(de) FDA-IFA, Gai Dào #37 - Erste Antwort auf den Brief von Marcos: Von einem Anarchisten an Subcomandante Marcos Von: "Kapitän Guillermo" (MI-RFM) / Übersetzung: jt (afb)

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Sun Jan 19 09:05:31 CET 2014


Vorwort der Redaktion: Auf den Brief von Marcos gab es zahlreiche Antworten von 
verschiedenen Spektren, die unserer Meinung nach einen ganz guten Querschnitt über 
verschiedenen Positionen innerhalb der anarchistischen Bewegung in Mexiko abbilden. Die 
vorliegende Antwort stammt (vorgeblich) von einem Mitglied einer seit 1997 aktiven 
libertären Guerillagruppe, der Aufständischen Milizen - Ricardo Flores Magón (MI-RFM). 
---- "Was ist ein rebellischer Mensch? Ein Mensch, der ,Nein' sagt. Der aber, auch wenn er 
sich verweigert, nicht aufgibt: Er ist auch ein Mensch, der vom ersten Moment an ,Ja' 
sagt."----Albert Camus, Der Mensch in der Revolte (1951) ---- An Subcomandante Insurgente 
Marcos ---- Ejército Zapatista de Liberación Nacional ---- Chiapas, México ---- Sie werden 
entschuldigen, dass ich Ihnen den vorliegenden Brief auf indirekte Weise zukommen lasse, 
da es mir bis heute (und wie mir scheint, Ihnen selbst auch) eines Postfachs oder einer 
dauerhaften E-Mail-Adresse mangelt. Ich möchte zudem betonen, dass diese Wort-
meldung in persönlich-solidarischer Eigenschaft erfolgt, sprich jen-
seits aller Verantwortung, die ich als Mitglied der "Aufständischen
Milizen - Ricardo Flores Magón" innehabe.

Sie werden ebenfalls entschuldigen, dass ich mit einem Zitat aus einem
Brief beginne, den Pierre Joseph Proudhon an Karl Marx verfasste: "Ich
verspreche weder, dass ich Ihnen viel noch dass ich häufig schreiben
werde; Tätigkeiten aller Art sowie die mir angeborene Faulheit hin-
dern mich daran, mich allzu sehr mit dem Briefeschreiben abzumü-
hen."[1] Ich wende mich an Sie, da ich mich von Ihrer kürzlichen Erklä-
rung angesprochen fühlte, in der Sie sich an jene unter uns wandten,
die als Anarchist*innen aktiv sind und sich als solche verstehen, und
obwohl ich keinerlei Interesse daran habe, "den Kritiken und Anschul-
digungen in den kommerziellen Medien" zu antworten [2], möchte ich
dennoch Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, um Ihnen einige
der Dinge zu erläutern, die mich umtreiben.

Emma Goldman sprach vom Anarchismus als der einzigen Philo-
sophie, die den Menschen das Bewusstsein über sich selbst zurück-
gibt, indem sie die Menschen dazu anhält, selbst zu denken und
jeden Vorschlag zu prüfen und zu analysieren. Vielleicht kam Gold-
man auch deshalb zu dem Schluss, dass dem Anarchismus notwen-
digerweise die Ignoranz und die vergiftete Ablehnung einer Welt
entgegenschlagen müsse, die er neu zu errichten beabsichtigte.[3]
Daher ist nicht verwunderlich, welch' Verachtung, welcher Spott
und welch' Lawine an Schmähungen sich über uns Anarchist*innen
ergießen. In einem Brief stellt Goldman klar, dass die anarchisti-
sche Organisierung, statt für Chaos und Gewalt zu stehen, das Er-
gebnis der natürlichen Kombination gemeinsamer Interessen auf
Grundlage der freien Vereinbarung ist, die eine grundlegende Be-
dingung für die Verankerung aller sozialen Beziehungen darstellt.[4]

Peter Kropotkin wies frühzeitig darauf hin, dass wir Anarchist*innen
es ablehnen, Andere so zu behandeln, wie wir selbst nicht von ih-
nen behandelt werden wöllten[5]; dazu muss nicht mehr viel ge-
sagt werden , denn wie Kropotkin bereits ausführte: "Es ist
leicht sich kurz zu halten, wenn wir uns an die jungen Men-
schen in der Bevölkerung wenden; es ist die Wucht der Verhält-
nisse selbst, die euch dazu bringt, Anarchist*innen zu sein"[6].

