(de) FAU-IAA - Direct Action #223 - Das proletarische Vorspiel zu 1968 -- Der baden-württembergische MetallarbeiterInnenstreik 1963 zwischen Klassenkampf und Sozialpartnerschaft

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Mon Jun 2 11:34:02 CEST 2014


1967 veröffentlicht das berühmte Frankfurter Institut für Sozialforschung unter dem Titel 
"Reaktionen auf politische Vorgänge" eine dreigeteilte Meinungsstudie, die nach dem 
Eichmann-Prozess in Jerusalem, nach der Spiegel-Affäre und nach dem Metallarbeiterstreik 
in Baden-Württemberg 1963 fragt. Spiegel-Affäre und Eichmann-Prozess sind noch heute als 
Ereignisse bekannt, die das Nachkriegsdeutschland prägten. Wie kommt es, dass die 
SoziologInnen der "Frankfurter Schule" seinerzeit einen Streik als genauso relevant 
eingeschätzt haben? ---- VORBOTEN DER KRISE ---- Der intensiven Streikbewegung der IG 
Metall in Baden-Württemberg 1963 ging 1962 eine Welle von "wilden" Streiks voraus. Die 
Ausfalltage zeigen deutlich, wie angespannt die Situation war: Die Streiktage des Jahres 
1962 hatten sich auf 451.000 erhöht (1961: 65.000). Auslöser waren die beginnende 
Rezession und die entsprechenden wirtschaftlich-politischen Reaktionen darauf.

Langfristig betrachtet befinden wir uns in den frühen 1960er Jahren noch im Aufschwung des 
"Wirtschaftswunders", innerhalb der expansiven Phase der langen Welle jedoch in einem 
relativen Abschwung im Kurzzyklus: Die DM wurde 1961 aufgewertet, dadurch kam es zu einem 
Exportrückgang. Bei abgeschwächtem Wirtschaftswachstum stiegen die Löhne weiter, auch 
bedingt durch die Vollbeschäftigung, seit 1960 überstieg die Zahl der offenen Stellen die 
Zahl der Arbeitsuchenden.

WirtschaftstheoretikerInnen und -praktikerInnen sahen als einzige Möglichkeit, das 
Wachstum wieder anzukurbeln, einen Lohnstopp in den Tarifverhandlungen: Die Macht der 
Gewerkschaften sollte eingeschränkt werden, der Staat wollte sich in Tarifverhandlungen 
deutlicher einmischen. Ziel der Unternehmen und der Regierung war, nach internationalem 
Vorbild, eine staatliche "Lohnkontrolle", was als Angriff auf die Tarifautonomie 
verstanden wurde. Das Protokoll des Gewerkschaftstages 1962 sieht hier bereits einen 
Zusammenhang zwischen den Plänen für eine Notstandsgesetzgebung und der Einschränkung der 
Gewerkschaftsrechte. Die insgesamt ca. zehnjährige Kampagne der IG Metall gegen die 
Notstandsgesetze war auch dadurch motiviert, dass diese das Streikrecht im Notstandsfall 
aufheben sollten. Trotz der Betonung dieses Zusammenhangs nahm der IG-Metall-Vorsitzende 
Otto Brenner 1962 die Drohung mit einem politischen Streik gegen die Notstandsgesetze vom 
Gewerkschaftstag 1960 zurück.

Die Drohszenarien, die von UnternehmerInnenseite aufgebaut wurden, basierten neben der 
Bedrohung der Tarifautonomie auf dem Kasseler Urteil gegen den 1956/57er 
MetallerInnen-Streik in Schleswig Holstein: In dem 114tägigen Streik hatten 30.000 
MetallarbeiterInnen erstmals die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall erkämpft. Da die 
Urabstimmung während der Laufzeit des vorigen Tarifvertrags stattgefunden hatte, klagten 
die UnternehmerInnen auf Verletzung der Friedenspflicht. Das Bundesarbeitsgericht in 
Kassel definierte die Urabstimmung als Kampfmaßnahme und verurteilte die IG Metall zu 
einer Schadensersatzzahlung, die die UnternehmerInnen auf 30 Millionen DM bezifferten, der 
Spiegel berechnete sogar 80 Millionen DM (Spiegel 46/1958: 22). Durch dieses Druckmittel 
gebändigt, zeigte sich die IG Metall nicht allzu streikfreudig: Als am 28. Februar 1963 
die Tarifverträge ausliefen, kündigte die IG Metall diese nicht, denn die UnternehmerInnen 
hatten angeboten, die Schadenersatzforderung zurückzuziehen, wenn sich "die IG Metall vor 
jedem Arbeitskampf freiwillig einer Schlichtungsprozedur" unterwerfen würde, die einer 
staatlichen Zwangsschlichtung immer noch vorzuziehen sei. Der Verzicht auf die 
Tarifkündigung zum 28. Februar war dabei Vorbedingung zu weiteren Verhandlungen seitens 
der UnternehmerInnen. Die gewerkschaftliche Tarifkommission Baden-Württemberg entschied 
sich anders und kündigte die Tarifverträge. Am 18. April fand die Urabstimmung über den 
Streik in Baden-Württemberg statt.

