(de) FAU-IAA Direct Action #221 - Die Krise als Katalysator der Reaktion -- In Spanien besteht die Gefahr massiver Rückschritte im Kampf gegen die patriarchale Gesellschaft

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Wed Jan 29 11:24:18 CET 2014


In der spanischen Provinz Galicien machen seit Beginn der Krise FeministInnen oftmals 
gemeinsam mit ... ---- Im Interview mit der Direkten Aktionerklärt die Sozialarbeiterin, 
Therapeutin und Aktivistin Berta Vega aus Ourense in der spanischen Provinz Galicien den 
Zusammenhang von Austeritätspolitik, autoritärer Krisenverwaltung und 
Geschlechterdiskriminierung. ---- Berta, erzähl doch erst mal von Deiner Arbeit - was 
machst Du? ---- Ich bin Sexualwissenschaftlerin und Pädagogin und biete als Selbstständige 
Kurse in den Bereichen Konfliktlösung, Selbst- und Fremdhilfe bei sexualisierter Gewalt, 
Stärkung der Fähigkeit zur Selbsteinschätzung und zur Stärkung des Selbstbewusstseins, zur 
Wiedererlangung sozialer Fähigkeiten nach traumatischen Erlebnissen oder in Fällen 
extremer Vereinzelung sowie zum gleichberechtigten Umgang zwischen Männern und Frauen an. 
Dazu gehören auch Sexual - und Paartherapie, die ich - jetzt unabhängig von meinen übrigen 
Kursen - in meinem Büro in Ourense anbiete.

Mit welchen Widrigkeiten musst Du bei der Ausübung Deines Berufes, mal gemessen an Deinen 
persönlichen Idealvorstellungen, am meisten kämpfen?

Die geschlechtsspezifischen Probleme, mit denen ich mich in meiner Arbeit 
auseinandersetzte, rühren von der sozialen Trennung in männlich und weiblich her; die 
Differenzierungen, die nach der bloßen Feststellung vor oder spätestens bei der Geburt von 
den Körperteilen Penis und Vulva vollzogen werden, konstituieren folgenschwere 
Ungleichheiten für eine riesige Menge von Menschen. An diese sozialhistorischen Ursachen 
in ihren unendlich verschiedenen individuellen Ausprägungen komme ich in meiner Arbeit 
natürlich nur äußerst rudimentär heran. Das beginnt schon bei der hauptsächlichen 
BesucherInnengruppe meiner Kurse, die ich seit sechs Jahren durchführe: Betroffene oder 
interessierte Frauen! Dabei geht es mir doch um die Geschlechterverhältnisse, und daher 
möchte ich natürlich gerade auch Männer erreichen. Doch diese kommen in der Regel nur, 
wenn sie arbeitslos sind und ihnen meine Kurse von den Behörden aufgebrummt werden; neben 
so genannten "Weiterbildungsmaßnahmen" im technischen oder administrativen Bereich gehört 
halt auch das Themenfeld "Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern" zum 
sozialtechnokratischen Repertoire der aktuellen Krisenverwaltung in Spanien. Für diese 
Männer ist es unter den gegebenen Bedingungen dann eben ein Zwang und somit eher eine 
Bestrafung als eine Bereicherung. Durch die Sozialisierung in Familie und Schule und auch 
ganz wesentlich durch die herrschende Kultur, wie sie sich durch die Massenmedien bis in 
die Sprache artikuliert, scheint es ein unausgesprochenes soziales Verbot für Männer zu 
geben, sich mit ihren Problemen im Rahmen von Kursen zu Fragen von Geschlecht und 
Sexualität zu befassen. Damit beschränkt und behindert die patriarchale Gesellschaft eben 
nicht zuletzt auch Männer in ihrer Entfaltung und ihren Möglichkeiten zur Problemlösung. 
Mein grundsätzliches Anliegen, die freie Entwicklung aller Individuen gleich welchen 
Geschlechts auf der Grundlage von tatsächlicher rechtlicher und sozialer Gleichstellung, 
erscheint angesichts solcher fundamentaler Probleme als arg utopisch.