Ich gehe davon aus, dass Sie, Subcomandante Marcos, sich der Komple-
xität bewusst sind, die der Förderung einer politischen Teilhabe von
einer libertären Perspektive her innewohnt, während es gleichzeitig,
angesichts der Bedrohung durch die Waffen, ihre Verteidigung zu or-
ganisieren gilt. Ihnen ist bewusst, dass diese Komplexität nicht not-
wendigerweise einen unüberbrückbaren Widerspruch darstellt, da es
eben die anarchistische Moral ist, die in der Lage ist, das Paradoxon
aufzulösen. Sie sind Teil einer Armee aus freien Männern und Frau-
en, denen es gelungen ist, ihre Ziele als indigene Völker umzusetzen,
ohne dabei jene Disziplin aufzugeben, die die Umsetzung spezifischer
militärischer Ziele erlaubt. Sie wissen auch um die große Herausforde-
rung, die mit der Weitergabe dieser Fähigkeiten an andere einhergeht.

Soweit ich das verstanden habe, sind die Zapatist*innen gegenwärtig
mit genau diesem Thema beschäftigt: mit der Schaffung von Räumen,
in denen dieses Wissen mit der Zivilgesellschaft geteilt werden kann.

Glückwünsch! Über derartige Problemstellungen dachte Plotino C.
Rhodakanaty nach, als er die Frage stellte, welches das höchste und
vernünftigste Ziel sein könnte, dem sich die menschliche Intelligenz
widmen könnte. Er selbst gab als Antwort, dass sich dieses Ziel um das
Thema der universellen Vereinigung von Menschen und Völkern, zum
Zwecke der weltlichen Selbstverwirklichung der Menschheit drehen
müsste[7]. Mir erscheint dieses zapatistische Bemühen zur Synthetisie-
rung der eigenen Vorstellungen im Rahmen eines offenen, pluralisti-
schen und lehrreichen Prozesses sehr wertvoll.

Meiner Motivation, Ihnen zu schreiben, liegt allerdings nicht der
Wunsch zugrunde, bestimmte Positionen vereinnahmen zu wollen.
Es geht mir vielmehr um eine offene Provokation. In dieser kritischen
Zeit, die wir durchleben, erlaube ich mir, in Frage zu stellen, ob es
wirklich notwendig ist, die Gegensätze zu betonen statt in Erfahrung
zu bringen, inwieweit unsere Übereinstimmungen, die uns eigen sind,
nicht viel überzeugender sind, um uns aneinander anzunähern.

Anders gesagt: Trotz des Verrats durch die Anhänger*innen der "Lin-
ken", durch den Opportunismus und den Wunsch vorgeblicher sozialer
Anführer*innen im Rampenlicht zu stehen und trotz des Gegenwinds
durch unsere Feind*innen, frage ich Sie, ob Sie an die Gültigkeit der
Prinzipien glauben, die Mikhail Bakunin hinsichtlich der Selbstbe-
stimmung hochhielt, wonach jede einzelne Person für alle einsteht,
und alle gemeinsam für die Einzelnen.[8] Wenn dem nämlich so wäre,
würde ich mich sehr freuen, wenn Sie uns die Mechanismen erläutern
könnten, um, wie Sie vorschlagen, die Freiheit aller zu erreichen, ohne
dass sie sich in ihrer Freiheit beschränkt sehen, inmitten eine bewaff-
neten Konflikts, der sich über das ganze Land ausbreitet.

