(de) FdA/IFA - Gai Dào #44 - Waldgänger im Unterholz Von: Hyman Roth
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Thu Aug 28 13:23:03 CEST 2014
In der "Gai Dào" #41 erschien der Artikel "Ein Kampf um mehr als einem Wald",
unterschrieben mit "Domino". Er behandelt die Räumung der dritten Besetzung des Hambacher
Forst. Zumindest oberflächlich gesehen. Denn in erste Linie geht es im Text - wie es sich
für die sensible Linke gehört - um die Frage "Wie geht es uns damit?". Es geht uns damit
nicht gut. Freund Baum ist tot - "Ich erklimme den Stamm, an dem ich immer auf dem Weg
nach oben vorbei geklettert bin. Selbst auf dem Boden liegend, geht er mir immer noch bis
zur Hüfte". Fassungslos steht der Autor da: "Ich betrachte die tiefen Kerben der
eichentypischen Rinde und beobachte mit einer Mischung aus Zuneigung und Melancholie die
riesigen Waldameisen, die scheinbar wie gewohnt ihrer Wege gehen." Scheinbar! - Kaum
denkbar, dass die Ameisen nicht so berührt seien von Baumtod, wie der Autor. Schließlich
standen sie Pate bei der ganzen Aktion: "Ants Squat - nach ihnen war der Ort benannt, die
Ameisenbesetzung." Warum lohnt es sich, dieses Meisterstück von Naturkitsch näher zu
untersuchen? Vielleicht weil der anonyme Freund von Bäumen und Ameisen mit Menschen
unendlich härter ins Gericht geht.
"Sie zerstörten ge-
dankenlos was ich immer mit Liebe, Respekt und samtenen Fingern be-
dacht hatte um so wenig Schaden wie möglich anzurichten. Und auch
wenn tagtäglich auf der ganzen Welt so viel von dem zerstört wird, was
ich liebe und wir alle zum Leben brauchen, habe ich selten so viel Hass
und Wut empfunden wie in diesem Moment und in meinen dunkelsten
Träumen wünsche ich ihnen das schlimmste [sic!] dafür."
Eigene Liebe und Respekt sind natürlich meist schon so, dass sie das
Handeln anderer Menschen, die etwas anderes lieben und respektie-
ren, als pure Gedankenlosigkeit erscheinen lassen. Und wer jetzt mal
wieder einen Text über Verknüpfungen von Ökologismus und Men-
schenfeindlichkeit samt unumgänglichen Nazi-Vergleich erwartet -
weit gefehlt. Das Problem legt tiefer, es ist nicht einfach die Tatsache,
dass Domino ein Ökoromantiker von atemberaubender Geschmack-
losigkeit ist und dass der Pluralismus von der "Gai Dào" alles verdau-
en kann. Das Problem ist, dass Domino ein Musterbeispiel für die
Begründung der linken Politik aus dem Geist des Heroismus bietet.
Es gibt sicherlich gute Gründe für Proteste im Hambacher Frost und
es gibt auch gute Grunde, was anderes zu tun, als sich an Bäume an-
ketten und "die tiefen Kerben der eichentypischen Rinde" mit "einer Mi-
schung aus Zuneigung und Melancholie" zu betrachten. Der springende
Punkt ist ein anderer: Domino verplappert sich: "In einer Welt, in der
wir die Außenseiter*innen sein sollen, ohne feste, finanzielle Quellen, eine
Welt, die nur in Geld Wert erkennt, mit Regeln, denen wir niemals zu-
gestimmt haben und in der wir nur etwas bewirken dürfen, wenn wir
uns unterwerfen, wollen wir nicht leben. So bauen wir Alternativen auf,
entwerfen Lebenskonzepte und schulen unsere Kreativität. Deshalb kön-
nen sie uns mit ihren Knüppeln, Gerichtsverfahren und ihrer Hetze auch
nichts anhaben." Der Kampf um den Forst ist ja verloren, es geht nur
noch darum sich selber zu überzeugen, dass das eigene - nüchtern
betrachtet recht erfolglose - Tun Sinn macht. Domino kennt die Ant-
wort: Wir sind Helden. Viel zu toll für diese Welt - die leider gar nicht
nachfragt, ob wir sie gut finden. Selbst finanzielle Quellen versagt
einem die Welt, die gemeinerweise aber nur in Geld Wert erkenne.
