(de) FdA-IFA - Gai Dao #40 - Science-Fiction und Anarchie - Teil 3 -- Jules Verne - ein Autor ohne Gott und Herrscher -- Jean Chesneaux (in: Tierra y Libertad) / Übersetzung: jt (afb)

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Sat Apr 26 14:10:35 CEST 2014


Vorwort der Redaktion: Mit diesem Text setzen wir die in der Februarausgabe der Gaidao 
begonnene Reihe zu "Science-Fiction und Anarchie" fort. Den vorliegenden Text haben wir 
einer Publikation des anarchistischen Verlages "Editorial Acracia" aus dem chilenischen 
Valdivia von 2013 entnommen, die den Text wiederum aus Tierra y Libertad, der 
Monatszeitschrift der Anarchistischen Iberischen Föderation (FAIb), übernommen und 
überarbeitet hatten. Die Abhandlung beschäftigt sich mit einem der Begründer der Science 
Fiction, Jules Verne nämlich, und seiner Beziehung zum Anarchismus seiner Zeit. ---- Am 
24. März 1905 starb, 77-jährig, einer der beliebtesten Schriftsteller*innen in der 
französischen Sprache: Jules Verne. Lange Zeit als Kinderautor angesehen, ging er 
allerdings nie in die Annalen der französischen Literatur ein.

In all seinen Werken ist die von diesem Visionär ersonne-
ne Gesellschaft technologisch begründet, aus ethischer Sicht jedoch
anarchistisch, vermutlich mitbeeinflusst von langen Gesprächen
mit seinem Freund Peter Kropotkin. Damit das Gesamtwerk von
Jules Verne auf sinnvolle Weise gewürdigt werden kann, muss sie
allerdings vor dem Hintergrund dreier idelogischer Strömungen im
Frankreich des 19. Jahrhunderts gesehen werden: der Solidarität zwi-
schen den Völkern, dem Saint-Simonianischen Glauben in den wirt-
schaftlichen Fortschritt und der anarchistischen Sozialkritik bis hin
zur radikalsten Ablehnung des Bestehenden.

Es war diese letzte Strömung, die Jules Verne in Richtung
der Sozialkritik und des libertären Individualismus beeinflusste. Es
handelt sich dabei um die versteckteste, die geheimste dieser Strö-
mungen. Dabei hätten wir uns womöglich mit flüchtigen Bemerkun-
gen, mit kurzen Szenen und Personen aus der zweiten Reihe, sogar
mit einfachen Schlussfolgerungen begnügen müssen, hätte Jules
Verne nicht plötzlich, am Ende seines Lebens seinen anarchistischen
Sympathien freien Lauf gelassen, wäre der Schrei "Weder Gott noch
Herrscher" nicht laut im von ihm erschaffenen Universum im Roman
"Die Schiffbrüchigen der Jonathan" erfolgt. Es handelt sich dabei um
ein posthum erschienenes Werk, das aufgrund der Intelligenz seines
politischen Denkens, mit dem er uns, in der Retrospektive, einen der
"Schlüssel" zum Verständnis seines Gesamtwerks liefert, von großer
Bedeutung ist.

In seiner Reihe der Voyages extraordinaires (Außerge-
wöhnliche Reisen) (Unter diesem Titel wurden die meisten der Roma-
ne von Jules Verne durch seinen Verleger Hetzel vermarktet: Reise- und
Abenteuerromane mit mehr oder weniger großem Science-Fiction-Anteil.
Anm. d. Ü.) zieht er gegen das Gold zu Felde, das er als fiktives Ins-
trument von Macht und Reichtum betrachtete. In "Fünf Wochen im
Ballon" stellt das Gold einen konventionellen und sehr relativen Wert
dar. Doktor Fergusson, dessen Ballon mitten in einer Wüste in Afrika
aufsetzte, beschwerte sein Luftgefährt mit enormen Säcken voll mit
goldhaltigem Quarz: Später würde das Mineral einfach über Bord ge-
worfen werden, damit das Luftschiff an Gewicht verliert und sich die
Reise verlängert.