Ich gestehe, dass ich mich von Ihrer Einladung, in der zapatitischen
Escuelita zu lernen, ebenso angesprochen fühle, wie von der Auf-
forderung, ein Seidenband in den mexikanischen Nationalfarben zu
tragen, das Licht jeden Samstag auszuschalten oder an Aktionen zivi-
len Ungehorsams teilzunehmen, die Tausende von Bürger*innen mit
der "Bewegung zur Nationalen Erneuerung" (Morena) anstoßen, um
gegen die Reformen der schlechten Regierung zu demonstrieren. Im
gleichen Maße, wie ich es angebracht finde, dass einige Patriarchen
der Katholischen Kirche dazu aufrufen, dass sich Intellektuelle und
Politiker*innen der "Patriotischen Union zur Rettung der Nation" (Uni-
dad Patriótica por el Rescate de la Nación) anschließen sollten, halte ich
auch die Aufrufe zu den Versammlungen der demokratisch gesinnten
Lehrer*innen für dringend notwendig, um weit reichende Aktivitäten
in Ablehnung der Bildungsreform und zur Verhinderung von Repres-
sion zu ergreifen.

Proudhon wies darauf hin, dass Politik, ebenso wie Moral, in der
Vorstellungskraft der Bevölkerung eine Mythologie darstellt und da-
her auf Götzen beruht. Er warnte zudem davor, dass diejenigen, die
solche Götzen in Frage stellen oder ihnen widersprechen, besonders
aber jene, die ihnen die Macht abspenstig machen wollen, immer als
Frevler*innen behandelt werden würden[9]. Ich würde Sie gerne fra-
gen, und zwar aus aufrichtigem Interesse, wo ich mehr Informationen
zum Landesweiten Programm des Kampfes erhalten könnte, die aus
der Anderen Kampagne hervorging, jener Kampagne, die Sie in 2006
ankündigten und als eine Alternative zu den Kampagnen der eben be-
zeichneten Götzen darstellten.

Ich frage Sie all das, weil mich, angesichts des vergossenen Blutes Hun-
derttausender ermordeter Mitmenschen, ein tiefer Gram überkommt .
Daher meine Erwartung, dass Sie möglicherweise den Aufruf des Re-
volutionären Volksheeres EPR (Ejército Popular Revolucionario), alle
Gründe für das gewaltsame Verschwindenlassen von Menschen in Me-
xiko vollständig zu beseitigen, weiter verbreiten mögen.

Hiermit greife ich auf, was Errico Malatesta zur Notwendigkeit
der Fortsetzung des Kampfes für die Anarchie und den Sozialismus
schrieb, da Anarchie und Sozialismus einer unmittelbaren Aktion be-
dürfen; meine persönliche Erfahrung aus zahlreichen Niederlagen be-
weist die Unbezwingbarkeit solcher Argumente: "Wenn wir heute fal-
len, ohne die Segel zu streichen, können wir uns des morgigen Sieges
sicher sein". Obwohl auch gilt, dass es zur Erlangung und zum Leben
dieses Sieges nicht erforderlich ist, auf eben jene Gründe zu verzich-
ten, die uns überhaupt erst mit Leben erfüllen, oder seinen großartigen
Charakter zu verfälschen[10].

Unter Bedingungen, die sich von denen, die wir im heutigen Mexiko
erdulden müssen, nicht sehr stark unterscheiden, riefen die "Freunde
Durrutis" während des Spanischen Bürgerkrieges zur "Bildung einer
revolutionären Junta" auf[11]. Ich sehe die großen, aktuell bestehen-
den Schwierigkeiten bei der Konsolidierung von Räumen, in denen
sich verschiedene Gruppen und Individuen treffen können, die sich der
Enteignung und Ausplünderung unserer Territorien widersetzen. Aus
diesem Grund möchte ich Sie schließlich noch fragen, in welcher Weise
Sie denken, dass wir gemeinsam die Zusammenkunft, die Diskussion
und die taktische Koordination zwischen sozialen Bewegungen, Ge-
werkschaften, (zivilen und militärischen) Organisationen, Kollektiven
und Individuen erleichtern könnten, die wir zur Verteidigung unserer
Souveränität beizutragen versuchen.

