(de) FAU-IAA - Direct Action #223 - Keine "soziale Feuerwehr" -- Gegenstand (kritischer) Sozialer Arbeit sind Prozesse sozialer Ausgrenzung

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Sun Jun 8 15:33:55 CEST 2014


Überlegungen zu den Aufgaben und Funktionen kritischer Sozialer Arbeit unterscheiden sich 
erheblich von den eher alltagstheoretischen Vorstellungen, mit denen VertreterInnen dieser 
Profession und Disziplin regelmäßig durch Öffentlichkeit, Verwaltung und Politik 
konfrontiert werden. Kaum jemand scheint nicht "konkret" zu wissen, was von 
Sozialarbeitern und Sozialpädagoginnen zu erwarten ist. Problematisch werden solche 
alltagstheoretischen Vorstellungen dann, wenn aus ihnen die Aufgaben und Aufträge 
resultieren, mit denen Soziale Arbeit dann konfrontiert wird; denn nicht selten wird 
Soziale Arbeit als "soziale Feuerwehr" oder als gesellschaftliche Ordnungsinstanz 
missverstanden oder missbraucht. Dabei werden ihr andererseits zunehmend die finanziellen 
und personellen Ressourcen vorenthalten bzw.

beschnitten, die notwendig wären, um tatsächlich allen an die Soziale Arbeit gerichteten 
Aufgaben und Aufträge bewältigen zu können. Und nicht zuletzt werden zu aller erst 
Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen zur Verantwortung gezogen bzw. müssen sich dafür 
legitimieren, wenn die erhofften "Wirkungen" sozialarbeiterischer bzw. sozialpädagogischer 
Prävention oder Intervention ausbleiben. Dabei folgen die Annahmen der "Auftraggeber" 
insbesondere aus Politik und Verwaltung regelmäßig einem naturwissenschaftlichen, 
gesellschaftliche Verhältnisse negierenden Verständnis von individuellen (nämlich 
"selbstverschuldeten") Problemlagen, die dann quasi technisch zu beheben seien.

Einem solchen Verständnis von den Funktionen und Aufgaben Sozialer Arbeit - insbesondere 
in Anbetracht der Ausblendung gesellschaftlicher (Ungleichheits-)Verhältnisse - ist 
allerdings entschieden entgegenzutreten! Wenn wir als Bürger und Bürgerinnen, aber gerade 
auch als Sozialpädagogen und Sozialarbeiterinnen die gesellschaftlichen Entwicklungen der 
vergangenen Jahre und Jahrzehnte nicht einfach nur zur Kenntnis nehmen, sondern darauf 
hinaus wollen, einen Zusammenhang herzustellen zwischen den Strukturen und Prozessen im 
neoliberalen Kapitalismus, der damit einhergehenden systematischen Reproduktion von 
Ungleichheit und der Aktualität von sozialer Ausgrenzung, dann kommt nicht nur der Klärung 
der entscheidenden Ursachen erste Priorität zu, sondern der Aufgabe Antwort darauf zu 
geben, wie wir uns zur Tatsache zunehmender sozialer Ungleichheit, Armut, Arbeitslosigkeit 
sowie prekärer Lebens- und Beschäftigungsverhältnisse verhalten wollen. Angesichts einer 
zunehmend entsolidarisierten Gesellschaft, die ihre Entwicklungsperspektiven nahezu 
ausschließlich an ökonomischen Fortschritt und wirtschaftlichen Gewinn (zu Gunsten einiger 
Weniger) anlegt, ist es dringend geboten, dass Soziale Arbeit, (Aus-)Bildung und 
Wissenschaft, Gewerkschaften und soziale Bewegungen aus den disziplinären und 
institutionellen Beschränkungen heraus treten und sich gemeinsam im Kampf gegen zunehmende 
soziale Ungleichheit und Ausgrenzung engagieren - im Bemühen um Gestaltung des Sozialen 
mit vereinten Kräften.

In diesem Zusammenhang ist eine kritische und politische Soziale Arbeit zu fordern (und zu 
realisieren), die bemüht ist, sich von den eingangs beschriebenen Funktions- und 
Auftragszuschreibungen zu emanzipieren. Gemeint ist eine kritische Soziale Arbeit, die 
sich dadurch auszeichnet, dass sie ihren Gegenstand eigenständig benennt und sich darauf 
in der sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Praxis auch tatsächlich bezieht. 
Gegenstand Sozialer Arbeit sind Prozesse und Auswirkungen sozialer Ausschließung und 
Ausgrenzung. Hierauf Bezug nehmend können als Funktionen Sozialer Arbeit u.a. die 
Realisierung gesellschaftlicher Teilhabe und Chancengleichheit sowie die Ermöglichung 
sozialer, ökonomischer, kultureller und politischer Partizipation benannt werden. Dass 
eine solche politische und an den Bedürfnissen der Menschen orientierte Soziale Arbeit 
möglich ist, zeigen nicht nur die Lehrpläne einiger Hochschulen, sondern insbesondere das 
Engagement vieler Kolleginnen und Kollegen aus Praxis und Hochschulen im Arbeitskreis 
kritische Soziale Arbeit (AKS) sowie in neu gegründeten Bündnissen Soziale Arbeit in 
Bremen und in Berlin.

Frank Bettinger


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