula, Daniela, Mattei und Jona 2 vom A-Casa-Kol-
lektiv

Wie lange gibt es das A-Casa, wie würdet ihr es beschreiben?

Paula: Seit etwa Mitte Oktober bzw. November 2013, am Anfang hat-
ten wir uns das Ganze sehr groß gedacht und mit anderen Menschen.

Jona: Zuerst wollen wir einen offenen Raum in einer Fabrik, da waren
wir auch noch mehr, die Idee war auch, mehr Kunst bzw. Kleinkunst,
Zirkuskram usw. dort zu haben und handwerkliche Workshops zu machen.

Mattei: Nach einigen Anläufen haben wir dann dieses Haus hier gefunden...

J.: Wir hatten es etwa vier mal größer geplant, mit Infoshop und allem,
aber das Projekt hat sich an den Ort angepasst.

Wie ist die anarchistische Szene in Cluj?

P.: Es gibt einige Gruppen, das A-Casa-Kollektiv, vocea animalelor
(Anm.: Die Stimme der Tiere - eine Tierrechtsgruppe), die Gruppe, die
PAC organisiert, die Hardcoreszene, die Konzerte organisiert. Früher
haben die auch mehr im DIY-Bereich gemacht.

Oft ist ja die anarchistische Szene - nicht nur - in Osteuropa aus der
Hardcore- bzw. Punkszene hervorgegangen. Wie sieht das hier aus?

P.: Hier ist das nicht so, die Meisten hier kommen nicht aus dieser Sze-
ne, ein großer Einfuß war die "Salvati Rosia Montana" 3 -Kampagne,
die sind nicht wirklich links, aber es half.

Sie sind nicht links? Wie meinst du das?

P.: Es gibt drei oder vier "Leiter" der Kampagne, die sagen, wir sind
nicht politisch, wir wollen nur Rosia Montana retten.

So etwas hat dann ja auch schnell nationalistische Untertöne - warum
seid ihr dabei und wie?

P.: Es ist etwas seltsam, wir kennen diese Leute sehr gut, für mich ist
es einfach die Kampagne von jedem_jeder, wir machen auch von ihnen
unabhängige Aktionen.

Was für Aktionen?

P.: Banner aufhängen, Institutionen blockieren, in Deva wurde Min-
vest besetzt, eine rumänische Firma, die in das Bergbauprojekt in Rosia
Montana involviert ist, wir wollten Leute darauf aufmerksam machen,
dass nicht einfach eine kanadische Firma kommt und rumänischen Bo-
den stiehlt.

M.: Also, diese Aktion ist nicht direkt verbunden mit A-Casa....

Welche Rolle spielt DIY für euch? Warum macht ihr so viele Dinge selbst?

P.: Zum Einen aus dem Grund, dass wir nicht so viel Geld haben. Und
weil wir glauben, dass es nötig ist, aus Überzeugung. Dass hier soll ein
Ort zum Experimentieren und Ausprobieren sein.

Es gibt auch eine feminist class und es gibt viele Frauen im Kollektiv,
welche Rolle spielt Feminismus für euch?

P.: So etwas wie eine feminist class ist neu für Cluj, wir haben hier
Diskussionen zu feministischen Themen seit März, anlässlich des Frau-
entags, in Rumänien hat der Muttertag eine lange Tradition hat, nicht
der Frauentag. Eine Zeit lang gab es eine wöchentliche Diskussion.

M.: Die feminist class ist eigentlich ein Uniseminar, dass hierhin verlegt
wurde und offen für alle ist.

Daniela: Wir hatten auch monatliche Diskussionen, im Januar hatten
wir Widerstand gegen internationale ökonomische Organisationen, mit
Filmen über Genua, G20, Seattle...4

Im Februar Autonome Räume mit Filmen über die Zapatistas, den spa-
nischen Bürgerkrieg...

Wir hatten sehr offene Diskussionen. Die Leute, die damals gekommen
sind, kommen immer wieder, unterstützen uns, bringen Sachen, heute
z.B. hat Eine von der feminist class ein paar Klamotten vorbei gebracht.

Erzählt etwas über eure Nachbarn, die Roma, die vertrieben werden
sollen...

D.: Als wir das Hausprojekt gestartet haben, hatten wir ein food not
bombs5 beim Bahnhof, zwei Mädchen haben uns angesprochen und zu
dem Haus geführt, der Besitzer hat uns dann die Situation erklärt. Ich
denke, es ist wichtig, dass wir dort aktiv sind, denn es gibt in Cluj,
basierend auf einem alltäglichen Rassismus, viele diskriminierende
Vorfälle, Vertreibungen... Auf der anderen Seite sehe ich mich nicht als
Retterin, Leute retten zu wollen ist eine Sache für Philanthropen und
die Wohlfahrt, eine kurzfristige Sache, die auch multinationale Konzer-
ne oder die Kirche betreiben, und das Problem nicht wirklich beheben.

Was passiert bei einem PAC und wie oft findet es statt?