Von der gewaltförmigen Struktur der patriarchalen Gesellschaft zeugen auch in Deutschland 
die vielfältigen Einrichtungen, die notwendig sind, um Mädchen und Frauen in verschiedenen 
Krisensituationen zumindest notdürftig zu unterstützten. Welche Bedingungen würdest Du als 
die wichtigste Stütze der patriachal-machistischen Verhältnisse in Spanien ansehen?

Obwohl im Geiste des neoliberalen Verwertungswahnes alle möglichen sozialen Beziehungen 
kapitalisiert werden, würde ich immer noch 80 Prozent der in Spanien geleisteten Arbeit 
als Unbezahlte qualifizieren. Den Großteil davon machen Fürsorge und Pflege aus - mithin 
jene Tätigkeiten, die historisch als "weiblich" konnotiert sind. In Spanien gebrauchen wir 
den Sammelbegriff "cuidado" [zu Deutsch sowohl "Pflege" als auch "Obhut", aber auch 
"Vorsicht" oder "Vorbeugung", Anm. d. I.], um jene Tätigkeiten zu benennen, die auf die 
Wahrung des individuellen Wohls und der Teilhabe in physischer, materieller und sozialer 
Hinsicht zielen. In den tradierten Geschlechterbeziehungen sind Männer die Empfänger und 
Frauen die Bereitstellerinnen solcher Leistungen, ob nun in Familien oder in der 
professionalisierten Form der Sozialberufe. "Cuidar", das Sich-Kümmern um andere, ist eine 
im kapitalistischen Kontext als minderwertig eingestufte Arbeit, obwohl sie für die 
Reproduktion der Gesellschaft fundamental ist - zumindest zu Beginn und zum Ende unseres 
Lebens sind wir alle auf andere angewiesen. Das eigene Herausfallen aus der 
Verwertbarkeit, aus der Leistungsgesellschaft, wird aber als ein derart schwerwiegendes 
Verhängnis verklärt, dass die damit zusammenhängende Tätigkeit des "cuidado" 
pathologisiert und marginalisiert wird: sie wird in ihrer Mehrzahl zu einem 
vor-kapitalistischen Arbeitsverhältnis degradiert und somit unsichtbar. Die individuellen 
Folgen der sogenannten "Euro-Krise" in psychischer, physischer und sozialer Hinsicht 
fangen nun in erster Linie jene traditionell unbezahlten Kräfte auf: Mütter, Ehefrauen und 
Töchter, die sich um ihre verarmten Familienangehörigen kümmern. Dabei ist ihr eigenes 
Armutsrisiko in der Regel um einiges höher als das der meisten Männer, die zumindest noch 
um ihre Rentenansprüche kämpfen können oder die in einer "sichtbaren" und gesellschaftlich 
als wichtig anerkannten Branche tätig sind, die entsprechend von der Regierung vor dem 
endgültigen Kollaps gerettet wird. Doch es ist klar, dass sich der ohnehin prekäre 
Charakter des "cuidado" im Zuge der Krise nochmals verschärft, die Frauen mit ihrer 
eigenen Situation und den immer schwierigeren Aufgaben überfordert sind. Daher stellt sich 
mir die sogenannte "Euro-Krise" auch tatsächlich als eine Krise des "cuidado" dar, in der 
alle Menschen in die Unsicherheit gestürzt werden, wie sie angesichts ihrer jetzt schon 
schwierigen Lage erst einmal im Alter oder im Falle von Krankheit zurecht kommen sollen. 
Und diese Unsicherheit wiederum verstärkt die psychischen und sozialen Spannungen, die 
sich dann in verschiedenen Formen gewalttätig entladen - und eben oftmals gegen Frauen.

Frauen sind also von der als "Euro-Krise" titulierten Situation besonders betroffen?