Der einzige Fall, in dem Gold mit einer anderen Bedeutung
auftaucht, ist der Fall der spanischen Goldgaleonen in der Bucht von
Vigo (Angeblich in der Seeschlacht von Vigo 1702 gesunkene Schiffe vol-
ler Gold. Anm. d. U.), die von Kapitän Nemo dank der Nautilus wie-
derentdeckt werden und die ihm dadurch unbegrenzte Ressourcen
bescheren. In diesem Fall dient das Gold jedoch einem Mann, der mit
der Gesellschaft gebrochen hat und dem dennoch klar ist, dass er die
Unterdrückten zu unterstützen hat, und dies auch bewusst tut. Als
Beispiel sei der Fall erwähnt, bei dem Nemo einem Gesandten der
aufständischen Candiotas von 1868 eine bedeutende Summe über-
reicht.

Seine Analyse der ökonomischen Kräfte und der sozialen
Ungleichheit geht jedoch nicht darüber hinaus. Er bezieht sich prak-
tisch nicht auf die Sphäre der Produktion oder auf die Ausbeutung der
Arbeitskraft durch das Kapital, einer Idee, die zu seiner Zeit bereits
weithin bekannt war. Im Gegensatz dazu greift er jedoch das Recht
  auf Eigentum an, wenn auch auf indirekte Weise. Die Zuschreibung
  von Landbesitz an die Gold- bzw. Diamantminenarbeiter*innen, die
  Fragilität dieser Entscheidung, die Fehler, auf die sie beruhen, geben
  ihm die Gelegenheit, ganz allgemein den konventionellen Charak-
  ter - und darüber hinaus der Vergänglichkeit, der Zufälligkeit, der
  Widerrufbarkeit - des Besitzes an
  Grund und Boden darzulegen.

  Seine Sozialkritik ist
  nachdrücklich, wenn auch nicht
  dezidiert anarchistisch. Seine Un-
  zufriedenheit mit den staatlichen
  Autoritäten, der Verteilung von
  Land und der Existenz von Gren-
  zen sind da schon eher libertärer
  Natur. Jules Verne scheint den
  fragilen, strittigen Charakter von
  Grenzen und territorialer Souve-
  ränität tief zu verabscheuen. In
  "Cäsar Cascabel" wird dieses di-
  rekt im Roman thematisiert: Der
  Abtretungsvertrag von Alaska an
  die USA sowie die Übertragung
  der Souveränität tritt just an dem
  Tag in Kraft, an dem ein russi-
  scher Geächteter zur Grenze ge-
  langt, während er befürchtet der
  zaristischen Polizei in die Hände
  zu fallen.

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  "Und während sein Blick mit stolzer
  Genugtuung  das herrliche Land überflog und
  sich dann in kühner Herausforderung zu den
  Himmelshöhen erhob, brach von seinen Lippen ein
  Ruf, ein Ruf, der sich aus seinem tiefinnersten
  Sein losgelöst hatte und sein wildes Begehren
  verriet - nach Freiheit, nach absoluter,
  unbe grenzter Ungebundenheit.

  Dieser Aufschrei, er war derjenige der
  Anarchisten aller Länder und Zeiten, jene
  berühmte und berüchtigte Formel, die so
  charakteristisch ist, daß sie als landläufiges
  Synonym für die ganze Verbrüderung gilt, die
  in vier kurzen Worten alles Wissen und Streben
  dieser gefürchteten Sekte kennzeichnet.

