(de) FDA-IFA, Gai Dào #37 - Vom irren Zwang des Verstandes und der Freiheit zur Nicht-Entfaltung oder Über das Verhältnis zwischen Produktionskraft und Tier Von: apfelmus

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Tue Jan 21 15:06:12 CET 2014


Dies ist eine gekürzte Fassung. Die vollständige Rezension kann unter folgender 
Internetadresse aufgerufen werden: antispedd.noblogs.org ---- Die 2013 von Matthias Rude 
erschienene Publikation "Antispeziesismus - Die Befreiung von Mensch und Tier in der 
Tierrechtsbewegung und der Linken" ist eine Veröffentlichung aus der theorie.org-Reihe des 
Schmetterling Verlags. Mit dieser Reihe sollen Einführungen in emanzipatorische Theorien 
geboten und sowie aktuelle Debatten aufgearbeitet werden. ---- Matthias Rude hat sich die 
große Mühe gemacht, die Geschichte tierbefreierischer Ideen im europäischen Raum 
zusammenzutragen. Er widmet verschiedenen Phasen des Umbruchs, wie dem englischen 
Bürgerkrieg, der französischen Revolution, der Pariser Kommune, und der 
Lebensreformbewegung viele Seiten.

Hauptsächlich stellt er Akteur*innen dieser Phasen mit
"tierbefreierischen" (wie wir es heute nennen würden) Posi-
tionen sowie biografische Daten, Zitate, und einige Verweise
auf Sekundärliteratur vor. Gegen Ende des Buches beschäftigt
er sich auch mit der modernen Tierbefreiungsbewegung, die
ab den Sechziger Jahren entstand. Leider wird diesem Kapitel
sehr wenig Platz eingeräumt.

Das Buch wird mit Gedanken zur Distanz zwischen der Tier-
befreiungsbewegung und (anderen) linken Kämpfen sowohl
eröffnet, als auch beendet. Über die moderne Tierbefreiungs-
bewegung heißt es, sie habe ein schwaches Bewusstsein über
ihre theoretische und praktische linke Tradition. In der Tra-
dition des autoritären Marxschen Ideologiebegriffs stellt Rude
den Speziesismus als "notwendig falsches Bewusstsein" dar.
Dieses Abwerten von Ideologie zeugt nicht nur von autoritärer
Grundhaltung, sondern auch von der Annahme, selbst frei von
irrationaler Ideologie denken zu können. An grundlegenden
Überzeugungen orientiertes Leben bedeutet, Ideen als Leitlini-
en zu akzeptieren. Ebenso wie der Speziesismus geht Marx Ge-
sellschaftsanalyse jedoch von unbeweisbaren Ideen aus (von
beispielsweise humanistisch-optimistischen wie dem Glauben
an das Vermögen des menschlichen Verstandes, technische
oder soziale Lösungen für anfallende Probleme zu finden). Soll
es der Wettlauf um die Beweisbarkeit der eigenen Annahmen
sein, der die Tierbefreiungsbewegung antreibt? Die linke Be-
wegung selbst wird von Rude aufgefordert, die eigene Tier-
feindlichkeit anzuerkennen und den Speziesismus aufzugeben
- indem der Ansatz der Unity of Oppression, der die herr-
schaftskritische Gemeinsamkeit der verschiedenen emanzipa-
torischen single-issue-Bewegungen aufzeigt, angewandt wird.

Rude bemüht viele Zitate von Marx und Theoretiker*innen
der Frankfurter Schule - wahrscheinlich in der Absicht, den
Antispeziesismus mit der Linken zu vermählen. Allerdings
fallen dadurch einige Haltungen unangenehm auf. Da ist bei-
spielsweise jener Strang in der Argumentation, der via histo-
rischem Materialismus auf die Kraft der Produktivkräfte als
Kriterium für eine herrschaftsfreie Welt vertraut. Der moderne
Stand der Produktivkräfte mache Tierausbeutung überflüssig,
heißt es. Hier drängen sich Fragen auf, ob es also unter anderen
Bedingungen zu rechtfertigen sei, Tiere in Ställen einzusper-
ren oder für wissenschaftliche Versuche zu benutzen. Damit
werden zehn Jahrtausende von Tierausbeutung akzeptiert,
nur weil der Entwicklungsstand nicht dem hiesigen, heutigen
entsprach. Außerdem könnte diese Auffassung beinhalten,
dass Menschen ohne einen hochentwickelten Stand der Pro-
duktivkräfte nicht in der Lage seien, ohne anthropozentrische
Ausbeutungs- und Zerstörungswut mit Tieren und Natur all-
gemein umzugehen. Dem widerspricht jedoch ein Großteil der
Menschheitsgeschichte, wie indigene und anthropologische
Literatur demonstriert.

