(de) FdA/IFA - Gai Dào #44 - 3. Libertäre Medienmesse -- Drei Tage Messe, Austausch, Diskussion und Kontakte knüpfen im Herzen des Ruhrgebiets Von: Frank Tenkterer und Koshara

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Wed Aug 27 15:30:46 CEST 2014


In der Zeit vom 29. bis zum 31. August 2014 findet in der Zeche Carl (Essen) die bereits 
dritte Libertäre Medienmesse (LiMesse) statt. Damit hat sich die LiMesse im besten Sinne 
des Wortes im Ruhrgebiet etabliert. ---- Was ist die LiMesse eigentlich? ---- Auf der 
LiMesse haben unterschiedliche libertäre Verlage sowie Schriftsteller*innen, Projekte und 
Initiativen eine gute Möglichkeit, sich und ihre neuesten Werke oder Ideen zu präsentieren 
und vorzustellen. Begleitet wird die Messe von einem Rahmenprogramm bestehend aus 
Vorträgen und Diskussionsmöglichkeiten zu unterschiedlichen libertären Themen, aber auch 
für das leibliche Wohl ist gesorgt. Sinn und Zweck der LiMesse ist zum einen die 
Verbreitung libertärer Literatur, denn natürlich ist es schöner die Bücher in Natura zu 
sehen, als sich suchend durch das Internet zu wühlen. Zum anderen hat die LiMesse aber 
auch einen anderen sehr wichtigen Aspekt, denn sie bietet die Möglichkeit sich mal 
persönlich zu treffen, auszutauschen, anzuregen und zu vernetzen, wie ein besonders 
hervorzuhebendes Beispiel weiter unten zeigen wird. Es hat sich unbeabsichtigt 
eingebürgert, dass die LiMesse im jährlichen Wechsel mit der Anarchistischen Buchmesse in 
Mannheim stattfindet.

Aber nun zur Geschichte:

Die erste LiMesse fand 2010 im damals frisch umgebauten Druckluft
in Oberhausen statt. Diese Messe hatte, nicht nur weil sie erstmals
stattfand, sondern auch wegen der neuen Räumlichkeiten, den abso-
luten Charme einer Erstlingsveranstaltung. Die Räume waren noch
kahl und weiß, die Beleuchtung nicht installiert und am Samstag fiel
der Strom immer wieder minutenweise aus. Trotz all der vielen klei-
nen Pannen, von denen man als Gast jedoch nicht viel mitbekam,
war die Stimmung gut. Die zahlreichen Veranstaltungen, die wie
immer bei solchen Ereignissen, zu kurz waren und oft gleichzeitig
liefen, waren alle gut besucht und auch das Wetter spielte mit, so-
dass mensch bei herrlicher Septembersonne und einer guten Tasse
Café Libertad (CLK) auf dem Außengelände relaxen, klönen, lesen
und netzwerken konnte. Die zweijährige Wartezeit wurde von der
Anarchistischen Gruppe Mannheim (AGM) mit der Anarchistischen
Buchmesse sehr gut gefüllt. 2012 ging dann die LiMesse zum zwei-
ten Mal an den Start. Diesmal in Bahnhof Langendreer (Bochum),
einem der ältesten soziokulturellen Zentren des Ruhrgebiets. Die
teilnehmenden Verlage, Projekte und Initiativen verteilten sich auf
zwei Ausstellungsräume. Neben der zahlreich ausgestellten Medien,
die für die geistige Nahrung sorgten, gab es auch hier ein buntes Ver-
anstaltungsprogramm und auch für das leibliche Wohl wurde mit ve-
ganer Küche und dem bereits im Vorjahr ausgeschenktem Café vom
CLK sowie anderen Getränken gesorgt. Und so lasen und netzwerk-
ten sie auch diesmal und in einem Fall so gut, dass es hier besonders
hervorgehoben werden soll. Damals lud eine kleine Initiative zur
Gründung einer Anarchistischen Föderation im Rhein/Ruhr Gebiet
auf die LiMesse ein, dieser Einladung folgten rund 50 Menschen, um
sich zu vernetzen, kennen zu lernen und gemeinsam etwas aufzubau-
en. Aus diesem etwas ist nun über die zwei Jahre die Anarchistische
Föderation Rhein/Ruhr (AFRR) entstanden. Sechs Gruppen und viele
Einzelmitglieder sind in der AFRR föderiert und haben gemeinsam
einiges geleistet. Weitere Gruppen stehen mit der AFRR in Kontakt.
Besucher*innen, die am Samstag lange genug auf der Messe blieben,
durften spontan mit anpacken als es hieß, der große Saal müsse für
die abendliche Party (die leider nichts mit der LiMesse zu tun hatte)
geräumt werden.

Da die Organisation einer solch großen und möglichst abwechs-
lungsreichen Veranstaltung sehr viel Zeit (die privat investiert wird),
Energie und Aufwand kostet, war nach der zweiten LiMesse erst mal
überhaupt nicht klar, ob die alte Crew auch noch eine dritte LiMesse
organisieren würde. In der Zwischenzeit organisierte die Anarchis-
tische Gruppe Mannheim 2013 die zweite Anarchistische Buchmesse
und auch wenn es zwischen den beiden Gruppen nicht abgesprochen
war, schien sich so eine Art Muster zu ergeben

Und heute?