  »Kein Gott! Kein Gebieter!«rief er mit
  Donnerstimme, während er sich von der Höhe
  seiner Klippe zu den tosenden Fluten unten
  niederbeugte und eine wilde, gebieterische
  Handbewe gung machte, als ob er die unendliche
  Welt und alles auf ihr an sich reißen wollte."
  aus: "Die Schiffbrüchigen der Jonathan"
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  Was den Nationalismus
  angeht, so hat er - von einigen patriotischen Ausfällen abgesehen -
  keinen Einfluss auf das Gesamtwerk. Die soziale Gemeinschaft, die
  von Kapitän Nemo geschaffen wurde, ist der expliziteste Ausdruck
  dieses Wunsches nach einer Überwindung der Nationalitäten. Die
  Crew der Nautilus spricht eine künstliche und unverständliche Spra-
  che, von der kurz eine Probe gegeben wird; einzig angesichts des To-
des, als eine Riesenkrake ihn verschleppt, greift einer der Seeleute zu
  seiner Muttersprache zurück, um auf Französisch um Hilfe zu rufen.

Die Richter sind formalistisch und anmaßend: Aus ihrer
  Sicht sind alle Angeklagten schuldig. Die Polizist*innen sind un-
  sympathisch und zynisch. Der Justizirrtum, häufiges Thema anar-
  chistischer Schriften der Zeit, dieses Symbol des Konflikts zwischen
  Gesellschaft und Individuum und des unsteten Charakters der etab-
  lierten Justiz, hat einen bedeutenden Platz im Universum der Voyages
  extraordinaires.

  Die Position von Jules Verne gegenüber der Kriminalität
  ist uneindeutig. Banden von Gauner*innen und Pirat*innen tauchen
  in seinen Erzählungen häufig auf, und mit sehr ungünstigen, sehr
  konventionellen äußeren Erscheinungsmerkmalen: "Abschaum der
  Gesellschaft", "Gesindel", "hartgesottene Kriminelle". Und dennoch,
  bei näherer Betrachtung, scheint nicht doch eine geheime Achtung
  des Autors vor der menschlichen Lebenskraft jener durch, die sich
  außerhalb des Gesetzes stellen?

  Der etablierten Gesellschaft mit ihren Verpflichtungen und fiktiven
  Inszenierungen stellen die Anarchist*innen "freie Gemeinschaften"
  entgegen, kleine freiwillig geschaffene Gemeinschaften auf Grundla-
  ge der Solidarität und der gegenseitigen Hilfe in der Tradition eines
  Proudhons.

  Solche Gemeinschaften treffen wir in den bekannten und
  unbekannten Welten häufig an; entstanden, gewiss, zufällig, auf-
  grund von Katastrophen oder
  Abenteuer: die Siedler*innen der
  "Geheimnisvollen Insel", deren
  Ballon von einem Sturm zerris-
  sen wird; die Besatzung des Fort
  Esperance, von der Hudson's Bay
  Company gesandt, um eine sub-
  polare Siedlung zu erreichten,
  das schließlich auf einer Eisplatte
  errichtet wird, die mit Erde be-
  deckt ist und sich schließlich un-
  umkehrbar vom Festland losreißt
  ("Auf Außenposten im Land der
  Pelze"); Hatteras und seine Mit-
  reisenden, die nahe dem Pol in ih-
  rem Eisfort überwintern ("Aben-
  teuer des Kapitän Hatteras"); die
  Kolonie des Hauptmanns Sevar-
  dac, die vom Kometen Gallia mit-
  gerissen wird ("Reise durch die
  Sonnenwelt"); die Schiffbrüchi-
  gen auf dem "Zweiten Vaterland",
  geschrieben als Fortsetzung der
  bekannten Schweizerischen Ro-
  binsonade; die Schüler*innen des Chairman-Internats, die während
  zwei Jahre auf einer Insel in der Magellanstraße verlassen überleben
  müssen, als ihre Brigg Schiffbruch erleidet, von Neuseeland abgetrie-
  ben ohne jeden Erwachsenen an Bord ("Zwei Jahre Ferien"); die Be-
  satzung der Nautilus.