Mit einem Zitat von Horkheimer, dem zufolge die Herrschaft
über Natur und Tiere (als wären Tiere und Menschen nicht
Natur) die Herrschaft von Menschen über Menschen mit sich
brachte, wird eine Dimension eröffnet, die leider in antispezie-
sistischen Zusammenhängen bisher wenig authentisch thema-
tisiert wird. Tiefergehendere Überlegungen zur Selbstdomesti-
kation der Menschen könnten ein umfassenderes Verständnis
für Herrschaft heranbilden sowie die Bande zwischen der anti-
speziesistischen Bewegung und anderen herrschaftskritischen
Strömungen stärken.

Doch obwohl also in diesem Buch durchaus einige radikale
Positionen zu finden sind, steuert Rude mit klassisch-marxisti-
schen, produktivistischen Argumenten gegen die selbst einge-
brachten Zitate. Beispielsweise fehlt ihm der Mut, Herrschaft
ohne den Rückhalt menschlicher Institutionen zu bewerten
und abzulehnen. So wird argumentiert, dass dem Speziesis-
mus wie dem Rassismus aus heutiger Sicht die Basis fehle.
Rassenzuschreibung habe als natürliche statt soziale Katego-
rie gegolten. Da der Mensch sich alles Natürliche unterwer-
fe, sei so der Rassismus entstanden. Die Umdeutung alles Na-
türlichen in Soziales verhindert nun aber nicht das Problem
der Naturunterwerfung! Der Rassismus könnte so vielleicht
eingedämmt werden, nicht jedoch das Konzept Herrschaft,
das unangetastet bleibt. Analog auf die Problematik der Tier-
ausbeutung übertragen bedeutet dies: Wenn die Wissenschaft,
selbst ein Produkt der zerstörerischen Geschichte der mensch-
lichen Herrschaft, Kriterium für die Reflexion von Herrschaft
ist, verschließen sich notwendig viele Türen, die zu wachsen-
der Unabhängigkeit von Institutionen und Herrschaft führen.
Die Integrität von Lebewesen muss nicht wissenschaftlich
bewiesen werden. Eher noch: Sie kann nicht wissenschaftlich
bewiesen werden. Denn die Methoden der Wissenschaft sind
durch und durch herrschaftlich. Sie rationalisieren Lebewesen
und sprechen dann durch einen dem Rechtspositivismus ähn-
lichen Mechanismus jenen Lebewesen, welche auf menschen-
gemachte Kriterien geprüft wurden, das Recht auf Integrität
zu. Die Vorwürfe an die Linke, nicht an der Wurzel des Übels
zu ziehen, solange Tierausbeutung nicht thematisiert werde,
sind, obwohl für sich genommen radikal, so in diesem Kon-
text unglaubwürdig. Ebenso unglaubwürdig ist die Forderung
nach Befreiung von Mensch und Tier, wenn Rude unkritisch
Rousseau zitiert, dessen Naturrecht Menschen Pflichten ge-
genüber Mitmenschen und Tieren auferlegt und zwar mit der
Begründung, dass sie auch fühlen. Wieder stellt sich die Frage,
warum Menschen den Willen zur Integrität von Lebewesen
prüfen wollen, indem sie menschengemachte Kategorien wie
empfindsam-unempfindsam, durch begrenzte wissenschaftli-
che Methoden geprüft, anwenden.

Wie kann eine Theorie der Tierbefreiung behaupten, den An-
thropozentrismus zu kritisieren, wenn weiterhin die ratio, mit
deren Rechtfertigung Menschen sich von nicht-menschlichen
Tieren trennen (wobei Unterdrückung und Schutz zwei Seiten
einer Medaille sind: Leben nehmen durch Ausbeutung oder
leben lassen durch Naturschutz), zum Urteilen herangezogen
wird? Rude zitiert Susann Witt-Stahl: "ein evolutionsgeschicht-
liches factum brutum [Hervorherbung im Original, d.V.], dass
Tiere noch vom Licht revolutionärer Vernunft und damit auch
von der Bedingung der Möglichkeit der kollektiven Selbstbe-
freiung abgeschotten sind. Sie bedürfen also unserer Hilfe.
Sie brauchen Menschen [...]" Tiere brauchen also menschliche
Fürsprecher*innen? Werden Tiere nicht frei geboren? Müssen
sie eine revolutionäre Vernunft entwickeln, um in ihrer Inte-
grität zu sein? Sollten nicht Menschen Verantwortung über-
nehmen und ebenfalls frei, wild und ungezähmt miteinander
leben und damit Nachbar*innen sein, die die Wildnis der Tiere
akzeptieren, statt sie sich Untertan zu machen und mit Ver-
stand, Moral und Rechten zu reglementieren?

