(de) FdA-IFA, im heimatmuseum: "Auf Leben und Tod - Kehl und der Erste Weltkrieg" von nigra
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Thu Dec 25 12:24:33 CET 2014
der erste weltkrieg feiert seinen hundertsten geburtstag und alle feiern mit. so auch das
städtische hanauer museum in kehl. zuletzt hatte ich dieses als grundschüler auf einem
ausflug besucht. der provinzmief hielt mich seither von einem erneuten besuch ab. aber da
auch ich gerne geburtstag feiere lies ich es mir nicht nehmen, den mief zu ignorieren und
einen zweiten versuch zu starten. ich wurde positiv überrascht. ---- die ausstellung ist
in zwei bereiche und räume unterteilt: "heimat" und "front". sehe ich mal von der eher
enttäuschenden installation der künstlerin ilse teipelke zum thema "front" ab, ist die
ausstellung, die seit dem 26.06.2014 zu sehen ist, gelungen, auch weil sie für mich
zwischen den zeilen, eher hintergründig einen hauch von antimilitarismus atmet und eine
kritik am patriotismus übt. vielleicht interpretiere ich auch zuviel hinein: vielleicht
würde ein*e gestandene*r nazi oder vaterlandsgesell*in das genau anders herum deuten. aber
tafeln mit überschriften wie "die langen leben der generäle", die aufzeigen, dass die
generäle durch die bank sehr alt wurden, die normalen soldaten aber allesamt jung und
brutal an den fronten zu tode kamen, scheinen mir doch eine kritik am militarismus
auszustrahlen. ein anderes schild würdigt erich maria remarque und seinen roman "im westen
nichts neues", der jahre später von den nationalsozialist*innen zu hauf verbrannt wurde.
interessant für mich war an der ausstellung natürlich ihr bezug auf kehl und die
umliegenden gemeinden. viele der auftauchenden familiennamen sind mir geläufig und mit den
urenkeln der damaligen protagonist*innen ging ich wohl teilweise zur schule.
der "heimat"-raum ist ganz stark den völlig absurden und skurilen "patriotika" gewidmet.
das sind gegenstände die ein patriotisches "branding" tragen. hier findet sich wirklich so
ziemlich jeder alltagsgegenstand, von der schnupftabakdose mit eisernem kreuz und "gott
mit uns" über essteller mit soldatenromantik bis hin zu weihnachtsbaumschmuck in form von
42-mm-granaten der "dicken bertha". nahezu jedes unternehmen beteiligte sich am
patriotischen irrsinn und das sicher nicht nur, weil es sich davon mehr profit erhoffte.
parallel dazu fand eine säuberung der deutschen sprache statt: unzählige
nichtdeutschsprachige markennamen wurden patriotisiert. das wurde dann im stil von "aus
raider wird twix" beworben. diese lustigen sprachpurist*innen gab es also schon damals.
die patriotisierung war allumfassend.
sehr spannend und informativ sind die auszüge aus dem tagebuch des kehlers matthias
nückles, der aus der sicht eines einfachen menschen beschreibt, wie sich der alltag
verändert und der krieg immer näher rückt. schließlich kommt sogar gegen ende des krieges
die revolution nach kehl. nückles beschreibt dies in drei akten (siehe fotos 8., 9. und
10.). dass es in kehl einen arbeiter- und soldatenrat gab, war mir echt neu.
auf einem großformatigen bild ist der damalige kaiser wilhem II (der verkackte
kriegstreiber) mit gesenktem kopf vor einem grab eines gefallenen soldaten zu sehen. er
wird mit den worten "Ich habe es nicht gewollt." zitiert. jahre später sollte der glühende
antisemit in einem brief an seinen amerikanischen freund pouitney bigelow, der ein großer
verehrer hitlers und mussolinis war, folgenden satz schreiben: "Die Presse, die Juden und
Mücken sind eine Pest, von der sich die Menschheit so oder so befreien muß - I believe the
best would be gas ["ich glaube, gas wäre die beste lösung"; nigra]."
die ausstellung ist noch bis zum 11.01.2015 zu sehen. hingehen, lachen und weinen.
http://fda-ifa.org/im-heimatmuseum-auf-leben-und-tod-kehl-und-der-erste-weltkrieg/
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