(de) FDA-IFA, Gai Dào #36 - Buchrezension - Kropotkins Ethik: Natürlicher Geselligkeitstrieb und anti-religiöse Begründung Von: Lisbeth Wiese

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Sun Jan 12 10:22:03 CET 2014


Ist die über 100 Jahre alte Ethik von Peter Kropotkin heute noch interessant? Glauben wir 
dem Herausgeber Michael Schmidt-Salomon, der die Schrift von 1904 (erstmals erschienen 
1921) jetzt in einer Neuauflage aufleben lässt, hat sie hohe Aktualität. Denn der 
Anarchist Kropotkin lehnt religiöse und übernatürliche Begründungen der Ethik, der Lehre 
von Gut und Böse, ab. Stattdessen bringt er naturwissenschaftliche Forschung und 
menschliche Tugenden zusammen, etwa indem er einen sozialen Trieb der Geselligkeit annimmt 
- bei Tier und Mensch. Diese biologistische Fundierungen seiner Ethik im Verhalten der 
höheren Tiere und "primitiven Wilden" (Kapitel 3 und 4) verbindet er mit einer 
zeittypischen Fortschrittsbegeisterung (Kapitel 1 und 2), der "Möglichkeit der Schaffung 
einer auf Naturwissenschaften fußenden Ethik".

Kritik daran: Der biologistische Ansatz ist vom heutigen ge-
schichtlichen Standpunkt vor dem Hintergrund biologistischer
Theorien im Nationalsozialismus mehr als problematisch. Zu-
dem: Der naturwissenschaftlichen Fortschrittsbegeisterung,
der viele Philosoph*innen und linke Denker*innen um die
Jahrhundertwende 1900 anhingen, können wir heute nach der
Atombombe, Fukushima und fortschreitender Umweltzerstö-
rung nicht mehr blind zustimmen.

Ab Kapitel 5 beginnt Kropotkin kenntnisreich mit einer gut
strukturierten Wiedergabe der Philosophiegeschichte und
stellt die ethischen Ansätze von Sokrates in der griechischen
Antike bis zu Nietzsche seiner Tage dar. Dabei klopft er die
einzelnen Positionen auf atheistische Begründungen ab, die
sich für eine neue unreligiöse Ethik nutzbar machen ließen,
etwa der Gerechtigkeitsgedanke bei Platon und Epikur oder
die antike Sittlichkeitslehre, die ohne übernatürliche Kräfte
auskommt und sich auf Natur und Verstand stützt.

Immer wieder ordnet der Anarchist die Philosophen gemäß
seiner Auffassung ein. So begrüßt er bei Immanuel Kant die
Förderung der Zerstörung kirchlicher Moral, wirft ihm aber
zugleich vor, den Begriff des Pflichtgefühls nicht über die
menschliche Natur zu definieren. Bei Thomas Hobbes attestiert
er positiv die endgültige Überwindung von Religion und Me-
taphysik und kritisiert zugleich dessen negatives Naturbild. In
der kritischen Methodik ist Kropotkin seiner Zeit voraus, da er
die historisch-politischen Hintergründe der Philosoph*innen
einbezieht. So verweist er etwa auf die Sklaven, denen Epikur
keine Rechte zugesteht, oder darauf, dass Hobbes als Kon-
servativer die Bestrebungen seiner Grundbesitzerpartei zur
Staatsgrundlage machte.

Lesenswert ist das Nachwort von Nikolai Lebedeff (Moskau,
1921), der den Entstehungshintergrund des Buchs beleuchtet.
So sind die Grundpfeiler von Kropotkins Theorie - Gesellig-
keitstrieb, gegenseitige Hilfe, Gerechtigkeit und Selbstaufopfe-
rung - vor dem Hintergrund seiner Zeit zu sehen. Einer Zeit,
in der sich einerseits der Amoralismus Friedrich Nietzsches
ausbreitete und andererseits der Darwinismus des Kampfes
ums Dasein Boden gewann. Beides keine Theorien, die sich mit
dem Begriff der Solidarität in Einklang bringen lassen.

Fazit:

Ein Buch für Spezialinteressen. Wer sich mit dem Werk
von Kropotkin auseinandersetzen will oder tiefer philo-
sophiegeschichtlich in die Ethik einsteigen und dabei die
Philosoph*innen unter atheistischen Gesichtspunkten betrach-
ten will, wird ab Kapitel 5 Interessantes finden. Wer jedoch die
Entwicklung einer anarchistischen Ethik erwartet, wird ent-
täuscht. Kropotkin selbst sprach, laut Lebedeff, auch nicht von
einer anarchistischen Ethik, sondern von einer "menschlichen
Ethik". Diese ist jedoch aus heutiger Sicht nicht besonders ori-
ginell, sondern besteht aus humanistischen Ideen, die an sich
nicht falsch sind, und aus einer politisch problematischen bio-
logistischen Begründung.

Weitere Infos

Links zum Thema Biologismus:
http://www.zag-berlin.de/antirassismus/
archiv/58biologismus.html
http://www.scilogs.de/landschaft-oekologie/risiken-
im-naturschutzdenken-heimatidee-und-biologismus/
Peter Kropotkin: Ethik. Ursprung und Entwicklung
der Sitten (1923). Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2013,
334 S., Euro: 18,-


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