Rude positioniert sich auch sonst innerhalb tradierter binä-
rer Konzepte wie Kollektivismus - Individualismus, rechts -
links, statt die Tradition dieser Konzepte zu hinterfragen und
die ihnen gemeinsame Reduktion von unberechenbarem Sein
auf politisch lösbare, berechenbare Sachverhalte aufzubrechen.

So bedarf es seiner Meinung nach einer starken, vereinten Be-
wegung, um Forderungen durchzusetzen. Eine zahlenmäßig
starke Bewegung, die einen einheitlichen theoretischen Nen-
ner haben soll, wie Rude und Vertreter*innen der Assoziation
Dämmerung fordern, bedeutet jedoch auch die Notwendigkeit
autoritärer Zurichtung der Masse auf eine Meinung hin (durch
die Herrschaft des Proletariats, beispielsweise): "Die Gedan-
ken, die in einem bestimmten Gesellschaftszustand herrschen
werden, hängen ab von dem Interesse der in dieser Gesell-
schaft herrschenden Klasse, die vermöge ihrer Herrschaft über
die Produktionsmittel auch hinsichtlich der Gedanken ver-
fügt, die darüber disponieren kann, was in der übrigen Ge-
sellschaft gedacht wird, genau so wie darüber, was die übrige
Gesellschaft an Nahrung zu verzehren hat." (Leonard Nelson,
zitiert nach Rude 2013)

Das Privateigentum sei die Ursache aller Sklaverei, formuliert
Rude in materialistischer Tradition (welche nicht weniger me-
taphysisch ist als eine idealistische Denkweise - beide gehen
von einer Spaltung zwischen Idee und Materie (Überbau und
Unterbau bei Marx) aus, ohne diese jemals beweisen zu kön-
nen). Warum übernimmt Rude vulgär-linke Behauptungen,
ohne sie kritisch zu überprüfen? Ihm wäre vielleicht aufge-
fallen, dass in allen bekannten staatenlosen Gemeinschaften,
wie beispielsweise den !Kung, den Kwakiutl, den Baruya, Pri-
vateigentum existiert, dieses jedoch auf vielfältige Weise be-
grenzt wird. Die Suche nach dem "primitiven Kommunismus"
ist fruchtbar, wie jede Person in der Bibliothek selbst nachlesen
kann.

Es ist ärgerlich, wie viele Behauptungen Rude nicht nur un-
begründet, sondern auch als Selbstverständlichkeit aufstellt.
Beispielsweise bezeichnet er die Zerstörung von Entwässe-
rungsanlagen durch Landwirte in Ostengland als gewalttäti-
ge Selbsthilfe, ohne sein Konzept von Gewalt zu beschreiben.
Fleischverzicht sei Solidarität mit Tieren, beschreibt er im Ka-
pitel zur englischen Vegetarismus- und Anti-Jagd-Bewegung,
welche mit dem Puritanismus verknüpft war. Dieser betrach-
tete Fleisch als Luxus. Der Fleischverzicht war aber eben nicht
nur ein solidarischer Akt, sondern eine Abgrenzung zur herr-
schenden Klasse, die über Jagdprivilegien verfügte. Fleischver-
zicht als Akt der Identifikation mit Armut, der, wie viele Arbei-
terkämpfe, auch von Sozialneid motiviert war - vergleichbar
mit der Forderung "Luxus für Alle" von sich betont unluxuriös
kleidenden Menschen, die aber anscheinend die Statussymbo-
le und ihre Vorgeschichte doch nicht ablehnen. Es scheint, als
heiligte für die Theorie der Tierbefreiung zuweilen das Mittel
den Zweck - hoffentlich haben andere in der Bewegung aktive
Menschen eine andere Auffassung, als dieses Buch nahelegt.

