(de) FAU - Interview des Medienprojekts Zwischenzeit mit Ralf Dreis zur Lage im Gartenbau
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Thu Jul 17 13:54:15 CEST 2014
Gärtnern für ein gutes Leben ---- Um die Arbeits-Bedingungen der Angestellten im Gartenbau
zu verbessern, wurde von der anarchistischen Basisgewerkschaft FAU im Januar dieses Jahres
die Gärtner_innen-Offensive 2020 gestartet. Der Interviewte, Ralf Dreis, ist Gärtner und
Mitinitiator der Offensive. ---- Kontakt: gartenbau-ffm at fau.org. Oder persönlich jeden
Dienstag, 20 Uhr im Arbeitskreis Umwelt (AKU) Wiesbaden, Rüdesheimer Straße 19 im
Rheingauviertel, jeden Sonntag, 19 Uhr beim Treffen der FAU, Mühlgasse 13 in Frankfurt
Bockenheim. ---- Zwischenzeit: Eine Studie des hessischen Landwirtschaftsministeriums hat
ausgerechnet, dass der Gartenbau in Hessen ein Umsatz von 5,3 Milliarden Euro erzielt. Das
ist jede Menge Kohle. Haben die Angestellten etwas davon? ---- Ralf Dreis: Na ja, so
pauschal formuliert macht die Frage wenig Sinn, da die 5,3 Milliarden natürlich auf
unglaublich viele größere und kleinere Gartenbaubetriebe und alleine vor sich
hinwurstelnde Gärtner_innen verteilt werden. Aber klar, alle die in diesem Bereich
arbeiten, bekommen ein kleines Stück von diesem Kuchen ab. Um genauer darauf antworten zu
können muss man sich die einzelnen Betriebe anschauen, die unterschiedlichen
Arbeitsbedingungen und Löhne miteinander vergleichen und dann entscheiden ob sich der
Verkauf der eigenen Arbeitskraft gerechnet hat.
Z: Ich versuchs mal konkreter: Wie würdest du die Arbeitsbedingungen in der Branche
beschreiben?
RD: Es ist schon auffällig, dass die Arbeitsbedingungen und Lohnzahlungen sehr
unterschiedlich sind. Für die Betroffenen ist es dabei auch gar nicht so einfach
durchzusteigen, was ihnen denn eigentlich laut Tarif zusteht. Ein paar Beispiele: Schon
die Tariftabelle führt mindestens 26 verschiedene Lohnstufen im Gartenbau auf. Von
ungelernten und angelernten Aushilfen, Auszubildenden über Gärtnergesell_innen mit und
ohne Berufs-erfahrung, Altgesell_innen, Anleiter_innen, Meister_innen, und, und, und
reicht die Palette und dann ist es auch noch ein Unterschied, ob du als Florist_in oder
Gartenlandschaftsgärtner_in oder Friedhofsgärtner_in bezahlt wirst. Als Anhaltspunkt für
ausgelernte Gärtner_innen, sozusagen als unterste Lohngrenze egal in welchem
Garten-baubereich, würde ich hier einmal einen Tarifecklohn von 11,85 Euro die Stunde
ansetzen. Wer weniger verdient, sollte unbedingt nachfragen, wie es mit 'ner Lohnerhöhung
aussieht. Auch wenn der Chef/die Chefin behauptet, nach Tarif zu bezahlen, heißt das noch
lange nicht, dass du korrekt bezahlt wirst. Einige Firmen bezahlen nämlich nicht nach
Gartenbautarif, sondern nach Gebäudereiniger_innentarif. Das wird dann damit begründet,
dass diese Firmen eben verschiedene Arbeiten ausführen und sich den niedrigeren Tarif für
ihre Angestellten aussuchen, auch wenn dein Haupteinsatzgebiet der Gartenbau ist. Viele
wissen auch einfach nicht über ihre Rechte Bescheid. Auch Minijobber_innen, Aushilfen und
Saisonarbeitskräfte haben z.B. Anspruch auf Urlaub und auf Lohnfortzahlung im
Krankheitsfall. Wer das nicht weiß und somit auch nicht einfordert, akzeptiert eine
indirekte Lohnkürzung, weil nur für tatsächlich gearbeitete Stunden bezahlt wird.
Oder ein weiteres Beispiel: Für Festangestellte sieht der Tarifvertrag zum Beispiel 30
Urlaubstage im Jahr vor, in einigen Betriebe werden aber nur 24, 26 oder 28 Urlaubstage
genehmigt. Auch das ist eine indirekte Lohnkürzung die mensch nicht hinnehmen sollte.