Am Ende waren es die "Jüngeren" die es noch einmal schafften die "Äl-
teren" für eine dritte LiMesse zu begeistern, die Orga-Crew machte sich
zusätzlich aktiv auf die Suche nach frischen Leuten, die sie in diesem
Jahr unterstützen und in zwei Jahren auch ganz übernehmen könnten.
Nun denn es hat funktioniert und die LiMesse geht in der Zeche Karl
in die dritte Runde, mit teilweise neuer Orga-Crew und erstmalig mit
einem Motto: Frauen.Arbeit.Migration.

So sehr diese Begriffe zusammen hängen, so gut können sie, wegen ih-
rer Aktualität, auch für sich allein stehen, jeder birgt für sich das Po-
tenzial für spannende und abwechslungsreiche Veranstaltungen unter
den unterschiedlichen Aspekten. Aus eben diesem Grund stellten die
Organisator*innen es den Verlagen und Projekten frei, wie sie diese/s
spannende und auch spannungsgeladene Themengebiet/e umsetzen
möchten. So kam es, dass es im Rahmen der Veranstaltung Platz für
Veranstaltungen entstand, die auf den ersten Blick nichts mit dem Mot-
to zu tun haben. Dieser Themenkomplex war längst überfällig, dabei
ist das Ruhrgebiet der Ideale Ort, denn immerhin ist diese Region seit
150 Jahren sowohl von "Arbeit" als auch von "Migration" stark geprägt.
Hier leben aktuell Menschen aus über 170 Ländern der Welt. Die Region
stellt sich dabei sowohl als das dar was Soziolog*innen "mixed salad"
nennen, als auch einen "melting pot". Was bedeutet das die Menschen
hier, zum Teil in einem konservativen Sinne, ihre "kulturellen Eigen-
heiten" pflegen und augenscheinlich nebeneinander her leben oder, im
Sinne eines "melting pot", ganz innovativ neue Verbindungen eingehen.

Nicht nur im Ruhrgebiet spielten Frauen schon immer eine große Rolle,
sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Migration waren sie immer prä-
sent. Leider wurde ihre Geschichte lange Zeit ganz totgeschwiegen und
auch heute wird sich viel zu wenig mit der Rolle der Frauen insbesonde-
re in diesen Themenbereichen beschäftigt. So interessant die Geschich-
te von Migration und Arbeit von Frauen im Ruhrgebiet ist, so spannend
ist die Gegenwart! Denn diese ist ebenfalls von Migration, Arbeit und
Benachteiligung geprägt. Bis heute werden Frauen oftmals mehrfach
unterdrückt und ausgebeutet. Durch die Familie oder die "Gefahr" ei-
ner Schwangerschaft haben sie in vielen Fällen schlechteren Zugang
zu Bildung und Ausbildung und sind auf dem Arbeitsmarkt entspre-
chend benachteiligt. Oft begegnet uns aber auch eine andere Form von
Arbeitsmarktdiskriminierung und diese zeichnet sich insbesondere im
schlechteren Lohn für dieselbe Arbeit wie ein Mann sie machen würde,
und das trotz gleicher Qualifikation aus. Dabei wäre es ein Trugschluss
zu glauben, dass es sich hierbei um Arbeitsplätze handelt, wo reine kör-
perliche Kraft gefragt sei. Als Migrantinnen sind Frauen einer besonde-
ren strukturellen Diskriminierung ausgesetzt, denn neben ihrem Frau
sein, wird auch ihr anders sein zum Problem gemacht. So bekommen
Frauen mit offensichtlichen Migrationshintergrund deutlich schlechter
einen Arbeitsplatz als Frauen ohne, ihnen wird der Zugang zu allen
möglichen Bereichen der Gesellschaft erschwert oder gar faktisch ganz
verweigert. Das sind nur einige Probleme, die hier aufgeführt werden,
Es gibt also im Hier und Jetzt mehr als genug Punkte, an denen wir
anfangen können und müssen Widerstand zu organisieren.

Als kleine Anekdote am Rande und zum Abschluss des Artikels: 2002
fand in der Zeche Carl die "International Solidarity Conferenc" (I02)
statt. Der I02 war nicht nur die direkte Nachfolge des I99(1) in Seat-
tle (bekannt geworden als "Rückkehr" der sozialen Bewegungen) son-
dern auch eine weiteres wichtiges Treffen von gewerkschaftlichen
Basisaktivist*innen aus dem anarchistischen und antiautoritärem
Spektrum. Teilnehmer*innen aus Europa, Nordamerika, Asien und
Australien waren anwesend und haben über eine langes Wochenende
hinweg diverse Themen diskutiert, Kontakte geknüpft und sich ausge-
tauscht.* In diesen "geschichtsträchtigen" Hallen findet nun also die
dritte LiMesse statt.

(1) 2007 fand dann in Paris der I07 unter dem Motto "Eine andere Zukunft ist mög-
lich" statt. Den Abschluss dieses Treffens, an dem diesmal auch Arbeiter*innen
aus Afrika und Südamerika teilnehmen konnten, bildete der anarcho-syndika-
listische Block auf der 1.-Mai-Demonstration.

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