(de) FAU-IAA Direct Action #221 - Invisible - im Schatten Europas -- Besprechung des Filmes von Andreas Voigt

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sun Feb 2 13:19:09 CET 2014


Im September war es ein Kurzmeldungsthema in den Medien: Flüchtlingsgruppen hatten den 
massiven Zaun gestürmt, mit dem die spanischen Exklaven Ceuta wie Melilla, Territorium der 
Europäischen Union, abgeschottet sind in Richtung Marokko. Hier beginnt der auf DVD 
erhältliche Film Invisible über Menschen, die inoffiziell nach Europa gekommen sind, ohne 
Aufenthaltserlaubnis leben. ---- Wellen schlagen heftig an den Strand, ein Mann schaut auf 
die Meerenge von Gibraltar: "Ich bin nur noch 25 km weg, aber ich kann nicht dort rüber, 
das macht mich wirklich krank. Da drüben ist Europa." Oumar hat es aus Guinea-Bissau bis 
nach Ceuta geschafft. Aber wer hier im Flüchtlingslager kaserniert lebt, kann nicht 
einfach 30 Euro bezahlen und mit der täglichen Fähre nach Spanien übersetzen. Oumar 
spricht in die Kamera: "Ich sehe die Reisenden jeden Tag, doch ich bin immer noch hier. 
Wenn hier eine Wüste wäre, dann wäre ich schon angekommen, wenn es ein Fluss wäre, dann 
würde ich schwimmen, aber hier ist das Mittelmeer und ich kann nicht rüber."

Der Film läuft bereits seit mehreren Minuten, Sequenzen aus dem Alltag verschiedener 
Menschen gegeneinander geschnitten waren zu sehen. Dann der Vorspann "Invisible - Illegal 
in Europa". Handwerklich gut gemacht irritiert die Nachlässigkeit beim Sprachgebrauch, als 
ob es den Slogan "Kein Mensch ist illegal" nicht geben würde. Der eigentliche Film beginnt 
an eben jener marokkanischen Küstenlinie, an der sich Afrika und die Europäische Union zum 
Greifen nah gegenüberliegen. Das Meer ist hier an einigen Stellen nur 14 Kilometer breit.

Oumar klaubt am Strand zwei alte Plastikkanister auf und bindet sie mit etwas Band 
zusammen: "Ich bin mit diesen Kanistern gekommen. Ich bin ein Afrikaner, ich muss mir was 
einfallen lassen. Das Problem ist das Meer, es ist zwischen uns und Europa." Er fiel der 
spanischen Grenzpolizei auf, die ihn aufgriff und ins Flüchtlingslager brachte.

Schnitt, die Kamera fährt eine Grenzbefestigung entlang. Alle paar Meter ein 
Flutlichtmast, zwei mehrere Meter hohe Zäune, obendrauf Nato-Stacheldraht, dazwischen ein 
Gang für Patrouillen. Ein Sachbearbeiter erklärt Oumar, dass sein Antrag auf Asyl 
abgelehnt wurde.

Der Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt verzichtet auf jeden eigenen Kommentar, lässt 
die ausgewählten Bilder und Interviewpassagen für sich sprechen. Ein Jahr lang hat er fünf 
Sans Papiers - Papierlose - in fünf Ländern der EU in ihrem Alltag begleitet, sie dabei 
gefilmt und interviewt: "Ich wollte von Menschen erzählen, die mitten unter uns leben - 
ohne Papiere, illegal. Es gibt keine genauen Angaben für Europa. Aber allein in 
Deutschland schätzt man die Zahl der Illegalen auf mehr als eine Million. Sie könnten 
Nachbarn sein, Menschen, denen ich täglich auf der Straße begegne. Wie ist ihr Alltag, was 
sind ihre Hoffnungen, ihre Träume? Davon wollte ich erzählen. Und davon, wie verschieden 
die Gründe sind, die Menschen dazu bewegen, ihr Zuhause zu verlassen, ihre Heimat", 
erklärt Andreas Voigt begleitend zu seinem Film. Voigt als routinierten Regisseur hat es 
offenbar gereizt, unsichtbare Menschen durch die Kamera sichtbar werden zu lassen. Und 
damit begnügt er sich auch.

