(de) FdA-IFA Gai Dao #38 - Das Kropotkin-Museum eröffnet! Von: Sophia Kropotkin

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Thu Feb 6 12:40:22 CET 2014


Vorwort der Redaktion: In der Gai Dào #36 (Dez. 2013) druckten wir einen Brief von Sophia 
Kropotkin ab. Dieser Brief erschien am 20. Juli 1923 auf der Titelseite der jiddischen 
Wochenzeitung "Fraye arbeter shtime". Sie war von 1890 bis 1977, mit nur kurzen 
Unterbrechungen, die wichtigste jüdisch-anarchistische Zeitschrift in jiddischer Sprache 
und wurde auf der ganzen Welt aufmerksam rezipiert. Die Autorin ist Sophia Kropotkin, die 
Frau des zu dieser Zeit bereits verstorbenen anarchistisch-kommunistischen Theoretikers 
Peter Kropotkin. ---- Helge Döhring vom Institut für Syndikalismusforschung 
(www.syndikalismusforschung.info) wurde dadurch inspiriert uns einen kurzen Artikel aus 
dem "Syndikalist"zukommen zu lassen. ---- "Der Syndikalist" war die wichtigste Zeitung der 
deutschen AnarchoSyndikalist*innen und erschien, immer wieder von Zensur betroffen
bis 1933.

Mit Rudolf Rocker hatte sie einen der wichtigsten Militanten
des Anarcho-Syndikalismus als verantwortlichen Redakteur.

Folgenden Brief erhielt Gen. Rocker aus Moskau:

Moskau, den 15. Dezember 1923.

Meine lieben, teuren Freunde Rudolf und Milly!

Wie ich wünschte, dass Ihr alle drei am vorigen Sonntag bei mir gewesen
wäret! Am 9. Dezember, dem Geburtstage Peter Alexewitsch Kropotkins,
wurde das Kropotkin-Museum endlich der Öffentlichkeit erschlossen. Ein
Museum, wo sein Leben und seine Lehren studiert werden können, in sei-
nem Geburtslande, in der Stadt und dem Hause, in dem er geboren wurde.

Obwohl wir vorläufig nur drei Räumlichkeiten mit Ausstellungsgegen-
ständen belegt haben, ist alles Vorhandene schön und belehrender Natur.
Über zweihundert Personen waren bei der Eröffnung anwesend, und fast
ebenso viel begehrten Einlaß, ohne dass wir ihren Wunsch erfüllen konn-
ten, da unser größter Raum nicht mehr Menschen aufnehmen kann.

Die Ausstattung des ersten Raumes, in dem Peter geboren wurde, gibt
die Erinnerungen an seine Kindheit wieder, sein Leben im kaiserlichen
Pagenkorps, seine Laufbahn als Offizier in Sibirien, seine sibirischen Rei-
sen und seine geographischen und andere Entdeckungen. Seine geogra-
phischen Entdeckungen sind auf einer besonderen Karte veranschaulicht.
Dann folgen seine wissenschaftlichen Untersuchungen in Finnland, wo
er den Entschluß fasste, die wissenschaftliche Laufbahn aufzugeben, um
sich ganz in die revolutionäre Bewegung hineinzustürzen; seine Reise
nach dem Ausland, wo er sich im Jahre 1872 der Internationalen Arbeiter-
Association anschloß, seine Freunde und Kameraden aus jener Periode,
die Propaganda in St. Petersburg, der Tschaikowsky-Kreis, seine Gefan-
genschaft, die russische Bastille und seine Flucht.

Die ausgestellten Gegenstände über jene Periode seines Lebens und seiner
Tätigkeit sind so bezeichnend und interessant, dass Besucher in diesem
Raume stundenlang verweilen und sich in den Anblick vertiefen. Auch
die anderen beiden Räume, deren Ausstattung auf sein weiteres Leben und
seine weitere Tätigkeit Bezug hat, sind sehr eindrucksvoll.

Unser Museum befolgt in der Darstellung eines Lebensganges, wie der
Peters gewesen ist, die einzig gegebene Richtlinie: man findet hier nicht,
das auf seine Person und seine Ideen nicht direkten Bezug hat.

Es tut mir leid, konstatieren zu müssen, dass keiner der Kameraden im
Ausland auf meinen Appell vom letzten Juni geantwortet und uns durch
Einschickung von Gegenständen, alten Briefen usw. und anderen Mitteln
für das Museum unterstützt hat.

Es sind noch manche Dinge zu fragen und zu sagen, allein ich fühle mich
jetzt so müde, dass ich es für meinen nächsten Brief ablegen muß. Schreibt
mir öfter, liebe, teure Freunde, und ich verspreche euch dasselbe zu tun.

Herz in Herz mit Euch

Eure Sophie Kropotkin.

Aus: "Der Syndikalist", Nr. 1/1924.
Eingeschickt von: Helge Döhring, Institut
für Syndikalismusforschung (www.syndikalismusforschung.info)


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