(de) FDA-IFA, Gai Dào #36 - Weihnachten - Kaufrausch - Revolution -- Zum Schenken und Schenken lassen Von: Frank Tenkterer

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Mon Jan 13 14:46:47 CET 2014


Im Laufe des Jahres 2012 sind eine ganze Reihe wirklich spannender und interessanter 
Bücher herausgegeben worden. Davon ausgehend, dass die meisten Leser*innen der Gai Dao 
fest verwurzelt sind in gewissen abergläubisch begründeten Traditionen, möchte ich euch 
einige wenige Bücher des letzten Jahres besonders ans Herz legen. Diese könnt ihr entweder 
verschenken oder euch schenken lassen. Und wenn ihr weder das eine noch das andere tun 
wollt oder könnt, so könnt ihr euch das eine oder andere Buch vielleicht selbst zulegen. 
---- Beginnen möchte ich meine Empfehlungen mit der Textsammlung "Land und Freiheit", 
herausgegeben von Gerhard Senft, im Promedia Verlag Wien unter der Redaktion >Kritische 
Geographie<. Untersucht wird eine der Kernfragen jeder sozialistischen Bewegung:

Die Frage nach dem Eigentum von Grund und
Boden. Dabei wird anhand verschiedenster Texte ein kleiner
Ritt durch die Geschichte und durch die verschiedenen, nicht
nur sozialistischen Bewegungen gemacht. Natürlich entbindet
das lesen dieses rund 200 Seiten starken Buches nicht von einer
intensiven Diskussion - im Gegenteil! Aber: Es bietet durchaus
einen Einstieg in die Diskussion inklusive eines Anschlusses an
einen Teil der aktuellen Auseinandersetzung.

Denjenigen, die mit Begriffen wie Arbeiterklasse und Klassen-
kampf noch etwas anfangen können, sei das schmale Bändchen
"Wilder Streik - das ist Revolution", herausgegeben von Dieter
Braeg im Verlag Die Buchmacherei Berlin ans Herz gelegt. Er-
zählt wird die kurze aber sehr spannende Geschichte des wilden
Streiks der Arbeiter*innen bei Pierburg in Neuss am Rhein vor
40 Jahren. Die Texte zeichnen die Dynamik des Streikes nach
und werden durch eine beigelegte DVD noch abgerundet. Da-
mit ist dieses Buch eines der wenigen authentischen Dokumente
über Klassenkämpfe in der BRD. Leider kommen die damals be-
teiligten Frauen nicht selbst zu Wort, aber das wird ja vielleicht
in einer zweiten Auflage nachgebessert.

In der Reihe Machno - Zeugnisse einer Bewegung herausgege-
ben von Valentin Tschepo bei der Edition AV in Lich veröffent-
licht, ist mit "Freund und Feind" der erste von drei geplanten
Bänden über das Leben und Wirken Nestor Machnos und der
sogenannten Machnobewegung veröffentlicht. Damit will das
Institut für Syndikalismusforschung eine Lücke in der deutsch-
sprachigen Publizistik schließen. Das Bändchen, soviel sei hier
verraten, ist nicht nur für die historisch Interessierten ein Ge-
winn. "

Im Herzen der Bestie" von Helge Döhring, einem der umtriebigs-
ten Autoren unserer Zeit und ebenfalls Mitglied im Institut für
Syndikalismusforschung, hat im Verlag Edition AV in Lich wie-
der einmal etwas zum Thema Geschichte des Anarcho-Syndika-
lismus in Deutschland veröffentlicht. Das Buch ist in gewohn-
ter Manier geschrieben, d.h. auch von Nichtakademiker*innen
leicht und flüssig zu lesen. Dieser Band ist übrigens der zweite
Band in der Reihe "Kapital braucht Kriege - wir nicht!". Band
1 ist der Roman von Samuel Lewin, "Dämonen des Blutes. Eine
Vision". Herausgegeben von Siegbert Wolf.

"Anarchismusreflexionen", herausgegeben von Phillipe Keller-
mann, ebenfalls im Verlag Edition AV in Lich, ist in doppelter
Hinsicht spannend. Zum einen nimmt hier P. Kellermann die
Rolle des ,Anwalts des Teufels' ein, d.h. er konfrontiert sei-
ne Interviewpartner*innen insbesondere mit anti-anarchisti-
schen Vorurteilen aus dem Spektrum kommunistischer Sek-
ten (die sich samt und sonders auf ihre Vorbilder Marx/Engels
berufen können). Zum anderen sind die Antworten seiner
Interviewpartner*innen sehr interessant. Nicht so sehr weil sie
aalglatte Antworten geben, sondern weil sie Ecken und Kanten
haben, an denen man sich stoßen kann. Damit liefert auch die-
ses Buch so einigen Stoff, an dem sich Diskussionen entzünden
können. Bevor ich zu meinem absoluten Lieblingsbuch dieses
Jahres komme, möchte ich noch zwei andere Bücher in aller
Kürze vorstellen.