Für Voigt hat die Kategorie Heimat Bedeutung, die Kritik antirassistischer Organisationen 
an der Illegalisierung von Menschen kommt dagegen nicht vor. So sind die martialischen 
Grenzanlagen an Spaniens Südküste die Bebilderung zu Oumars Schwierigkeiten, nach Europa 
zu kommen. Der Zuschauer erfährt aber nicht, dass diese Grenzanlagen von der EU finanziert 
werden und in den letzten Jahren massiv ausgebaut wurden - während gleichzeitig die Mittel 
für die spanische Seenotrettung eingefroren worden sind und jedes Jahr mehrere Hundert 
Flüchtlinge in der Meerenge ertrinken, von denen viele gerettet werden könnten, wie die 
sowohl in Spanien als auch in Marokko aktive Organisation "Dos Orillas", zwei Ufer, immer 
wieder betont.

Prince aus Nigeria sitzt in Abschiebehaft in Tilburg, Niederlande: "Ich hatte einen Job in 
einer Hühnerfarm. Dann kam mal eine Kontrolle, und ich hatte keine Papiere. Sie haben mich 
zur Polizeistation gebracht und dann hierher ins Gefängnis." Er wird in der kleinen Zelle 
gefilmt, und wie er kontrolliert wird. In entwürdigender Weise muss er sich vor einem 
Uniformierten ausziehen. Die Bilder, die davon in Invisible zu sehen sind, haben auch 
etwas Voyeuristisches. Zu nüchtern wird hier gezeigt, wie ein Mensch erniedrigt wird, zu 
sehr aus der Perspektive der Uniformierten. Dann ist der lange Gang mit vielen Zellen zu 
sehen. Es ist ein großes Gefängnis.

Prince verabschiedet sich vom Filmteam, aber später begegnen sie sich wieder. Er hat sich 
seiner Abschiebung widersetzt, ist wieder im Gefängnis. Diesmal in der speziellen 
Abteilung für diejenigen, die sich einer Abschiebung widersetzen. Er hat ein großes 
Pflaster auf der Stirn: "Nachdem ich mich geweigert habe, mitzufliegen, haben sie mich in 
einen Raum gebracht, wo sie meinen Kopf gegen die Wand geschlagen haben, daher das Pflaster."

Voigt interessiert sich für das Überleben der Papierlosen, aber wie Menschen illegalisiert 
werden, kommt nur vor, wenn ein gefilmter Papierloser unmittelbar mit der Staatsgewalt in 
Kontakt kommt: "Nicht Trauer und Angst stehen im Mittelpunkt, sondern die Kraft dieser 
Menschen, ihr Sich-Durchsetzen-Wollen und -Müssen", erklärt Voigt zu seinem Film. Die fünf 
Einwanderer aus Nigeria, Tschetschenien, Ecuador, Guinea-Bissau und Algerien - bis auf 
Prince nicht in Abschiebehaft - sind in alltäglichen Situationen zu sehen, wie sie ihr 
unsichtbares Leben organisieren: In kleinen, beengten Zimmern, in Flüchtlingsunterkünften 
oder in einer Wohnung, beim heimlichen Arbeiten in einer Imbissküche, beim Arbeiten auf 
einem Straßenstrich oder beim Eröffnen eines eigenen Schnellrestaurants.

Alle haben keine Papiere - bis auf Malika aus Tschetschenien und ihre Familie, die ein 
Schnellrestaurant in Warschau aufmachen und optimistisch in die Zukunft schauen. Auf den 
ersten Bildern, die von Malika zu sehen sind, lebt sie noch beengt in einer 
Flüchtlingsunterkunft. Nachdem sie Papiere bekommen haben, ist die Familie bald in einer 
eigenen Wohnung, und der Mann spricht davon, dass sie ein "Bisniz" planen. Genaueres 
wollten sie vor der Kamera erst nicht sagen, später sind sie in ihrem Schnellrestaurant zu 
sehen, Malika spricht als Inhaberin über alltägliches mit der Miliz. Deutlich wird, welche 
Bedeutung es für gesicherte Lebensverhältnisse hat, gültige Papiere zu haben. Malika, ihr 
Mann und ihre Tochter haben ein Jahrzehnt ohne Papiere hinter sich: "Am elften November 
1994 sind die russischen Truppen in Tschetschenien einmarschiert, und am zwölften habe ich 
meine Arbeit niedergelegt. Wir mussten das Land dann verlassen, weil wir in Moskau gegen 
den Krieg gearbeitet haben."

