(de) FdA/IFA - Gai Dao Extrablatt Nr. 1 - Das bewegte Leben von Erich Mühsam -- Libertäres Bündnis Ludwigsburg

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Sat Jul 26 08:10:11 CEST 2014


Kindheit ---- Erich Mühsam wurde am 6. April 1878 als Sohn des Apothekers Siegfried 
Seligmann Mühsam und seiner Frau Rosalie in Berlin geboren. Seine Familie siedelt ein Jahr 
später in die Hansestadt Lübeck über. Nachdem Mühsam 1896 im "Lübecker Volksboten" eine 
Glosse über den Direktor seines Gymnasiums veröffentlicht, wird er wegen "sozialistischer 
Umtriebe" des Schule verwiesen. Im selben Jahr beendet er die Schule in Parchim nach der 
Untersekunda mit ,,Mittlerer Reife". Auf Drängen seines Vaters beginnt Erich Mühsam eine 
bis 1899 andauernde Lehre als Apotheker und arbeitet bis zu seinem Umzug nach Berlin im 
Jahr 1900 als Apothekergehilfe in Lübeck und Blomberg/Lippe. ---- Berliner Anfänge 
1901-1904 --- Schon früh zeigt sich Mühsams "widerborstiges Temperament".

Nach seinem Wohnortwechsel in die Hauptstadt wird er 1901
freier Schriftsteller und schließt sich dem Bohemezirkel "Die
Neue Gemeinschaft" an. Zu seinen Freund*innen zählen Gus-
tav Landauer, Else Lasker-Schüler und Eduard Munch. In der
Berliner Wochenschrift "Der arme Teufel", dessen Redakteur
Mühsam ist, veröffentlicht er 1902 als 24-Jähriger erste Gedichte.

Während dieser Zeit hat Mühsam erste Kontakte zu anarchisti-
schen Gruppen

Schnell entwickelt er sich zu einem markanten und litera-
risch produktiven Vertreter des deutschen Anarchismus. In
seinen Anschauungen verschmelzen die Forderungen anar-
chistischer Vertreter wie Bakunin und Landauer mit Elemen-
ten des bürgerlichen Individualismus von Nietzsche zu einem
"Gefühlsanarchismus", der durch Autoritätenhass und die
Verbundenheit mit sozial Benachteiligten gekennzeichnet ist.

Mühsams Weltanschauung ist zutiefst pazifistisch, mit
dem Marxismus teilt er die Kritik am Kapitalismus, der
seiner Meinung nach für den Krieg verantwortlich ist.
Mühsam ist bestrebt der Bohemekultur einen politischen Inhalt
zu geben und sie durch eine betont antibürgerliche und vitale
Lebensführung als Vorwegnahme der Anarchie zu stilisieren.

Bereits während seiner frühen Berliner Zeit steht Mühsam un-
ter regelmäßiger polizeilicher Kontrolle. Die Wanderjahre mit
Johannes Nohl von 1904-1908 nutzt Mühsam, um auf Reisen in
die Schweiz, nach Italien, Frankreich und Österreich Kontakte
zu anarchistischen Gruppen in diesen Ländern zu knüpfen.



Wanderjahre 1904-1908

In Begleitung seines Freundes Johannes Nohl will Mühsam neue
Orte sehen. Trotz ständigem Geldmangel und unter teils pre-
kären Bedingungen führen ihn seine Reisen u.a. nach Zürich,
Ascona Norditalien, München, Wien und Paris. Die Aufenthalte
dauern meist nur wenige Wochen, nie länger als etwa ein halbes
Jahr. Viele Orte besucht er mehrmals.

Er bewegt sich im Umfeld der Boheme, verbringt in Ascona sei-
ne Zeit in der Heil- und Erholungsanstalt "Monte Verità", einer
Ansiedlung von deutschen Lebensreformer*innen mit vegeta-
rischer Lebensweise, die Mühsam als "Salatorium" verspottet.
Dennoch ist er auch weiterhin politisch aktiv (z. B. In Zürich,
Berlin oder München).