DIE ZENTRALE STREIKLEITUNG FÜR DEN STREIK BEI DAIMLER-BENZ. [QUELLE: STADTARCHIV MANNHEIM]
ARBEITERINNENRADIKALISMUS AN DER BASIS

Bereits Anfang April kam es zu Warnstreiks, und diese dürfen als spontane Ausstände 
verstanden werden, die ohne Zustimmung der Gewerkschaften stattfanden. In dieser Situation 
spielte Mannheim eine besondere Rolle, und hier insbesondere der Warnstreik bei 
Daimler-Benz am 4. April. Hier war die Belegschaft aktivierbar: Während die meisten der 
Warnstreiks maximal 1.000 Beschäftigte mobilisierten, waren es bei Daimler-Benz in 
Mannheim 6.000 KollegInnen. Dieser Warnstreik wurde ausgelöst, als am 4. April ein 
Flugblatt über die Rolle Hanns Martin Schleyers in den Tarifverhandlungen kursierte. Das 
Flugblatt löste "erregte Diskussionen" aus, es bildete sich ein von Vertrauensleuten 
angeführter Marsch durch die Werkshallen mit der Aufforderung zur spontanen 
Arbeitsniederlegung. Die dabei zu Tage tretende Militanz zeigte sich u.a. darin, dass der 
Betriebsrat nicht zu Wort kommen konnte und man auch gegen die Zaghaftigkeit der IG Metall 
protestierte.

Die Ereignisse bei Daimler-Benz in der Warnstreik-Phase verweisen auch darauf, wer die 
Basis war, die zum Streik drängte. Der Betriebsrat bestand aus SozialdemokratInnen, 
ehemaligen KPD-Mitgliedern und ChristdemokratInnen bzw. Unabhängigen. Der militantere 
Vertrauensleutekörper dagegen war nur zu etwa einem Drittel politisch organisiert. 
Innerhalb dieses Vertrauensleutekörpers gab es jedoch einen aktiven LeserInnenkreis der 
Zeitschrift "Sozialistische Politik", die eine linkssozialistische Position vertrat, die 
sich gegen das Godesberger Programm der SPD und gegen eine Revision des Münchener 
Programms des DGB wendete. Mit Willy Boepple war auch ein Mannheimer ,Trotzkist' in der 
Redaktion vertreten. Dieser oppositionell veranlagten Gruppe oblag die inhaltliche 
Gestaltung der sozialdemokratischen Betriebszeitung "Mitteilungs- und Diskussionsblatt".

Etwa eine Woche später, am 10. April, kam es zu flächendeckenden zweistündigen Warnstreiks 
in Baden-Württemberg mit 600.000 Streikenden. Am selben Tag fand ein informelles 
Kontaktgespräch in Nordrhein-Westfalen statt, das schon aufgrund der aufgeladenen Stimmung 
an der Basis zum Scheitern verurteilt war. Claus Noé unterstellt eine Taktik der 
UnternehmerInnenseite: Die als Ultimatum angebotene Lohnerhöhung von drei bis 3,5 Prozent 
nach einem einmonatigen Lohnstopp konnte die IG Metall unter diesen Bedingungen schon 
nicht mehr akzeptieren. Entsprechend ergab die Urabstimmung für den Streik in 
Baden-Württemberg am 18. April eine 87prozentige Zustimmung, in NRW lag sie vier Tage 
später bei geringfügig geringerer Beteiligung bei fast 84 Prozent. Am selben Tag wurde in 
Baden-Württemberg schon für den 25. April ein Schwerpunktstreik in Mannheim festgelegt. 
Trotz des Ultimatums der Gesamtmetall sah jedoch der Vorstand der IG Metall das Heil 
weiterhin in Verhandlungen und damit den Streik als zu früh an. Der Schwerpunktstreik am 
25. April wurde (unter aktivem Protest der Mannheimer Vertrauensleute) verschoben, den 29. 
April als baden-württembergischen Streikbeginn konnte der Vorstand jedoch nicht mehr 
verhindern.

