(de) FdA-IFA Gai Dao #38 - Zapatismus-Debatte - Teil 2: Der Aufruf zur Sexta Von: EZLN / Subcomandante Marcos / Übersetzung: MaMa und KaRa

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Wed Feb 5 14:55:59 CET 2014


Vorwort der Redaktion: Um die Antworten auf den Brief von Marcos an e Anarchist*innen 
(siehe Gaidao Nr. 37) in den folgenden Ausgaben der Gaidao besser zu verstehen, erachten 
wir es als notwendig, vorher noch den Aufruf der EZLN vom Januar 2013 zur Teilnahme an der 
Sexta zu dokumentieren. ---- Januar 2013 ---- An: Die Compañer at s Anhänger*innen der 
Sechsten Erklärung aus der Selva Lacandona [Sexta Declaración de la Selva Lacandona] auf 
der ganzen Welt. ---- Von: Den Zapatistinnen, den Zapatisten aus Chiapas, Mexiko. ---- 
Compañeras, Compañeros y Compañeroas: ---- Compas des Netzwerkes gegen die Repression und 
für die Solidarität [Red contra la Represión y por la Solidaridad]: ---- Empfangt alle, 
alle, den Gruß der Frauen, Männer, Kinder und Alten der Zapatistischen Armee der 
Nationalen Befreiung [Ejército Zapatista de Liberación Nacional], der allerkleinsten eurer 
Compañeros.

Wir haben uns entschieden, dass unser erstes Wort, das speziell an
unsere Compañer at s der Sechsten [Erklärung] gerichtet ist, in einem
Raum des Kampfes bekannt gegeben werden soll, wie ihn das Netz-
werk gegen die Repression und für die Solidarität darstellt. Aber die
hier geschilderten Worte, Gefühle und Gedanken sind auch an die-
jenigen gerichtet, die nicht anwesend sind. Und - vor allem - sind
sie für sie.

Wir möchten uns für die Unterstützung bedanken, die ihr wäh-
rend dieser ganzen Zeit unseren Gemeinden, unseren Compañe-
ros der zapatistischen Unterstützungsgemeinden und den Compas
Anhänger*innen [der Sechsten Kampagne], die Gefangene in Chia-
pas sind, geleistet habt. Eure Worte der Ermutigung und die gemein-
schaftliche Hand, die sich mit unserer verbunden hat, bewahren wir
in unserem Herzen.

Wir sind sicher, dass einer der Punkte, die ihr in eurem Treffen be-
handeln werdet oder schon behandelt habt, ist, eine große Unterstüt-
zungskampagne für den Compa Kuy1 aufzuziehen, um den Angriff
zu verurteilen, dessen Ziel er wurde, und um Gerechtigkeit für ihn
und alle Verletzten dieses Tages zu fordern und um die völlige Frei-
heit von allen zu verlangen, die in Mexiko-Stadt und in Guadalajara
bei den Protesten gegen die unrechtmäßige Einsetzung von Enrique
Peña Ñieto als Träger der Exekutivgewalt festgenommen wurden.

Es ist nicht nur, aber auch wichtig, dass es in dieser Kampagne darum
geht, wie Gelder beschafft werden können, um den Compa Kuy bei
den Kosten für den Krankenhausaufenthalt zu unterstützen, ebenso
wie bei den Kosten für seine anschließende Genesung, die wir Zapa-
tistinnen und Zapatisten möglichst schnell erhoffen. Zur Unterstüt-
zung dieser Spendenkampagne senden wir eine kleine Geldsumme
in bar. Wir bitten euch, dass ihr sie - auch wenn sie klein ist - zu dem
hinzutut, was ihr für unseren Kampfgefährten zusammenbringt. So-
bald wir mehr zusammensammeln können, werden wir es dem zu-
kommen lassen, den ihr für diese Aufgabe bestimmt.