Das Individuum gegenüber der Gesellschaft

Alle aus dem Abenteuer heraus entstandenen Kollektive zeichnen
sich durch ihre natürliche Harmonie aus; Nationalitätskonflikte exis-
tieren nicht oder verschwinden; alle können sich gemäß ihrer eigenen
menschlichen Qualitäten entwickeln, während sie dabei Beispiele ab-
geben für Eigeninitiative und Solidarität. Allerdings unterscheiden
sie sich von den "freien Gemeinschaften" der Anarchist*innen (ein-
schließlich seiner schriftstellerischen Verwandtschaft etwa zu "Terre
Libre" von Jean Grave) durch ein wesentliches Merkmal: Die Kollek-
tive eines Jules Verne werden von einem Chef angeleitet, einem Or-
ganisator der Wirtschaft und des sozialen Miteinanders. Dieser Chef
ist für gewöhnlich ein Offizier (der Hauptmann Sevardac oder der
Leutnant Hobson in "Auf Außenposten im Land der Pelze"), einem
Ingenieur und Universalgelehrten (Nemo, Robur, der Ingenieur Cy-
rus Smith). Selbst die Jungs des Chairman-Internats sehen sich in der
Pflicht, einen Chef mittels allgemeinen Wahlrechts zu bestimmen.

  Wenn Verne die Revolte des Individuums gegenüber der Gesellschaft
nachzeichnet, kommt er der anarchistischen Idee am Nächsten. In
"Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer" ist die Fahne des Nemo
schwarz, und als er sie als Zeichen der Inbesitznahme am Südpol
aufstellt, so markiert er damit ein Land, das frei ist von jeder staat-
lichen Beeinflussung jener Zeit. Dieses Auftauchen der schwarzen
Fahne der Anarchie und der Piraterie ist umso bedeutsamer, da sie
im Verneschen Universum gehäuft anzutreffen ist. Im selben Sinne
entrollen die kanadischen Bauern und Bäuerinnen das schwarze
Tuch, als sie sich gegen die englischen Kräfte auflehnen ("Die Familie
ohne Namen"), mit entschiedener Stimme rufend: "Flieht Ihr Tyran-
nen! Das Volk ist aufgestanden! Ein Bund der Völker - der Schrecken
der Großen! Lieber ein baldiger Kampf, als die Unterdrückung durch
eine korrumpierte Staatsgewalt!". Dieses schwarze Wahrzeichen hat
einen Totenkopf und zwei gekreuzte Knochen, mit dem Namen der
verhassten Gouverneure, Dalhouise und Craig.

Die Fahne des Ingenieurs Robus ist schwarz mit einer gel-
ben Sonne, aber auch der Pirat Sacratif entrollt das schwarze Banner,
diesmal mit einem "S" belegt, als er die griechischen Schiffe angreift,
die sich im Kampf mit türkischen Kräften befinden ("Das Archipel in
Flammen"); es ist dieselbe schwarze Fahne, die die Pirat*innen ent-
rollen, die die Siedler*innen auf der "Geheimnisvollen Insel" bela-
gern. Das heißt, die schwarze Fahne taucht in Vernes Werk mit viel-
sagender Zweideutigkeit auf: gleichzeitig als Symbol verwerflicher
Charaktere, aber auch von positiv belegten Heldenpersonen.

"Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer" ist das Werk von
Jules Werk, das - wenigstens bis zum Erscheinen von "Die Schiffbrü-
chigen der Jonathan" - am deutlichsten seine geheimen Sympathien
für den Anarchismus zutage treten lassen. An dieser Stelle mag es
angebracht sein, die kuriose Legende ins Gedächtnis zu rufen, wo-
nach Luise Michel die tatsächliche Autorin des Romans gewesen sei,
deren Manuskript sie an einem schlechten Tag für 100 Francs ver-
kauft hätte.

Aufgrund ihrer Erzählung ist diese Legende offenkundig
falsch; das Manuskript wurde dem Verleger Hetzel im Dezember
1868 überreicht, sprich: sehr viel früher als das angebliche Datum der
Übergabe an Jules Verne; und es ist insbesondere unmöglich, dass
Louise Michel den Namen Nautilus aufgrund ihrer Erinnerung an die
so genannten "Nautilus"-Muscheln erfunden hätte, die sie während
ihrer Deportation an den Stränden Neuseelands gefunden habe.

