(de) FAU-IAA Direct Action #221 - Die Befreiung der Arbeit -- Räte und Selbstverwaltung - Eine kritisch-historische Betrachtung (Teil II)

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Sat Feb 1 13:04:39 CET 2014


Wie kann die Arbeitswelt in einer emanzipierten Gesellschaft von morgen aussehen? Und wie 
wurde diese Frage von der Linken bisher zu beantworten versucht? Im ersten Teil dieses 
Artikels1 ging es um die historischen Versuche selbstorganisierter Betriebe und 
Gesellschaften. Dabei wurden die konkreten Erfahrungen mit Kollektiven im Kapitalismus, 
während einer Revolution sowie im Realsozialismus erläutert und ihre Funktionsweisen 
skizziert. In diesem zweiten und letzten Teil soll es schließlich um die dabei 
aufgekommenen Konflikte und Schwierigkeiten gehen. ---- MATROSEN BILDEN IN DER 
NOVEMBERREVOLUTION 1918/19 EINEN SOLDATENRAT. QUELLE: BUNDESARCHIV (CC-BY-SA)
KONFLIKTLINIEN UND OFFENE FRAGEN ---- Aus den bisher angehäuften Erfahrungen mit der 
Arbeiterkontrolle, den Räten und der Selbstverwaltung ergibt sich erheblicher 
Diskussionsbedarf.

Dabei muss genau zwischen vollständiger Selbstverwaltung mit uneingeschränkter 
Arbeiterkontrolle und einer Praxis der Mitverwaltung oder der Teilhabe im Rahmen 
staatlicher Institutionen differenziert werden. In Zeiten großer Veränderungen und 
gesellschaftlicher Umbrüche regen sich Belegschaften in den Betrieben und erlangen nicht 
selten Handlungsmacht. Doch dadurch überwiegen praktische Momente und unmittelbare 
Handlungsweisen vor Ort, was häufig den Blick der Basisinitiativen trübt, um zu erkennen, 
dass noch andere Ziele, beispielsweise machtpolitischer Art, im Spiel sind. Auch von 
Vollversammlungen gewählte Räte und Komitees garantieren nicht automatisch das 
Verschwinden von hierarchischen Strukturen, und seien sie nur informeller Art. Die 
algerische Erfahrung mit der Selbstverwaltung 1962-1965 zeigt zudem, dass eine gesetzliche 
Absicherung bzw. Regulierung eher zur Aushöhlung der autonomen Strukturen in den Betrieben 
führt als zu ihrer Stärkung.

Selbst in Fällen (vorübergehend) erfolgreicher Revolutionen tauchten in größerem Umfang 
Probleme in den selbstverwalteten Betrieben auf. Eine der Konfliktlinien betraf das 
Spannungsverhältnis von Basismacht und Gewerkschaften. In Spanien 1936/37 waren die 
Fabrikomitees der CNT und UGT zwar demokratisch gewählt, aber ihre Interessen prallten auf 
diejenigen Teile der Belegschaften, die den Kampf gegen die Lohnarbeit fortsetzten.2 Das 
Verhältnis von abseits stehenden Beschäftigten, den Betriebskomitees und den landesweiten 
Gewerkschaften scheint sehr konfliktreich zu sein. Die Komitees sind basisdemokratische 
Organe der gesamten Belegschaft, die von Vollversammlungen eingesetzt, kontrolliert und 
gegebenenfalls auch wieder abgesetzt werden. Die Gewerkschaften sind hingegen die 
Interessenvertretungen der organisierten Teile der Belegschaften, und zwar aller 
selbstverwalteten Betriebe. Betriebskomitees sind Organe einer einzelnen Arbeitsstätte und 
somit Ausdruck eines Arbeitsplatzes. Gewerkschaften hingegen sind 
Interessensgemeinschaften der gesamten Arbeiterklasse und somit nicht arbeitsplatzbasiert. 
Auch im autonomen Kampfzyklus der ArbeiterInnen 1967-1980 in Italien ergaben sich an 
ähnlichen Fragen größere Verwerfungen innerhalb der radikalen Linken. Diese spitzen sich 
zwischen dem Konzept der autonomen Arbeiterversammlungen in den Betrieben und den 
gewählten Fabrikräten zu. Operaistische und autonome Betriebsmilitante lehnten das 
Delegiertensystem der Fabrikräte ab und trugen damit dazu bei, dass die Gewerkschaften 
nach und nach ihren Einfluss in den Räten ausweiteten. Die Linksradikalen waren also an 
der Frage über die Beurteilung der Delegiertenräte gespalten und uneinig.