Wenn ich auf meine Region, die Provinz Galicien, mit der drittältesten Bevölkerung 
Spaniens blicke, wird besonders deutlich, welche immense Bedeutung die Tätigkeit des 
"cuidado" hat. Hier sind 21 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt, der Durchschnitt in 
Spanien liegt bei 16 Prozent. Nun sind in Galicien von jenen über 65-Jährigen aber 68 
Prozent Frauen, von denen 43 Prozent verwitwet sind - wohingegen 77 Prozent der Männer 
über 65 in einer Ehe leben. Somit sind Frauen im Alter ohnehin einem besonderen Risiko der 
Vereinsamung und mit einhergehend dem Problem mangelnder Fürsorge ausgesetzt. Noch werden 
solche Aufgaben meist von Familienangehörigen - den Töchtern und Söhnen oder den 
Schwiegerkindern - übernommen, doch die ökonomische Situation macht es für viele immer 
schwieriger, sich neben sich selbst auch noch um andere zu kümmern. Und noch mal: etwa 84 
Prozent aller Tätigkeiten im Bereich "cuidado" werden von Frauen ausgeführt, das gilt 
natürlich auch für die Sorge um die Gruppe der alleinstehenden Frauen über 65. Da nun in 
diesem speziellen Bereich ein immer größerer Bedarf an bezahlten Kräften herrscht, muss 
auch die kapitalisierte Form des "cuidado" betrachtet werden. Aufgrund der ländlichen 
Struktur weiter Teile Galiciens werden Pflege und Assistenz hier meist ambulant 
organisiert; die ArbeiterInnen - entsprechend der Tätigkeit eben meist Frauen - kümmern 
sich im Regelfall um acht bis zehn Personen im Schichtbetrieb und verdienen dabei zwischen 
600 und 800 Euro netto im Monat. Wenn man die enormen Strecken, die sie zwischen den 
oftmals entlegenen Ortschaften zurücklegen müssen, berücksichtigt, ist das wirklich ein 
miserabler Hungerlohn. An diesem konkreten Beispiel wird deutlich, wie sich die Krise eben 
besonders auf Frauen auswirkt: wenn sie bedürftig werden, wird es immer schwieriger, ihnen 
Hilfe über die traditionellen Wege zukommen zu lassen, und um diesen Bedarf nun finanziell 
befriedigen zu können, werden die als weiblich konnotierten Sozialberufe noch stärker 
ausgebeutet als zuvor. Ich habe bereits von den beiden Sektoren der spanischen Wirtschaft 
gesprochen - dem sichtbaren, anerkannten und bezahlten sowie dem unsichtbaren, nicht 
wertgeschätzten und unbezahlten. Die doppelte Ausbeutung ist ein historisches Problem der 
spanischen Arbeiterinnen: Von ihnen als Frauen wurde die Entrichtung unbezahlter Arbeit 
verlangt, aber als Angehörige der ArbeiterInnenklasse waren sie im Gegensatz zu 
bürgerlichen Frauen auch darauf angewiesen, ihre Arbeitskraft dem Markt zur Verfügung zu 
stellen. Dieses Problem ist heute wieder hochaktuell und betrifft immer mehr soziale 
Schichten, die ökonomisch abrutschen. Und es spielt der Politik der Austerität natürlich 
in die Karten, dass in einer Situation, in der immer mehr Menschen auf die Bereitstellung 
von Sozialer Arbeit angewiesen sind, diese entweder im Bereich der "cuidados" meist 
unbezahlt entrichtet wird oder aber die entsprechenden Tätigkeiten aufgrund ihrer 
traditionellen Geringschätzung und der politisch-ökonomisch schwachen Position der 
ArbeiterInnen - wir wissen: meist Frauen - im Niedriglohnsektor stattfinden.

Hat die Krise also zu gesellschaftlichen Rückschritten im Kampf gegen 
Geschlechterdiskriminierung geführt?

