(de) FAU-IAA Direct Action #221 - Weniger als die Bäckerei heißt immer noch Ausbeutung -- Ein Interview zur Idee des Union Labeling und seiner Bedeutung in den USA

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Tue Feb 18 13:02:35 CET 2014


Zum Thema Union Label führte die DA ein Interview mit Mike Harris. Mike lebt in den USA 
und ist in der anarcho-syndikalistischen Workers Solidarity Alliance (WSA) organisiert. 
---- Union Label Week (1948) ---- Die Gewerkschaftsbewegung der USA blickt ja auf eine 
lange Geschichte des Union Labeling zurück. Sie nahm 1869 mit dem Kampf der Handwerker für 
einen 8-Stunden-Tag ihren Anfang. Kannst Du uns erzählen, was damals unter Union Labeling 
zu verstehen war und welche Ziele und Hoffnungen mit der Idee verknüpft waren? ---- Der 
Gebrauch von Gewerkschaftslabels hat eine lange Tradition. Die London Blacksmiths nutzen 
sie im 16. Jahrhundert ebenso wie die Guild Masters of Stone & Wood in Florenz seit dem 
14. Jahrhundert. In den USA nutzt die Liga der kalifornischen Zimmerleute seit 1869 das 
Union Label.

Sie hinterließen auf dem Material aus allen "8-Stunden-Sägewerken" einen Stempel. So 
konnte die Verwendung von Material aus "10-Stunden-Sägewerken" verhindert werden. Seit 
1874 verbreiteten die ausgebeuteten Zigarrenmacher das Union Label auf allen Zigarren, die 
unter hygienischen und gewerkschaftlichen Bedingungen hergestellt wurden. Die Gewerkschaft 
der vereinigten TextilarbeiterInnen folgte den Zigarrenmachern ebenso wie die Hatters 
Union, die Horseshoe Workers Union, die Metallarbeiter und viele andere HandwerkerInnen. 
1920 waren es um die 50 Gewerkschaften, die das Union Label unterstützten. Aber in einem 
rassistischen und ausländerfeindlichen Amerika erstreckte sich der Alltagsrassismus auch 
auf die meist konservativen Handwerker-Gewerkschaften. Das Union Label wurde häufig als 
Garantie für nicht "chinesische Arbeit" beworben. Die Zigarrenmacher verwendeten in 
Kalifornien neben dem Union Label auch ein White Label, um die "weiße Herkunft" der 
Produkte anstelle der chinesischen zu betonen, da viele Chinesen im Zigarrenhandwerk tätig 
waren. Häufig wurde das Union Label zum Symbol für kapitalistische Bosse, von den 
korrupten und kollaborierenden Gewerkschaftsbossen zu kaufen. Dennoch hielten 
FabrikarbeiterInnen beim Einkauf nach dem Union Label Ausschau, auch wenn es Geld in den 
Taschen der Ausbeuter und denen der korrupten Gewerkschaftsbürokraten bedeutete. Dennoch 
waren Union Labels ein Weg, die Öffentlichkeit wissen zu lassen, dass ein Produkt unter 
hygienischen Bedingungen in Fabriken und nicht in gemieteten Wohnungen, ohne Kinderarbeit, 
Nachtarbeit und zu fairen Löhnen hergestellt wurde. Auch die Industrial Workers oft the 
World (IWW) übernahmen nach ihrer Gründung 1905 die Praxis des Union Labeling. Dies 
allerdings zunächst nicht ohne Kontroversen. Einige Mitglieder befürchteten Missbrauch und 
Korruption, wie bei den Labels der AFL.

Der gewerkschaftliche Dachverband AFL-CIO wirbt auch aktuell noch für den Kauf von 
gelabelten Produkten und Dienstleistungen. Kannst Du uns etwas zu der Entwicklung der Idee 
im Zeitalter der Industrialisierung erzählen? Haben sich die mit dem Union Labeling 
verbundenen Ideen oder Strategien seit damals verändert?