Grundsätzlich gilt es immer genau nachzufragen und nichts als gegeben oder unabänderlich
hinzunehmen. Außerdem möchte ich betonen, dass ein Tarif natürlich nicht das Ende der
Fahnenstange darstellt. Dass wir für die vergleichsweise harte Arbeit so beschissen
bezahlt werden, liegt auch am schlechten Organisierungsgrad der Gärtner_innen. Wer nichts
für sich erkämpft, braucht sich nicht zu wundern, dann ausgebeutet zu werden. Zum Thema
Arbeitsschutz: Ohrenschützer, Arbeitsklamotten, Schnittschutzhosen bei Motorsägearbeiten,
Sicherheitsschuhe ... all das muss vom Betrieb gestellt werden und dient unserer
Gesundheit, weshalb mensch sich nicht zu schade sein sollte, danach zu verlangen!
Z: Der Staat ist nicht selten Auftraggeber für Gärtner_innen. Im Zuge der
Austeritätspolitik in der Krise - Stichwort Schuldenbremse - stehen aber insbesondere
Kommunen immer weniger Mittel zur Verfügung. Wirkt sich das auf die Gärtner_innen aus?
RD: Ob es sich schon direkt auf die städtisch angestellten Gärtner_innen auswirkt, kann
ich nicht beurteilen. Meines Wissens sind deren Arbeitsbedingungen im Vergleich noch echt
gut und korrekt. Auf alle in der so genannten freien Wirtschaft Angestellten hat die
Schuldenbremse insofern Auswirkungen, dass städtische oder stadteigene Betriebe immer
weniger Geld zur Verfügung haben und es auch in diesen Bereichen nicht mehr um öffentliche
Daseinsvorsorge, sondern nur noch um schwarze Zahlen geht. Kurz gesagt: Der ehemals
öffentliche Sektor wird komplett durchkapitalisiert, mit allen bekannten Auswirkungen. Bei
Neuausschreibungen für Pflegeaufträge von Grünanlagen werden dementsprechend
Billiganbieter bevorzugt, deren Angestellte mit mehr Stress für weniger Geld und mit
weniger Rechten ausgebeutet werden. Auf Dauer wird eine Spirale in Gang gesetzt, die immer
schlechtere Arbeitsbedingungen und immer weniger Geld für alle bedeuten.
Z: Der Gartenbau gilt als klassischer Einsatzbereich für Ein-Euro-Jobs. Wer profitiert
davon, wenn Gärtner_innen für einen so niedrigen Lohn rackern müssen?
RD: Niemand außer dem_der Arbeitgeber_in. Das ist Ausbeutung pur und muss mit allen
Mitteln bekämpft werden.
Z: Die FAU hat diesen Januar die Gärtner_innen-Offensive gestartet. Wie geht es voran?
RD: Es geht nur sehr schleppend voran. Auf unseren Aufruf gab es zwar erst einmal nur
positive und ermutigende Rückmeldungen. ,,Endlich", ,,wird auch Zeit", ,,Superinitiative"
waren nur einige der Reaktionen, wenn wir mit den Kolleg_innen auf den Baustellen geredet
haben. In den abendlichen Treffen wurde aber schnell klar, dass die meisten nicht Willens
sind oder sich nicht in der Lage sehen, in eine Auseinandersetzung mit dem Chef/der Chefin
um mehr Lohn, mehr Urlaub oder bessere Arbeitsbedingungen zu gehen. Die Leute haben
schlicht Angst rauszufliegen, wenn sie Forderungen aufstellen. Vielleicht fehlt auch so
etwas wie persönliches Rückgrat, das bekommt mensch ja auch hier nicht gerade beigebracht.
Die Propaganda der Mainstreampresse besagt ja eher, dass mensch glücklich sein sollte,
überhaupt arbeiten zu dürfen, egal wie diese Arbeit aussieht. Zumindest ist es so, dass
alle dachten, wir als FAU würden etwas für sie tun, ohne dass sie selbst sich bewegen
müssen. Wenn klar war, dass wir nicht für sondern mit jemandem, also in einem gemeinsamen
Organisierungsprozess kämpfen wollen und das natürlich auch damit verbunden ist, eine
Forderung gegenüber dem eigenen Chef/der Chefin zu formulieren, war der Kampfesmut schnell
verflogen. Momentan legen wir den Schwerpunkt weiterhin darauf, die Leute über ihre Rechte
aufzuklären. Nach dem Motto: Nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch durchsetzen!
Z: Was wollt ihr bis 2020 erreicht haben?
RD: Dass auch Gärtner_innen Teil einer kämpferischen und emanzipatorischen Bewegung für
gute Arbeits- und Lebensbedingungen für alle Menschen sind. Dass dem kapitalistischen
Dogma ,,Hauptsache Arbeit" endlich wieder etwas entgegegesetzt wird. Der Sinn unseres
Lebens ist es nämlich nicht sich für den größtmöglichen Profit anderer ausbeuten zu
lassen, sondern ein möglichst erfülltes und glückliches Leben zu genießen.
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