(de) FAU-IAA, Direct Action #226 - "Louise Hires A Contract Killer"
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Sun Dec 28 10:51:46 CET 2014
Der etwas andere Umgang mit der Finanzkrise ---- Im französischen Original heißt die
bitterböse, schwarze Komödie von Gustave Kervern und Benoît Delépine sehr viel passender
"Louise-Michel" und enthält damit sowohl einen Verweis auf die gleichnamige Anarchistin
als auch auf die beiden ProtagonistInnen, die Louise und Michel heißen. Wohl in Anlehnung
an Aki Kaurismäkis "I Hired A Contract Killer", eventuell auch in Anvisierung eines
(falschen) Zielpublikums, das einen Action-Kracher erwarten soll, machte die deutsche
Titelschmiede daraus dann "Louise Hires A Contract Killer". Aber immerhin ist der Titel
nicht völlig aus der Luft gegriffen, schließlich heuert Louise wirklich einen
Auftragskiller an.
VON DER PICARDIE NACH JERSEY:?"MIT 20.000 EURO KÖNNTEN WIR DEN CHEF UMLEGEN LASSEN, VON
NEM PROFI!"
Tags zuvor hält der Personalchef eine Rede, in der er den Fabrikarbeiterinnen für ihre
Aufopferungsbereitschaft beim Erhalt ihrer Jobs dankt. "Vom Mond aus gesehen sind eure
kleinen Probleme nur Peanuts!", sagt er und verteilt als Anerkennung dafür neue
Arbeitskittel, während er ihnen versichert, dass ihre Arbeitsplätze sicher seien. Einen
Tag später stehen Louise und ihre Kolleginnen in der über Nacht leer geräumten Halle und
werden mit einer lächerlich geringen Abfindung - 100 Euro pro Jahr in der Fabrik - auf die
Straße gesetzt. Ihr Chef hat sich aus dem Staub gemacht. Was also tun? Allein kann keine
etwas mit dem lausigen Geldbetrag anfangen, also legen sie zusammen. Was machen mit
insgesamt 20.000 Euro? Eine Pizzeria eröffnen? Louise hat eine bessere Idee: Warum nicht
ihren ehemaligen Chef umlegen lassen? Der Vorschlag stößt auf allgemeine Zustimmung. Der
Auftragskiller, den Louise von früher kennt, hat allerdings auf Immobilienmakler
umgesattelt, also improvisiert Louise und engagiert den paranoiden Wachmann Michel, der im
Trailerpark lebt und aus Geldnot den Auftrag annimmt, obwohl er im Grunde viel zu sensibel
zum Töten ist. Also überredet er seine krebskranke Cousine dazu, den Auftrag für ihn zu
übernehmen - schließlich habe sie ja nichts mehr zu verlieren, so sein Argument -, und
schleust sie im Abendkleid und mit Pistole bewaffnet in die glamouröse Gala ein, auf der
sich der ehemalige Direktor des Werks befindet. Als sich nach gelungener Ausführung
herausstellt, dass dieser auch nur ein Befehlsempfänger war, machen sich Louise und
Michel, angetrieben von Wut, dem Verlangen nach Rache, gleichzeitig aber auch aus tiefster
Verzweiflung und Angst vor dem sozialen Elend zusammen auf die Suche nach dem
Verantwortlichen. Was sich in Zeiten der Globalisierung als gar nicht so einfach
herausstellt und die beiden auf eine merkwürdige und blutige Reise schickt, die sie nach
Brüssel und schließlich über eine Briefkastenfirma ins Steuerparadies Jersey führt.
Leichen pflastern dabei ihren Weg, den Richtigen treffen sie nie, aber die Kapitalisten
werden weniger.
VON DEN MARX BROTHERS ZU DEN COEN BRÜDERN
Wie schon beim Vorgänger, dem bizarr-bösen Handicap/Inklusionsfilm "Aaltra" (der übrigens
Joseph Albert alias Albert Libertad alias Libertad le béquillard, einem französischen
Anarchisten des 19. Jahrhunderts gewidmet war), sind auch bei "Louise Hires A Contract
Killer" die ProtagonistInnen keine duldsamen Opfer. Schräg, durchgeknallt und jenseits der
Norm vielleicht, fügsam auf keinen Fall. Sie haben die Schnauze voll, und das zeigen sie
auch. Andere RegisseurInnen mögen zu diesen Themen bleischwere, zähe Dramen machen, bei
Gustave Kervern und Benoît Delépine wird daraus eine zum Brüllen komische anarchistische
schwarze Komödie voll skurriler Einfälle und giftiger Textzeilen, in der auch vor
politisch inkorrekten, makabren Gags über Krebskranke und Behinderte nicht
zurückgeschreckt wird. Bildungsbürgerliches Konsenskino findet anderswo statt.
Gesellschaftliche Normen spielen ebenfalls keine Rolle - ganz beiläufig und unaufgeregt,
ohne dramatische Dialoge, wird erwähnt, dass Louise eigentlich Jean-Pierre heißt, im
Gefängnis saß und das Geschlecht gewechselt hat, um einen Job in der Fabrik zu bekommen.
Und in einer Rückblende erfahren wir, dass Michel als Cathy geboren wurde. Sehr schön und
bissig auch die Szene, in der Produzent Mathieu Kassovitz einen Gastauftritt als
ökologisch-dynamischer Biohof- und Landhotelbesitzer hat. "Meine Frau und ich, wir heizen
mit unseren eigenen Exkrementen", sagt er, während wir in einem Rückblick erfahren, dass
der Hof ursprünglich Jean-Pierre/Louise gehörte, allerdings der Bank in die Hände
fiel.Manchmal ist die Komik überbordend, kindlich übermütig und rasant wie bei den Marx
Brothers, manchmal allerdings kommt sie auch eher aus der Langsamkeit und Dehnung und geht
dabei in Richtung der Coen Brüder. Je nach Betrachtungsweise hat der Film dann auch eine
Art Happy End. Und wer bis nach dem Ende des Abspanns im Kino bleibt, erlebt eine
Überraschung: Der Kampf geht weiter!Ganz dem Originaltitel "Louise-Michel" entsprechend
ist die pechschwarze Anarcho-Komödie von Kervern und Delépine eine Hommage an Louise
Michel und die Pariser Kommune.
Karin Hoog
Soundtrack beim Schreiben des Artikels:
Adolescents "La Vendetta ... È Un Piatto Che Va Servito Freddo"
Louise Hires a Contract Killer. Frankreich 2008. Originaltitel: Louise-Michel. Regie:
Benoît Delépine, Gustave Kervern; Drehbuch: Gustave Kervern, Benoît Delépine; Produktion:
Mathieu Kassovitz Louise: Yolande Moreau; Michel: Bouli Lanners
https://www.direkteaktion.org/226/louise-hires-a-contract-killer
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