Gerade noch bei der Trauerarbeit mit Ameisen, klopft sich der An-
arch nun die Schultern wund:
"Nach gerade mal zwei Jahren wird über den Hambacher Forst nicht
mehr nur im linken Untergrund," - Untergrund, drunter geht's nicht,
in einem Land, wo linke Politik größtenteils in Form von Wochen-
enddemos stattfindet - "sondern auf der ganzen Welt gesprochen. Im-
mer mehr Menschen verstehen, dass wir alle für dasselbe kämpfen, ob
nun im Schwerpunkt gegen Energiegroßkonzerne und Umweltzerstörung,
gegen Rassismus, Landraub auf der ganzen Welt, die Waffenindustrie,
Speziesismus, Transphobie, Macht und Hierarchie." Man könnte dage-
gen einwenden, dass der Verlauf der Kämpfe für Bäume in Rheinland
erst mal keinerlei Auswirkung hat auf Kämpfe gegen Grenzregime
in Mittelmeer oder gegen Anti-Homo-Gesetze in Russland, auf Um-
strukturierungen an den Hochschulen oder Arbeitsbedingungen in
Betrieben. Das macht den Kampf nicht schlechter oder unwichtiger,
aber er behandelt einen anderen Gegenstand. Doch wenn man im
Kampf gegen alles Böse für alles Gute ziehen möchte, dann sollte
man sich bei solchen demotivierenden Gedanken gar nicht erst auf-
halten!
Den Antrieb zum Kampf liefert der Weltschmerz. Je unwohler un-
ser Waldgänger sich in der Gesellschaft fühlt, desto "wirklicher"
erscheint die Natur. "Ich erinnere mich an die Nächte dort oben unter
freiem Himmel, in denen ich wohl mit einem Lächeln auf den Lippen
eingeschlafen sein muss, beschienen von 1000 Sternen und einem faszinie-
rendem Mond und mit dem ganz großartigen Gefühl, genau am richtigem
Ort zu sein und gut behütet zu sein. Denn in 25 Metern Höhe kann dir
[sic!] keiner so schnell was." Von der Zivilisation auf den Baum gejagt,
kann man bequem zwischen Selbstheroisierung und Selbstmitleid
balancieren. "Wenn du eine Weile so eng mit wirklicher Natur zusam-
menlebst, sie kennen, beobachten und lieben lernst, wird dir nach einer
gewissen Zeit bewusst, wie bescheuert, arrogant, naiv und respektlos all
das, was als zivilisiert bezeichnet wird doch ist." Anarchismus kann so
konservativ werden, wenn er sich auf die Suche nach dem Zusam-
menleben mit "wirklicher" Natur begibt.
Die Bewunderung für eigenen Tiefsinn und Heroismus kommt natür-
lich nicht ohne Verachtung für die stumpfen Massen, die oberflächli-
che Gesellschaft, die wahre Werte vergessen habe und überhaupt das
große Ganze vernachlässigt, auskommen. "Für viele bedeutet Natur
nur noch der Rasen vor ihrem Haus, die Bäume am Straßenrand und sich
an einzelne Elemente als Accessoires und Tischdekoration zu erfreuen.
Wilde Natur erleben nur wenige, die wirklich nach ihr suchen. Und noch
weniger können sie wirklich voll und ganz erleben. Vor allem in den Städ-
ten aber nicht nur da werden unsere Sinne so sehr mit Reizen überflutet,
dass die kleinen Reize der Natur uns gar nicht so bewusst auffallen. Doch
mit nur wenig Strom um dich herum, deinem Zuhause mitten in einem
teilweise 12.000 Jahre alten, nicht industrialisierten Wald, entdeckst du
nach und nach die Wunder dieses Planeten und des Lebens." Während
die kleine Elite das Wilde zu erleben wagt, findet der reizüberflute-
te Rest, es gibt Interessanteres, als Ameisenbeobachten und sieht in
der Stromversorgung einen Beitrag zur Lebensqualität. Wer wird es
ihnen verübeln? Domino natürlich, denn er sucht das innere Erleb-
nis in der Gefahr. Gewitter setzen dich etwas auf Adrenalin, denn du
weißt, du bist nicht sicher hier draußen, aber das macht dir keine Angst,
denn du spürst das Leben und genießt es in jedem Augenblick." Gute Idee,
könnte nämlich dein letzter sein. "Und wenn du morgens mit der Sonne
aufstehst bist du immer wieder aufs Neue beeindruckt von der Ruhe eines
kühlen Morgens, wenn selbst das Gras noch zu schlafen scheint unter
einem frischen Taumantel." Guten Morgen, Sonnenschein, nein, du
darfst nicht traurig sein. "Und die Freude, wenn du nach einem langen
Winter die erste Blume entdeckst. All diese Details und Faszinationen und
Schönheiten lassen dich spüren, dass es nicht viel zum Leben braucht um
glücklich zu sein." Richtig so, es sind nicht materielle Dinge, die uns
glücklich machen, liebe Hartz IV-Empfänger und Lohnabhängige!