Den politischen Charakter - gegen Notstandsgesetze, Wiederbewaffnung und die militärische 
Nutzung von Atomenergie, wie die Transparente des 1. Mai 1963 deutlich zeigten - gab es 
allerdings nur in Mannheim. Hintergrund war die deutlich radikalisierte Klassenlage: Neben 
dem genannten SoPo-Lesekreis waren in Mannheim Reste der SAP, der KPO und anderer Gruppen 
aktiv. Es ist zu bedenken, dass ArbeiterInnen über 50 Jahre durchaus noch den Aktivismus 
der Zeit der Weimarer Republik erlebt hatten und entsprechend aktiv waren. Insofern zeigt 
sich im Mannheimer Arbeitskampf die "alte", in der einen oder anderen Weise 
klassenkämpferisch geprägte ArbeiterInnenbewegung an der Basis, die gegen eine "neue", auf 
Sozialpartnerschaft und Institutionalisierung ausgelegte ArbeiterInnenbewegung 
intervenierte, indem sie Druck für einen Streik aufbaute. Die "neue" ArbeiterInnenbewegung 
manifestierte sich im Godesberger Programm der SPD, das 1959 den Abschied von 
klassenkämpferischer und sozialistischer Diktion bedeutete, und im neuen Programm des DGB, 
das im November 1963 beschlossen wurde.

AUSSPERRUNG UND TARIFABSCHLUSS
Die durchaus noch lebhafte Erinnerung an die Weimarer Zeit wurde deutlich, als einen Tag 
nach Streikbeginn, am 30. April, die Unternehmen die erste Flächenaussperrung in der 
Bundesrepublik, die fast 400.000 MetallarbeiterInnen betraf, ausrief. Aussperrungen hatte 
es zuvor zwar bereits gegeben, aber noch nicht in dem Ausmaß. Das war eine deutliche 
Eskalationsstrategie, zumal gewerkschaftliche Kreise errechnet hatten, dass die 
Aussperrung mehr kostete als die geforderte Lohnerhöhung. Erinnerungen kamen hoch an den 
1928er Ruhreisenstreit, in dem 200.000 ArbeiterInnen ausgesperrt wurden und der die Wende 
der UnternehmerInnen verdeutlichte: Weg vom Tarifsystem und hin zu einem autoritären 
Staat, der die Wirtschaft und die Klassenkämpfe unter Kontrolle hat - zum aufstrebenden 
Nationalsozialismus. Diese Assoziationen wurden noch dadurch bestärkt, dass insbesondere 
das Daimler-Benz-Vorstandsmitglied Hanns Martin Schleyer, als ehemaliger SS-Mann, für 
diese Aussperrung verantwortlich gemacht wurde. Des weiteren stand auf der 
Gewerkschaftsseite mit Willi Bleicher ein ehemaliger kommunistischer Häftling des KZ 
Buchenwald - beide thematisierten dies übrigens nie selber, und Zeitzeugen berichten, dass 
Schleyer eher aus politischem Kalkül in den Mittelpunkt der linken Öffentlichkeit gestellt 
wurde. Nichtsdestotrotz ist es vorrangig diese Aussperrung, die aus dem Streik ein 
mediales Ereignis machte.

Geplant war der baden-württembergische MetallarbeiterInnenstreik durchaus als 
Schwerpunktstreik in den gut organisierten Großbetrieben. In Mannheim wurde er mit 59 
Metallbetrieben zum Flächenstreik. Die gesamte Fläche wurde aber erst durch die 
Aussperrung getroffen, die letztlich die Sturheit und Einigkeit der Streikenden nur noch 
mehr förderte. Die Drohung mit einem weiteren Flächenstreik inklusive Aussperrung in 
Nordrhein-Westfalen tat ihr Übriges: Am 2. Mai lud Wirtschaftsminister und Vizekanzler 
Ludwig Erhard Gesamtmetall und IG Metall zum Gespräch. In der Nacht vom 6. auf den 7. Mai 
einigten sich die Tarifparteien auf eine Lohnerhöhung von 6 Prozent (gerechnet auf die 
Gesamtlaufzeit). Der Streik war beendet.