Wir wollen dieses Treffen, das ihr habt, nicht nur nutzen, um eure
Hartnäckigkeit zu begrüßen, sondern auch und vor allem, um durch
euch alle Compas in Mexiko und der Welt zu grüßen, die unerschüt-
terlich bei diesem Band geblieben sind, dass uns vereint und das wir
,,La Sexta" (Die Sechste) nennen. Ihr sollt wissen, dass es eine Ehre
gewesen ist, euch als Compañeroas zu haben.

Wir wissen, dass dies ein Abschied zu sein scheint, aber das ist es
nicht. Es bedeutet nur, dass wir eine Etappe auf dem Weg, den uns die
Sechste aufgezeigt hat, für beendet ansehen und dass wir glauben,
dass man eine weiteren Schritt machen muss. Wir haben nicht wenig
Verdrießlichkeiten ertragen müssen, manchmal gemeinsam, manch-
mal jede*r für sich in seinem Kontext.

Nun möchten wir euch einige Veränderungen erklären und mittei-
len, die es in unserem Gehen geben wird, in dem wir - wenn ihr
einverstanden seid und uns begleitet - zurückkehren werden - al-
lerdings in anderer Weise - zu der langen Erzählung von Schmerzen
und Hoffnungen, die früher in Mexiko die Andere Kampagne [Otra
Campaña] und weltweit die Zezta Internazional hieß und die nun
einfach La Sexta, Die Sechste sein soll. Jetzt gehen wir weiter, bis zu...
Der Zeit des Nein, Der Zeit des Ja.

Compañeras, Compañeros:
Wenn wir definiert haben, wer wir sind, was unsere vergangene und
aktuelle Geschichte ist, wo unser Platz ist und wer der Gegner, mit
dem wir uns auseinandersetzen, so wie es in der Sechsten Erklärung
aus der Selva Lacandona dargestellt ist, bleibt uns noch, das Warum
unseres Kampfes zu Ende zu definieren.

Die ,,Neins" stehen fest, es steht noch aus, die ,,Jas" fertig zu skiz-
zieren. Und nicht nur das - es fehlen auch mehr Antworten auf die
,,Wies", ,,Wanns", ,,Mit wems".

Ihr alle wisst, dass unser Denken nicht dahingehend ist, eine gro-
ße Organisation mit einem leitenden Zentrum, einer zentralisierten
Befehlsgewalt, einem einzelnen oder kollektiven Chef zu errichten.
Unsere Analyse des dominanten Systems, seiner Funktionsweise,
seiner Stärken und Schwächen hat uns dazu geführt, darauf hinzu-
weisen, dass die Einheit im Handeln etwas bringen kann, wenn man
Rücksicht nimmt auf das, was wir ,,die Arten und Weisen" von jedem
einzelnen nennen.

Und diese Sache bezüglich der ,,Arten und Weisen" ist nichts anderes
als das Wissen darüber, dass jeder von uns, als Einzelperson oder als
Gruppe, seine eigene Geografie und seinen eigenen Kalender hat -
das heißt, von seinen Schmerzen und seinen Kämpfen. Wir sind über-
zeugt davon, dass jede Vereinheitlichungsabsicht nichts weiter ist als
ein faschistischer Beherrschungsversuch, und sei er in einer revolu-
tionären, esoterischen, religiösen oder ähnlichen Sprache versteckt.
Wenn von ,,Einheit" die Rede ist, wird nicht darauf hingewiesen, dass
diese ,,Einheit" unter der Führung von jemanden oder etwas, einem
Einzelnen oder einer Gruppe besteht. Auf dem trügerischen Altar
der ,,Einheit" werden nicht nur die Unterschiede geopfert, sondern es
wird auch das Überleben all der kleinen Welten der Tyranneien und
Ungerechtigkeiten, die wir erleiden, versteckt.