Da ist zum einen "Schwarze Flamme" von Lucien v.d. Walt und
Michael Schmidt, übersetzt und mit einem Nachwort versehen
von Andreas Förster und Holger Marx, im Verlag Edition Nauti-
lus Hamburg. Leider ist dieses Buch mit seinen insgesamt rund
550 Seiten nur der erste von zwei Bänden. Im Text verweisen die
beiden Autoren immer wieder auf den zweiten Band, der bis-
her (immer) noch nicht auf deutsch veröffentlicht wurde. Das
Werk ist sicherlich keine "Einstiegsliteratur", im Gegenteil: Eine
gute Vorbildung in Sachen Theorie, Praxis, Geschichte und Ge-
genwart des Anarchismus und Syndikalismus kann beim Lesen
nicht schaden. Außerdem erschweren es die selbst gesteckten
Zielsetzungen der Autoren eben diese Ziele auch zu erfüllen. So
wollen sie einerseits "eine wirklich globale Geschichte des An-
archismus und Syndikalismus" schreiben und andererseits "eine
präzise analytische Darstellung der anarchistischen und syndi-
kalistischen Bewegung" liefern. Während das eine eher grobe li-
terarische Pinselstriche erfordert, kommt das andere nicht ohne
zahlreiche Details aus.

Auch ihr wissenschaftlicher Ansatz führt, mehr oder weniger
logisch, zu gewissen Konsequenzen, die sicher nicht von allen
geteilt werden. Also, auch dieses Buch hat das Potential zahlrei-
che Diskussionen anzustoßen. Das kleine Bändchen "Bankraub
für Befreiungsbewegungen", herausgegeben von Gabriel Kuhn
im Unrast Verlag Münster sticht ein wenig heraus, handelt es
sich doch um kein Buch, das sich mit den Themen Anarchismus
oder Syndikalismus beschäftigt.

Selbst der Themenkomplex Arbeiterklasse/Klassenkämpfe
scheint dort nur am Rande vorzukommen. Trotzdem ist es ein
spannendes Buch. Zum einen lenkt es unseren Blick auf eine
Gegend der Welt (nämlich das beschauliche Dänemark), in der
wir so etwas wie ,Revolutionäre Bewegungen' vielleicht gar
nicht vermutetet hätten. Und zum anderen lässt es uns tief in die
Psyche eines kleinen Kollektives schauen, das über einen Zeit-
raum von 20 Jahren in der Lage war unentdeckt seine ,kriminel-
len Aktivitäten' zu entfalten mit dem Ziel, Bewegungen in der
sogenannten Dritten Welt finanziell zu unterstützen.

Zu guter Letzt möchte ich euch noch mein absolutes Lieblings-
buch dieses Jahres vorstellen: "Antisemit, das geht nicht unter
Menschen", herausgegeben von Jürgen Mümken und Siegbert
Wolf im Verlag Edition AV in Lich. Band 1 beschäftigt sich aus
verschiedenen Perspektiven mit der Geschichte des Anarchis-
mus und seinem Verhältnis zum Antisemitismus. Zur Motiva-
tion der Herausgeber schreiben diese so einiges im einleitenden
Vorwort, das ich nur teilen kann. So zum Beispiel: "Vor allem für
radikale, gesellschaftsverändernde Bewegungen wie der anar-
chistischen ist eine intensive, anhaltende Auseinandersetzung
mit gesellschaftlich produzierten Vorurteilen wie Antisemitis-
mus, Rassismus, Homophobie und Antiziganismus Grundlage
dafür, diese Ressentiments im eigenen Denken und Fühlen und
ebenso im öffentlichen, alltäglichen Handeln grundlegend zu
überwinden". In diesem Sinne können dieser erste Band, der
sich mit dem Zeitraum von ,Proudhon bis zur Staatsgründung'
und der von mir mit Spannung erwartete zweite Band nur der
Anfang einer neuerlichen, intensiven Beschäftigung mit diesem
und den von den Herausgebern selbst angeführten anderen The-
menkomplexen sein.

ps.: Alle Bücher bekommt ihr rechtzeitig zu Weihnachten wenn
ihr sie bis zum 15.12.2013 bei syndikat-a.de bestellt oder im
Buch- bzw. Infoladen eures Vertrauens.

Weihnachten

Nun ist das Fest der Weihenacht,
das Fest, das alle glücklich macht,
wo sich mit reichen Festgeschenken
Mann, Weib und Greis und Kind bedenken,
wo aller Hader wird vergessen
beim Christbaum und beim Karpfenessen; ­­
und groß und klein und arm und reich ­­
an diesem Tag ist alles gleich.
So steht's in vielerlei Varianten
in deutschen Blättern.
Alten Tanten
und Wickelkindern rollt die Zähre
ins Taschentuch ob dieser Märe.
Papa liest's der Familie vor,
und alle lauschen und sind Ohr...
Ich sah, wie so ein Zeitungsblatt
ein armer Kerl gelesen hat.
Er hob es auf aus einer Pfütze,
daß es ihm hinterm Zaune nütze.

Erich Mühsam


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