(de) FAU-IAA, Direct Action #226 - Wenn die Bürgerwehr dreimal klingelt
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Tue Dec 30 17:31:44 CET 2014
Rassistische Ausschreitungen in Andalusien: Das brave Bürgertum zieht plündernd durch die
Straßen ---- Die anhaltende Verunsicherung breiter Teile der spanischen Bevölkerung
befördert ein sich immer weiter ausbreitendes reaktionäres Klima. Demonstrations- und
Streikrecht wurden in den letzten Jahren erheblich eingeschränkt und trotz der
Selbstauflösung der ETA weitreichende Antiterrorgesetze verabschiedet. Besonders stark
macht sich der patriarchale Rollback bemerkbar, der zur Durchsetzung der Entlassungen und
Lohnkürzungen in weiblich dominierten Berufen bewusst von der regierenden Partido Popular
und ihrem gesellschaftlichen Umfeld lanciert wird. Die Krisenfolgen wurden selbstredend
von Beginn an maßgeblich auf als ethnische Minderheiten behandelte soziale Gruppen
abgewälzt und so ein Gegensatz zwischen Spanier*innen und Migrant*innen heraufbeschworen.
Die Konsequenzen bestehen nicht nur in der verschlechterten rechtlichen Lage und der
Arbeitssituation migrantischer Communities, sondern auch in einem gesellschaftlichen Klima
der Konfrontation entlang von kultureller und ethnischer Zugehörigkeit. Gewalt und
Ausgrenzung haben im Zuge der tiefen Wirtschaftskrise dramatisch zugenommen.
DIE SCHWARZ-WEISSE WELT DES HYSTERISCHEN BÜRGERTUMS SPIEGELT SICH NUN IN DEN STRASSEN VON
ESTEPA WIEDER ZUM TEUFEL MIT DEN ARMEN TEUFELN
In der andalusischen Kleinstadt Estepa zeigte sich diesen Sommer deutlich der willkürliche
Charakter des Law-and-Order Diskurses der konservativen Regierung. Eine Serie von
Eigentumsdelikten entfachte eine wahre Massenhysterie: Angestachelt durch kampagnenartig
verbreitete Meldungen in den sogenannten "sozialen" Medien versammelte sich dort ein Mob
von etwa 1.000 Menschen zu einer unangemeldeten Demonstration. Nachdem sie von der Polizei
auf die fehlende Genehmigung ihrer Versammlung hingewiesen wurden, zogen die aufgebrachten
Bürger*innen die Straße weiter in eine von Roma bewohnte Gegend der Stadt. Dort begannen
einige von ihnen, die Scheiben der Häuser der Roma Familien einzuwerfen und sogar in sie
einzudringen. Die Familien mussten durch die Hinterausgänge fliehen, die vorgeblich gegen
Diebstähle Demonstrierenden plünderten daraufhin deren Hab und Gut. Zwei der Häuser wurden
sogar niedergebrannt. Den Familien blieb nichts anderes übrig, als Estepa zu verlassen.
Danach sahen sie sich mit einer medialen und politischen Landschaft konfrontiert, in der
allen Ernstes nicht nur Verständnis für den bürgerlichen Mob von Estepa aufgebracht,
sondern sogar der Terminus des "Chorizo-Clans" aus den Mündern des Mobs übernommen wurde:
So nannten die Einwohner*innen Estepas nach eigenen Auskünften die von ihnen vertriebenen
Menschen, da sie mit ihrer von Landarbeit braun gebrannten Haut einer Paprika-Wurst
ähnelten. Wie stark der bürgerliche Reflex des "Nach-Unten-Tretens" in Krisenzeiten
ausgeprägt ist, wird zudem dadurch deutlich, dass die Pogrome im öffentlichen Diskurs auch
damit gerechtfertigt wurden, dass es sich ja um nach Zwangsräumungen besetzte Häuser
gehandelt habe. Die soziale Not der betroffenen Familien liefert im Nachhinein so noch die
Begründung für die ihnen zugefügte Gewalt.
Marcus Munzlinger
Weitere Informationen zu den Vorfällen u.a. in dem Artikel von Gaston Kirsche in der
jungle world: www.jungle-world.com/artikel/2014/30/50276.html
https://www.direkteaktion.org/226/wenn-die-burgerwehr-dreimal-klingelt
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