(de) FdA-IFA Gai Dao #38 - Die Geschichte, wie ich zur Anarchistin wurde Von: Katrin L. (vollständiger Name ist der Redaktion bekannt)

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Tue Feb 11 10:05:56 CET 2014


Es liegt nun etwa zweieinhalb Jahre zurück, für viele noch nicht wirklich lange. Für mich 
eine Ewigkeit. Denn vor zweieinhalb Jahren kam der Moment, wo alles klar wurde. Alle 
Fragen, die eine sich als 13-jähriges Mädchen noch nicht stellen sollte, was ich aber tat, 
wurden beantwortet. Wie erwähnt war ich 13 Jahre alt und lebte mit meinen ziemlich 
wohlhabenden Eltern in einem großen Haus in Thüringen. Diese Eltern waren ziemlich 
kapitalistisch eingestellt, dachten an Geld und Perfektionismus. Ich kannte es nicht 
anders, schließlich bin ich damit aufgewachsen. Diese Hierarchie, die schon in der Familie 
herrschte, war mir von Anfang an ein Dorn im Auge. ---- Ich fragte mich oft wieso meine 
Eltern mich schlagen oder anschreien durften. Schließlich war ich ein Mensch wie sie auch, 
durfte mich weder wehren noch meine Meinung sagen. Dies waren Momente, wo ich mir solche 
Fragen stellte. Aber fangen wir doch von ganz vorne an.

Als ich geboren wurde, war mein älterer Bruder neun Jahre alt. Das
war auch das Alter, wo er mit den Drogen anfing. Meine Eltern woll-
ten Kinder, die mit teuren Klamotten und einer richtigen Umgangs-
sprache vertraut sind. Perfekte Kinder mit perfekten Schulnoten und
perfekten Leben. Aber gibt es so etwas? Wir waren Kinder, wollten
leben und Spaß haben, neue Dinge entdecken und Abenteuer erle-
ben. Aber egal was wir taten um ein Lob oder Aufmerksamkeit zu
bekommen, wir waren nie gut genug. So kümmerte mein Bruder sich
viel um mich, während er zur Schule gehen musste und nebenbei von
meinen Eltern erniedrigt und geschlagen wurde. Ich hatte Unterdrü-
ckung, Erniedrigung und Überwachung von Anfang an vor meinen
Augen. Als ich älter wurde, fingen meine Eltern an mir einzureden
mein Bruder wäre "böse" und ich solle ihn doch aus meinem Her-
zen verstoßen wie alle anderen auch. Ich war 5 Jahre, als mir das
erzählt wurde und verstand es nicht. Schließlich war er es doch, der
auf mich aufpasste, oder? Eine Person schleppte mich sogar regelmä-
ßig zu einem*r Psycholog*in, weil sie dachte, die Depressionen, die
mein Bruder hatte, wären eine Krankheit, welche ich vererben kann.
Mein Bruder wurde immer aggressiver und unnahbarer. Er haute von
Zuhause ab und ließ mich alleine.

Eine ganze Zeit lang ging es gut. Mein Vater war nur am Wochenen-
de da und meine Mutter kam erst spät abends nach Hause. Doch ir-
gendwann wurde ich so unter Druck gesetzt, ich stürzte in der Schule
ab, isolierte mich von anderen Personen, wurde depressiv. Ich zeigte
Krankheitssymptome und sah in meinem späteren Leben einfach
keine Besserung der Umstände. So
kam es zu Selbstverletzung und Sui-
zidgedanken. Und dann passierte ein
großer Wendepunkt in meinen jun-
gen Leben. Ich lernte über das Inter-
net einen Mann kennen. Ich verlieb-
te mich schnell in ihn, ich war jung
und brauchte dringend jemanden, der
mich verstand. All diese Fragen spuk-
ten durch meinen Kopf: Wieso durften
andere Menschen das mit mir tun?
Wieso interessierte es niemanden
was passierte? Wieso ist alles so wie
es ist? Und er tat es. So kam es schnell
zu dem größten Fehler überhaupt. Ich
wollte ihn kennenlernen und fuhr zu ihm. Seine Absichten waren
mir nicht klar und so passierte es, das er mich körperlich missbrauch-
te. Darauf gehe ich nicht näher ein, jedoch, als ich wieder nach Hause
kam, standen die Bullen vor meiner Tür. Meine Eltern wie auch die
Polizist*innen fingen an mich zu beleidigen und zu beschimpfen. Ich
ging öfter auf das Polizeirevier und fragte nach Hilfe wegen meiner
Eltern und wegen allem. Ich wurde ausgelacht und man sagte mir, ich
sei die Unruhestifterin.

Damals war mein Gedanke nur diese unendliche Ungerechtigkeit
und was ich denn getan habe. Aber ich verstand, dass meine Familie
als wohlhabende Arbeiterklasse halt angesehen war. Anders als das
kleine depressive Mädchen, das nur Ärger machte. Ich landete in der
Psychiatrie für zwei Wochen. Dort durften wir gar nichts, die Psy-
chologin, die uns eigentlich helfen sollte, hörte uns nicht einmal zu.
An uns liefen jeden Tag Kinder vorbei, die sich anschrien und schlu-
gen. Eine*r wurde mit Problemen konfrontiert, mit denen eine*r nicht
wirklich umgehen konnte. So viel Schmerz und Ungerechtigkeit auf
einmal. Ich flüchtete förmlich aus der Psychiatrie, aber wohin? Ich
fragte mich wo ich hin flüchten könnte. Wo ein Zufluchtsort wäre!
Welcher Mensch dachte wirklich an den Mensch in mir! Und nicht an
Kapital und diese Gesellschaft, in der alle perfekt sein müssen!
Nach einer ganzen Weile lernte ich dann wieder jemanden kennen.
Er nahm mich so wie ich bin und baute mich Stück für Stück wieder
auf. Er liebte mich, egal ob ich Geld hatte oder nicht, wie ich aussah
oder wie viele Probleme ich hatte. Und das wichtigste von allen. Er
gab meinen Gedanken, meinen Fragen und meinen Veränderungs-
wünschen einen Namen. Er war Anarchist und Antifaschist. Ich
wusste vorher nicht einmal was das war! Er krempelte mein Leben
um, gab mir einen Grund zu kämpfen. Und ab da fing ich an mit
  erhobenen Kopf durch die Welt zu spazieren. Selbst wenn auch diese
  Beziehung kam und ging, hat sie mich doch für immer geprägt. Der
  feste Glauben etwas erreichen zu können, mit Tausenden aus aller
  Welt, machte mich glücklich.

  Und nun, zweieinhalb Jahre später, hat sich alles verändert. Damals
  konnte ich mir niemals vorstellen jetzt noch zu leben. Ich kam mir
vor wie ein anders denkender Fremdkörper in dieser Gesellschaft. Ich
  hatte keine Freund*innen und kein Selbstbewusstsein. Nun, in einen
  halben Jahr, mache ich meinen Schulabschluss. Ein Leben ohne mei-
  ne Freund*innen und Genoss*innen ist für mich undenkbar. Ich kann
  mich erfolgreich gegen meine Eltern wehren. Ich kämpfe für ein bes-
  seres Leben. Und ich bin dankbar, ich bin sehr dankbar für all diese
  Klarheit, die all die Ungerechtigkeit mir gebracht hat. Andere Kinder
kennen noch immer nichts anderes als das, was ihre Eltern ihnen
  lehrten. Nun bin ich 15 Jahre und endlich im Leben angekommen.
  Danke und es lebe die Anarchie!


More information about the A-infos-de mailing list