(de) FDA-IFA, Gai Dào #36 - Sail Mohamed -algerischer Kämpfer in der Spanischen Revolution -- Erinnerung an einen Anarchisten 50 Jahre nach seinem Tod - Von: Organise! #58 - Magazine of the Anarchist Federation / Übersetzung: FdA

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Tue Jan 14 10:46:26 CET 2014


Sail Mohamed Ameriane ben Amerzaine wurde am 14. Oktober 1894 in Tarbeit-Beni-Ouglis in 
der Berber Region von Kabylie, Algerien geboren. Wie viele in Algerien erfuhr auch er 
wenig Bildung. Von Beruf Fahrzeugmechaniker dürstete er sein Leben lang nach Kultur und 
war bestrebt sich zu bilden. Von einer muslimischen Berber-Herkunft entwickelte er sich 
zum überzeugten Atheisten. Während des Ersten Weltkriegs wurde er wegen Ungehorsam 
eingesperrt und desertierte später aus der französischen Armee. Seine Sympathien für den 
Anarchismus entwickelten sich damals bereits. ---- Am Ende des Krieges, mit dem 
Wiederaufbau der anarchistischen Bewegung, trat er der Organisation Union Anarchiste (UA) bei.

1923 gründete er zusammen mit seinem Freund Sliman
Kiouane, einem Sänger, das Komitee für die Verteidigung indi-
gener Algerier. In seinem ersten Artikel verurteilte er die Armut
der kolonisierten Bevölkerung und die koloniale Ausbeutung. Er
wurde ein Experte zur nordafrikanischen Situation. Er organi-
sierte Treffen mit anarchistischen Gruppen des 17. Verwaltungs-
bezirks in Paris zur Ausbeutung Nordafrikas, welche sowohl in
Arabisch als auch in Französisch gehalten wurden. Sail baute
eine anarchistische Gruppe in Aulnay-sous-bois auf und wurde
einer der effektivsten Aktivist*innen.

Im Jahr 1929 wurde er Sekretär eines neuen Komitees: des Ver-
teidigungskomitees von Algeriern gegen die Hundertjahrsfeier-
Provokation (Frankreich bereitete sich darauf vor, das einhun-
dertjährige Jubiläum der Eroberung Algeriens am 5. Juli 1830
zu feiern). Alle Strömungen der anarchistischen Bewegung, die
UA (anarchosyndikalistische Gewerkschaft), die "Confederati-
on Generale du Travail syndicaliste-revolutionnaire" (CGT-SR)
und die "Association de Federalistes anarchistes" prangerten
den "tödlichen Imperialismus, die blutige Maskerade" an. Eine
weitere Parole war "Zivilisation? Fortschritt? Wir sagen Mord!".
Daraufhin trat Sail der CGT-SR bei und gründete dort die Sekti-
on der indigenen Algerier*innen. Im darauf folgenden Jahr, mit
der Kolonialen Ausstellung in Paris, startete die anarchistische
Bewegung ihre Kampagne gegen Kolonialismus erneut. Sail war
an vorderster Front dieses Kampfes.

Soziales Erwachen

Im Januar 1932 wurde Sail Direktor der L'Eveil Social (dt.: So-
ziales Erwachen), dem Journal du peuple. In Folge eines anti-
militaristischen Artikels wurde er der "Provokation des Militärs
bis zum Ungehorsam" verfolgt. Die Secours Rouge International,
eine Satellitenorganisation der Kommunistischen Partei, bat
ihm ihre Hilfe an, welche er im Namen der Opfer des Stalinis-
mus ablehnte.

1934 gab es dann die "Sail-Mohammed-Affäre". Die Demonst-
ration der Faschist*innen und der Antisemitischen Liga am 6.
Februar 1934 löste eine Kettenreaktion in der Arbeiterbewegung
aus. Sail sammelte Waffen und versteckte sie. Am 3. März wurde
er für den "Besitz von verbotenen Waffen" verhaftet. Die Arbei-
terbewegung unterstützte ihn, mit Ausnahme der Kommunis-
tischen Partei, welche ihn als Agent Provocateur darstellte. Zu
einem Monat Gefängnis verurteilt musste er dann auch noch
wegen "Behalten von Kriegswaffen" vier Monate ins Gefängnis.
Er setzte den Kampf fort.

Die L'Eveil Sociale fusionierte mit der Terre Libre (Monatspa-
pier der "Alliance Libre des anarchistes du Midi" - siehe Paul
Rossenq). Sail war für die Veröffentlichung der Nord Afrikani-
schen Ausgabe der Terre Libre verantwortlich. Er versuchte eine
anarchistische Gruppe von indigenen Algerier*innen zu grün-
den, mit verschiedenen Aufrufen in der anarchistischen Presse.
Gleichzeitig war er weiterhin in der Union Anarchiste aktiv.

Spanien

Nach dem franquistischen Putsch in Spanien trat Sail der Se-
bastian-Faure-Hundertschaft bei, die französischsprachige
Sektion der Durruti-Kolonne, und wurde ihr Kommandeur. Er
kehrte nach Frankreich zurück, als er im November 1936 eine
Handverletzung erlitt. Zuvor beschrieb er in vielen Briefen die
Situation der spanischen anarchistischen Bewegung. Nachdem
seine Hand verheilt war, beteiligte er sich an vielen Kundgebun-
gen über Spanien, welche von der Union Anarchiste organisiert
wurden. Direkt nach dieser Rundreise nahm er an einem Treffen
organisiert von Revolutionären in Paris teil, welche gegen das
Verbot der "Etoile Nord Africane" (anti-imperialistische kom-
munistische Partei gegründet von Messali Hadj) und gegen die
Repression gegenüber Demonstrationen in Tunesien (16 Men-
schen starben) protestierte. Erneut wegen "Provokation des Mi-
litärs" verhaftet, musste er im Dezember 1938 insgesamt für 18
Monate ins Gefängnis.

Als der Zweite Weltkrieg begann, wurde Sail schon wieder
verhaftet und in ein Konzentrationslager in Riom (Frankreich)
gebracht. Seine große Bibliothek wurde bei einer Razzia aufge-
brochen. Er entkam von dort, erstellte gefälschte Pässe und ging
während der Besatzung in den Untergrund.

Ab 1944 arbeitete er zusammen mit anderen an dem Wieder-
aufbau der anarchistischen Bewegung. Mit der Befreiung grün-
dete er erneut die Aulnay-sous-bois-Gruppe und versuchte das
Komitee der algerischen Anarchist*innen wieder aufzubauen.

In Le Libertaire, der wöchentlichen Zeitschrift der Federation
Anarchiste, schrieb er eine Kolumne über die Situation in Alge-
rien. Er verfasste eine Reihe von Artikeln über die "Kalvarie der
indigenen Algerier".

Sail starb im April 1953. George Fontenis hielt zu Ehren Sails bei
dessen Beerdigung am 30. April 1953 eine Rede im Namen der
anarchistischen Bewegung.


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