(de) FAU-IAA Direct Action #221 - Raus aus der Misere -- Krise als kapitalistischer Normalvollzug und Interventionsmöglichkeiten

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Fri Jan 31 17:22:18 CET 2014


Krisen. Darüber, was sie sind, was sie ausmacht, wie sie entstehen und wie sie gelöst 
werden können, gibt es eine Vielzahl an Theorien und Interpretationen. Das ist sicherlich 
mit gutem Grund so, doch eines sollte klar sein - sie sind kapitalistischem Wirtschaften 
inhärent, immer wiederkehrend und nur zeitweise lösbar. ---- Dennoch tritt im Angesicht 
jeder neu aufkommenden Krise das große Vergessen darüber ein, dass es vergleichbare 
Situation seit dem Anbeginn kapitalistischer Vergesellschaftung immer wieder gegeben hat. 
So partiell die Suche nach den Verantwortlichen geführt wird, so partiell sind auch die 
jeweiligen Lösungsansätze. Die gesellschaftlichen Folgen dieser "Lösungen" hingegen wirken 
sich mit aller Härte auf große Teile der Gesellschaft aus.

In Deutschland erleben wir seit einigen Jahren einen Krisendiskurs, der suggeriert, dass 
die vermeintlich Schuldigen der EU-Schuldenkrise im europäischen Süden nun "zu Recht" in 
ihren Ansprüchen auf ein gutes Leben kürzer treten müssten, während wir im Hier und Jetzt 
noch ganz gut davonkommen würden. Während der Export-Weltmeister Deutschland sich selbst 
feiert und Politik und Medien stetig bemüht sind, ein mögliches Ankommen der Krise bei uns 
als drohenden Zeigefinger gegen Forderungen sozialen Ausgleichs zu nutzen, sieht die 
Realität für viele Menschen auch hierzulande brutal aus.

Raus aus dem Hamsterrad (Urheber: Findus)

Zehn Jahre nach Einführung der Agenda 2010 und den dazugehörigen "Reformen des 
Arbeitsmarkts", von der Grünen Göring-Eckardt damals "Frühling der Erneuerung" genannt, 
verdienen acht Millionen Menschen ihren Lebensunterhalt im Niedriglohnbereich. Ein Viertel 
aller Beschäftigten lebt mit prekären Arbeitsverhältnissen. Teilzeit-Beschäftigungen, 
befristete Arbeitsverträge, Leiharbeit und Minijobs haben die "Normal-Beschäftigung" 
teilweise verdrängt, so dass der Lohn immer häufiger nicht zum Leben reicht. So kommt es, 
dass es in Deutschland 2013 42 Mio. Beschäftigte gab - so viel wie noch nie - während 
gleichzeitig 12 Millionen Menschen in Armut lebten oder als armutsgefährdet galten. Fast 
20 Prozent aller Personen unter 18 Jahren sind von sogenannter Einkommensarmut betroffen. 
Würde der Hartz-IV-Regelsatz 50 Euro höher sein als jetzt, hätten eine halbe Million mehr 
Menschen Anspruch auf Transferleistungen. Privatisierungen, steigende Mieten und höhere 
Lebenshaltungskosten tun ihr übriges, die Situation zu verschärfen.

Unabhängig von der Einkommenssituation ist praktisch überall ein immens gestiegener 
Konkurrenz- und Leistungsdruck zu verzeichnen, sowie eine steigende Arbeitsdichte. Ein 
zwanghaftes Bestreben nach einem lückenlosen Lebenslauf auf der einen Seite und ein 
Zuwachs an psychischen (Stress-)Erkrankungen wie Burnout auf der anderen Seite sind 
entsprechende Folgen. Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist größer denn je, denn das 
soziale Netz besteht inzwischen größtenteils aus Löchern. Die Behauptung, die Menschen in 
Deutschland seien von der Krise kaum betroffen, ist also nicht nur grob fahrlässig, 
sondern faktisch falsch.

Trotzdem scheint ein Großteil der Bevölkerung darauf zu warten, dass die Krise wie eine 
Gewitterwolke vorbeizieht oder sich nur über den Nachbarn abregnet. Sicherlich ist dies 
häufig nicht einmal als Boshaftigkeit zu fassen, den "Nachbarn" im globalen Kontext 
gegenüber, in Europa, am eigenen Arbeitsplatz, im Viertel oder in der Supermarktschlange. 
Doch die Hoffnung, sich irgendwie durchzuwuseln, der Versuch, den Kopf in den Sand zu 
stecken oder alle Probleme auszusitzen, scheinen weiterhin Oberhand zu behalten. Selbst 
dort, wo die Krise eigentlich lange angekommen ist.

Konkrete Interventionsmöglichkeiten gegen die beschriebenen Zustände scheinen deshalb bei 
einem Großteil der Bevölkerung wenig Anklang zu finden. Dies verwundert in Anbetracht der 
beschriebenen Situation. Zumal es im Kapitalismus normal ist, dass es Gruppen von Menschen 
gibt, bei denen das vorhandene Geld nicht zum Leben reicht. Unterstützung von Kämpfen im 
europäischen Süden, wo sich mehr Menschen gegen ihre Lebensbedingungen wehren als 
hierzulande, bis hin zur Initiative eines europäischen Generalstreiks, sollten deshalb 
nicht nur aus gelebter Solidarität heraus unterstützt werden. Vielmehr gibt es 
offensichtlich auch hier mehr als genug Gründe, die alltäglichen Bedingungen aufzudecken 
und anzugreifen, um sie zu verändern. Wann, wenn nicht jetzt!?!

Laura Fischer und Matthias Nicolaus


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