DIE BEDEUTUNG VON "1963"

Aufgrund des Tarifabschlusses, der über der von den Unternehmen gesetzten Marke von fünf 
Prozent lag, konnte der MetallerInnenstreik 1963 durchaus als Erfolg dargestellt werden. 
Doch der Preis dafür war hoch: Die IG Metall akzeptierte verpflichtende 
Schlichtungsverfahren und die Bindung zukünftiger Tariferhöhungen an die Wirtschaftslage. 
Damit war die "Konzertierte Aktion" ab 1967 vorprogrammiert. Dieses zeitgenössische 
"Bündnis für Arbeit" führte dazu, dass nach 1967 vermehrt wilde Streiks von der Basis 
ausgingen, da diese den Weg der Gewerkschaften im Alltag nicht mitging. Gleichzeitig 
revidierten die Gewerkschaften tendenziell ihre Ablehnung der Notstandsgesetze. Die 
Zunahme wilder Streiks und die zunehmenden politischen Proteste machten in Deutschland das 
aus, was heute als "1968" bezeichnet wird. Die MetallarbeiterInnen an der Basis hatten 
bereits 1963 für die gleichen Ziele gekämpft und damit in der Praxis verdeutlicht, dass es 
keine deutliche Trennung zwischen "politischem" und "wirtschaftlichem" Streik gibt.

"1963" ist aber nicht nur Chiffre für ein Rückzugsgefecht der klassenkämpferischen 
ArbeiterInnenbewegung gegen die aufkommende "SozialpartnerInnenschaft", sondern man kann 
auch organisatorische Schlussfolgerungen ziehen: Der Streik 1963 wurde insbesondere in der 
Metall-Hochburg Mannheim deswegen vergleichsweise radikal und aktiv geführt, weil es in 
den Betrieben eine entsprechende Basis gab. Diese entstammte gerade nicht dem Gedanken 
einer Einheitsgewerkschaft, sondern durchaus einer politischen Vielfalt, die dennoch in 
der Lage war, aufgrund der Erkenntnis gemeinsamer Interessen einheitlich zu handeln. In 
heutigen Streiks muss eine solche Basis oftmals erst hergestellt werden.

Streiks sind heute in der Fläche und Größe wie 1963 kaum noch zu führen - die Dammbrüche 
in den Flächentarifen, die Erodierung der Gewerkschaftslandschaft, die Zunahme prekärer 
Beschäftigungsverhältnisse und die vor einem Streik erst zu schaffende Basis in den 
Betrieben weisen darauf hin: Der Neoliberalismus der Kohl- und Schröder-Ära hat die 
Tradition der ArbeiterInnenbewegung(en) nachhaltiger zerschlagen als der Nationalsozialismus.

Torsten Bewernitz

Vorliegender Artikel ist ein gekürzter Beitrag aus dem im Juli 2014 erscheinenden Band 
"Mannheims ,andere' Arbeiterbewegung. Lokale Episoden aus dem Arbeiterradikalismus", 
herausgegeben von der FAU Mannheim im Verlag Edition AV. Der Autor arbeitet mit anderen an 
einem Sammelband zu dem 1963er Streik, der voraussichtlich im Herbst 2014 in der Reihe 
"Technik und Arbeit" im Verlag regionalkultur erscheinen wird.

Literatur zum Metallarbeiterstreik 1963:

Becker, Egon und Becker-Schmidt, Regina: Reaktionen auf politische Vorgänge. Drei 
Meinungsstudien aus der Bundesrepublik. Frankfurt a.M. 1967.

Hoß, Dietrich: Die Krise des "institutionalisierten Klassenkampfes. Metallarbeiterstreik 
in Baden-Württemberg. Frankfurt a.M./Köln 1974.

Noé, Claus: Gebändigter Klassenkampf - Tarifautonomie in Deutschland. Der Konflikt 
zwischen Gesamtmetall und IG Metall vom Frühjahr 1963. Berlin 1970.

Zur Kontextualisierung des Streiks:

Birke, Peter: Wilde Streiks im Wirtschaftswunder. Arbeitskämpfe, Gewerkschaften und 
soziale Bewegungen in der Bundesrepublik und Dänemark. Frankfurt a.M. 2007.

Roth, Karl Heinz: Die ,andere' Arbeiterbewegung und die Entwicklung der kapitalistischen 
Repression von 1880 bis zur Gegenwart. Ein Beitrag zum Neuverständnis der 
Klassengeschichte in Deutschland. Mit ausführlicher Dokumentation zu Aufstandsbekämpfung, 
Werkschutz u.a. München 1974.

Kritidis, Gregor: Linkssozialistische Opposition in der Ära Adenauer. Ein Beitrag zur 
Frühgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Hannover 2008.


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