(de) FDA-IFA, Gai Dào #36 - Kuba: Arbeitsplatzverlust als Mittel der Repression Von: Isbel Díaz Torres / Übersetzung: jt (afb)

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Sun Jan 5 15:43:24 CET 2014


Vorwort der Redaktion: Die Repression gegen libertäre Aktivist*innen auf Kuba hat in den 
letzten Monaten leider spürbar angezogen. Nicht nur der vorliegende Fall, sondern auch 
eine Vorladung zur Staatssicherheit an den Autor des Artikels selbst bezeugen, dass die 
kubanische Maschinerie langsam ungeduldig wird angesichts der kreativen Interventionen und 
der aktiven Art und Weise der Libertären auf der Insel. Mehr zum Thema Kuba gibt es in den 
vergangenen Ausgaben der Gaidao. ---- Was ich prophezeite, ist leider eingetreten: Mein 
Lebensgefährte Jimmy Roque, Mitglied des Netzwerks Red Observatorio Crítico, hat aufgrund 
seiner politischen Einstellung seinen Job verloren. Die Leitung des Krankenhauses ,,27. 
November" hat schließlich eine Strategie entwickelt, um ihn loszuwerden.

Der erste Schritt bestand darin, Jimmy völlig willkürlich die
,,Eignung" für seinen bisherigen Arbeitsplatz als Optometrist
abzusprechen. Dadurch wurde es möglich, ihn dort nicht mehr
arbeiten zu lassen. Sein Platz wurde von einer anderen An-
gestellten übernommen und dies damit begründet, dass diese
,,bestimmte Techniken perfektionieren" müsse. Bezüglich sei-
ner Ausbildung, des technischen Fachwissens und der profes-
sionellen Fähigkeiten verfügt Jimmy allerdings über bessere
Qualifikationen als seine Nachfolgerin, was Spezialist*innen
und Patient*innen des Poliklinikums auch bestätigen können.

Der Beschluss, mit dem Jimmy zunächst von seinem Arbeits-
platz verdrängt wurde, führt keinerlei Fehlverhalten an. Auch
werden keine anderen Belege für die vorgeblichen Gründe vor-
gebracht, die zu dieser Entscheidung geführt haben sollen. Alle
Beurteilungen von Jimmy waren bis dato zufriedenstellend
und weder die Krankenhausleitung noch seine unmittelbare
Vorgesetzte haben je seine ,,Integrität" oder seine ,,Eignung" in
Frage gestellt.

Wenige Tage später verfügte die Verwaltung eine ,,Diszipli-
narmaßnahme", die eine öffentliche Verwarnung von Jimmy
wegen zwei angeblicher Fehlzeiten und vier Fällen von Zuspät-
kommen beinhaltete. Ich sage ,,angeblich", weil es eine dieser
Fehlzeiten schlichtweg nicht gab und die andere mit Erlaubnis
der Verwaltung zustande kam.

Was das Zuspätkommen angeht, so summiert sich dies auf
durchschnittlich 1,7 Minuten pro Arbeitstag. Die Fälle, wo er
zu spät kam, haben sich nie auf die Betreuung ausgewirkt, da
nur ein Gerät vorhanden ist und stets ausreichend Personal für
die Arbeit vorhanden war. Es gab in diesem Zusammenhang
auch keine Beschwerden.

Die schlechten Absichten kommen schließlich gänzlich zum
Vorschein, wenn in dem Text in völlig übertriebener Art und
Weise heißt, dass Jimmy ein ,,undiszipliniertes Verhalten" an
den Tag lege und eine ,,schlechte Einstellung gegenüber der
Arbeit" habe - eine Behauptung, für deren Aufrechterhaltung
jegliche rationalen Argumente fehlen und für die auch keiner-
lei Belege vorgebracht werden.

Die Verwaltung unterstellt Jimmy dann am 26. September der
Gesundheitlichen Bezirksverwaltung von Marianao, d. h., sie
entlassen ihn und erreichen auf diese Art und Weise ihr ur-
sprüngliches Ziel.