In unserer Geschichte wiederholt sich die Lektion wieder und wieder.
Und bei jeder Drehung der Welt bleibt für uns immer nur die Sei-
te der Unterdrückten, der Verachteten, der Ausgebeuteten, der Ent-
eigneten. Das, was wir die ,,vier Räder des Kapitalismus" nennen -
Ausbeutung, Enteignung, Unterdrückung und Verachtung - hat sich
während unserer ganzen Geschichte mit verschiedenen Namen oben
wiederholt, aber wir sind immer dieselben, die unten sind.

Aber das aktuelle System hat einen Zustand extremen Wahnsinns
erreicht. Seine räuberische Gier, seine absolute Geringschätzung des
Lebens, sein Vergnügen am Tod und der Zerstörung, sein Streben
danach, die Apartheid für alle, die anders sind, das heißt, für alle
die unten sind, zu errichten, führt dazu, dass die Menschheit als Le-
bensform auf dem Planeten verschwindet. Wir können nun, wie man
uns raten könnte, geduldig warten, bis diejenigen, die oben sind, sich
schließlich selbst zerstört haben, ohne dabei zu merken, dass ihr ver-
rückter Hochmut alles zur Zerstörung bringt.

In ihrem Eifer, weiter und weiter nach oben zu gelangen, sprengen
sie die unteren Stockwerke, die Fundamente. Das Gebäude, die Erde,
wird schließlich zusammenbrechen und es wird keinen geben, den
man dafür verantwortlich machen kann. Wir glauben, dass wirklich
etwas schlecht läuft, sehr schlecht. Aber wenn jemand gehen muss,
um die Menschheit und das übel zugerichtete Haus, in dem sie wohnt,
zu retten, dann sollen, dann müssen das die von oben sein. Und wir
meinen damit nicht, die Leute von oben von der Erde zu verbannen.
Wir sprechen davon, die gesellschaftlichen Beziehungen zu zerstö-
ren, die es ermöglichen, dass jemand oben ist auf Kosten der Tatsa-
che, dass jemand unten ist.


Wir Zapatisten, wir Zapatistinnen wissen, dass diese große Linie,
die wir über die Geografie der Welt gezogen haben, keineswegs klas-
sisch ist. Dass das mit ,,oben" und ,,unten" unbequem ist, stört und
irritiert. Ja, es ist nicht das einzige, das irritiert, das wissen wir, aber
gerade beziehen wir uns auf diesen Störfaktor. Vielleicht irren wir
uns. Sicher tun wir das. Gleich werden die Gedanken-Polizisten und
-Kommissare erscheinen, um über uns zu richten, uns zu verurtei-
len und hinzurichten ... hoffentlich wird es nur in ihren flammenden
Schriften sein und sie verstecken hinter ihrer Berufung zum Richter
nicht die zum Henker.

Aber so ist es, wie wir Zapatisten, wir Zapatistinnen die Welt und
ihre Arten und Weisen sehen:

- Es gibt Machismo, Patriarchat, Frauenhass oder wie man das nennen
mag, aber eine Sache ist es, oben eine Frau zu sein, und eine ganz andere
ist es, das unten zu sein.

- Ja, es gibt Homophobie, aber eine Sache ist es, oben homosexuell zu sein,
und eine ganz andere ist es, das unten zu sein.

- Ja, es herrscht Verachtung gegenüber Andersartigen, aber eine Sache ist
es, oben anders zu sein, und eine andere ist es, das unten zu sein.

Es gibt die Linke als Alternative zur Rechten, ja, aber eine Sache ist
es, oben links zu sein, und etwas ganz anderes (ja, gar das Gegenteil,
fügen wir hinzu) ist es, das unten zu sein. Betrachtet eure Identi-
tät unter diesem Parameter und ihr werden das erkennen, was wir
euch sagen. Die Identität, die am tückischsten ist, die immer in Mode
kommt, wenn der moderne Staat in eine Krise eintritt, ist die der ,,ci-
udadanía", der Staatsbürgerschaft.

