(de) FAU-IAA Direct Action #221 - Die Isolation durchbrechen -- Zum Kampf um gesellschaftliche Teilhabe von Flüchtlingen in Rheinland-Pfalz

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Tue Feb 25 14:46:44 CET 2014


Der Kuchen aus Wohlstand, dessen Stücke an unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen 
verteilt werden, sei geschrumpft, wird in Krisenzeiten häufig suggeriert. Das heißt für 
immer mehr Menschen der sogenannten bürgerlichen Mitte: Die Ausländer, Zigeuner, Hartz 
IV-EmpfängerInnen wollen gerade jetzt von unserem Wohlstand profitieren - das geht nicht. 
Auswüchse dieser Stimmung zeigen sich in Hellersdorf oder Schneeberg. Andererseits hat ein 
karitativer Umgang mit der Situation Hochkonjunktur - man muss den armen Menschen doch 
helfen! Beides lässt den Abstand zwischen den gesellschaftlichen Gruppen wachsen. ---- Die 
Menschen, um die es eigentlich geht, weil ihnen ihre Kuchenstücke vorenthalten werden, 
bleiben bei solchen Diskussionen häufig stumm. Ausnahmen sind die Lampedusa-Flüchtlinge in 
Hamburg oder die Refugees am Oranienplatz in Berlin, die selbstorganisiert und 
selbstbewusst fordern, was sie brauchen. Dass dies nicht der Regelfall ist, ist durch die 
Lebensrealitäten der Betroffenen erklärbar - hier am Beispiel der Situation von 
Flüchtlingen in Rheinland-Pfalz.

Unhaltbar!

Neben den ,,üblichen" Problemlagen in Sammelunterkünften für Flüchtlinge - katastrophale 
hygienische Zustände und die Verweigerung von Putzmitteln in Steineberg in der Eifel, ein 
Taschengeld von monatlich 137 Euro in Neustadt an der Weinstraße, welches an Ein-Euro-Jobs 
für 10 Stunden pro Woche gekoppelt ist, Duschen, die sich in einem anderen Gebäude 
befinden, in Ludwigshafen, und so weiter und so fort - hat hier vor allem die Isolation 
der Refugees fern ab vom Rest der Bevölkerung System. Die Menschen sind häufig in 
ländlichen Regionen untergebracht, ohne Anbindung an öffentlichen Nahverkehr, ohne 
Internetzugang, ohne Möglichkeit, Deutsch zu lernen, und warten auf das Ergebnis ihres 
Asylverfahrens, welches oft Jahre dauert. Zudem haben die Art der Unterbringung und die 
unklare Zukunftsperspektive eine psychisch zermürbende Wirkung. Eine Selbstorganisierung 
der Betroffenen in größerem Stil ist schwer vorstellbar.

,,Um dem entgegenzusteuern, ist die konkrete Unterstützung der Flüchtlinge vor Ort 
beispielsweise durch Suchen nach geeignetem Wohnraum oder Deutschunterricht meist 
effektiver als das Anprangern der unhaltbaren Zustände ohne Beteiligung der Betroffenen", 
so Uli Tomaschowski vom Netzwerk Konkrete Solidarität. Dieses hat sich zum Ziel gesetzt, 
die Abschottung vom öffentlichen Leben (zunächst) in Rheinland-Pfalz und Hessen zu 
durchbrechen, um die gesellschaftliche und politische Handlungsfähigkeit der Refugees zu 
stärken. ,,Durch die Verbesserung der unmittelbaren Lebenssituation und durch die sozialen 
Kontakte zwischen Flüchtlingen und UnterstützerInnen wird die Ausgangssituation für ein 
aktives Agieren der Refugees erleichtert".

Auf einer Anti-Isolation-Tour besuchten Mitglieder des Netzwerks zusammen mit 
AktivistInnen der Flüchtlingsselbstorganisation The Voice Refugee Forum Flüchtlinge in gut 
30 Unterkünften in Rheinland-Pfalz. Parallel wurden interessierte Menschen vor Ort 
gesucht, die an einer konkreten Unterstützung ihrer NachbarInnen mitwirken und Kontakte zu 
lokalen Gruppen und Initiativen hergestellt. ,,Natürlich schwingt hier ein 
paternalistisches Moment mit", erklärt Tomaschowski, ,,aber wenn wir warten, bis die 
Flüchtlinge von sich aus aktiv werden, hat die Isolation funktioniert. Denn das wird in 
den allermeisten Fällen nicht passieren. Wichtig sind die Perspektive und das Ziel, mit 
dem man an die Sache rangeht".

Ein Projekt des Netzwerks, Teachers on the road, bietet mittlerweile an fünf Orten 
regelmäßigen Deutschunterricht an, um eine Verständigung der Menschen zu ermöglichen und 
Informationen über das Asylverfahren und Möglichkeiten des Vorgehens gegen untragbare 
Zustände in den Unterkünften zu vermitteln. Gleichzeitig werden auf Seiten der Flüchtlinge 
notwendige Voraussetzungen für aktives Handeln hergestellt: Ein Überblick über lokale 
Strukturen, Infos über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland, rechtliche 
Grundlagen und soziale Kontakte vor Ort, um die menschenunwürdige Situation aushalten und 
dabei handlungsfähig bleiben zu können.

Darüber hinaus bietet das Netzwerk Workshops und Vorträge für Interessierte mit dem 
Angebot des Mitmachens an. So haben sich inzwischen unter anderem in Mainz, Frankfurt und 
Wittlich zahlreiche Menschen gefunden, die Deutschunterricht geben. In der Südwestpfalz 
konnte für eine Frau mit einem behinderten Kind ein Rollstuhl organisiert werden. In 
Germersheim hielt der somalische Refugee Hassan einen Vortrag an der Uni und berichtete 
über seine Flucht aus Somalia, die mehrjährige Inhaftierung in der Ukraine und seine 
jetzige Situation. Auch in Landau, Darmstadt, Ludwigshafen und Karlsruhe startet das 
Projekt diesen Winter. Stück für Stück soll das System, die Flüchtlinge getrennt von 
,,normalen Menschen" zu sehen, aufgebrochen werden.

Um die Flüchtlinge und UnterstützerInnen zu vernetzen und um die Aktivitäten in den 
unterschiedlichen Orten zu koordinieren, haben seit Anfang 2013 drei rheinland-pfalz-weite 
Flüchtlingskonferenzen stattgefunden. Die nächste ist für April 2014 in Landau geplant, 
ebenso die erste hessenweite Konferenz in Wiesbaden. Auch von der 
NoBorder-Lasts-Forever-Konferenz, die vom 21. bis 23. Februar 2014 in Frankfurt a. M. 
stattfindet, erhoffen sich die AktivistInnen des Netzwerks neue Impulse.

Laura Fischer

Infos zum Netzwerk: nksnet.wordpress.com


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