(de) Weltweit -- Kuba: Arbeitsplatzverlust als Mittel der Repression Von: Isbel Díaz Torres / Übersetzung:jt (afb)

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Wed Jan 1 18:59:56 CET 2014


Vorwort der Redaktion: Die Repression gegen libertäre Aktivist*innen auf Kuba hat in den 
letzten Monaten leider spürbar angezogen. Nicht nur der vorliegende Fall, sondern auch 
eine Vorladung zur Staatssicherheit an den Autor des Artikels selbst bezeugen, dass die 
kubanisch e Maschinerie langsam ungeduldig wird angesichts der kreativen Interventionen 
und der aktiven Art und Weise der Libertären auf der Insel. Mehr zum Thema Kuba gibt es in 
den vergangenen Ausgaben der Gaidao Was ich prophezeite, ist leider eingetreten: Mein 
Lebensgefährte Jimmy Roque, Mitglied des Netzwerks Red Observatorio Crítico, hat aufgrund 
seiner politischen Einstellung seinen Job verloren. Die Leitung des Krankenhau ses ,,27. 
November" hat schließlich eine Strategie entwickelt, um ihn loszuwerden.

Der erste Schritt bestand darin, Jimmy völlig willkürlich die ,,Eignung"
für seinen bisherigen Arbeitsplatz als Optometrist abzusprechen.
Dadurch wurde es möglich, ihn dort nicht mehr arbeiten zu lassen. Sein
Platz wurde von einer anderen Angestellten übernommen und dies
damit begründet, dass diese ,,bestimmte Techniken perfektionieren"
müsse. Bezüglich seiner Ausbildung, des technischen Fachwissens und
der professionellen Fähigkeiten verfügt Jimmy allerdings über bessere
Qualifikationen als seine Nachfolgerin, was Spezialist*innen und
Patient*innen des Poliklinikums auch bestätigen können.

Der Beschluss, mit dem Jimmy zunächst von seinem Arbeitsplatz
verdrängt wurde, führt keinerlei Fehlverhalten an. Auch werden keine
anderen Belege für die vorgeblichen Gründe vorgebracht, die zu dieser
Entscheidung geführt haben sollen. Alle Beurteilungen von Jimmy
waren bis dato zufriedenstellend und weder die Krankenhausleitung
noch seine unmittelbare Vorgesetzte haben je seine ,,Integrität" oder
seine ,,Eignung" in Frage gestellt.

Wenige Tage später verfügte die Verwaltung eine
,,Disziplinarmaßnahme", die eine öffentliche Verwarnung von Jimmy
wegen zwei angeblicher Fehlzeiten und vier Fällen von Zuspätkommen
beinhaltete. Ich sage ,,angebli ch", weil es eine dieser Fehlzeiten
schlichtweg nicht gab und die andere mit Erlaubnis der Verwaltung
zustande kam.
Was das Zuspätkommen angeht, so summiert sich dies auf
durchschnittlich 1,7 Minuten pro Arbeitstag. Die Fälle, wo er zu spät
kam, haben sich nie auf die Betreuung ausgewirkt, da nur ein Gerät
vorhanden ist und stets ausreichend Personal für die Arbeit vorhanden
war. Es gab in diesem Zusammenhang auch keine Beschwerden.
Die schlechten Absichten kommen schließlich gänzlich zum Vorschein,
wenn in dem Text in völlig übertriebener Art und Weise heißt, dass
Jimmy ein ,,undiszipliniertes Verhalten" an den Tag lege und eine
,,schlechte Einstellung gegenüber der Arbeit" habe - eine Behauptung,
für deren Aufrechterhaltung jegliche rationalen Argumente fehlen und
für die auch keinerlei Belege vorgebracht werden.

Die Verwaltung unterstellt Jimmy dann am 26. September der
Gesundheitlichen Bezirksverwaltung von Marianao, d. h., sie entlassen
ihn und erreichen auf diese Art und Weise ihr ursprüngliches Ziel.