Die direkte Aktion des Netzwerks Observatorio Crítico hat im-
merhin den Versuch verhindern können, Jimmy ausdrücklich
aus politischen Gründen entlassen zu wollen. Doch aus diesem
Grund haben der Parteisekretär Berardo Duque, die Leiterin
des Poliklinikums, Xiomara Iglesias, sowie die stellvertreten-
de Leiterin des Krankenhauses, Zunilda Crespo, eine Strategie
entwickelt, mit der sie den unbequemen Angestellten in weni-
ger als einem Monat loswerden konnten.

Bis zu diesem Tag hat Jimmy seine Klage vor keinem Organ
des Arbeitsgerichts (OJLB) vorbringen können, wodurch das
Prinzip der Unmittelbarkeit verletzt wird, das in dieser Art
von Prozessen herrschen soll. Grund für diesen Umstand ist,
dass das Gesundheitswesen im ganzen Stadtteil Marianao kei-
ne funktionieren Institutionen hat. Die Arbeiter*innen dieses
Sektors sind also völlig schutzlos.

Funktionär*innen aus der Leitung der Stadtteilbehörde, die für
Arbeitsfragen zuständig ist, fordern, dass Jimmy seine Klage
jetzt vor dem OJLB des Poliklinikums vorbringt, das von nie-
mand anderem als dem Parteisekretär Berardo Duque geleitet
wird, der die unrechtmäßigen Maßnahmen gegen Jimmy vor
allem in die Wege geleitet und vorangetrieben hat.

Jimmy wird Einspruch erheben vor dem Staatsrat, dem Ar-
beits- und dem Gesundheitsministerium, der Gewerkschafts-
zeitung Trabajadores, dem landesweiten Gewerkschaftsbund,
der Leitung des Gesundheitswesens auf Provinzebene, der
Staatsanwaltschaft, der Kommunistischen Partei Kubas (PCC),
der Bezirksverwaltung des Stadtteils und der Bezirksverwal-
tung der Stadtteilbehörde, die für Arbeitsfragen zuständig ist.

So wie sonst meist auch, ist es wahrscheinlich, dass es diesen
Instanzen nicht gelingen wird, für Gerechtigkeit zu sorgen.
Doch wenn ihnen in der Zukunft die Rechnungen präsentiert
werden für ihre Mitwirkung bei Fehlentwicklungen, werden
sie nicht sagen können, sie hätten nichts damit zu tun gehabt.

Es war schon immer üblich, dass die kubanische autoritäre Bü-
rokratie administrative Mittel nutzt, um kritischen politischen
Positionen zu begegnen. Dieses unrechtmäßige Vorgehen, das
gegen das Arbeitsrecht und die Verfassung verstößt, verdeut-
licht einmal mehr deren politische Armut.

Jimmy hat das vor zwei Jahren schon einmal durchleiden müs-
sen, als er aus denselben Gründen aus einem Krankenhaus
entlassen wurde, in dem er arbeitete. Seine politisch kritische

Haltung hat er deshalb ebenso wenig aufgegeben wie seine
Vorstellungen von einem libertären Sozialismus. Die politische
Polizei wird sich eine neue Strategie ausdenken müssen.

Isbel Díaz Torrres: In Pinar del Río wurde ich am 1. März
1976 geboren - in Havanna habe ich mein ganzes bisheriges
Leben verbracht. Ich bin Biologe und Poet, obwohl ich manch-
mal auch Musiker, Übersetzer, Lehrer, Informatiker, Designer,
Fotograf und Redakteur gewesen bin. Ich bin ein notorisch Un-
angepasster und ein Kämpfer für Differenzen, vielleicht auch
deshalb, weil ich schon immer ein unterdrücktes ,,Modellkind"
war. Nichts überwältigt mich mehr als das Fremde; Natur und
Kunst sind für mich Quellen des Mystischen und der Entwick-
lung. In meinen letzten Jahren habe ich einen verblüffenden
Aktivismus entwickelt. Obwohl ich mir nicht sicher bin, wofür
ich ihn nutzen soll, spüre ich doch, dass das eine legitime und
uneigennützige Kraft ist. Hoffentlich besitze ich das nötige Ur-
teilsvermögen, um damit gut umzugehen.

Weitere Infos

Web des Netzwerks Red Observatorio Crítico:
http://observatoriocriticodesdecuba.wordpress.com/
Quelle des Artikels:
http://www.havanatimes.org/sp/?p=91448


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