P.: Etwa einmal im Monat, manchmal gibt es auch nur eine food not
bombs-Aktion an jeweils unterschiedlichen Stellen in der Stadt. Das
Projekt gibt es seit Ende 2012 und es hat verschiedene Kreise zusam-
men gebracht. Es ist ein Platz um Sachen (Fähigkeiten, Essen, Kleidung)
ohne Geld zu teilen, Inspiration dafür waren die really really free mar-
kets von crimethinc.6 Zuerst gab es nur food not bombs und wir haben
es mit Antimilitarismus verknüpf, weil Rumänien an Auslandseinsät-
zen etwa in Afghanistan und dem Irak teilnimmt.

Ihr kocht also schon länger für größere Mengen von Menschen. Jetzt gibt
es ja auch den Plan einer mobilen Küche, erzählt mal davon...

P.: Na ja das Projekt existiert irgendwie schon mit food not bombs, wir
haben in Rosia Montana auch schon mal für ein skillsharing-Camp ge-
kocht.

M.: Ja aber wir brauchen noch große Töpfe, Gasbrenner usw. Es wäre
gut, wenn es eine mobile Vokü für den Balkan gäbe.

P.: Wir werden jetzt auch in Serbien kochen, auf einem Camp zum The-
ma Freiräume und auch wieder in Rosia Montana, auf dem Forum für
nutzlose und große Megaprojekte, an dem auch Menschen aus La Zad,
von Chalkidiki, von NoTav7, der Gezi-Park-Bewegung und den Protes-
ten gegen Stuttgart21 beteiligt sind.

Wie steht es mit faschistischen Kräften in Cluj, etwa der Partei Noua
Dreapta?

P.: ND wird immer sichtbarer, einige ND-Leute schreiben für die Napo-
ca-News, die uns auf primitive Weise verleumdet, etwa mit der Behaup-
tung, beim PAC gäbe es billigen Alkohol und Drogen oder mir Fotos von
Hundekot, unter denen steht, Anarchist_innen würden auf die Straße
kacken. Weil wir nicht so viele sind, können wir ihre Aufmärsche nicht
direkt attackieren. Wir konzentrieren uns auf Aufklärung, Flyer etc.

M.: Sie sind hier auch keine gewalttätige Gruppe, die Leute zusammen-
schlägt.

P.: Na ja, manch mal schon, ich war etwa in einer Bar beschäf igt, und
es kam dort schon mal zu Attacken gegen Homosexuelle. Offiziell gibt
es von ihnen keine Hassreden, aber ND hat etwa ein Gesetz vorgeschla-
gen, das besagt, dass Romafrauen Geld für eine Sterilisation erhalten
sollen. Sie sprechen sich auch gegen Abtreibungen aus. Aber ja, hier ist
es nicht so sch limm mit ihnen.

Eine letzte Frage: Wenn Leute euch besuchen, euch unterstützen wollen,
was benötigt ihr?

M.: Gasbrenner! Einen Van! (lacht)

P.: Wir benötigen ziemlich viel...

M.: Fähigkeiten und Wissen über Direkte Aktionen... Alles kann nütz-
lich sein! Vor allem Material für und Wissen über Voküs.

D.: Ich hätte gerne mehr politische Aktionen, Diskussionen etc., mehr
lokalen Aktivismus mit globaler Perspektive, Cluj soll eine attraktive
Mittelklassestadt werden, wir müssen darüber reden, was das bedeuten
wird. Aber A-Casa ist halt ein Projekt versch iedener Leute und jede_r
hat ihre_seine eigenen Vorstellungen, ich kann nur sagen, was ich per-
sönlich mir wünschen würde, nicht wie es zu sein hat, das wäre ziem-
lich autoritär.


Weitere Infos

Blog
http://acasacluj.noblogs.org/

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[1] Vokü steht für Volksküche, was eine unkommerzielle offene Küche, ein gemeinsames Essen 
für Alle meint, wobei als Gegenleistung nur Spenden genommen wer-
den. Manche sagen auch: Küfa (= Küche für Alle).

[2] Namen teilweise geändert

[3] Die Kampagne zielt auf die Erhaltung dieser Region in den Apuseni-Bergen, in der ein 
großer kanadischer Konzern Gold schürfen will, wodurch die Landschaft
stark verändert, viele Menschen umgesiedelt und die Umwelt stark verschmutzt werden würde.

[4] Gemeint ist der G8-Gipfel in Genua 2001, bei dem es zu immenser Polizeigewalt gegen 
Protestierende kam, ein Protestierender wurde erschossen. "Seattle" bezieht
sich auf das WTO-Treffen in Seattle 1999, bei dem die starken Gegenproteste ein großer 
Erfolg für die globalisierungskritische Bewegung waren.

[5] Weltweite Vokü-Bewegung, die das Prinzip mit politischen Aussagen gegen Krieg und 
Kapitalismus verbindet.

[6] Anarchistisches Netzwerk in den USA, dass überall auf der Welt durch zahlreiche 
Kommuniqés, Bücher usw. bekannt ist und durch seine subkulturelle Ausrichtung
hervorsticht.


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