Allerdings muss man irgendwie durch den Winter kommen, um da-
nach die erste Blume zu entdecken.
"Es kommt mir ganz klar und offensichtlich vor, wie bescheuert diese
Zivilisation doch ist und doch leben die meisten von uns immer noch
vollkommen entfremdet von ihrem eigenen Leben." Ganz offensichtlich
kommt es ihm vor, dass das größte Problem an unserem Leben die
Entfremdung davon ist. "Wir überlassen [...] unsere Gesundheit der
Pharmaindustrie, unsere sozialen Konflikte der Polizei" - und verlernen
alte Künste der Selbstheilung und Selbstjustiz!
Die Suche nach dem "Wirklichen" führt unseren Waldgänger in trü-
bes Gewässer: "Dieses Gefühl, dass Papa Kapitalismus für dich sorgt, er-
spart dir die wirklichen, zwischenmenschlichen Beziehungen, gaukelt dir
Liebe und Fürsorge vor, wo eigentlich nur Gier und Geiz dahinter stehen."
Hier trifft sich alles. Moralische Kapitalismuskritik trifft auf Vorstel-
lungen von "wirklichen" zwischenmenschlichen Beziehungen, die
irgendwie unverdorben, rein und uneigennützig sein müssen. Doch
irgendwie entdecken wir die Sucher*innen nach wirklichen Bezie-
hungen, wahren Bedürfnissen und gänzlich unentfremdeten Leben
meist dort, wo es Kämpfe, Aufopferung und Verzicht gibt. Der Weg,
vom linken Moralismus über kulturpessimistische Litaneien hin zum
elitären Dünkel der wenigen Mutigen, ist vollendet. Auf einmal steht
man doch neben Herrn Sloterdijk und Sarrazin und ist empört über
Antriebslosigkeit und Passivität, Bequemlichkeit und Verweichli-
chung. Zerbricht sich den Kopf darüber, wie man diese Herdentiere
von der Fernsehcouch ins risikoreiche, aber wirkliche Leben treiben
könnte. Fernsehgerät wegnehmen, Strom abschalten, Bezüge strei-
chen - dann ist Schluss mit Reizüberflutung, und mit Lustig sowie-
so-? Ach, Fragen über Fragen!
Nein, natürlich will man nicht dasselbe. Nicht ganz. Domino will,
dass Menschen das Überleben in "wirklicher", also möglichst wilder
Natur lernen, Sloterdijk und Sarrazin wollen die Überlebensprobe in
der ungezähmten Marktwirtschaft, das abenteuerliche Herz eines
anderen berühmten Waldgängers schlug für Stahlgewitter. Doch bei
allen Differenzen ist man sich einig, dass die abgestumpfte Mehrheit
es viel zu bequem hat, und für ihre profanen materialistischen Inter-
essen die Verachtung der elitären Draufgänger verdient hat. Kostpro-
ben aus dem Hambacher Forst gefällig?
"Ich begegne RWE Arbeitern (es sind alles männlich wahrgenommene Per-
sonen) und weißen Range Rovern der privaten Securityfirma. Sie machen
sich daran, die wertvollen Hauptstämme der Bäume weg zu schaffen. Diese
werden ihnen noch jede Menge Geld einbringen. In ihren Augen ist das nur
Ware und Geschäft. Und auch wenn ich mir viele Verhaltensweisen erklä-
ren kann (was sie wohlgemerkt nicht rechtfertigt) steigt in mir tiefe Ver-
achtung empor. Sie pöbeln mich an, weil ich vermummt bin, doch ich habe
keine Lust darauf einzugehen und verschwinde im Unterholz, wo ich si-
cher sein kann ihnen nicht weiter zu begegnen, da sie immer auf den
offiziellen Wegen bleiben."
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