Das Studium des Verne-Archivs bringt vielleicht sogar zu-
tage, dass der Autor gegen Ende des Kaiserreichs in Verbindung stand
mit den antiautoritären Intellektuellen von Paris. Angesichts dessen,
dass bereits bekannt ist, dass er eine innige Freundschaft mit den
Reclus-Brüdern und deren Gruppe pflegte und dass sein Freund Na-
dar sich dem Anarchismus zuwandte, wäre das nicht überraschend.

Ein eigenartiges Werk

"Die Schiffbrüchigen der Jonathan", ein posthum im Jahre 1909 er-
schienener Roman, wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt wäh-
rend der letzten Phase des Lebens von Jules Verne verfasst. Es gibt
keinen Grund an seiner Authentizität zu zweifeln, wie es ein italie-
nischer Wissenschaftler der Jules-Verne-Gesellschaft tat. Im Gegen-
teil: Dieser Roman von besonderer Verve greift auf kohärente und
explizite Weise die zuvor in den Bänden der Außergewöhnlichen
Reisen verdeckt eingebrachten anarchistischen Themen wieder auf.
Niemand außer Verne hätte diese derart zusamemnbringen können,
dieses aufklärende Vermächtnis zum Thema.

Beim Jonathan-Roman fällt auf, dass er neben "Die Kinder
des Kapitän Grant" und "Die geheimnisvolle Insel" das einzige Werk
von Jules Verne ist, das dreiteilig und umfassender ist und über eine
größere Dramatik verfügt. Alle anderen Romane haben einen oder
zwei Teile, woraus sich die besondere Bedeutung des Werkes ergibt,
da Jules Verne nichts dem Zufall überließ, wenn es um die literari-
sche Komposition seiner Werke ging.

Auf der Insel Hoste, einer Insel in der Magellanstraße, lebt
ein Geächteter: Kaw Djer (das ist der Name, den die Menschen auf
Feuerland ihm gegeben haben); ein Anarchist, der die zivilisierte
Welt verlassen hat, da er kein anderes soziales Prinzip kennt als das
der Freiheit eines jeden Individuums; der Zivilisation zieht er das
primitive Leben der Menschen dieses Landstrichs vor. Ein US-ame-
rikanisches Schiff, die Jonathan, erleidet in der Gegend Schiffbruch;
die Passagiere sind Migrant*innen, die eine Kolonialgesellschaft in
Kalifornien zur Überfahrt nach Afrika angeworben hatte.

Diese Leute stranden dort in völliger Verwirrung, und Kaw
Djer bleibt, gegen seinen Willen, nichts anders übrig, als die Führung
zu übernehmen, das soziale Miteinander der Neuangekommenen auf
der Insel zu organisieren. Mithilfe der Vorräte auf dem Schiff, die
eigentlich für die Siedlung in Afrika gedacht waren, bereiten sich die
Schiffbrüchigen darauf vor, den Winter auszuhalten.

Die chilenische Regierung, von der die Insel seit einem Ab-
tretungsabkommen mit Argentinien abhängt, erklärt sich mit der
Unabhängigkeit der Insel Hoste einverstanden, unter der Bedingung,
dass die Siedler*innen diese ausbeuten. Daraus ergibt sich die Geburt
eines neuen Volkes, das Experiment einer neuen Gesellschaft. Es ent-
steht ein Ort: Liberia. Doch das Experiment geht schief. Sozialistische
und kommunistische Politiker schaffen sich jeweils Klientelgruppen,
die jedoch nicht in der Lage sind, sich kollektiv zu organisieren.

Im zweiten Winter taucht der Hunger auf, es bilden sich
Diebesbanden und ein Bürgerkrieg bahnt sich an zwischen dem Sozi-
alisten Beauval (dem es gelingt, zum Gouverneur gewählt zu werden)
und der Bande des Kommunisten Dorick.

