(de) FAU-IAA - Direct Action #224 - Bildung und Kultur: Ein ewiges und wichtiges Thema -- Interview mit einem Mitglied der Anarchosyndikalistischen Jugend (ASJ) Berlin

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Sun Aug 24 08:18:56 CEST 2014


Mit diesem Interview möchten wir (die FAU Nürnberg) versuchen, eine Diskussion über die 
Bedeutung von Bildungs- und Kulturarbeit in Gang zu setzen. ---- Was versteht ihr unter 
Bildung und Kultur? ---- Viele haben sich bereits an einer Definition dieser Begriffe 
versucht. Uns ist es besonders wichtig zu betonen, dass Bildung nichts ist, was als festes 
Wissen von oben eingetrichtert wird, sondern immer ein eigenes - eigentlich natürliches - 
Interesse voraussetzt und im Dialog passieren sollte. Wir finden daher etwa Ansätze von 
Schule interessant, die sich am Interesse und dem Forschergeist der Lernenden orientieren. 
Selektieren durch Notengebung lehnen wir ab. Bildung sollte immer auch Selbstermächtigung 
sein. Aufgabe einer anarchosyndikalistischen Bildung ist es dann auch, sich Dinge 
beizubringen, die in institutionalisierten Bildungsorganisationen auf der Stecke bleiben 
beziehungsweise Raum für kritisches Hinterfragen zu geben. Kultur bedeutet für uns nicht nur

Kein Befehlen, kein Gehorchen
Kunst, sondern gestalterischer Prozess allgemein. Die Form, die Zusammenleben heute 
annimmt, unsere Werte und Normen, die Nutzung von Technik - auch das ist Kultur. Der 
Begriff kann aus unserer Sicht aber nie wertfrei betrachtet werden, sondern 
Kulturentwicklung muss immer eine gewisse Zielvorstellung beinhalten - also Werte wie 
Verantwortlichkeit, Solidarität, Gleichheit und Freiheit anstreben. Nur dann kann 
überhaupt von einem kulturellen Prozess gesprochen werden.

Wie sieht ihr den Einfluss des Staates auf die Bewohnerinnen in diesen Machtbereichen?

Puh, das ist eine ziemlich große Frage. Wenn wir es mal auf das Thema des Interviews - 
nämlich Bildung und Kultur - herunter brechen, erscheint es vor allem wichtig, 
verstaatlichtes Denken anzugehen. Sicherlich gibt es eine sehr reale Staatsgewalt, die 
Repression verübt, die abschiebt, die die Verhältnisse sichert. Es gibt aber auch eine 
Presse, die ganz freiwillig nationale Deutungen übernimmt und Menschen, die sie 
rezipieren, weil sie glauben, die nationale Sache sei gut für sie. Zum verstaatlichten 
Denken gehört es aber etwa auch, wenn Strafen und Knast für grundsätzlich notwendig 
angesehen werden, um den sozialen Frieden zu sichern, wenn parlamentarische Demokratie als 
die beste aller Entscheidungsformen anerkannt und der Kapitalismus im Angesicht 
autoritärer Alternativen als letztlich alternativlos betrachtet werden. Wenn die Zwänge 
stumm durchgesetzt werden, erscheint alles fälschlich frei. Daher ist es uns wichtig, an 
diesen Legitimationen zu kratzen. Außerdem gibt es nicht nur den Gegenpol Staat - 
Gesellschaft bzw. Arbeiter*innenklasse, denn das würde Ausgrenzungsmechanismen wie 
Rassismus und Sexismus ausblenden und vom eignen Leben wegschieben. Diese sind für uns 
kein Nebenwiderspruch. Wir haben daher etwa den selbstverwalteten Refugee-Protest auf dem 
Oranienplatz unterstützt und aktuell gerade eine Feminismus-AG gegründet. Auch im 
schulischem Unterricht werden so gut wie nie staatskritische Gedanken oder Ideen 
thematisiert, geschweige denn auf staatslose Gesellschaftskonzepte aufmerksam gemacht - 
nicht einmal in Politikwissenschaft oder Geschichte. Wer sich also nicht selbstständig, in 
seiner*ihrer Freizeit damit beschäftigt, kommt mit derartigen Ideen also unter Umständen 
nie in Berührung, obwohl potentielles Interesse existieren könnte. Durch Vorgaben des 
Bildungssenats ist auch Lehrer*innen, die derartiges thematisieren würden, wenig Raum für 
Unterrichtsstoff gegeben, der nicht vorgeschrieben ist. Ein weiterer Aspekt des 
staatlichen Schulsystems in Deutschland ist, dass durch reguläre schulische Arbeit 
(Prüfungen, Noten, Abschlüsse als Notwendigkeit für gesellschaftliche Anerkennung und 
Teilhabe) enormer Leistungsdruck erzeugt wird, Disziplin als ein unter allen Umständen zu 
lebender Wert in den Köpfen der Schüler verankert und gleichzeitig Abneigung gegenüber 
selbstständigem außerschulischem Lernen erzeugt wird.

