(de) FAU-IAA Direct Action #221 - Dauerzustand Krise -- Fließbandarbeit im Krankenhaus - 10 Jahre "diagnosebezogene Fallpauschalen"

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Thu Feb 27 20:11:31 CET 2014


Nachts in einem Krankenhaus in Norddeutschland: Eine Nachtschwester muss 42 frisch 
operierte PatientInnen versorgen. Um alle Zimmer auf dem ca. hundert Meter langen Flur 
schnell zu erreichen, hat sie einen Tretroller. Morgens im Klinikum Ludwigshafen: Ein Team 
teilzeitbeschäftigter "BlutabnehmerInnen" geht über die Station und entnimmt den 
PatientInnen Blut. Ökonomen hatten ausgerechnet, dass der tägliche Zeitaufwand für die 
Blutentnahmen klinikweit bei 46,2 Stunden lag - und zwar teuren Arztstunden. Aufs Jahr 
umgerechnet entspricht das 7,5 Vollzeitkräften oder rund 450.000 Euro. Die zehn 
teilzeitbeschäftigten MitarbeiterInnen machen es für insgesamt 180.000 Euro. ---- Seitdem 
2004 die Finanzierung der Krankenhäuser in Deutschland auf diagnosebezogene Fallpauschalen 
(DRG) umgestellt wurde, seitdem die Krankhäuser in Konkurrenz zueinander stehen, herrscht 
dort eine unerbittliche betriebswirtschaftliche Logik.

Dies gilt zunächst unabhängig von der Träger- bzw. Eigentümerschaft: Der Druck, Profite 
machen zu müssen, kommt in privatwirtschaftlichen Krankenhäusern wie denen der Rhönklinik 
AG oder der Helios Kliniken GmbH lediglich noch oben drauf. Alle Krankenhäuser versuchen 
im Moment mit der gleichen Strategie in diesem Konkurrenzkampf zu bestehen: Sie steigern 
die Fallzahlen sowie die Fallschwere und reduzieren die Liegezeiten, weil sie pro Fall 
Geld bekommen - je schwerer der Fall, umso mehr Geld. Gleichzeitig versuchen sie, an den 
Ausgaben zu sparen, wozu sich in personalintensiven Sektoren dann eben am besten das 
Personal eignet.

Nach Maßgabe der Betriebswirtschaft wird dabei ungeachtet der Kriterien einer guten 
Versorgung oder guter Arbeit versucht, Tätigkeiten von gut bezahlten Kräften an weniger 
gut bezahlte zu übertragen. Von den ÄrztInnen wird an die Pflege delegiert oder an neu 
geschaffene Berufe wie die "BlutabnehmerInnen", die operationstechnischen AssistentInnen 
usw. Das Spiel setzt sich fort: Von der examinierten Pflegekraft zur angelernten und 
schlechter bezahlten, von der angelernten Pflegekraft zur noch schlechter bezahlten 
Reinigungskraft. Der Patient und die Patientin werden dabei schon jetzt, zumindest von den 
BetriebswirtInnen und ControllerInnen, betrachtet wie ein Auto auf dem Fließband. Die 
andere Strategie ist der Personalabbau. Da die ÄrztInnen, mitunter durch 
leistungsabhängige Arbeitsverträge angespornt, die Cashcows der Krankenhäuser sind, fand 
schon vor der Einführung der DRG und in Vorbereitung selbiger der Personalabbau vorrangig 
in der Pflege statt. Für die Beschäftigten bedeutet dies eine extreme Arbeitsverdichtung. 
Sie müssen mehr und schwerer erkrankte PatientInnen mit weniger KollegInnen versorgen - 
und das bei tendenziell schlechteren Löhnen. Durch Privatisierung und Outsourcing von 
ganzen Häusern oder einzelnen Bereichen werden viele KollegInnen zu schlechteren Löhnen 
angestellt, oft auch nur noch befristet. In keinem westeuropäischen Land ist das 
Verhältnis der Anzahl von Pflegekräften zur Anzahl der zu versorgenden PatientInnen so 
schlecht wie in Deutschland. "Krise", werden deshalb viele KollegInnen sagen, "hatten wir 
schon lange vor 2008 im Gesundheitswesen! Wir arbeiten in der Dauerkrise!"

Naiv könnte man nun annehmen, dass dies am mangelnden Geld liege. So wird das der 
kaufmännische Direktor sicher auch erklären - und aus der Perspektive der 
EinzelkapitalistInnen mag da sogar etwas dran sein. Insgesamt kann aber von wenig Geld im 
deutschen Gesundheitswesen nicht die Rede sein. Sowohl die Pro-Kopf-Ausgaben als auch die 
Ausgaben gemessen am BIP sind in Deutschland mit ca. 12% sehr hoch. Dies allerdings schon 
seit Jahrzehnten! Das will aber nichts für die Versorgung oder gar für die Lage der 
Beschäftigten heißen. In den USA, die am meisten ausgeben für ihr "Gesundheitswesen" (ca. 
16% des BIP), sind zum Beispiel ca. 20% der Bevölkerung gar nicht versichert und damit 
auch nur rudimentär versorgt.

Das Geld fließt in Deutschland in eine ökonomisierte Apparate- und Pharmamedizin, an der 
die entsprechenden Konzerne, aber auch die niedergelassenen ÄrztInnen als 
KleineigentümerInnen enorm gut verdienen. Schlechte Planung, Doppelstrukturen und 
Überversorgung bei gleichzeitigem Mangel und schlechter Versorgung, schlechte 
Arbeitsbedingungen, hohe Profite und entsprechend hohe Ausgaben, die vorrangig die 
Arbeitenden über ihre Beiträge und als Individuen privat bezahlen, sind im Kapitalismus 
offenbar kein Widerspruch. Die aktuellen Kämpfe in den Krankenhäusern thematisieren 
bisweilen diesen Widerspruch und zeigen, dass mit der Ökonomisierung der Krankenhäuser und 
des Gesundheitswesens grundsätzlich etwas schief läuft. Sie zeigen auch, dass 
kapitalistische Ökonomisierung und gute Versorgung durch gute Arbeit im Gesundheitswesen 
nicht zusammen passen. Leider handelt es sich bei den VertreterInnen dieser Meinung um 
eine rare Spezies. Noch weniger findet man im Moment unter den Beschäftigten die 
Verallgemeinerung zu einer grundsätzlichen Kritik der Lohnarbeit.

Sara Katsani


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