(de) FAU-IAA Direct Action #221 -Verkaufsschlager oder gewerkschaftliche Strategie? Von ökologischen und sozialen Standards in der Textilindustrie zum Gewerkschaftslabeling

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Mon Feb 24 10:57:03 CET 2014


Clean Clothes Kampagnenlogo ---- Nach dem ungebrochenen Hype um Fair-Trade- und Bio-Siegel 
in der Lebensmittelindustrie hat auch das Textil verarbeitende und produzierende Gewerbe 
längst das Labeling für sich entdeckt. Mit Gütesiegeln im Shirt suchen Firmen die 
Demonstration des Guten. Was ,,gut" ist, hat sich dabei im Laufe der Jahre geändert. Stand 
Anfang der 1990er Jahre zunächst, dem Ökotrend folgend, eher die Gesundheit der 
KonsumentInnen im Vordergrund, ging es in einer zweiten Welle unter dem Stichwort der 
Nachhaltigkeit zusätzlich um eine umweltfreundliche Produktion und Agrarwirtschaft: Blauer 
Engel, Öko-Tex, EU-Ecolabel usw. zeugen hiervon. Vor dem Hintergrund der Brandkatastrophen 
in der Textilindustrie Bangladeschs und Pakistans gerät nun zunehmend auch die Frage der 
sozialen Standards, unter denen produziert wird, in den Blick. Plötzlich werben 
Frauenzeitschriften für die Beteiligung an der von NGOs und Gewerkschaften ins Leben 
gerufenen europäischen Clean Clothes Kampagne1. Das seit 14 Jahren bestehende Siegel der 
Fair Wear Foundation (FWF), welches Arbeitsbedingungen unter die Lupe nimmt, findet im 
Mainstream Verbreitung und die Presse fragt nach dem Sinn einer durch die Modeindustrie 
saisonal inszenierten Wegwerfkultur. Willkommen im Kapitalismus der Absatzmärkte!

Für stramme AnarchosyndikalistInnen mag diese Entwicklung unter dem Gesichtspunkt generell 
unerwünschter Lohnarbeit vielleicht zu belächeln sein. Angesichts einer uns vermutlich 
nicht aus heiterem Himmel ereilenden Revolution lohnt jedoch ein zweiter Blick.

Insgesamt ist eine inhaltliche Bewertung der bunten Schildchen für VerbraucherInnen 
schwierig. Von über 100 Nachhaltigkeitssiegeln und Gütestandards spricht die 
Arbeiterkammer Oberösterreich. Sie ließ die Siegel unter ökologischen und sozialen 
Kriterien begutachten2 und kommt zu dem Schluss, dass kein Standard beide Kriterien durch 
alle Stufen der Lieferkette zufriedenstellend abdeckt. So bewertet der verbreitete 
Standard Öko Tex 100 zum Beispiel lediglich die Schadstoffbelastung der Endprodukte. In 
Bezug auf die Ernsthaftigkeit der Bemühungen um soziale Standards schneidet das FWF-Siegel 
am besten ab. Vor allem das Bemühen um die Umsetzung existenzsichernder Löhne sei hier 
hervorzuheben. Auch in Bezug auf Glaubwürdigkeit und Effektivität machte das Siegel vor 
dem Hintergrund von sieben bewerteten Kriterien, darunter Transparenz, Rückverfolgbarkeit, 
Kontrolle und Verifizierung sowie Existenz eines Beschwerdesystems den ersten Platz. Ein 
Blick auf die Webseite der FWF erinnert zunächst an die alte, aus den USA stammende Idee 
des Union Labeling (siehe Interview auf Seite 4): Das Siegel bewertet ausschließlich die 
Erfüllung von Gewerkschaftsstandards in der Textilindustrie. Angelehnt an die Konventionen 
der ILO (International Labour Organisation) und an die UN-Menschenrechtskonvention, sind 
der Verzicht auf ausbeutende Kinderarbeit, Diskriminierung, Zwangsarbeit und unbegrenzte 
Arbeitszeiten sowie ein rechtsverbindlicher Arbeitsvertrag, sichere und gesunde 
Arbeitsbedingungen, Versammlungsfreiheit, das Recht auf Tarifverhandlungen und die Zahlung 
eines existenzsichernden Lohnes Bedingungen für den Erhalt des Siegels.