Die AFL-CIO hat ein Union-Label-Ressort, das Union Labels auf gewerkschaftlich 
hergestellten Produkten fördern soll. Aber dessen Webseite ist alt und wird nicht 
aktualisiert. Ein Schwerpunkt der Werbeaktivitäten und die größte Wirkung erzielt das 
Union Label auf den Gewerkschafts-Industrie-Shows. Das sind große Messen, auf denen 
Gewerkschaftsmitglieder quasi die VerkäuferInnen für ihre kapitalistischen Ausbeuter sind. 
Einzelgewerkschaften fördern das Union Label ebenfalls, aber nicht so stark wie in der 
Vergangenheit. Die International Ladies Garment Workers Union (ILGWU) hat in den 1970ern 
und 80ern Millionen von Dollar für das Design eines Union Labels in der 
Frauen-Bekleidungsindustrie ausgegeben. Diese Kampagne war ein Irrtum: Die meisten Jobs 
der US-Bekleidungsindustrie sind Richtung globaler Süden verschwunden. Wir sind alle 
vertraut mit der schrecklichen Situation der ArbeiterInnen in der Bekleidungsindustrie 
Bangladeschs.

Interessant ist auch, dass in vielen größeren Städten und in Gegenden der 
Bergbauindustrie, wie in Butte, Montana, das Union Label ebenfalls ein sehr wichtiges 
Symbol war. In den Vierteln der ArbeiterInnen bedeutete das Union Label in den Fenstern 
der lokalen Fleischer, Bäckereien, Cafés, Restaurants, Bars oder Einzelhandelsgeschäfte 
eine wichtige Unterstützung für den Lebensunterhalt sichernde Gehälter und gute sanitäre 
Bedingungen. Für die Besitzer war das Union Label hilfreich, wenn sie Geschäfte mit der 
ArbeiterInnenklasse machen wollten und für Gewerkschaften ein Weg, ihre Organisation in 
der Nachbarschaft von Mitgliedern zu vergrößern. Heute ist das kaum mehr zu sehen. Und du 
wirst das Union Label heute auch kaum mehr auf frischem Brot finden, wie noch zu der Zeit 
als ich aufwuchs. Ich bin sicher, dass die Idee des Union Labels immer noch die gleiche 
ist wie am Anfang. Die Strategien haben sich natürlich geändert. Gewerbeshows haben eine 
zunehmend geringere Bedeutung. Vielleicht kann die Webseite labor411.org zur Frage der 
Strategien weiter helfen. Aber ein Union Label auf einer immer kleiner werdenden Anzahl 
von Produkten bewirkt wenig. Gerade mal 7% aller privatwirtschaftlichen Arbeitsplätze sind 
gewerkschaftlich organisiert. Nur der öffentliche Bereich hat mehr Gewerkschaftsmitglieder.

Welche Rolle spielt das Thema der globalisierten Produktion für die Idee des Union Labels?

Ich glaube, solange es keine starke globale gewerkschaftliche Vereinigung und Schulungen 
über das Union Label gibt, hat die Idee keine Zähne. Es stellt sich auch die Frage, ob das 
Union Label dasselbe ist, wie ein Sweat-Free- oder Fair-Trade-Label. Und was heißt dann 
das Gewerkschafts-Label? Es kann bedeuten, dass die Chefs ein paar Pfennig oberhalb des 
Minimums zahlen, zwei saubere Toiletten anstelle einer verdreckten dort sind und dass 
Jungs und Mädchen im Alter von 14 anstatt mit acht oder zehn Jahren beschäftigt werden. 
Auch wenn das für einige bessere Bedingungen bedeutet, sind diese von geringer Bedeutung. 
Es besteht also die Gefahr, dass wir durch die Labels betrogen werden. Verbesserungen der 
Bedingungen der ArbeiterInnenklasse unterhalb einer Revolution sind zwar wichtig und wir 
müssen sie unterstützen, denn zu wissen, dass ein Produkt aus den Händen von 
GewerkschafterInnen stammt ist gut, aber nicht das Einzige. Das gilt nicht nur für den 
globalen Süden, sondern auch für den Rest der Welt.

How Wives can help Union Men! (1939)

Wie sieht die aktuelle Praxis des Union Labelings aus?
Um ehrlich zu sein: Solange Du nicht Mitglied einer Gewerkschaft oder einer organisierten 
Familie bist, siehst und hörst Du nicht viel vom Union Label. Hauptsächlich auf 
Gewerkschaftswebseiten und früher auch Gewerkschaftszeitungen sind Aufforderungen wie "Be 
Union - Buy Union" und Listen von Produkten, die von anderen Gewerkschaftsmitgliedern 
hergestellt wurden, zu finden. Man sollte sich keine Illusionen über die aktuelle 
Situation des Union Labels in den USA machen. Es ist so am Leben, wie die 
Gewerkschaftsbewegung selber - meiner Meinung nach mehr als halb tot!

Du bist ja in der WSA organisiert. Welche Erfahrung hat die WSA oder die nahestehende IWW 
mit der Strategie des Union Labeling gemacht und wie bewertet ihr die Strategie?