Zum zweiten Mal fällt Kaw Djer die Anführerrolle zu,
dessen Prinzip ihm jedoch Greuel verursacht. Er stellt die Ordnung
wieder her, reorganisiert Landwirtschaft und Kommerz und wehrt
die Invasion von Truppen aus Patagonien ab; machtlos muss er aller-
dings zusehen, als nach dem Fund einiger Goldkörner ein Goldrausch
einsetzt, der Abenteurergestalten aus allen fünf Kontinenten auf die
Insel Hoste zieht.

Es herrschen bald wieder chaotische Zustände und Kaw
Djer sieht sich gezwungen, den Schießbefehl gegen revoltierende
Bergarbeiter*innen zu geben. Das Ergebnis sind 1.000 Tote, was den
Vorwand liefert, damit Chile sein Unabhängigkeitserlass wieder zu-
rücknimmt. Kaw Djer tritt ab und zieht sich als Eremit auf die Insel
Hornos zurück.

Verschiedene anarchische Themen, die wir durch Vernes
Werk verfolgt haben, tauchen in diesem Roman wieder auf, dieses
Mal, um eine Sonderrolle einzunehmen: das Gold, das Eigentum, die
Territorialgrenzen und die staatliche Souveränität.

Der fiktive Charakter des Goldes als Grundlage der öko-
nomischen Werte ist umso manifester, da es sich um eine neue Ge-
sellschaft handelt, die potentiell frei aller Konventionen ist. Auf der
anderen Seite wird das Recht auf Privateigentum offen in Frage ge-
stellt. Die Probleme der staatlichen Einverleibung der Territorien des
Planeten, des fiktiven und konventionellen Charakters von Grenzen
und Souveränität, Themen, die immer wieder in anderen Werken
aufgetaucht waren, kommen auch bei der Jonathan-Geschichte zum
Tragen... doch dieses Mal ganz offen. Magellanien wird als Land
definiert, das frei jeglicher staatlicher Bevormundung ist, sowie der
Südpol, als Nemo die schwarze Fahne dort hinpflanzt - es ist dieser
Zustand, der Kaw Djer überhaupt erst dazu bewog, sich dort nieder-
zulassen.

Auch im Jonathan-Roman behandelt Jules Verne den lach-
haften Charakter von Kriegserklärungen und diplomatischen Forma-
litäten. Die Welt der Schiffbrüchigen ist ein Mikrokosmos, der die
gesamte Geschichte menschlicher Gesellschaften (zum Schlechten,
wenn wir hier Jules Verne folgen) offenbart. Anlässlich des Falles ei-
ner jungen Frau, die gegen den Willen ihres Vaters heiraten möchte,
kommt es zu einem Ausbruch von Spannungen zwischen dem Gou-
verneur - dem Sozialisten Beauval - und dem Freundeskreis von
Kaw Djer; und als die Spannungen sich verschärfen, zerstören die
Kaw-Djerist*innen die Holzbrücke, die ihre Häuser von der Zone
trennt, die von den Gegner*innen besetzt gehalten wird.

Manche der bereits in anderen Werken Vernes eingebrach-
ten libertären Thematiken werden in der Jonathan-Erzählung kraft-
voll und anschaulich wieder aufgenommen. Unserem Verständnis
nach ist der Roman so angelegt, dass der Autor seine anarchisti-
schen Ideen durch den Protagonisten Kaw Djer darlegt. Besonders
auffällig daran, wie das Thema angegangen wird, ist der vertraute
Ton, die innere Stimme; aber vor allem aufgrund der Tatsache, dass
Verne wegen der anarchistischen Thematik die Regel des politischen
Ausklammerns durchbricht, die scheinbar für die übrigen Außerge-
wöhnlichen Reisen verabredet worden war.

Kaw Djer ist der einzige Charakter im Gesamtwerk von
Verne, der auf systematisch und kohärente Weise eine politische Phi-
losophie darlegen kann, und das nicht nur als scheinbarer Ausrut-
scher in einem beliebigen Absatz - gemäß der versteckten Technik,
die Verne sonst häufig verwendet hatte. Alle Kommentator*innen ha-
ben dieses Phänomen bemerkt, und damit bei den Leser*innen keine
Zweifel aufkommen, geht es bereits im ersten Kapitel los.

