(de) FAU-IAA - Direct Action #224 - Camus wiederentdecken -- Erkenntnisse nach einer Lesung mit Lou Marin in Mannheim
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Wed Jul 30 11:20:23 CEST 2014
Ausgerechnet Sarkozy wollte die Leiche von Camus in die nationale Ruhmeshalle Panthéon
umbetten. Dieser Versuch schlug fehl. Die Mittelmeersonne scheint immer noch auf sein Grab
in dem südfranzösischen Dorf Lourmarin, wo der Schriftsteller nach einem tödlichen
Verkehrsunfall seit 1960 beerdigt ist. ---- Vor allem um Camus' 100. Geburtstag 2013
streiten intellektuellen Kreise um die Interpretation seiner Werke. Der
Mainstream-Philosoph Michel Onfray will Camus sogar als libertären Kapitalisten sehen.
Viele sehen in ihm den Anti-Totalitaristen, was er mit Sicherheit war. Allein sein Werk
"Der Mensch in der Revolte" (1951) liefert den Beweis. Andere stilisieren Camus aber zum
Verteidiger der bürgerlichen Demokratie, was er auf keinen Fall war. Camus drückte 1953 in
einer Rede vor revolutionären SyndikalistInnen in St.-Étienne seine Meinung aus: "Die
Unterdrückten wollen nicht nur von ihrem Hunger befreit werden, sondern auch von ihren
Herren."
So spricht kein lupenreiner Vorzeige-Demokrat, sondern einer, dessen "Sympathien dem
libertären Syndikalismus gelten." Wie aber ist Albert Camus aus anarchistischer Sicht zu
verstehen? Es ist der Verdienst des Autors Lou Marin, die intensiven Verbindungen zwischen
Camus und der anarchistischen Bewegung dem Vergessen entrissen zu haben. Lou ist seit
Anfang der 80er Jahre Mitherausgeber der gewaltfrei-anarchistischen Zeitung
"Graswurzelrevolution". Mit dem libertären Camus hat sich Lou Marin schon seit den 90er
Jahren beschäftigt. 1998 erschien sein Buch "Ursprung der Revolte. Albert Camus und der
Anarchismus", das nicht nur in libertären Kreisen für Furore sorgte. Den meisten
LeserInnen war Camus nur als Literaturnobelpreisträger und Mitbegründer des
Existenzialismus bekannt. Durch Lou Marin war der erste Kontrapunkt für den libertären
Camus im deutschsprachigen Raum gesetzt. Es folgten weitere Artikel zum Thema in Deutsch
und Französisch. Und weitere Recherchearbeit, auf die 2013 ein weiteres umfangreiches Buch
folgte: "Albert Camus - Libertäre Schriften (1948-1960)".
Camus wird in seiner eigenen Diskussion mit französischen, spanischen und algerischen
AnarchistInnen und SyndikalistInnen vorgestellt. Auf einer seiner Lesereisen befand sich
Lou Marin Anfang Mai zu einer gutbesuchten Lesung in Mannheim, die von der Anarchistischen
Gruppe und dem örtlichen FAU-Syndikat organisiert wurde.Laut Lou Marin gibt es bei Camus'
Leben und Werk verschiedene Phasen, in denen er sich immer weiter zum Anarchismus
hinwendete. Geboren 1913 wuchs Camus in armen Verhältnissen in Algier auf. 1931 brach die
Tuberkulose bei ihm aus, unter der er sein ganzes Leben litt. Von 1935 bis 1937 war er
Mitglied der Kommunistischen Partei, die zu der Zeit antikoloniale Politik betrieb. Ab
1937 begann Camus zu schreiben, was ihn später zu literarischem Weltruhm führen würde. Er
arbeitete als Reporter bei einer linken Zeitung, verfasste Artikel über das Elend der
kolonialen Ausbeutung. Camus engagierte sich für den Pazifismus, für
Kriegsdienstverweigerung und für Desertion. Camus lernte den Syndikalisten und
Unabhängigkeitskämpfer Messali Hadj kennen. Wegen seiner Solidarität zu Hadj und seiner
Bewegung wurde Camus aus der KP ausgeschlossen.