Der ,,Bürger" von oben und der ,,Bürger" von unten haben rein gar
nichts miteinander gemein, sondern stellen sogar das komplette Ge-
genteil voneinander dar und widersprechen sich. Unterschiede wer-
den verfolgt, in die Ecke gedrängt, ignoriert, verachtet, unterdrückt,
entzogen und ausgebeutet, das stimmt.

Aber wir Männer und Frauen sehen einen noch viel größeren Unter-
schied, der diese Unterschiede durchzieht: das Oben und das Unten,
die, die haben, und die, die nicht haben. Und wir sehen, dass diesem
großen Unterschied etwas Wesentliches innewohnt: Das Oben ist
oben über dem, was unten ist; der, der etwas hat, besitzt, weil er von
denen nimmt, die nichts haben. Unserer Ansicht nach bestimmen
dieses Oben und Unten stets unseren Blick, unsere Worte, das, was
wir hören, unsere Schritte, unsere Schmerzen und unseren Kampf.

Vielleicht können wir bei anderer Gelegenheit unsere Gedanken
dazu ausführlicher erklären. Jetzt wollen wir uns damit begnügen
zu sagen, dass die Blicke, die Worte, das Hören und die Schritte von
oben dazu dienen, diese Teilung aufrecht zu erhalten. Selbstverständ-
lich bedeutet das nicht Unbeweglichkeit. Der Konservatismus scheint
weit entfernt von einem System, das immer mehr und bessere Arten
findet, die vier Wunden durchzusetzen, an denen die Welt von un-
ten leidet. Aber diese ,,Modernisierungen" oder ,,Fortschritte" haben
nichts anderes zum Ziel, als die, die oben sind, oben zu halten, und
zwar auf die einzig mögliche Art, das heißt über die, die unten sind.
Der Blick, das Wort, das Hören und die Schritte derer von unten wer-
den unserer Ansicht nach von den Fragen bestimmt: Warum so? Wa-
rum sie? Warum wir?

Um uns die Antworten auf diese Fragen aufzuzwingen oder um zu
vermeiden, dass wir sie stellen, sind gigantische Kathedralen von
Ideen errichtet worden, einige mehr, andere weniger ausgearbeitet
und in den meisten Fällen so grotesk, dass es nicht nur verwunder-
lich ist, dass sie überhaupt jemand errichtet hat oder dass sie jemand
glaubt, sondern dass sogar Universitäten und Studien- und Analyse-
zentren geschaffen wurden, die darauf basieren.

Aber es gibt immer einen Spielverderber, der eine Feierlichkeit der
Höhepunkte der Geschichte nach der anderen ruiniert. Und diese*r
Unpassende beantwortet diese Fragen mit einer anderen: ,,Könnte es
auch anders sein?" Diese Frage kann es vielleicht sein, die die Rebelli-
on in ihrem weitesten Sinne entfacht. Und das ist möglich, weil es ein
,,Nein" gibt, das sie geboren hat: Es muss nicht so sein.

Entschuldigt, wenn euch diese konfusen Gedankensprünge durch-
einandergebracht haben. Schreibt das unserer Art zu oder unseren
Gebräuchen und Gewohnheiten. Was wir sagen wollen, Compañe-
ras, Compañeros, Compañeroas, ist, dass das, was uns in der Sexta
angetrieben hat, dieses rebellische, ketzerische, freche, respektlose,
lästige, unbequeme ,,Nein" war.

Wir sind bis hierher gekommen, weil uns unsere Realitäten, unsere
Geschichten, unsere Rebellionen zu dem Punkt gebracht haben zu
sagen: ,,Nein, es muss nicht so sein." Das und unsere - intuitive oder
wohl überlegte - Antwort ,,Ja" auf die Frage: ,,Könnte es auch anders
sein?" Nun sind die Fragen zu beantworten, die sich hinter diesem
,,Ja" drängen:

- Wie ist diese andere Art, diese andere Welt, diese andere Gesellschaft,
die wir uns vorstellen, die wir wollen, die wir brauchen?

