(de) FAU-IAA Direct Action #221 - Die Krise an der Hochschule -- Hintergründe und Auswirkungen der Ökonomisierung der Uni-Landschaft
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Wed Feb 19 07:59:45 CET 2014
Die Entwicklungen des Kapitalismus seit den 1970er Jahren und dessen Krise, die sich in
den letzten fünf Jahren immer offener zeigt, haben auch auf das Bildungssystem und die
Situation an den Hochschulen spürbare Auswirkungen. ---- Nicht dass Bildung in den
vermeintlich goldenen Jahren des Fordismus der Entfaltung der Persönlichkeit gedient
hätte, doch fand in den 1960er Jahren eine Öffnung der Universitäten für breitere Teile
der Gesellschaft statt. Das hatte vor allem damit zu tun, dass der Produktionsprozess
technisch komplizierter wurde und eines höheren Anteils an geistiger Arbeit bedurfte, für
die Menschen an den Hochschulen ausgebildet werden mussten. ---- Grundsätzlich übernehmen
die Bildungsinstitutionen als Funktionsträger des kapitalistischen Staates eine ganze
Reihe von Funktionen: Von der Erzeugung qualifizierter Arbeitskräfte für die
Privatwirtschaft und den Staatsdienst bis zur Entwicklung von Hochtechnologien und
Innovationen durch Grundlagenforschung sind sie in die Reproduktion der
Klassenverhältnisse eingebunden und in nicht unbedeutendem Maße mit der die Vermittlung
entsprechender Ideologien betraut. Die konkreten Bedingungen, unter denen die Hochschulen
all das erfüllen (sollen), haben sich in den letzten Jahrzehnten angesichts einer
krisenhaften kapitalistischen Dynamik stark verändert.
Neoliberaler Angriff
Es sind die üblichen neoliberalen Angriffe auf die Lohnabhängigen, wie Privatisierungen
und die Steuerung aller gesellschaftlichen Bereiche durch Marktmechanismen, die sich
spätestens seit der Bologna-Reform im Jahre 1999 auch im Bildungsbereich zeigen.
Insgesamt nähern sich die Hochschulen seitdem unter dem Schlagwort der Autonomie dem
Vorbild durchrationalisierter kapitalistischer Unternehmen an. Dies zeigt sich
mustergültig am ständigen Kampf der Hochschulen um die Einwerbung von Drittmitteln oder
Exzellenzclustern. Fachbereiche oder Forschungsprojekte, die sich nicht mehr "lohnen",
werden gnadenlos gestrichen. Eine besondere Stilblüte der sogenannten "public-private
partnership", also der Drittmittelfinanzierung durch das Kapital, stellt an der
Frankfurter Universität das "House of Finance" dar. Im "Deutsche Bank Lecture Room"
sitzend darf man hier dem Inhaber der T-Mobile-Stiftungsprofessur für "Mobile Business &
Multilateral Security" horchen und lernen, "Mobilität als Schlüsselelement der heutigen
Märkte zu begreifen und die durch mobile Netzwerke neu entstehenden Geschäftsmöglichkeiten
zu erschließen."
Klassiker der Krisenpolitik
Zu dieser neoliberalen Verballhornung von Bildung kommt in den letzten fünf Krisenjahren
ein zusätzlich verschärfter Sparzwang. Neben Restrukturierungen und Kürzungen im Bereich
Arbeit, Soziales und Gesundheit gehören auch Kürzungen im Bildungssektor zu den
"Klassikern" der Krisenpolitik. Sie zielen darauf ab, die Kosten der Reproduktion vom
Staat auf die Lohnabhängigen selbst zu verschieben. Blicken wir zwei Jahre zurück, lässt
sich dies in Hessen mustergültig wiederfinden. 2010 setzte die CDU-Landesregierung durch,
dass die hessischen Hochschulen in den Jahren 2011 bis 2015 insgesamt 150 Millionen
einzusparen haben. Die Begründung: Hessen leide unter sinkenden Steuereinnahmen und einer
Rekord-Neuverschuldung. In den Jahren 2008 bis 2010 mussten zwecks Krisenlösung
Abwrackprämie, Kurzarbeit und Bankenrettung finanziert werden - und da Bildung meist nicht
unmittelbar rentabel ist, kann hier gespart werden. Eine Fortsetzung dieser Politik findet
sich im aktuellen schwarz-grünen Koalitionsvertrag. In diesem wurden weitere Kürzungen im
Hochschulbereich festgeschrieben, etwa für das Forschungsprogramm "Loewe" und das
Bauprogramm "Heureka". Dass die Unis dann kein Geld mehr haben, um ihre Angestellten und
Hilfskräfte ordentlich zu entlohnen, wundert da nicht mehr. Ein Studium in
Überschallgeschwindigkeit, Ellenbogenkampf um Seminarplätze und ein Fünkchen
Aufmerksamkeit der zu wenigen und unterbezahlten Lehrenden gehören daher mittlerweile
selbstverständlich zum Studium. Zeit und Raum für eine kritische Reflexion
gesellschaftlicher Verhältnisse bleibt im täglichen Dauerlauf zwischen Nebenjob, Unistress
und Wohnungssuche nur wenig. Die Verkürzung des Studiums durch den Bachelor-Abschluss
spart Geld für die Ausbildung der Studierenden und senkt außerdem den Wert ihrer Arbeitskraft.
Um den geschilderten Entwicklungen entgegenwirken zu können, kann die Situation an den
Hochschulen nicht isoliert betrachtet werden, sondern nur in Zusammenhang mit der
Durchkapitalisierung weiterer Lebensbereiche. Daher sollten antikapitalistische
Studierendenproteste in weitere gesellschaftliche Auseinandersetzungen, die aus der
gleichen Perspektive heraus geführt werden, eingebettet werden.
So halten wir es z.B. für sinnvoll, Widerstand an den Hochschulen in die vom M31-Netzwerk
vorgeschlagene Unterstützung eines möglichen europäischen Generalstreiks einzubinden. Zu
diesem Zweck haben wir in Frankfurt am Main eine M31-Hochschulplattform gegründet1. Wir
schlagen vor, in verschiedenen Städten solche Plattformen zu gründen, um sich über die
Perspektiven für ein Agieren in der aktuellen Situation zu verständigen.
campusantifa frankfurt
[1] Die Frankfurter Plattform ist per Mail unter hoch_schule-m31-ffm at riseup.net zu
erreichen.
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