Die erste Krisenwelle, die die spanische Wirtschaft erfasste, hat große Schäden in der 
Baubranche, im Kraftfahrzeugsektor und der Stahlindustrie hinterlassen. Die zweite Welle 
erfasste dann die staatlichen Einrichtungen, was den Ausgangspunkt für die jetzige 
Austeritätspolitik markierte. Besonders betroffen waren alle Bereiche, die mit dem Aspekt 
des "cuidado" zu tun haben: das Gesundheitswesen, Betreuung und Fürsorge für SeniorInnen, 
Bildung usw. Die ohnehin angeschlagene Finanzierung des öffentlichen Sektors wurde 
endgültig unterspült, als durch Steuererleichterungen und Konjunkturprogramme die Folgen 
der ersten Krisenwelle für die Industrie und das Finanzwesen abgemildert werden sollten. 
Aufgrund der geschlechtsspezifischen Zusammensetzung jener Bereiche, in denen daraufhin 
Einrichtungen geschlossen, Stellen gestrichen und Gehälter gekürzt wurden, um die 
Privatwirtschaft in der Krise abzufedern, wurden massenhaft Frauen ökonomisch gegenüber 
Männern benachteiligt. Aber auch politisch wurden die Rückschritte und Angriffe auf die 
Gleichheit immer deutlicher: Einer der ersten Schritte bei der Etablierung der 
Austeritätspolitik war die Abschaffung des Gleichstellungsministeriums! Dies ist nicht nur 
ein deutliches Zeichen, welchen Stellenwert Gleichheit für die Politik hat, wenn es einmal 
hart auf hart kommt, sondern ist auch in dem Kontext der Durchsetzung der Austerität 
selbst zu sehen: Sind nun mal vor allem Frauen von den Kürzungen im öffentlichen Sektor 
betroffen, so werden logischerweise auch ihre Möglichkeiten beschränkt, sich dagegen zu 
wehren. Im von mir so betonten Kontext des Stellenwertes und der Organisation der 
"cuidados" ist es da auch erwähnenswert, dass das "Ley Dependencia", also das Gesetz, das 
einen Anspruch auf Fürsorge und Pflege im Alter festschreibt, im Zuge der Austerität 
gestrichen wurde; auf wen sich das nun besonders auswirken wird, dürfte mittlerweile klar 
sein. Mit dem allgemeinen Trend zur Privatisierung verbunden ist unter den Bedingungen der 
Krise eine noch stärkere Position all jener, von deren Investitionen das 
Wirtschaftswachstum abhängig ist. Bei einer zunehmend sowohl alternden wie auch verarmten 
Bevölkerung ist es logisch, dass im Feld der "cuidados" kaum Kapital akkumuliert werden 
kann, weshalb bei einem Rückzug des Staates eben hier kaum Geld zur Verfügung steht. Die 
vor-kapitalistischen Arbeitsverhältnisse in diesem Bereich werden so verstärkt, vergrößert 
und verewigt.

Aber selbst wenn wir auf den "sichtbaren" Bereich der Ökonomie schauen, wird die 
politisch-ökonomische Benachteiligung von Frauen deutlich: Europaweit sind die Löhne 
durchschnittlich im Zuge der Krise um 16,2 Prozent, in Spanien um 21 Prozent gefallen; die 
von Frauen dominierten Sektoren sind dabei am schlimmsten betroffen und tragen zum Gros 
dieser Zahlen bei. Auch von Kurzarbeit sind Frauen stärker betroffen als Männer. 
Innerbetrieblich lag das zum einen an geringerer Betriebszugehörigkeit durch 
Schwangerschaft etc., zum anderen daran, dass sie Kurzarbeit aufgrund ihrer mannigfaltigen 
anderen Aufgaben (erneut das Stichwort "cuidados") eher akzeptierten.

