(de) FAU-IAA - Direct Action #224 - Blinder Schacht -- Sozialkrimi aus China über eine perfekte Geschäftsidee
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Mon Aug 25 13:48:03 CEST 2014
Eine karge, kalte und trostlose Felsenlandschaft in Nordchina. Vor einem genauso karg,
kalt und trostlos aussehenden Gebäude, das zu einem Förderturm führt, stehen Bergarbeiter
und rauchen eine letzte Zigarette, bevor sie in die Kohlemine hinabfahren. Die gleißende
Helligkeit des winterlichen Tageslichts weicht schon bald allumfassender Dunkelheit, in
der lediglich die flackernden Grubenlampen Licht spenden. Was anfangs, vor Einblendung des
Filmtitels, aussieht wie eine Reportage über chinesische MinenarbeiterInnen und die
schlechten Arbeitsbedingungen in den Bergwerken, wird bald schon zum tiefschwarzen Krimi.
---- IM NORDEN CHINAS HERRSCHE AN ALLEM EIN MANGEL, SO EINER DER MINENBESITZER IM LAUFE
DES FILMS, AUSSER AN MENSCHEN ---- Weit weg von ihren Heimatdörfern und ihren Familien
ziehen Song Jinming (Li Yixiang) und Tang Zhaoyang (Wang Shuangbao) als Wanderarbeiter von
Bergwerk zu Bergwerk. Um ihren Lohn aufzubessern, haben die beiden eine mörderische
Geschäftsidee entwickelt:
Sie rekrutieren und ermorden naive junge Männer, die auf Arbeitssuche sind, indem sie
ihnen erzählen, dass sie drei lukrative Jobs im Bergwerk an der Hand hätten, für sich und
einen Verwandten. Dieser sei jedoch leider noch nicht eingetroffen, so dass ein Platz frei
wäre. Also könnten sie den Arbeitsplatz nun anbieten, einzige Bedingung: Die Opfer müssen
sich als der vermisste Familienangehörige ausgeben. Nach einigen Tagen Arbeit in der Mine
erschlagen sie ihre Opfer und bringen danach den Stollen zum Einsturz, um das Ganze nach
einem Unglück aussehen zu lassen. Von den Besitzern der Mine fordern sie anschließend eine
Entschädigung für den Tod ihres ,,Familienangehörigen", sonst würden sie den Vorfall bei
den Behörden melden. Da viele Bergwerke am Rande der Legalität arbeiten und die
Sicherheitsstandards nicht einhalten, haben die beiden damit ein leichtes Spiel.
Schweigegeld zu zahlen ist schließlich allemal billiger als eine offizielle Untersuchung
zu riskieren oder die Erpresser umbringen zu lassen. Zu Beginn des Filmes sehen wir die
beiden mit ihrem aktuellen Opfer, Tangs angeblichem Bruder Chaolu, den sie völlig
ungerührt mitten in einem ,,freundschaftlichen" Gespräch im Stollen mit der Spitzhacke
erschlagen.
blinderschacht2.jpgLi Yangs Film wirft ein Schlaglicht auf das heutige China und zeigt
exemplarisch seinen brutalen Wandel in eine kapitalistische Gesellschaft. In diesem in
"Blinder Schacht" aufgezeigten Klima sind keine persönlichen Bindungen oder gar
Freundschaften möglich. ,,Blinder Schacht", der in Deutschland koproduziert wurde, hat bei
der Berlinale 2003 einen Silbernen Bären gewonnen, in China wurde er verboten.
"Doch leider sind auf diesem Sterne eben Die Mittel kärglich und die Menschen roh.Wer
möchte nicht in Fried und Eintracht leben? Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!"
(Dreigroschenoper/Brecht)
Nachdem die beiden das Geld kassiert und an ihre Familien geschickt haben, machen sie sich
auf die Suche nach dem nächsten ,,Verwandten". Am Bahnhof entdecken sie ein potenzielles
Opfer, Yuan (Wang Baoqiang), einen 16-jährigen Jungen vom Lande, der auf Arbeitssuche ist,
um sich das Geld für eine weiterführende Schule zu verdienen. Song hat in diesem Falle
Bedenken, nur äußerst widerwillig stimmt er dem Mordplan zu: Yuan könnte sein Sohn sein.
Aber Tangs Argument - ,,tötest du ihn nicht, kannst du deinen Sohn nicht auf die Schule
schicken, und er wird werden wie er und schuften müssen" - kann Song nichts
entgegensetzen. Yuan folgt seinen ,,Onkels" arg- und ahnungslos in die schmutzige, vom
Minenbesitzer zur Verfügung gestellte Unterkunft, in der die Lebensmittel an der Decke
befestigt werden müssen, damit sie nicht von Ratten gefressen werden, und an der die Wände
notdürftig mit Zeitungspapier als Tapete überklebt sind. Das Mordkomplott zieht sich in
die Länge, Song hat Mitleid mit dem Jungen und will ihm zumindest noch einige schöne Tage
bescheren. Tang ist einverstanden, und so nehmen sich die beiden ,,Onkels" ihres Neffen
an. In den folgenden Sequenzen erhalten wir einen fast schon dokumentarischen Eindruck vom
Leben in den Provinzstädten des Nordens, in das Li Yang seine Protagonisten eintauchen
lässt. Song und Tang gehen mit Yuan essen, ins Badehaus und schließlich ins Bordell, weil
er nicht sterben soll, ohne zumindest einmal Sex gehabt zu haben.
Zurück im Bergwerk geht es ein letztes Mal hinab in den Schacht, wo Songs weiches Herz dem
Mörderpaar zum Verhängnis wird. Zum Schluss wird eine Leiche in den Verbrennungsofen
geschoben, Rauch kommt aus dem Schornstein des Krematoriums. Yuan ist davongekommen und
zieht weiter.
Karin Hoog
Blinder SchachtHongkong / China / Deutschland 2002 Originaltitel: Mang Jing / Blind Shaft
Regie: Li Yang - Darsteller: Li Yixiang, Wang Shuangbao, Wang Baoqiang, An Jing, Bao
Zhenjiang, Sun Wei, Wang Yining, Zhao Junzhi, Liu Zhenqi, Zhang Lulu - Länge: 92 min.
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