Auch wenn er immer wieder für kurze Zeit nach Berlin zurück-
kehrt, fühlt er sich in München zunehmend heimischer.

Münchner Jahre 1908-1919

Ab 1908 wählt Mühsam München zu seinem ständigen
Wohnsitz. Er schließt Freundschaft mit vielen Künstler*innen
der Schwabinger Boheme. Auf politischer Ebene versucht
er durch die ,,Gruppe Tat" das Subproletariat für den An-
archismus zu begeistern. Er wirkt im Münchner Kaba-
rett mit und schreibt neben seiner eigenen Zeitschrift
"Kain - Zeitschrift für Menschlichkeit" auch für verschie-
dene satirische Zeitschriften (u.a. bei Simplicissimus).
Am 15.9.1915 heiratet Erich Mühsam Kreszentia Elfinger.

Nach Ausbruch des 1.Weltkrieges versucht er einen Bund
der Kriegsgegner*innen zu gründen und knüpft erste Kon-
takte zum Spartakusbund. In den darauf folgenden Jahren
ist er engagierter Mitorganisator von Protesten und Streiks
gegen den Krieg und nach dem Sieg der Oktoberrevolution
in Russland Mitglied der linken Opposition um Kurt Eis-
ner (USPD). Am 7.11.1918 beteiligt sich Mühsam aktiv an
der revolutionären Massenerhebung in München und prägt
als populäre Leitfigur und radikaler Vertreter des Rätesys-
tems den Verlauf der Revolutionsereignisse bis zur Bayri-
schen Räterepublik mit Aufrufen, Reden und Programmen.

Am 13.4.1919 wird Mühsam bei einem Putschversuch der re-
publikanischen Schutztruppe verhaftet und zu 15 Jahren Fes-
tungshaft verurteilt. Im September 1919 tritt er in die KPD
ein, im November 1919 nach Verkündigung der Heidelberger
Leitsätze jedoch wieder aus. Er entwirft ein proletarisch-re-
volutionäres Einigungsprogramms "links von den Parteien".
Nach seiner Amnestierung am 21.12.1924 kehrt Mühsam nach
Berlin zurück.

Zurück in Berlin 1924-1934

Als Mitglied der Gefangenenorganisation ,,Rote Hilfe Deutsch-
land" engagiert sich Erich Mühsam in den Jahren ab 1925 für
die Befreiung politisch Strafgefangener. Wegen seiner Nähe
zur KPD wird er 1925 aus der Föderation kommunistischer
Anarchisten Deutschlands (FKAD) ausgeschlossen. Als Wort-
führer der Anarchistischen Vereinigung arbeitet Mühsam ab
1925 in vielen linken und antifaschistische Organisationen.

Im Jahr 1926 tritt er aus dem Judentum aus. Trotz seines so-
zialrevolutionären Engagements bleibt Mühsam ein politi-
scher Einzelgänger und schließt sich keiner Partei an. In den
Jahren 1927/1928 ist er im künstlerischen Beirat der Piscator-
Bühne Berlin. Seine Verbitterung über die Spaltung und
politische Ohnmacht der Linksparteien gegenüber dem er-
starkenden Nationalsozialismus wächst, Mühsam nimmt
an zahlreichen Aktionen gegen Faschismus und Krieg teil.

In seiner Zeitschrift "Fanal" äußert er sich besorgt über das Er-
starken der NSDAP. 1931 wird er aus dem Schutzbund Deutscher
Schriftsteller ausgeschlossen. In der Nacht des Reichstagsbran-
des vom 27. zum 28.02.1933 wird Mühsam durch die SA verhaf-
tet. Während seiner Aufenthalte in den verschieden Gefängnis-
sen und Konzentrationslagern wird er gequält und misshandelt.

Internationale Bemühungen um seine Befreiung bleiben erfolg-
los. Am 2. Februar 1934 wird Erich Mühsam in das Konzentrati-
onslager Oranienburg verlegt. In der Nacht vom 9. zum 10. Juli
1934 wird er dort von der SA ermordet. Seine Unbeugsamkeit ist
ein Symbol des antifaschistischen Widerstandskampfes.


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