(de) FAU-IAA, Direct Action #226 - Und täglich grüßt Shenzhen
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Wed Dec 31 08:57:49 CET 2014
Reisecomic über die Tristesse einer asiatischen Metropole und das Leiden des jungen
Delisle ---- Shenzhen ist eine Boomtown im Süden Chinas. Eine Planstadt am Rande von
Hongkong. Auch hier floriert das Kapital, und auch hier verelenden die Arbeitenden in den
Slums. Vor ca. 30 Jahren noch ein kleines Fischerdorf, zählt die Metropole heute mehr als
10 Millionen Einwohner. Der Altersdurchschnitt der Stadt liegt bei etwa 25 Jahren. Es gäbe
also viel über Shenzhen zu erzählen. Aber der frankokanadische Comiczeichner Guy Delisle
interessierte sich in seinem Reisecomic ganz offensichtlich nicht für die Makroebene.
Vielmehr beobachtete er das Treiben auf den Straßen, das Alltägliche, das für Delisle das
ganz Ungewohnte ist, mit einem feinen Gespür für den Humor einer Situation.
Sympathisch-selbstironisch beschreibt er auch sein eigenes Fremdsein im Anderen. Man
könnte sagen, dieser Blick für den Witz ist Delisles ganzer und womöglich einziger
Rettungsanker in einer ansonsten öden Landschaft. Denn das Ergebnis seiner Studien,
anekdotenhaft wiedergegeben, ist vor allem dies: Tristesse. Shenzhen - eigentlich eine
junge, dynamische Stadt, ist Delisles Empfinden nach nichts als die pure Langeweile. Nur
ein überfülltes Wartezimmer auf dem Weg zurück ins Leben, zurück nach Europa. Der Comic
ist autobiografisch: Als Leiter einer belgischen Trickfilmfabrik ist Delisle hier
gestrandet. Kaum angekommen, merkt er: Die Kommunikationshürden sind zu hoch für ihn, die
Kultur
ihm zu fremd, sein Antrieb zu schwach. Mühsam schleppt er sich mehrmals in der Woche in
ein Fitnessstudio, um zumindest in dieser Hinsicht seinem Ich-Ideal frönen zu können. Aber
der Bauch wird nicht kleiner, nur fester. Er ist Bill Murray in "Lost in Translation" und
"Täglich grüßt das Murmeltier", doch wartet er vergebens auf die bürgerlich-romantische
Erlösung. Lässt sich aus so viel Tristesse noch ein unterhaltsamer Comic gestalten? Ja.
Zumindest wenn der Zeichner und Erzähler Guy Delisle heißt. Delisle weiß mit wenig viel zu
erzählen. Und gerade die Langeweile und Ödnis ist das Spannende und Frische an dem Comic.
"Wenn ich eines Tages all diese Anekdoten in Bilder umsetze, muss der Eindruck einer
tollen Reise entstehen ...", erzählt die Comicfigur Delisle am Schluss seiner Reise. "Ich
nehme an, dass sich selbst die Langeweile, aus ihrem Kontext genommen, zu etwas
Unterhaltsamem sublimiert ...". "Shenzhen" gehört zu seinem "Frühwerk". Seine
Erzähltechnik ist in seinen Folgecomics, die auch weitaus bekannter sind, wesentlich
ausgereifter, der Humor pointierter: "Pyongyang" (2003), "Aufzeichnungen in Birma" (2007),
"Aufzeichnungen aus Jerusalem" (2011).Am Ende fragt man sich unweigerlich, was man über
die südchinesische Stadt Shenzhen wirklich erfahren hat, und kommt darauf, dass sich hier
vielmehr ein großartiger Erzähler vorgestellt und die Stadt selber eigentlich nur als
Kulisse dafür gedient hat.
Minou Lefebre
Guy Delisle. Shenzhen. Reprodukt
152 Seiten, schwarzweiß
18 Euro
https://www.direkteaktion.org/226/und-taeglich-grust-shenzhen
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