Doch die Dramatik der Zahlen - 31,6 Prozent aller Frauen waren von Kurzarbeit bzw. 
Stundenstreichungen betroffen, aber nur 8,1 Prozent der Männer - erklärt sich natürlich 
vor allem dadurch, dass aus den weiblich konnotierten Berufen Kapital abgezogen wurde. 
Diese anhaltende ökonomische Entwicklung führt in allen Bereichen zu einem konfrontativen 
gesellschaftlichen Klima: Zuerst wurden die betriebliche Mitbestimmung, dann die 
gewerkschaftlichen Rechte und nun sogar das Demonstrationsrecht erheblich eingeschränkt. 
Zu den historisch erkämpften Formen der demokratischen Mitbestimmung, die nun geschleift 
werden, gehören selbstverständlich auch alle Gleichstellungsinstanzen, ob nun auf 
staatlicher oder privatwirtschaftlicher Ebene. Die Krisenverwaltung und die Durchsetzung 
ihrer Folgen werden autoritär praktiziert, als ob sie die Lunte des Dynamits der sozialen 
Ungleichheit entzünden wollten: Der Dialog um Gleichheit und die Möglichkeit, 
Geschlechterdiskriminierung argumentativ in den Institutionen und Unternehmen zu 
kritisieren, werden suspendiert. Gerade in den Unternehmen gab es ja den Trend, im 
Zusammenhang mit politischen Regelungen gegen die Diskriminierung von Frauen in höheren 
Positionen, aber auch allgemein gegen die Ungleichbezahlung, für eine bessere 
Vereinbarkeit von Familie und Beruf und gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz 
vorzugehen. Dem Bemühen um solche Veränderungen möchte ich auch in keiner Weise die 
Berechtigung absprechen, doch ich sehe ganz klar, dass die Kämpfe im Zuge der Krise eben 
auch am Arbeitsplatz viel härter werden.

... den ArbeiterInnen aus den Sozialberufen gegen die menschlichen Folgen der 
politisch-ökonomischen Verhältnisse mobil

Welche Rolle nimmt denn der Feminismus in den aktuellen sozialen Kämpfen in Spanien ein? 
Und wie politisch aktiv sind die ArbeiterInnen aus den Sozialberufen?
Also, wenn wir nun einen Aspekt wie den der häuslichen und der sexuellen Gewalt 
betrachten, können wir gut sehen, wie das politische Wirken des Feminismus und der 
SozialarbeiterInnen Gesellschaft verändert: Vor wenigen Jahrzehnten hieß es noch, das sei 
ein Privatrecht der Männer, dann wurden es individuelle Fehltritte, und heute wird es 
allgemein als ein gesellschaftliches Problem betrachtet, über dessen Ursachen und Lösungen 
breit diskutiert wird. Eine andere historische Errungenschaft des Feminismus ist das 1983 
unter der sozialistischen Regierung gegründete "Institut der Frau" (Instituto de la 
Mujer). Auch wenn dieses Institut als Regierungsbehörde der Willkür parlamentarischer 
Mehrheitsfindung und politischer Trends unterworfen ist, so leistet es durch seine 
empirischen Forschungen und seine Publikationen doch unendlich wichtige Aufklärungsarbeit. 
Die Daten über Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz, über sexuelle Gewalt, unbezahlte Arbeit 
und vieles mehr sind wichtig, um ein Bewusstsein und eine Diskussion in der Gesellschaft 
zu verankern. Der Feminismus spielt in Spanien eine wichtige politische Rolle, auch 
jenseits aktueller sozialer Bewegungen; die verschiedensten Regierungen der 
Post-Franco-Ära mussten sich immer wieder gegenüber feministischen Positionen 
rechtfertigen. Das sieht man zum Beispiel an dem innenpolitischen Druck, den feministische 
Gruppen und Einzelpersonen in den neunziger Jahren entfalten konnten, als es mehrere 
internationale Abkommen zum Kampf gegen Gewalt gegen Frauen gab und sich der spanische 
Staat nur halbherzig beteiligte. Als im November 1999 die Dominikanische Republik mit 60 
anderen Staaten den Tag der "Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen" beging, löste das im Jahr 
2000 in Spanien anlässlich des 40.

