(de) FAU-IAA Direct Action #221 - Kolumne Durruti -- Alltagsgeschichten aus dem real existierenden Kapitalismus

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Tue Jan 28 13:11:51 CET 2014


Die Krise scheint hier weit weg. Die Geflüchteten, die bald die neuen Baucontainer 
beziehen, die übereinander gestapelt und aneinander gedrängt ein provisorisches Lager 
bilden, könnten wahrscheinlich mehr über Europas Krise erzählen als ihre zukünftigen 
Nachbarn. Auf dem Weg hierher werden sie Länder wie Italien oder Griechenland passiert 
haben und sie werden womöglich hoffen, in den Baucontainern bleiben zu können. Sie werden 
hoffen, dass ihre Fingerabdrücke nicht identifiziert werden und der deutsche Staat sie 
nicht gleich wieder abschiebt in jene Länder, wo die Ängste der Mittelschicht vorm Absturz 
in die Armut Realität sind. ---- Die Mittelschicht ihres zukünftigen deutschen Wohnorts 
trifft sich an diesem Abend, um über die neuen BewohnerInnen ihres Stadtteils zu sprechen.

Die Stuhlreihen der Bürgerversammlung sind bis auf den letzten Platz gefüllt mit 
Angehörigen der Mittelschicht. Wer hier in Deutschland am stärksten von der Krise 
betroffen ist, als LeiharbeiterIn, als prekär Beschäftigte, als Arbeitsloser, nimmt nicht 
Teil an dieser Veranstaltung - kann es vielleicht gar nicht oder will es eben nicht. Die, 
die wollen, sind abgesichert und sie machen schnell klar, warum sie der Einladung gefolgt 
sind: Sie wollen helfen. Sie wollen eine Willkommenskultur im Stadtteil etablieren. Wollen 
ihre neuen Nachbarn mit offenen Armen empfangen. Ständig meldet sich jemand und hat eine 
neue Idee: Stadtteilfeste, Blumensträuße, Willkommensgeschenke, gemeinsam kochen, 
stricken, backen, Fußball gucken... Tolle Ideen, nette Gesten, aber nach zwanzig Minuten 
werden sie verworfen: Eine Person hat gerade angemerkt, dass Fußball gucken, backen, 
stricken und Blumensträuße den Geflüchteten keine Hilfe sein werden. Sinnvoller sei es, 
Sprachkurse anzubieten. Der Einwand findet allgemeine Zustimmung und fortan wird nur noch 
über Bildung gesprochen. Denn die, da sind sich alle einig, ist der Schlüssel zum 
Arbeitsmarkt. Ein Arbeitsmarkt, der Flüchtlingen allerfrühestens nach einer neunmonatigen 
Wartezeit die Chance auf Teilhabe eröffnet. Selbst nach den neun Monaten ist der 
strukturelle Rassismus in diesem Land weiterhin stark daran beteiligt, diese Chancen 
marginal zu gestalten.

Trotzdem ist seit dem Einwand allen klar, dass nur die Geflüchteten ihre Chance nutzen 
können, die fit gemacht sind für diesen Arbeitsmarkt und die entsprechende 
Sprachkenntnisse mitbringen. Man kann den Diskutierenden keinen Vorwurf aus der 
Zielrichtung ihres Engagements stricken. Sie haben ja Recht, die Blumensträuße werden 
verwelken, das Gebackene aufgegessen sein und die Feste vorüber gehen. Die Sprachkurse 
werden den Flüchtlingen nützlicher sein und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern.

Trotzdem bleibt ein seltsamer Beigeschmack, wenn die Mittelschicht in Deutschland sich 
Gedanken über eine Willkommenskultur macht: Wenn Deutschland seine Arme ausstreckt und 
dich willkommen heißt, dann in Gestalt eines Oberlehrers, der dir vorturnt wie du hier 
schneller, besser, weiter kommst. Nämlich schlicht und einfach, indem du verwertbar wirst 
für diesen Arbeitsmarkt. In keiner Wortmeldung wird an diesem Abend davon gesprochen, dass 
Sprachkurse ganz grundsätzlich sinnvoll sind, um im Alltag klar zu kommen oder sich 
politisch zu artikulieren in einem noch fremden Land. Nein, es geht hier darum, dass die 
Menschen leistungsfähiger werden sollen. Kritik an diesem Engagement der Mittelschicht 
wäre fatal und unangebracht, weil zynisch. Trotzdem: Dass in diesem Land den Menschen zum 
Thema Solidarität und Menschlichkeit nichts weiter einfällt, das ist auch so eine Krise.

Enno Schmidt


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