Edita aus Ecuador lebt in Paris und freut sich vor der Kamera, als sie für drei Monate 
eine Duldung bekommt. Zuvor Bilder, wie sie auf einer Brücke über die Seine geht, dazu 
ihre Stimme aus dem Off: "Ich war ein stiller Homosexueller. Ein Junge, dem die anderen 
Jungen gefielen. Auch wenn ich hier noch keine legale, sichere Situation habe, im Alltag 
fühle ich mich sicher - mal abgesehen von der ersten Zeit hier, als sie mich immer wieder 
ausgewiesen haben. Ich glaube, ich bin fünfmal ausgewiesen worden. Aber auch, wenn sie 
mich immer wieder abgeschoben haben, ich bin eine Woche, einen Monat in Ecuador geblieben 
und wieder zurückgekommen. Europa ist - einen Traum haben, arbeiten, Geld verdienen ... 
und Europa hat mir meinen Frieden gegeben. Um in Ecuador zu überleben, musst du leiden. 
Hier in Europa kann ich als Transsexuelle leben, kann mit meinem Körper Geld verdienen. 
Mit diesem Geld kann ich meine Familie in Ecuador unterstützen."

Die Traurigkeit ins Gesicht geschrieben steht dagegen Zakari, der in Deutschland ohne 
Papiere lebt: "Ich bin jetzt seit zehn Jahren hier. Ohne Papiere, ohne Zuhause, ohne Frau, 
ohne Kinder, ohne Arbeit. Sie haben mich gefragt, ob sie einen Film über mich drehen 
können. Ich habe ,Ja' gesagt. Über das Leben von einem ohne Papiere. Das Leben eines 
Vagabunden. Warum ich mitmache? Ich will, dass alle erfahren, wie ich lebe, wie ich die 
zehn Jahre hier verbracht habe ... mit meiner Angst, mit allem." Zakari ist fast nur 
allein zu sehen, leise erzählt er von sich. Einsam ist Zakari auch bei einem Job, 
versteckt in einer Imbissküche: "Einfach mal für zwei Euro ein Bier trinken gehen, das 
geht gar nicht. Aber wenn ich mal eine Woche Arbeit habe, dann kann ich mal 10, 15 Euro 
einfach so ausgeben, dann feiere ich zuhause ein kleines Fest nur für mich." Ein Leben in 
Ungewissheit, in ständiger Angst. Im Hintergrund flimmert zu Hause ein Fernseher, Zakari 
beugt sich über ein Papier und liest etwas stockend ein Urteil vor: "Die bei einer 
Rückkehr nach Algerien mögliche Todesstrafe wegen Desertion ist nicht als Asylgrund 
anzuerkennen..." Ein Urteil vom 30. März 1998. "Das ist mein Urteil", erklärt Zakari in 
die Kamera.

In Deutschland hat es, anders als in Spanien, Frankreich oder anderen EU-Ländern, noch nie 
eine Amnestie und Aufenthaltsrechte für Papierlose gegeben. Die Härte, mit der Menschen 
ohne gültige Papiere entrechtet werden, spricht aus einer in der Frankfurter Rundschau 
dokumentierten Presseerklärung des Bundesinnenministeriums vom Mai 2004 - wenige Monate 
nach Fertigstellung des Filmes: "Illegale entziehen sich der deutschen Rechtsordnung. Das 
kann genauso wenig geduldet werden wie Rechtsüberschreitungen deutscher Staatsbürger. Es 
wäre ein durch nichts zu rechtfertigendes Privileg, eine Art Sonderaufenthaltsrecht für 
Illegale einzuführen. Dass diese ,Sans Papiers' manchmal auch ihre Kinder in diese 
illegale Existenz miteinbeziehen, ist ein zusätzlicher inhumaner Rechtsbruch." Zakari 
wurde einige Zeit nach den Dreharbeiten zu Invisible von deutscher Polizei festgenommen. 
Und abgeschoben. Ein Hinweis hierzu fehlt leider in dem Film.

Gaston Kirsche

Invisible - Illegal in Europa, Regie: Andreas Voigt. BRD 2004, 89 min, Farbe, 
Originalsprachen: frz., engl., span., poln., dt., arab. mit voice over/deutsch, 17 Euro. 
Erhältlich beim Basis Film Verleih: www.basisdvd.de/shop/pi1/pd30.htm


More information about the A-infos-de mailing list