- Was ist zu tun?

- Mit wem?

Wenn wir auf diese Fragen keine Antworten haben, müssen wir sie
suchen. Und wenn wir Antworten haben, müssen wir sie untereinan-
der bekannt machen.

In diesem neuen Schritt, der jedoch auf dem Weg der Sechsten Erklä-
rung aus der Selva Lacandona bleibt, werden wir als Zapatistas, die
wir sind, versuchen, etwas von dem umzusetzen, was wir in diesen
sieben Jahren gelernt haben, und wir werden den Rhythmus und die
Geschwindigkeit des Schrittes ändern, ja, aber auch die Begleitung.
Wisst ihr, einer der vielen und schwerwiegenden Fehler, den wir Za-
patisten, wir Zapatistinnen haben, ist die Erinnerung. Wir vergessen
nicht, wer wann wo war und was gesagt, getan, verschwiegen, zer-
stört, geschrieben, gelöscht hat. Wir vergessen die Kalender und die
Geografien nicht. Versteht uns nicht falsch. Wir verurteilen nieman-
den, jeder schafft sich, wie er kann, sein Alibi für das, was er tut und
nicht tut. Der törichte Verlauf der Geschichte wird zeigen, ob das ein
Erfolg oder ein Fehler war.

Wir für unseren Teil haben euch gesehen, wir haben euch gehört und
von allen haben wir gelernt. Wir haben wohl bemerkt, wer diejeni-
gen waren, die nur gekommen sind, um aus der Anderen Kampag-
ne einen eigenen politischen Nutzen zu ziehen, die, von den Massen
verführt, von einer Demonstration zur nächsten springen und damit
ihre Unfähigkeit verschleiern, etwas eigenes zu schaffen. An einem
Tag sind sie gegen Wahlen, am nächsten breiten sie ihre Fahnen auf
der Kundgebung aus, die gerade in Mode ist; an einem Tag sind sie
Lehrer, am nächsten Studierende; an einem Tag vertreten sie indige-
ne Angelegenheiten, am nächsten verbünden sie sich mit den Groß-
grundbesitzern und Paramilitärs. Sie schreien nach dem Feuer der
Gerechtigkeit der Masse und verschwinden, wenn das Wasser der
Wasserwerfer kommen. Mit ihnen werden wir nicht mehr gemein-
sam gehen.

Wir haben wohl bemerkt, wer diejenigen sind, die nur auftauchen,
wenn es Bühnen, Gesprächsrunden, gute Presse und Aufmerksam-
keit gibt und die verschwinden, wenn die Stunde der Arbeit kommt,
die keine Aufmerksamkeit erregt, aber notwendig ist, wie die meis-
ten von denen die hier zuhören oder diesen Brief lesen, wohl wissen.
In dieser ganzen Zeit waren unser Blick und unser Hören nicht auf
diejenigen gerichtet, die oben auf der Bühne standen, sondern auf
jene, die diese Bühne aufgebaut hatten, die das Essen bereitet, ge-
fegt, aufgepasst haben, die gefahren sind, die Flyer verteilt haben, die
zugepackt haben, wie man hier sagt. Außerdem haben wir auch die
gesehen und gehört, die auf den anderen nach oben geklettert sind.
Mit ihnen werden wir nicht mehr gemeinsam gehen.

Wir haben wohl bemerkt, wer die Versammlungsprofis sind und
welche Techniken und Taktiken sie nutzen, Zusammenkünfte der-
art zu sprengen, dass nur sie und ihre Anhänger*innen übrigbleiben,
um ihren Vorschlägen zuzustimmen. Sie teilen Niederlagen aus, wo
sie auftauchen und runde Tische leiten, wobei sie die ,,Spießer" und
,,Kleinbürger" aussortieren, die nicht verstehen, dass die Zukunft der
Weltrevolution auf der Tagesordnung steht. Jene, denen jede Bewe-
gung, die nicht in einer von ihnen geleiteten Versammlung gipfelt,
ein Dorn im Auge ist. Mit ihnen werden wir nicht mehr gemeinsam
gehen.

