(de) FAU-IAA - Direct Action #222 - Kolumne Durruti -- Alltagsgeschichten aus dem real existierenden Kapitalismus by Tony Bowden (CC BY-SA 2.0)

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Mon Apr 28 11:39:17 CEST 2014


Ich hatte dröhnende Kopfschmerzen. Migräne - kein Wunder zu dieser Zeit. Ich und die alles 
erdrückende Migräne begaben uns auf die Notfallstation des Universitätsspitals. Dort ist 
der Zugang zu abhelfenden Chemikalien um einiges schneller als beim Hausarzt. Item1, ich 
war da auf jeden Fall auf einem unbequemen Stuhl in der Notfallaufnahme, hatte noch halb 
Kopfschmerzen, halb war ich schon daran auf einer flauschigen Wattewolke gegen die 
Zimmerdecke zu schweben, als ich ein Gespräch mitanhörte. Es war ein 
GastarbeiterInnenpaar, dem Akzent nach aus dem Billiglohnland im Norden, aber wieder item, 
das spielt keine Rolle. Auf jeden Fall waren sie in einem lebhaften Gespräch mit einer 
Pflegerin. Es ging offenbar um eine bald bevorstehende Geburt und die Pflegerin fragte so 
Fragen, die halt so gefragt werden, wenn eine bürokratische Care-Institution sich gegen 
alle Eventualitäten absichern will.

Dann kamen noch ein paar Fragen zu Wehenintervallen oder so, das habe ich dann nur so 
teilweise verstanden, denn anscheinend immer dann wenn sich meine schöne Wolke in Luft 
auflöste und die Migräne zurückkam, schien die Frau wieder Wehen zu haben. Item. Ich war 
offenbar nicht die einzige Person mit einem Gehör für Akzente, denn die Pflegerin stellte 
plötzlich so fragen nach Herkunft: "Entschuldigen Sie, aber mit ihrem Akzent, da können 
Sie keine Schweizer sein." Die Frau "nnnggg... Nein... Wieso?" "Es tut mir ja schrecklich 
leid, aber wir müssen das schon länger immer fragen. Erst wegen den Illegalen und jetzt 
wegen den Kontingenten. Wo sind sie denn her?" "ffffff...a-a-aus Deutschlandfff...fff" Und 
ihr Mann fügte an: "Aber wir wohnen schon seit fünfzehn Jahren in der Schweiz und arbeiten 
hier." Worauf die Pflegerin mit gefühlsloser Einfühlsamkeit meinte: "Das spielt keine 
Rolle. Sie haben keine andere Staatsbürgerschaft?" Die Frau verursachte bei mir einen 
neuen Migräneschub und der Mann antwortete: "Nein, wieso?" "Das Problem ist, sie sind 
Deutsche und wollen hier bei uns ein Kind bekommen."

"Ja, und?" "Die Datenbank meldet mir, dass die Kontingente für Deutschland bereits 
ausgeschöpft sind." "...das heißt?" "Sie können ihr Kind hier nicht bekommen, weil sonst 
wäre ein deutscher Staatsbürger - es wird doch ein Junge nicht wahr? Gratuliere! - zu viel 
in der Schweiz." Die Frau und der Mann starrten zuerst sich ungläubig an und dann die 
Pflegerin. Diese fuhr fort: "Sie wohnen doch hier seit Jahren nicht wahr? Dann wissen Sie 
sicher auch von der Massengebärinitiative. Die legt fest, dass nur eine bestimmte Anzahl 
Geburten von Ausländern in der Schweiz passieren dürfen. Wo kämen wir sonst hin mit 
unserem kleinen Land?" "Ja, aber..." versuchte der Mann ein Argument vorzubringen, während 
er auf seine Frau zeigte. Jäh unterbrach ihn die Pflegerin: "Nichts aber, der 
Gebärmuttermund von Ausländerinnen ist, seit der Annahme der Initiative, Außengrenze. Da 
ist nichts zu machen, außer natürlich es ist ein eingebürgerter Gebärmuttermund." Die Frau 
schrie, meine Wolke wurde schwarz und es schlugen Blitze aus ihr, die Kopfschmerzen wurden 
bestialisch. Und dann, dann wachte ich auf. Schweissgebadet. Kopfschmerzen hatte ich 
keine, bis ich die Zeitung aufschlug und Berichte über die Schuld der Ausländer an der 
Wohnungsnot las. Ohne Ausweg, dachte ich, egal ob du träumst oder nicht, die gleiche 
Scheiße. Zum Glück habe ich ja noch einen anderen Pass, zum Glück habe ich auch noch die 
italienische Staatsb... Und aus den Kopfschmerzen wurde eine Migräne.

Celestino Della Morte

[1] ? Berndeutsch für "sei es wie es will"


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