(de) FAU-IAA - Direct Action #224 - Kolumne Durruti
a-infos-de at ainfos.ca
a-infos-de at ainfos.ca
Tue Aug 5 11:00:33 CEST 2014
Max Weber definierte "Herrschaft" als die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts
Gehorsam zu finden. Auch Erziehung ist herrschaftlich, indem sie auf Normierung zielt und
F olgsam keit erwartet. "Fass nicht in den Toaster", "Trag beim Fahrradfahren einen
Helm!", so lauten Aufforderungen an Kinder, die an Folgsamkeit appellieren. Auch wenn sie
gut gemeint sind: Befehle und Herrschaftsfreiheit, also Erziehung und Anarchismus
schließen sich aus. Sollten nun alle, die nach Herrschaftsfreiheit streben, ihre Kinder
vor Autos laufen lassen? Mit dieser Frage sind wir mitten drin im Dilemma der auf
Herrschaftslosigkeit zielenden Praxis, denn unsere Umwelt entspricht den Kindern nicht,
hat keinen Schonbezug, keinen Ausschalter, kaum Wattepolster und offenbar ziemlich wenige
Schutzengel. Und so kommt auch ein anarchistischer Ansatz nicht umhin, einzugreifen in die
Situationen und Entwicklungsphasen unserer Kinder. Als Vater laufe ich meinen Ansprüchen
an herrschaftsfreie Kommunikation ständig zuwider, dabei wollte ich eigentlich nur ein
Begleiter sein. Würde ich meine Kläglichkeiten auf einen Haufen werfen, ließe sich darauf
eine Terrasse bauen (mit Aussicht!). Widersprüche lauern überall, auch weil wir in einer
kapitalistischen Gesellschaft leben, da gilt der Satz aus Adornos "Minima Moralia": "Es
gibt kein richtiges Leben im falschen".
Als Anarchist_innen und Syndikalist_innen sind wir bemüht, unsere Kinder vor kapitalis
tischen Manipulationen zu bewahren, was kaum gelingt, weil die schöne Welt der Waren mit
Angeboten lockt, die Jugendlichen auf die Schnelle eine strahlende Persönlichkeit
verheißen. Das Marketing wirkt, kapitalistische Werte wie Konkurrenz und Leistungsstreben
werden verinnerlicht und für selbstverständlicher gehalten als Solidarität und
Selbstdenken. Kapitalistische Subjektivierung zielt darauf, für den Kapitalismus
verwertbare und sich freiwillig unterwerfende Persönlichkeiten zu erzeugen, die das
Bestehende konsumieren, nicht aber eigenständig gestalten. Wir dagegen wollen unsere
Kinder nicht zu warenförmigen Subjekten verkommen lassen, die ihren Lebenssinn im Konsum
,angesagter' Smartphones und Markenprodukte entdecken, sondern wir nehmen Einfluss, sei
es, dass wir als Eltern kritische Diskussionsanreize schaffen oder ganz direkt, indem wir
argumentativ Stellung beziehen. Allerdings lässt sich diese Einflussnahme ebenfalls als
hierarchisch verstehen, denn wir spielen uns als Erwachsene aus, bringen (unbewusst) ein
,Mehr' an Wissen und unsere Kommunikationsfähigkeit zur Geltung. Andererseits können wir
gewiss sein: Wenn wir keinen Einfluss ausüben, macht es die kapitalistische Gesellschaft.
Angesichts des klaffenden Widerspruchs zwischen dem Anspruch auf Intervention und dem
Anspruch auf Herrschaftsfreiheit scheint es tatsächlich kein richtiges Leben im falschen
zu geben. Trotzdem können wir immer neu beginnen, bei uns selbst und im Umgang mit unseren
Kindern: mit der Stärkung einer kritischen Sicht auf die Gesellschaft, aber ebenso mit dem
Aufbau von Solidarität statt Konkurrenz, mit der Förderung von Selbstorganisation aber
auch Verantwortlichkeit fürs Lebenskollektiv, mit der Verbreitung emanzipativer und
entscheidungsoffener Räume, in denen selbstbestimmtes Lernen praktiziert wird, und mit
jeder Unterstützung von Selbstdenken und Autonomie. Es gibt kein richtiges Leben im
falschen, doch vielleicht können wir es schaffen, nicht alles völlig falsch zu machen.
Ralf Burnicki
More information about the A-infos-de
mailing list