Doch nicht nur innerhalb der selbstverwalteten Betriebe brechen Konflikte auf. Spanien 
1936/37 hat gezeigt, dass das Überleben einer sozialen Revolution entscheidend davon 
abhängt, ob eine alternative Struktur zur staatlichen Macht aufgebaut wird. Es braucht ein 
verbindliches Netzwerk aus Komitees, Kollektiven und Kommunen sowie eine landesweite, 
verlässliche Koordination des politisch-wirtschaftlichen Lebens. Ohne Zweifel muss den 
revolutionären Komitees und den Kollektivbetrieben auch eine freiwillige Miliz zur Seite 
gestellt werden, um die Entstehung oder Restaurierung eines Staatsapparates verhindern zu 
können. Die spanische Erfahrung lehrt, dass die Revolution nicht nach einem ersten großen 
Paukenschlag gewonnen ist, sondern viele Probleme damit erst anfangen. Daraus ergibt sich, 
dass eine nur auf selbstverwaltete Betriebe bezogene Strategie zwangsläufig scheitern 
muss. Das Schicksal eines Systems der Arbeiterselbstverwaltung wird im politischen Bereich 
entschieden. Selbst wenn eine Welle von erfolgreichen Enteignungen und Inbesitznahmen von 
Betrieben durch die Lohnabhängigen eine funktionierende libertäre Ökonomie in Gang setzt, 
entscheiden über den Fortgang der Kollektivwirtschaft die politischen Machtverhältnisse in 
der Gesellschaft.

Die historischen Erfahrungen der letzten einhundert Jahre haben gezeigt, dass die 
verschiedenen Formen der Arbeiterselbstverwaltung auch an ihren eigenen Begrenzungen 
gescheitert sind. Obwohl sich die ArbeiterInnen dabei oft in wichtigen 
Wirtschaftsbereichen der Kontrolle über die Produktionsmittel bemächtigt haben, haben sie 
es regelmäßig versäumt, die Selbstverwaltungsstrukturen in die Gesellschaft hinein 
auszuweiten. Dies gilt sowohl in wirtschaftlicher wie politischer Hinsicht. Ökonomisch 
muss die Arbeiterkontrolle von den Lohnabhängigen beständig ausgedehnt werden und müssen 
die einzelnen selbstverwalteten Betriebseinheiten in einem größerem Rahmen koordiniert 
bzw. aufeinander abgestimmt werden. Eine ökonomistische Bewegung, die gleichzeitig keine 
politische Macht von unten aufbaut, steht den gesellschaftlichen Gegenkräften bald hilflos 
gegenüber.

VORLÄUFIGE SCHLUSSFOLGERUNGEN

Isolierte selbstverwaltete Betriebe können den ungleichen Kräfteverhältnissen auf 
gesamtgesellschaftlicher Ebene nicht standhalten. Jenseits von Betriebsegoismus müssen 
Bemühungen in Richtung wechselseitiger Planungsprozesse und gesamtwirtschaftlicher 
Koordination erfolgen. Selbstverwaltungsinitiativen müssen sowohl auf Betriebsebene wie 
auf gesellschaftlicher Ebene zur Geltung kommen, denn die Atomisierung der 
Selbstverwaltung war bisher ein ernsthaftes Problem. Daher muss eine sinnvolle Regelung 
für den Interessengegensatz zwischen einzelnen selbstverwalteten Betrieben und dem 
Allgemeinwohl, dem übergeordneten gesamtgesellschaftlichen Erfordernissen gefunden werden.