Nur zur Klarstellung, die WSA ist keine Gewerkschaft. Wir sind und waren immer eine 
spezielle anarcho-syndikalistische Organisation. Unsere Mitglieder gehören den 
Mainstream-Gewerkschaften ebenso an wie der IWW oder auch keiner Gewerkschaft. 
Entsprechend verfügen wir nicht wirklich über Erfahrung mit dem Union Label im 
organisationalen Sinn. Natürlich drucken wir bei gewerkschaftlich Organisierten und wir 
wollen immer ein Label, ein sogenanntes "bug" auf dem Produkt sehen. Auf der anderen Seite 
blickt die IWW auf eine lange Geschichte des Union Labelings zurück. Das Union Label der 
IWW ist hauptsächlich im Druckereisektor zu sehen. Unklar ist mir die Strategie, die die 
IWW verfolgt, ihr Label über diesen Sektor hinaus zu bewerben. Aber ich hoffe, dass sie 
mit ihren Erfolgen im Lebensmitteleinzelhandel und in der Getränkebranche eine Platzierung 
von Schildern in allen Ladenfenstern, auf denen das rote IWW-Logo und ein Spruch wie 
"dieser Shop ist ein IWW-Shop" zu sehen ist, anstrebt. Das wäre cool! Die Realität ist, 
dass die meisten Mitglieder der WSA und IWW wahrscheinlich nach dem Union Label auf den 
Dingen, die sie kaufen, Ausschau halten. Wahrscheinlich gilt das auch für 
Fair-Trade-Produkte. Alles in allem können wir nur hoffen, dass dort gute 
gewerkschaftliche Bedingungen existieren. Trotzdem sind wir für die Revolution anstelle 
von Armut im Kapitalismus.

Welche Chancen siehst Du aktuell in der Praxis des Union Labelings?
Ich denke, die Praxis des Union Labeling ist gut, aber ArbeiterInnen-Solidarität ist 
besser. Wie gut ist ein Union Label, wenn Gewerkschaftsmitglieder die Streikposten anderer 
ArbeiterInnen durchbrechen? Eine Praxis, die immer wieder zu beobachten ist. Ich 
favorisiere den Aufbau einer Bewegung, die sowohl auf Solidarität als auch auf Labels basiert.

Glaubst Du, dass Union Labeling aktuell und international etwas zur Stärkung der 
Gewerkschaftsbewegung beitragen kann und sich als Weg zur Minimierung des sozialen Klimas 
der Repression gegen Gewerkschaften eignet?

Union Labeling ist vielleicht ein universeller Weg, damit andere Lohnarbeitende wissen, 
dass die Konditionen und Standards in der produzierenden Firma besser sind. Ich denke 
allerdings nicht, dass es hilft, die Repression gegen Gewerkschaften zu minimieren. Wenn 
Du dir all die weltweiten Vereinbarungen und die Standards der International Labor 
Organisation (ILO) anschaust, die sich progressiv gegen die verschiedenen Formen der 
Unterdrückung wenden, siehst du: Es gibt viele Länder, die sie unterzeichnet haben und 
dennoch ignorieren. Ich denke also nicht, dass Union Labeling das gewerkschaftsfeindliche 
Klima ändern kann. Das Einzige, was das ändern kann, ist die ArbeiterInnensolidarität, und 
aus der Perspektive der Bosse ist das Einzige, was sie davon abhält, ArbeiterInnen zu 
unterdrücken, die Möglichkeit guter Geschäfte. Zusammenfassend möchte ich sagen, dass 
Labels vielleicht hilfreich sein können und dass der Kampf für bessere und weniger 
unterdrückerische Arbeitsbedingungen im Hier und Jetzt wichtig ist. 
AnarchosyndikalistInnen sollten die Bemühungen unterstützen, aber sie sollten nicht 
glauben, dass Labels alleine die Einstellung der Bosse zu ihren ArbeiterInnen ändern. Ein 
Label kann den Boss unter Umständen zu etwas Zurückhaltung zwingen und bewirkt vielleicht 
besser ernährte ArbeiterInnen. Alles schön und gut, aber alles was weniger als die ganze 
Bäckerei ist, wird das Problem unterdrückerischer Arbeitsbedingungen nicht ändern. 
Abschließend möchte ich der FAU stellvertretend für die GenossInnen aus den USA noch viele 
Jahrzehnte eines erfolgreichen Kampfes wünschen.

Das Interview führte Dörthe Stein


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