(de) FAU-IAA Direct Action #221 - Sozialer Notstand à la US-Amerika -- Die Immobilienblase ist schon lange geplatzt - leider nach wie vor nicht nur die

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Fri Feb 21 15:50:56 CET 2014


Der Bus 22 fährt als einzige Linie volle 24 Stunden von Palo Alto nach San Jose und 
zurück. Doch dieser Bus ist inzwischen nicht mehr nur ein reiner Nachtbus durchs reiche 
kalifornische "Silicon Valley", er ist vielmehr inzwischen auch Bleibe für viele 
Wohnungssuchende geworden. Dabei bleiben viele dieser "neuen" Obdachlosen über Nacht im 
Bus, bezahlen die $2 pro Fahrt oder gleich die $70 pro Monat, sofern sie sich das 
wenigstens leisten können. In dem Bus sind neben alleinstehenden Obdachlosen ebenso ein 
Familienvater und seine Kinder zu Gast. Er ist ein Sinnbild der vielen seit 2008 obdachlos 
gewordenen Menschen, die mangels Geld für eine neue Bleibe ähnlich "kreativ" bei der Suche 
nach Obdach sein müssen. Viele Unterkünfte sind überfüllt, in San Francisco müssen, laut 
einer Meldung von Anfang Dezember, Obdachsuchende inzwischen sieben Monate auf einen Platz 
warten.

Eine kürzlich im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen gesendete Dokumentation zeigte 
ähnliche Verhältnisse quer durch die USA. Ein besonderer Fokus waren die vielen 
kinderreichen Familien, die nun schon seit Jahren in billigen Motels dauerhaft wohnen 
müssen, wenn sie Glück haben. Vielen blieb nur noch das Auto oder eben der Nachtbus, wenn 
sie nicht die Straße auf und ab gehen und so tun, als wäre alles in Ordnung. Denn niemand 
der Betroffenen möchte sich die Blöße geben müssen, als Obdachloser auch nach außen zu 
leben - viele hatten vor Beginn der Finanzkrise 2007 ganz andere Perspektiven im Leben.

In der Nachbesprechung der Dokumentation sagte ein eingeladener 
Wirtschaftswissenschaftler, das ganze sei etwas für die USA Normales und deshalb nicht 
weiter zu dramatisieren. Dies spiegelt sehr treffend die Haltung breiter Teile in der 
US-Öffentlichkeit wider. Viel zu stark ist dort der Leistungsgedanke - nach dem Motto "der 
Stärkere wird reich" - tonangebend. Dass von der Obdachlosigkeit nach der Krise 2007/2008 
aber zahlenmäßig in viel stärkerem Maße Familien mit Kindern betroffen sind, die ihre 
Wohnungen verloren haben, lassen viele dabei unberücksichtigt. Aktuelle Zahlen sagen zwar, 
dass die Obdachlosenrate im Zeitraum 2012-2013 leicht gesunken sei, dies betrifft im 
wesentlichen die ländlichen Bereiche. In New York und Los Angeles steigen die Zahlen 
hingegen. Grundsätzlich sind diese ersten Erfolge auf verbesserte Programme der 
Bundesstaaten sowie der Regierung in Washington zurückzuführen. Allerdings erfassen diese 
Zahlen nicht diejenigen, die sich aus Scham oder anderen Gründen "unsichtbar" machen und 
keine Hilfe in Anspruch nehmen wollen. Aktuelle Zahlen, die die auf der Straße lebenden 
Kinder betreffen, die vom Bildungsministerium in Washington in diesem Jahr herausgegeben 
wurden, zeigen jedoch besorgniserregende Entwicklungen.

In der im Oktober veröffentlichten Studie wird nachgewiesen, dass die Zahl der obdachlosen 
Kinder seit Beginn der Finanzkrise um sage und schreibe 72 Prozent gestiegen ist. Sie 
liegt aktuell bei 1.168.354 Kindern. Im letzten Untersuchungszeitraum, von 2011 bis 2012, 
stieg sie um zehn Prozent. Dabei sind 43 Bundesstaaten von dieser letzten Erhöhung 
betroffen, in einigen Staaten waren es über 50 Prozent mehr wohnungslose Kinder als im 
Vorjahr. Die größte Zahl an Kindern, die keine feste Wohnung hatten, lebte in den Staaten 
New York, Texas, Kalifornien und Florida. Dies sind zugleich die Staaten mit den höchsten 
Zahlen an Obdachlosen. Ein Großteil dieser Kinder, 72 Prozent, wohnen in "doubled-up" 
Situationen. Sie wohnen also in wechselnden Wohnungen, je nachdem, wie sich ihre Lage 
wieder verbessert oder gar weiter verschlechtert. 15 Prozent leben in Heimen, gar vier 
Prozent nur auf der Straße. Viele dieser letzteren "wohnen" also in ähnlichen Situationen 
wie im oben beschriebenen Bus 22.

Seit dem Platzen der großen Immobilienblase im Jahr 2007 ist es vermehrt zu dieser 
Situation gekommen. Viele hatten vorher den Verlockungen der Hypotheken- und 
Kreditwirtschaft nicht widerstehen können. In der Folge mussten sie danach bitter 
erfahren, wie wenig sich viele Institute um ihre teilweise falschen Versprechen scherten 
und einen nach dem anderen vor die Tür ihrer Privatwohnungen, aber auch Mietwohnungen 
setzten. Seitdem hat sich das Bild der Obdachlosen in den USA stark gewandelt: Heute sind 
es viele kinderreiche Alleinerziehende und Familien, die kein festes Heim haben. 
Paradoxerweise haben sogar viele von ihnen Arbeit, doch verdienen sie nicht genug in ihren 
Jobs. Die Arbeitslosenzahlen gehen zwar zurück, aber ähnlich wie in Deutschland wird dabei 
wenig gefragt, welche Jobs das sind, die diejenigen in "Lohn ohne Brot" halten.

Dabei stellt in den USA zweierlei ein Problem dar: Erstens sind gerade in den Gebieten, in 
denen sich viele Obdachlose aufhalten, die Mieten unbezahlbar. Viele der auf der Straße 
Lebenden müssten bei dem derzeitigen US-Mindestlohn von $7,25 24 Stunden am Tag in 
mehreren Jobs arbeiten gehen, um die Mieten in Ballungsräumen wie um San Francisco oder 
Los Angeles bezahlen zu können. In ländlichen Regionen hingegen gibt es keine ausreichende 
Infrastruktur zur Beherbergung von Obdachsuchenden. Außerdem ist das Jobangebot 
dementsprechend geringer. Das ist ein Grund, warum erneut viele dieser "neuen" Obdachlosen 
und andere am Existenzminimum Lebende Anfang Dezember erneut die großen Fast-Food-Ketten 
bestreikten (siehe dazu den Artikel in der vorherigen DA-Ausgabe). Sie fordern einen 
Mindestlohn von $10, um ihre Familien durchfüttern zu können und am sozialen 
Mindeststandard leben zu können.

Gabriele Roccia


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