VERDREHTE WELT


Fair Wear Foundation
Angesichts der proklamierten Kriterien ist es umso erstaunlicher, dass unter den 
angebotenen Mitgliedschaftstypen in der FWF der Typus der Gewerkschaft vergeblich zu 
suchen ist, obwohl die FWF unter anderem von der christlichen Dienstleistungsgewerkschaft 
der Niederlande geleitet wird. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach einer 
breiten Durchsetzbarkeit der Standards ohne gewerkschaftliche Organisierung. Eine 
ausschließlich auf der Freiwilligkeit von Firmen basierende Strategie lässt eine ,,soziale 
Nachhaltigkeit" im Hinblick auf die Verbesserung von Arbeitsbedingungen wohl kaum 
erwarten. Die Aktivitäten der FWF sind daher eher als Meta-Engagement zur Schaffung von 
Bedingungen für eine dringend notwendige gewerkschaftliche Organisierung zu verstehen. Auf 
der anderen Seite zeigt die mediale Prominenz des Siegels und der damit verbundenen Themen 
im vergangenen Jahr durchaus eine Nachfrage nach nunmehr auch unter sozialethisch 
vertretbaren Bedingungen hergestellter Ware - zumindest was die ,,Ferne" der 
Herkunftsländer betrifft. Im Bestehenden ist das keine allzu schlechte Entwicklung, die 
eigentlich den Rückgriff auf das Union Labeling nahelegt, bei dem die Arbeitsbedingungen 
von gewerkschaftlich Organisierten und den die Waren Produzierenden bewertet werden. Hier 
beißt sich die Katze allerdings in den Schwanz: Ohne eine starke internationale 
Gewerkschaftsbewegung muss das Pferd wohl zunächst von oben à la FWF aufgezäumt werden. Es 
bleibt zu hoffen, dass jenen, die es wollen, ihre gewerkschaftliche Organisierung dadurch 
erleichtert wird.

Eine weitere Frage drängt sich angesichts der offensichtlichen KonsumentInnennachfrage 
auf: Warum in die Ferne schweifen, wenn die von der FWF eingeforderten ArbeiterInnenrechte 
nicht einmal vor der eigenen Haustür selbstverständlich sind? Nicht nur der Brand in der 
italienischen Textilfabrik in Prato mit sieben Toten, zeigte erst Anfang Dezember, wie nah 
die Indiens, Bangladeschs und Chinas sind. Seit Jahren ist in Deutschland 
branchenübergreifend die Zunahme von so genannten Hartz-IV-AufstockerInnen, die Zunahme 
von psychischen Erkrankungen durch Arbeitsverdichtung, die Zunahme von Arbeitsstunden und 
nicht zuletzt ein Klima der Gewerkschaftsfeindlichkeit festzustellen. Vielleicht wäre eine 
auf die Krise der Gewerkschaften in Deutschland angepasste Art der Bewertung 
produktgebundener Arbeitsbedingungen ein bescheidener, aber der Situation angemessener 
Weg, die allzu berechtigten Forderungen nach Einhaltung von sozialen Standards, ergänzend 
zu den üblichen gewerkschaftlichen Betätigungen, konsumentInnenkonform zu proklamieren und 
gleichzeitig dem Klima der Gewerkschaftsfeindlichkeit entgegenzutreten.

Dörthe Stein

[1] ? www.sauberekleidung.de

[2] ? www.getchanged.net/webautor-data/47/Standardbewertung-130925-Text-2-Seiten.pdf


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