Im Laufe des Romans wird die Position des Kaw Djer für
den Anarchismus in verschiedenen Szenen deutlich angezeigt. Zum
Beispiel als seine Augen "unheilverkündende Blitze schossen", als ei-
ner seiner Widersacher das Wort "Gesetze" in den Mund nimmt. Es
ist dieser Kult für die Freiheit und die Unabhängigkeit, die der Pro-
tagonist seinen Freund*innen auf der Insel einzuschärfen versucht:
"Einen Herrn kann es nicht geben für einen Menschen, der dieses
Namens würdig ist", erklärt er ihnen. Kaw Djer, soviel wird klar, ist
eine "wilde, ungezügelte und unversöhnliche Seele [...] unfähig, sich
einem anderen Willen zu beugen, die Fesseln des Gehorsams zu tra-
gen und [er] bäumte sich gegen den Zwang der Gesetze auf".

In der Folge achtet Jules Verne darauf, zwei Kategorien von
Anarchist*innen aufzumachen: die einen, die "neid- und haßerfüllte
Egoisten, immer zu Raub und Mord und jeder Gewalttat bereit", die
anderen "Dichter, welche von einer neuen Menschheit träumen, die
über den Trümmern der bestehenden Ordnung erstehen soll"; Kaw
Djer gehört der "Kategorie der Träumer*innen an und nicht den mit
Messern und Bomben hantierenden Mitgliedern".

Die Geschichte läuft auf die tragische Konfrontation zu zwischen den
anarchistichen Vorstellungen des Kaw Djer und der Gesellschaft, die
sich nach dem Schiffbruch auf der Insel Hoste organisiert.
Der Jonathan-Roman erzählt nicht einfach eine Jugendge-
schichte, sondern ein ethisches Drama, das ihm eine besonders aus-
geprägte Intensität verleiht.

Kaw Djer sieht am Ende seine Theorien widerlegt, oder zu-
mindest enttäuscht durch das Verhalten der Schiffbrüchigen: ein An-
hängen an das Eigentum, Individualismus, Akzeptanz einer fremden
Autorität, Geringschätzung des Gemeinwohls, zur Zerrüttung dieses
Mikrokosmos kommt sogar ein Bürgerkrieg hinzu. Die anarchisti-
schen Überzeugungen des Protagonisten werden dadurch allerdings
nicht gebrochen, sondern nur bestärkt.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass der Anarchismus,
für den Jules Verne ein gewisses Interesse empfunden haben kann,
eine gewisse Sympathie, der der Jahre 1880-1890 ist, vor dem Beginn
der Attentate (Verweis auf die seit diesem Zeitpunkt immer stärker pro-
pagierte "Propaganda der Tat". Anm. d. U.) - die in den Außergewöhn-
lichen Reisen keinerlei Erwähnung finden. Und er bezieht ebenfalls
auf einen Zeitpunkt vor der Vereinigung zwischen dem intellektuel-
len Anarchismus und der Arbeiterbewegung, sprich dem Anarcho-
Syndikalismus. Denn dahingehend lässt sich feststellen, dass das
Proletariat der damals modernen Großindustrien im Werk von Jules
Verne komplett, oder zumindest beinahe, fehlt.

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arbeiter leben - hans marchetto

wir hausten in wohnungen wo die decke runterfiel

unter den fenstern bildeten sich kleine pfützen bei starkem regen

wo die stiegen im treppenhaus durchhingen so müde waren sie

und mutter sie jede woche bohnerte

mutter sprach oft davon umzuziehen in eine bessere
wohnung eine mit balkon eisschrank wohnwand und

einem normende fernsehapparat

irgend wann war es dann soweit
wir zogen in eine bessere wohnung

vater und mutter kamen dann einfach später nach hause


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