(de) FAU-IAA - Direct Action #224 - Gesichter der Revolution -- Über die Bedeutung von Wandgemälden und Graffiti

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Wed Aug 20 17:04:55 CEST 2014


Als zum zehnten Todestag von Sean McGuffin (1942-2002) 2012 im Bogside Viertel des 
nordirischen Derrys die bekannte, seit Januar 1969 benutzte Parole "You are now entering 
free Derry" schwarz und rot untermalt wurde, war das in mehrerer Hinsicht bemerkenswert: 
Vermutlich hätte es McGuffin weniger trocken rübergebracht und würde trotzdem nicht 
widersprechen: Wie kein anderer lebte er als Anwalt und Schriftsteller (u.a. Edition 
Nautilus "Der Hund", "Der fette Bastard") eine impulsive Verbindung zwischen irischem, 
antibritischem Befreiungskampf und Anarchismus. So war er eines von etwa 20 Mitgliedern 
der 1968 entstandenen Belfast Anarchist Group, einem Vorläufer der inzwischen gewachsenen 
und sehr lebendigen anarchistischen Bewegung, sowohl in Nordirland als auch in der 
Republik. - Heute gibt es eine ganze Reihe von Gruppen der Workers Solidarity Movement und 
der Solfed Ireland, dazu lokale Gruppen wie die Derry Anarchists, die neben vielem anderen 
mit dieser Würdigung Mc Guffins aktiv waren.

  Die Untermalung der Parole macht aber auch deutlich, welche enorme Aussagekraft ein 
einziges Wandbild entfalten kann.In Irland sind Wandbilder Erinnerungen an die vielen 
Getöteten im Unabhängigkeitskrieg und an das Leid etwa während des Hungerstreikes im 
Internierungslager Long Kesh ebenso wie Mahnung, den Kampf sozial und politisch 
weiterzuführen.Natürlich dürfen Mittel und Inhalt nicht verwechselt werden. Wandgemälde 
können und werden ebenso von reaktionären rechten Gruppierungen benutzt, in Nordirland zum 
Beispiel von den offiziell verbotenen Ulster Defense Association (UDA) und Ulster 
Volunteers Force (UVF), die damit ihre gewollt pro britischen, fanatisch protestantischen 
und möglichst weißen Stadtteile und Dörfer eingrenzen, aus denen sie KatholikInnen und 
MigrantInnen mit Gewalt zu vertreiben suchen.Während Wandgemälde in Nordirland zeigen, wer 
das Gebiet kontrolliert, sind sie anderenorts im öffentlichen Raum oft umstritten.

In Newport, Wales, gingen zum Beispiel im Oktober 2013 mehrere hundert Menschen auf die 
Straßen, um gegen die Zerstörung eines Wandgemäldes zu protestieren, das einen Marsch der 
ChartistInnen von 1839 zeigte, eine Art frühe BürgerInnenrechtsbewegung, die damals in 
Newport von SoldatInnen angegriffen wurde. Trotz des Protestes musste das Bild einem 
Shopping Center weichen. Szenenwechsel: Wandgemälde und Graffiti in Kairo und anderen 
ägyptischen Städten waren und sind die Gesichter der Revolution, die Mubarak stürzte, des 
arabischen Frühlings seit 2011. Ähnliche Wandbilder entstanden in allen von Aufständen 
betroffenen Staaten der Region. Doch viele Bilder der RevolutionärInnen in Kairo werden 
von ihren GegnerInnen wieder übermalt oder abgewaschen. Dafür entstehen sie oft erneut, 
werden abgewandelt und weitergeführt, auch solche beeindruckenden wie das von Shaza Khaled 
und Aliaa El Tayeb in der Mohamed Mahmoud Straße. Es zeigt einen griechischen Aktivisten 
mit schwarz-roter anarchistischer Fahne, der mit einer Ballerina auf der Straße tanzt. 
Bilder und Parolen strahlen ins Leben, in den Alltag aus, sollen zur Diskussion anregen 
und tun dies meist auch. Wie ein Aktivist aus Kairo sagt: "Ich bin kein Künstler, ich bin 
nicht unbedingt besessen von Pinseln und Bildern. Ich bin ein menschliches Wesen, das eine 
Idee mit einer bestimmten Methode vermitteln will.  Nicht mehr, nicht weniger. Dies ist 
keine Ausstellung. Die Bilder gehören den Menschen auf den Straßen. Ihr werdet die 
Fußballfans der Ultras (von Cairos al-Ahly Football Club) sehen, für die diese Wandgemälde 
die Gedenkorte für ihre getöteten FreundInnen sind. Viele Leute, die vorbeigehen, beten 
für die MärtyrerInnen und ihre Eltern und Geschwister.

Es geht um weit mehr, als KünstlerInnen das Bemalen von Wänden im Stadtzentrum zu 
erlauben."In der Tat geht es oft auch darum, unterdrückte Informationen zu 
veröffentlichen. Besonders die allgegenwärtige Gewalt gegen Frauen wird thematisiert, die 
sich im Zuge der Revolution emanzipierten. Etwa der Kampf vor Gericht gegen Folter an 
Demonstrantinnen. Einige Bilder wie die beschriebene Balletttänzerin lassen eine Nähe zu 
der im Mai 2011 gegründeten Libertären Sozialistischen Bewegung vermuten, wie auch zum 
anarchistischen Schwarzen Block, der am Sturz Mursis beteiligt war, sich nun aber dem vom 
erstarkten Militär zurückeroberten Staat General al-Sisis gegenübersieht.  Es ist nicht 
nur das Bild, sondern genauso ein bestimmtes Haus, eine bestimmte Wand, die entscheidet, 
wie groß die Wirkung ist. So sprechen beispielsweise die Bilder auf der Mauer, mit der der 
Israelische Staat missliebige PalästinenserInnen aussperrt, alleine schon durch den Ort 
Mauer für sich. Oder in Brasilien die Bilder, die in den Städten der Fußball-WM die 
soziale Ungleichheit aufzeigen. Entsprechendes gilt auch für Deutschland, woran schon ein 
kleiner Spaziergang im Berliner Mauerpark erinnern kann. Aber auch Rote Flora und die 
vielen (ehemals) besetzten Häuser grüßen mit ihren Bildern und Aufrufen. Graffiti und 
Wandgemälde sind Erinnerungen, Würdigung, Dokumentation stattgefundener Kämpfe und 
AktivistInnen, vor allem aber Aufklärung und Aufruf. Revolutionäre Inhalte dringen ins 
Bewusstsein vor, und Bilder werden so zu Mitteln der Veränderung, wirken für soziale 
Umwälzungen wie Enteignungen des privatisierten Eigentums für die Allgemeinheit und 
Kollektivierung. Doch diese wirklich grundlegenden Veränderungen selbst stehen noch aus, 
in Irland, in Ägypten, hier sowieso: Die bisherigen Erfolge der Kämpfe sind so unvollendet 
und angreifbar wie die Bilder, die sie zeigen.

Oliver Steinke


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