Später in den 50er Jahren eskalierte der Streit innerhalb der algerischen
Befreiungsbewegung zu einem gewaltsamen Konflikt. Die "MessalistInnen", die eine
föderative Ordnung nach der Befreiung bevorzugten und die auch Camus unterstützte, wurden
durch die staatssozialistische FLN (Front de Libération National) zerschlagen, es gab über
10.000 Tote. Nur die libertäre Presse in Frankreich erhob dagegen Protest.Nach dem
Kriegsbeginn siedelte Camus 1940 nach Paris über, schloss sich nach der deutschen
Besetzung Frankreichs der Résistance um die Gruppe "Combat" an, die eine gleichnamige
Untergrundzeitung herausgab. Camus revidierte seine pazifistische Einstellung im Kampf
gegen die Nazis, behielt aber seine Gewaltkritik bei. Er wandte sich gegen Attentate auf
die deutschen FaschistInnen und das französische Pétain-Regime. Ebenso setzte er sich nach
der Befreiung 1944 gegen die Todesstrafe für KollaborateurInnen ein. Camus wollte keinen
Terror für Terror, den Kampf gegen die Todesstrafe setzte er sein Leben lang fort.Schon
1940 wurde Camus durch die Anarchistin Rirette Maîtrejean in libertäre Kreise eingeführt.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit besuchte er Treffen, nahm an Versammlungen und
Kampagnen teil, knüpfte Freundschaften und schrieb ab 1948 regelmäßig in französischen
anarchistischen Zeitungen, wie "Témoins", "Le Libertaire", "Le Monde libertaire", "La
Révolution prolétarienne" und vielen anderen. Insbesondere die vielen Flüchtlinge, die aus
Spanien vor der Franco-Diktatur geflohen waren, unterstützte Camus nicht nur durch seine
Worte, sondern auch durch finanzielle Mittel.
Die Hälfte des Nobelpreisgeldes spendete er an spanische Familien. "Camus war von jener
seltenen Sorte Mensch, der überhaupt keine Selbstdarstellung suchte oder irgendeinen
HeldInnenschein aufgrund seiner Solidaritätsgesten bekommen wollte. Er bestand im
Gegenteil darauf, dass nicht bekannt werde, dass diese oder jene Geldsumme zur
Unterstützung gefangener GenossInnen oder ihrer Familie von ihm stammte. Brassens verfuhr
ebenso ...", schilderte Fernando Gómez Peláez, damaliger Chefredakteur der
CNT-Wochenzeitung "Solidaridad Obrera".Vor allem der unerbittliche Streit mit seinem
ehemaligen Freund Sartre, der 1952 Camus' Buch "Der Mensch in der Revolte" zerriss,
beleuchtet die grundsätzliche Auseinandersetzung zwischen dem autoritären Sozialismus und
dem freiheitlichen, dem libertären Sozialismus, wie Camus ihn vertrat. Schon damals wurden
die antiautoritären Positionen nur von einer kleinen Minderheit getragen, und daran hat
sich bis heute nichts geändert.Das neue Buch von Lou Marin über Camus' libertäre Schriften
wird mit seinen 380 Seiten nicht in einem Satz durchgelesen. Aber es ist nicht nur
geschichtlich interessant, sondern im Zeichen der Krise des Kapitalismus auch höchst
aktuell.Und eine Veranstaltung mit dem Genossen Lou macht immer Freude. Sachlich-kompetent
mit jeder Menge Details und Anekdoten führt er durch die Lesung und beantwortet
ausführlich die Fragen aus dem Publikum.
Reinhard Sick
Lou Marin (Hg.): ?Albert Camus - Libertäre Schriften 1948-1960?Laika Verlag 2013?ISBN
978-3-942281-56-0.
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