Die Geschichte hat noch nicht begonnen, wir befinden uns erst im letz-
ten Abschnitt der Prähistorie. Wie Bartolomeo Vanzetti bin auch ich
davon überzeugt, dass Fortschritt und Wandel von Klugheit und von
gegenseitigem Verstehen bestimmt sein werden. Wenn es uns nicht
gelingt, uns diesem Ideal anzunähern, werden wir im Grunde nichts
erreicht haben[12].

Subcomandante Marcos, ich muss nicht wiederholen, was bereits gesagt
wurde. Meinerseits werde ich weiterhin darauf hinarbeiten, dass uns
alle verstehen und wir auf diese Weise, wie Malatesta vielleicht sagen
würde, auf weniger Schwierigkeiten treffen und als Anarchist*innen
und für die Anarchie, siegen werden[13]. Ich verabschiede mich mit
einem Zitat von Ricardo Flores Magón, in der Hoffnung, dass "sich je-
der von uns bemüht, seine Meinung darüber zu äußern, was nötig ist,
um unsere Ziele zu erreichen, die identisch mit der Freiheit für alle auf
Grundlage der Freiheit jedes Einzelnen sind; mit dem Wohlstand aller
auf Grundlage des Wohlstands jedes Einzelnen"[14].

Gut, nun erwarte ich Ihre Antwort.
Libertäre Grüße, Compañero!

"Das Wort als Mittel zum gemeinsamen Kampf der verschiedenen
Flügel, die Aktion als Form zur Veränderung und Umsetzung des
Lebens.""Schult das Gehirn, auf dass der Schlag des Arms effektiv wer-
de; bewaffnet den Arm, um die Ideen des Gehirns gegen die Waffen zu
verteidigen."

Kapitän Guillermo, Aufständische Milizen - Ricardo Flores Magón
(MI-RFM) Poyauhtlan, Anáhuac.

Fußnoten:

[1] Brief von Pierre-Joseph Proudhon an Karl Marx, 17. Mai 1846.
[2] Subcomandante Marcos, ,Schlechte und nicht ganz so schlechte Nachrich-
ten', November 2013.
[3] Emma Goldman. Anarquismo: lo que realmente significa, 1910.
[4] Emma Goldman. En lo que yo creo, 1908.
[5] Piotr Kropotkin. Die Anarchistische Moral, Cap. VI, 1897.
[6] Piotr Kropotkin. An die Jugend, Kapitel III, 1880.
[7] Plotino C. Rhodakanaty. La cartilla socialista-republicana, Lección I. Del
problema social, 1883.
[8] Mikhail Bakunin. Revolutionärer Katechismus, Band II, 1866.
[9] Pierre-Joseph Proudhon. El Principio Federativo, Federalismo Político:
Eficacia de la garantía federal, 1863.
[10] Errico Malatesta. Die Anarchie, 1891.
[11] Los Amigos de Durruti. Hacia una nueva revolución, 1938.
[12] Bartolomeo Vanzetti. Historia de la Vida de un Proletario, 1921.
[13] Errico Malatesta, Sobre la responsabilidad colectiva, 1930.
[14] Ricardo Flores Magón, Die Chefs, publiziert in der Zeitung Regeneración
am 15. Juni 1912.

Mehr Infos:

Gesamter Brief von Marcos:
http://periodicoellibertario.blogspot.com.es/2013/11/subco-
mandante-marcos-ls-anarquistas.html (auf Spanisch)

Quelle der Antwort:
http://periodicoellibertario.blogspot.com.es/2013/11/de-un-
anarquista-al-subcomandante-marcos.html (auf Spanisch)

Interview zur Entstehungsgeschichte der Aufständischen
Milizen - Ricardo Flores Magón (MI-RFM):
http://www.lahaine.org/index.php?p=23498
(von 2007, auf Spanisch)


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