Es braucht also eine überregionale Koordination der selbstverwalteten Betriebe, Stadtteile 
und Kommunen. Und es wird eine landesweite und internationale Wirtschaftsplanung vonnöten 
sein. Doch auch diese politische und ökonomische Planung muss auf basisdemokratische Art 
und Weise, das heißt durch Räte von unten nach oben vonstattengehen.

Die bisher besprochenen Schwierigkeiten mit der Selbstverwaltung konzentrierten sich vor 
allem auf drei Faktoren:

a) Betriebsinterne Probleme,

b) Das politische Machtverhältnis zwischen Betrieb und Gesellschaft,

c) Überbetriebliche Ausweitung und überregionale Koordination.

Doch die soziale Emanzipation beinhaltet mehr als die Übernahme der Betriebe und die 
Ersetzung des Staates durch eine Rätedemokratie. Selbstverwaltung in der Ökonomie heißt 
Dezentralisierung und Autonomie in der Produktion sowie Entschleunigung der 
Wirtschaftsleistung, da die kapitalistischen Produktionsmethoden nicht einfach übernommen 
werden können. Es muss ein qualitativer Wandel stattfinden und die Trennung zwischen dem 
Politischen und dem Ökonomischen, das heißt zwischen Leben und Arbeit, aufgehoben werden. 
Dazu wird eine gesellschaftliche Kultur der Gleichheit vonnöten sein, die den bisherigen 
Geist der hierarchischen Autorität ersetzt. Das Rätewesen muss als klare Alternative zu 
den bisherigen ökonomischen und staatlichen Strukturen und Institutionen verstanden und 
praktiziert werden. Eine Art Mischform zwischen Räten und Parlamenten bzw. staatlichen 
Verwaltungen ist der allmähliche oder sofortige Tod einer jeden Rätebewegung. Doch 
Befreiung hat auch eine soziale Dimension und die äußert sich unter anderem durch einen 
neuen, auf den Menschen bezogenen Inhalt in den gesellschaftlichen Beziehungen. Wie 
bereits angeklungen, spricht vieles dafür, dass zur Emanzipation die Trennung von 
Produktion und Konsum, von Leben und Arbeit aufgehoben werden muss. Die Geschichte der 
bisherigen Arbeiterräte wirft diesbezüglich jedoch mehr Fragen auf als sie Antworten 
darauf gibt. Alle Versuche der Arbeiterselbstverwaltung praktizierten zwar eine interne 
Demokratie und waren weitgehend antibürokratisch bzw. antihierarchisch, doch niemand 
richtete bisher die kapitalistischen Produktionsmethoden neu aus, um eine 
nichtkapitalistische, libertäre Ökonomie zu etablieren. Dies scheint einer der Knackpunkte 
einer auf Selbstverwaltung aufgebauten Kollektivwirtschaft zu sein.

Roman Danyluk

ANMERKUNGEN:
[1] ? siehe DA #220, Seite 8 oder www.direkteaktion.org/220/die-befreiung-der-arbeit

[2] ? siehe dazu auch das Buch "Gegen die Arbeit"von Michael Seidman

QUELLEN UND LITERATUR ZUM WEITERLESEN:

Dario Azzellini/Immanuel Ness (Hrsg.): "Die endlich entdeckte politische Form." Fabrikräte 
und Selbstverwaltung von der Russischen Revolution bis heute. Neuer ISP Verlag, Köln 2012

Roman Danyluk: Befreiung und soziale Emanzipation. Rätebewegung, Arbeiterautonomie und 
Syndikalismus. Edition AV, Lich 2012

Oskar Anweiler: Die Rätebewegung in Russland 1905-1921.E.J. Brill, Leiden 1958

Lucien van der Walt /Michael Schmidt: Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im 
Anarchismus und Syndikalismus. Edition Nautilus, Hamburg, 2013


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