Rude bezieht sich nochmals positiv auf Oswald: Dieser habe
herausgearbeitet, dass die Funktion speziesistischer und ras-
sistischer Ideologie den Zweck habe, Ausbeutung durch eine
Verschleierung der Ähnlichkeit zwischen Opfern und Ausbeu-
tenden zu rechtfertigen. Welche Implikationen sich aus dieser
Sichtweise ergeben, erwähnt Rude nicht. Die rebellischen Ten-
denzen sind jedoch klar: Ausbeutung vermeiden, indem entwe-
der moralische Verpflichtungen gegenüber gleichen (weil emp-
findsamen) Wesen im erfundenen Kollektiv auferlegt werden,
oder aber durch das Betonen der so gravierenden Unterschiede
zwischen Individuen, die eine kollektive Unterdrückung (bei-
spielsweise einer Spezies) verunmöglichen. Ist das Berufen auf
Gleichheit oder Unterschiedlichkeit nicht irrelevant für die
Frage der Ausbeutung? Ist Ausbeutung nicht eher ein funda-
mentales Problem, sowohl in einer kollektivistischen, als auch
in der atomisierten Gesellschaft denkbar?

Rude zeichnet zum Schluss die Geschichte der Tierbefreiungs-
bewegung in Deutschland nach. Die Szene habe ursprünglich
angeblich kein gesellschaftstheoretisches Konzept gehabt und
hätte sich aus einem anarchistischen Selbstverständnis (was
doch wohl ein gesellschaftstheoretisches Konzept ist) mit Tier-
befreiungen, Wirtschaftssabotage, Hausbesetzungen und An-
ti-AKW-Protesten beschäftigt. Erwähnt wird auch die neuere
Debatte um das Aneinanderreihen möglichst vieler Unterdrü-
ckungsformen - dieses ebnet vielleicht mehr einem "Verwi-
schen von Differenzen, Zusammenhängern und Ursprüngen"
den Weg, als die strukturelle Äquivalenz zwischen den For-
men der Unterdrückung aufzuzeigen.

Die vegane Bewegung kritisiert Rude für ihre unzureichende
Kapitalismuskritik - der Kapitalismus werde durch eine Kon-
sumreform nicht gebändigt. Dem kapitalistischen System wird
damit nebenbei unterstellt, es sei wild - nicht etwa berechnend
und systematisch. Wieder einmal muss die Wildnis beherrscht
werden...enttäuschenderweise ausgerechnet ein einem Band,
der das Unterwerfen alles Natürlichen, Unberechenbaren zum
Thema hat.

Die übliche Kritik aus autonomen Kreisen an der Tierbefrei-
ungsbewegung verurteilt Rude scharf. Diffamierung statt Aus-
einandersetzung und Verfälschung von Inhalten gehörten bis
heute zum guten Ton in dieser Szene. Die oberflächliche Feti-
schisierung von Widerstand und seiner Symbolik wären längst
zur Ware verkommen und zur Anknüpfung an die bürgerliche
Gesellschaft geworden. Inwieweit Rude selbst mit rechtspositi-
vistischen, humanistischen, das Konzept der Individualität auf
Tiere ausweitenden Argumenten selbst in der Tradition der
bürgerlichen Emanzipation steht, scheint ihm nicht bewusst.

Dieses Buch ist, trotz oder gerade wegen der vielen Unzuläng-
lichkeiten, für die eine oder andere Person dennoch lesenswert.
Mit kritischem Blick gelesen offenbart es dem Publikum einige
Spannungsfelder innerhalb der Tierbefreiungsbewegung und
der Linken. Mehr Mut zu Kritik an einigen linken Dogmen
und weniger autoritäre Aufrufe zu einer einheitlichen Theorie
innerhalb einer single-issue Bewegung hätten ebenso wenig
geschadet wie mehr Platz für die moderne Tierbefreiungsthe-
orie. Es eignet sich weniger als Einstiegslektüre in die Hin-
tergründe der heutigen Theorie der Tierbefreiungsbewegung,
eher aber als informatives Buch, dass den Umgang mit Tieren
im weiteren Sinn in linken Theorien und Bewegungen der letz-
ten Jahrhunderte beleuchtet.

Mehr Infos:

Antispeziesismus - Die Befreiung von Mensch
und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken
Von Matthis Rude
Schmetterling Verlag, Reihe theorie.org, 2013
204 Seiten | 10 Euro


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