Wir haben wohl bemerkt, wer diejenigen sind, die sich bei Veranstal-
tungen und Kampagnen als Kämpfer für die Freiheit der Gefangenen
darstellen, aber von uns forderten, die Gefangenen von Atenco au-
ßen vor zu lassen und mit der Rundreise der Anderen Kampagne2
fortzufahren, weil sie bereits ihre Strategie und ihre Veranstaltungen
geplant hatten. Mit ihnen werden wir nicht mehr gemeinsam gehen.

La Sexta, die Sechste, ist ein zapatistischer Aufruf. Aufrufen bedeu-
tet nicht vereinigen. Wir haben nicht vor, eine Einheit unter einer
bestimmten Richtung zu erzielen, keine zapatistische und auch keine
andere. Wir wollen nicht kooptieren, rekrutieren, fälschen, vorgeben,
simulieren, täuschen, anführen, unterordnen, benutzen. Das Ziel ist
das gleiche, aber der Unterschied, die Heterogenität, die Autonomie
der Arten und Weisen des Gehens sind es, was La Sexta bereichert,
was ihre Stärke darstellt. Wir bieten Respekt und werden das auch
weiter tun, und wir fordern Respekt und werden das auch weiter tun.
Anhänger*in der Sexta ist jede*r, der das ,,Nein" hat, das uns antreibt,
und dazu bereit ist, die notwendigen ,,Jas" zu erschaffen.

Compañeroas, Compañeros, Compañeras:
Im Namen der EZLN sagen wir euch:

1.- Für die EZLN gibt es jetzt keine nationale Andere Kampagne und
keine Zezta Internazional mehr. Von nun an werden wir gemeinsam
mit denen gehen, die wir dazu einladen und die uns als Compas ak-
zeptieren, sei es an der chiapanekischen Küste oder in Neuseeland.
Damit wäre unser Aktionsradius klar definiert: der Planet ,,Erde", der
sich im sogenannten Sonnensystem befindet.

Jetzt werden wir sein, was wir nun mal sind: ,,La Sexta".

2.- Für die EZLN braucht die Zugehörigkeit zur Sexta keine Mitglied-
schaft, keinen Beitrag, keine Einschreibung in eine Liste, kein Origi-
nal und/oder keine Kopie des offiziellen Personalausweises, keinen
Kontoauszug und auch nicht, an der Stelle des Richters, Geschwore-
nen, Beschuldigten oder Henkers zu sein. Es gibt keine Flaggen. Es
gibt Verpflichtungen und Konsequenzen dieser Verpflichtungen. Es
treiben uns die ,,Neins", es bewegt uns die Erschaffung der ,,Jas".

2.-3 Wer mit dem Wiederauftauchen der EZLN eine neue Saison der
Bühnen und großen Versammlungen erwartet und Massen, die sich
in Richtung Zukunft strecken und Äquivalente des Sturms auf den
Winterpalast, wird enttäuscht sein. Es ist besser, diese Leute gehen
gleich. Sie sollten besser keine Zeit verlieren und unsere Zeit nicht
verschwenden. In der Sexta zu gehen bedeutet, große Schritte zu tun,
und die sind nichts für jene, die im Denken klein sind. Für ,,histori-
sche" und ,,konjunkturelle" Aktionen gibt es andere Räume, wo sie
bestimmt unterkommen. Wir wollen nicht nur die Regierung ändern,
wir wollen die Welt ändern.

3.- Wir erklären, dass wir uns als EZLN keiner Wahlkampfbewegung
in Mexiko anschließen werden. Unser Empfinden diesbezüglich ist in
der Sexta deutlich gewesen, und daran ändert sich nichts. Wir wis-
sen, dass manche glauben, es sei möglich, die Dinge von oben zu ver-
ändern, ohne selbst jemand von oben zu werden. Hoffentlich bringen
die unweigerlichen Enttäuschungen sie nicht dazu, das zu werden,
wogegen sie kämpfen.