Was macht ihr für Kultur und Bildungsarbeit?

Wir veranstalten einmal im Monat einen Tresen, welcher in der Regel mit einer inhaltlichen 
Veranstaltung verknüpft ist - dass kann ein Vortrag zu einem interessanten Thema sein, 
eine Diskussion oder auch einfach nur ein Konzert. Außerdem halten wir in unregelmäßigen 
Abständen Infoveranstaltungen ab - sowohl extern als auch intern für die eigene Bildung. 
Wir produzieren ein regelmäßig erscheinendes Magazin, das "Schwarze Kleeblatt". Zur 
Redaktion sind alle eingeladen, auch wenn sie sonst nicht regelmäßig bei der ASJ aktiv 
sind. Auch zu bestimmten Anlässen wie der "Young Union Movement" -Kampagne produzieren wir 
Broschüren und/oder veranstalten zum Austausch eine Podiumsdiskussion. Nicht zuletzt zur 
Finanzierung stehen dann auch immer wieder mal Partys und Konzerte an. Letztlich 
orientieren wir uns immer daran, was den Mitgliedern gerade wichtig ist. Wir hatten lange 
Zeit eine AG, die sich explizit mit Schule und libertärer Bildung beschäftigt. Wenn sich 
hierzu wieder Interessierte finden, sind wir offen, sie wieder mit Leben zu füllen.

Wo sieht ihr Ansatzpunkte, um anarchosyndikalistische Kultur und Bildung zu verbreitern?

Sicher haben wir eine andere Situation als noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als eine 
eigene Arbeiter*innenkultur insbesondere deshalb wichtig war, weil kulturelle, sportliche 
und Bildungsangebote (etwa Bibliotheken) sehr viel exklusiver waren. Heute mag ein von uns 
gezeigter Film nur ein Angebot unter vielen sein. Dennoch ist wichtig, die Gewerkschaft 
nicht nur zu etwas zu machen, wo man hingeht, wenn man Probleme mit bestimmten 
Arbeitsbedingungen hat - sondern sie auch eine Art Gegenkultur zu etablieren. Zumindest 
wenn das Ziel ist, die Keimzelle einer nachkapitalistischen Gesellschaft zu bilden. Damit 
meinen wir keine exklusive Jugend- und Subkultur im Sinne einer "linken Szene", sondern 
offen zu sein für die kulturellen und Bildungsbedürfnisse der tatsächlichen Mitglieder.

Welche Ansätze müssen wir für uns verwirklichen, um unser Gedankengut in der Bevölkerung 
zu verbreiten?

Wir müssen vor allem an der Lebenswirklichkeit der Menschen anknüpfen und ihnen Angebote 
machen, wie sie selbst aktiv werden können. Dafür ist der eigene Arbeitsplatz ein guter 
Ort, weil hier ein Großteil der Zeit verbracht wird, aber auch, weil Arbeitskraft benötigt 
wird und Streiks somit einen mächtigen Hebel darstellen können. Deshalb fördern wir 
gewerkschaftliches Engagement. Ein anderer Ort wäre die eigene Wohnung - Mieterkämpfe wie 
im Rahmen von "Zwangsräumungen verhindern" sind ebenfalls direkte Aktionen in unserem 
Sinne. Theorie ist wichtig, aber noch wichtiger ist es, Menschen dazu zu ermutigen, 
selbstverwaltet und solidarisch Widerstand zu leisten. Und klar zu machen, dass Politik 
nichts ist, was irgendwie abstrakt "da oben" verhandelt wird (bzw. werden sollte), sondern 
jede*n ganz konkret im eigen Alltag angeht.

Wir bedanken uns für das Interview und wünschen euch noch eine erfolgreiche Bildungs- und 
Kulturarbeit.


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