Jahrestages der Hinrichtung der Schwestern Mirabal [drei vom dominikanischen Diktator 
Rafael Trujillo 1960 hingerichtete Widerstandskämpferinnen, Anm. d. I.] an vielen Orten in 
Spanien spontane Demonstrationen, Kundgebungen und Feste aus. Daran sieht man, wie fest 
der Feminismus in der politischen Kultur Spaniens verankert ist. Jede neue Generation 
wächst in diese Kultur hinein, sodass der Feminismus immer auf der Höhe der Zeit bleibt - 
die Feministinnen gehörten in Spanien zu den ersten überhaupt, die das Internet als Medium 
zum Publizieren und Vernetzten nutzten. Die Formate Mujeres en Red ("Frauen im Netz", 
gegründet 1997) oder Websites wie die der Fundación Mujeres ("Frauenstiftung", erstellt 
1994), die Coordinadora Española para el Lobby Europeo de Mujeres ("Spanische 
Koordinatorin der europäischen Frauenlobby", erstellt 1995) oder das Red Estatal de 
Organizaciones Feministas contra la Violencia de Género ("Staatliches Netz der 
feministischen Organisationen gegen geschlechtsspezifische Gewalt", gegründet 2002) haben 
echte Pionierarbeit für die gesamte politische Kultur in Spanien und den medialen Diskurs 
geleistet. Gerade das letzte Beispiel, das Red Estatal de Organizaciones Feministas contra 
la Violencia de Género, zeigt auch die Widerstandskraft des Feminismus, entstand es doch 
in einer Zeit des konservativen Rückfalls weiter Teile der spanischen Gesellschaft, der 
von der Partido Popular, der Kirche und den entsprechenden politischen Akteuren 
vorangetrieben wurde. Die verschiedenen feministischen Organisationen schlossen sich 
zusammen und konnten die ärgsten Angriffe auf die Errungenschaften der Frauenbewegung in 
der spanischen Gesellschaft zurückschlagen, gerade was den Erhalt sozialer Einrichtungen 
und Rechtsansprüche anging. Die Positionen des Feminismus unterstützen oftmals die 
Anliegen der ArbeiterInnen der Sozialberufe - aufgrund ihrer Gender-Zusammensetzung als 
auch aufgrund des Charakters ihrer Arbeit, der sich gegen die gewaltförmigen Ausprägungen 
der patriarchalen Gesellschaft richtet.

Ich finde, dass dies sowohl im Bereich der "cuidados" als auch im Bereich der Gewalt gegen 
Frauen besonders deutlich wird. Die Kämpfe im Bereich der Sozialen Arbeit sind somit auch 
die Kämpfe des Feminismus. Um schlussendlich auf die aktuelle Situation zu kommen: Am 20. 
Dezember 2013 hat die Regierung das reaktionärste Abtreibungsgesetz verabschiedet, das 
Spanien seit dem Ende der Diktatur je gesehen hat. Es sieht die Möglichkeit zu einem 
Schwangerschaftsabbruch in der Regel nur noch in extremen Fällen einer "Missbildung des 
Fötus" vor. Ausnahmen bei einer "psychisch extremen Belastung" müssen beantragt werden, 
was einen Behördenmarathon und mehrere Gutachten - politisch und nicht medizinisch 
bestimmter Stellen! - erfordert. Konkret bedeutet das: Frauen müssen 
"Pro-Vida"-AktivistInnen [spanischer Ableger von "Pro-Life", Anm. d. I.] von ihrem 
Anliegen einer Abtreibung überzeugen! Dass die Verabschiedung dieses Gesetzes trotz der 
starken Position des Feminismus überhaupt möglich war, zeigt wohl deutlich die angespannte 
gesellschaftliche Situation, in der wir uns befinden, und dass Dialog und Diskussion kaum 
mehr gewollt sind. Wir müssen zusammen gegen die machistische Reaktion, die mit der Krise 
einhergeht, angehen.

Liebe Berta, danke für dieses Interview!

Geführt von Marcus Munzlinger


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