Die direkte Aktion des Netzwerks Observatorio Crítico hat immerhin
den Versuch verhindern können, Jimmy ausdrücklich aus politischen
Gründen entlassen zu wollen. Doch aus diesem Grund haben der
Parteisekretär Berardo Duque, die Leiterin des Poliklinikums, Xiomara
Iglesias, sowie die stellvertretende Leiterin des Krankenhauses, Zunilda
Crespo, eine Strategie entwickelt, mit der sie den unbequemen
Angestellten in weniger als einem Monat loswerden konnten.

Bis zu diesem Tag hat Jimmy seine Klage vor keinem Organ des
Arbeitsgerichts (OJLB) vorbringen können, wodurch das Prinzip der
Unmittelbarkeit verletzt wird, das in dieser Art von Prozessen
herrschen soll. Grund für diesen Umstand ist, dass das
Gesundheitswesen im ganzen Stadtteil Marianao keine funktionieren
Institutionen hat. Die Arbeiter*innen dieses Sektors sind also völlig
schutzlos.

Funktionär*innen aus der Leitung der Stadtteilbehörde, die für
Arbeitsfragen zuständig ist, fordern, dass Jimmy seine Klage jetzt vor
dem OJLB des Poliklinikums vorbringt, das von niemand anderem als
dem Parteisekretär Berardo Duque geleitet wird, der die
unrechtmäßigen Maßnahmen gegen Jimmy vor allem in die Wege
geleitet und vorangetrieben hat.
Jimmy wird Einspruch erheben vor dem Staatsrat, dem Arbeits- und
dem Gesundheitsministeri um, der Gewerkschaftszeitung Trabajadores,
dem l andesweiten Gewerkschaftsbund, der Leitung des
Gesundheitswesens auf Provinzebene, der Staatsanwaltschaft, der
Kommunistischen Partei Kubas (PCC), der Bezirksverwaltung des
Stadtteils und der Bezirksverwaltung der Stadtteilbehörde, die für
Arbeitsfragen zuständig ist.

So wie sonst meist auch, ist es wahrscheinlich, dass es diesen Instanzen
nicht gelingen wird, für Gerechtigkeit zu sorgen. Doch wenn ihnen in
der Zukunft die Rechnungen präsentiert werden für ihre Mitwirkung
bei Fehlentwicklungen, werden sie nicht sagen können, sie hätten
nichts damit zu tun gehabt.

Es war schon immer üblich, dass die kubanische autoritäre Bürokratie
administrative Mittel nutzt, um kritischen politischen Positionen zu
begegnen. Dieses unrechtmäßige Vorgehen, das gegen das
Arbeitsrecht und die Verfassung verstößt, verdeutlicht einmal mehr
deren politische Armut.


Jimmy hat das vor zwei Jahren schon einmal durchleiden müssen, als
eraus denselben Gründen aus einem Krankenhaus entlassen wurde, in
demer arbeitete. Seine politisch kritische Haltung hat er deshalb
ebenso wenig aufgegeben wie seine Vorstellungen von einem
libertären Sozialismus. Die politische Polizei wird sich eine neue
Strategie ausdenken müssen.

Isbel Díaz Torrres: In Pinar del Río wurde ich am 1. März 1976 geboren
- in Havanna habe ich mein ganzes bisheriges Leben verbracht. Ich bin
Biologe und Poet, obwohl ich manchmal auch Musiker, Übersetzer,
Lehrer, Informatiker, Designer, Fotograf und Redakteur gewesen bin.
Ich bin ein notorisch Unangepasster und ein Kämpfer für Differenzen,
vielleicht auch deshalb, weil ich schon immer ein unterdrücktes
,,Modellkind" war. Nichts überwältigt m ich mehr als das Fremde; Natur
und Kunst sind für mich Quellen des Mystischen und der Entwicklung.
In m einen letzten Jahren habe ich einen verblüffenden Aktivismus
entwickelt. Obwohl ich mir nicht sicher bin, wofür ich ihn nutzen soll,
spüre ich doch, dass das eine legitime und uneigennützige Kraft ist.
Hoffentlich besitze ich das nötige Urteilsvermögen, um damit gut
umzugehen

Web des Netzwerks Red Observatorio Crítico:
http://observatoriocriticodesdecuba.wordpress.com/
Quelle des Artikels: http://www.havanatimes.org/sp/?p=91448


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