4.- Unser Wort, mit dem wir euch organisatorische, politische und in-
formative Initiativen vorschlagen werden, wird AUSSCHLIESSLICH
an die gerichtet sein, die uns darum ersuchen und die wir akzeptie-
ren, und es wird per Mail von der Website an die Adressen, die wir
haben, verschickt werden. Es wird auch auf der Website von Enlace
Zapatista erscheinen, kann aber in seinem ganzen Umfang nur mit
einem ständig wechselnden Passwort abgerufen werden. Dieses Pass-
wort werden wir euch auf die eine oder andere Weise zukommen
lassen, aber es wird für jene leicht zu erschließen sein, die aufmerk-
sam das lesen, was für alle sichtbar ist, und auch für diejenigen, die
gelernt haben, die Gefühle zu entschlüsseln, die in unserem Wort zu
Buchstaben werden.

Jede Person oder Gruppe, jedes Kollektiv, jede Organisation oder wie
auch immer sich jeder nennen möge, hat das Recht und die Freiheit,
diese Informationen weiterzugeben an jene, die er dafür geeignet
hält. Alle Anhänger*innen der Sexta werden in der Lage sein kön-
nen, das Fenster unseres Wortes und unserer Wirklichkeit denen zu
öffnen, denen sie es öffnen wollen. Das Fenster, nicht die Tür.

5.- Die EZLN bittet euch um Geduld und wird euch nach und nach
die Initiativen bekanntgeben, die in den vergangenen sieben Jahren
bei uns gereift sind. Deren wichtigstes Ziel wird es sein, dass ihr in
direktem Kontakt mit den zapatistischen Unterstützungsgemeinden
steht - und zwar auf eine Weise, die meiner bescheidenen Meinung
und langen Erfahrung nach die beste ist: als Schüler.

6.- Was wir jetzt schon ankündigen wollen, ist, dass diejenigen, die
können und wollen und die ausdrücklich von der Sexta-EZLN dazu
eingeladen werden, schon mal anfangen können zu sparen - Kohle,
Moneten, Money oder wie auch immer das Wechselgeld überall auf
dem Planeten genannt wird, um zu einem noch zu präzisierenden
Zeitpunkt in zapatistisches Gebiet reisen zu können. Später werden
wir mehr Einzelheiten dazu bekanntgeben.

Und um zum Schluss dieses Briefs zu kommen (der ganz offensicht-
lich den Nachteil hat, dass es kein Video und kein Lied gibt, um die
gelesene Version zu begleiten), wollen wir die beste unserer Umar-
mungen (und wir haben nur eine) an die Männer, Frauen, Kinder und
alten Menschen, Gruppen, Organisationen, Bewegungen - oder wie
sich jeder selbst nennen mag - schicken, die uns in dieser ganzen Zeit
nicht aus ihrem Herzen entfernt haben und die Widerstand geleistet
und uns als Compañeras, Compañeros und Compañeroas, die wir
sind, unterstützt haben.
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1: Anm. d. Ü.: Der 67-jährige Theaterprofessor und politische Aktivist Juan Francisco 
Kuykendall, genannt Kuy und Mitglied der Anderen Kampagne der Zapatistas, wurde
während der Proteste gegen die Amtseinführung des neuen mexikanischen Präsidenten am 1. 
Dezember 2012 in Mexiko-Stadt von einer Gasgranate der Polizei getroffen
und sehr schwer verletzt.

2: Anm. d. Ü.: Diese Rundreise fand 2006 statt und wurde nach der Repression in Atenco 
unterbrochen.

3: Anm. d. Ü.: ,,2." wurde im Original ebenfalls doppelt verwendet.


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